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Loslassen bedeutet Bewusstwerdung: Was in uns festhält

Den Tag loslassen

Warum wir festhalten, obwohl wir weitergehen möchten

Sonnenuntergang als Sinnbild: Loslassen bedeutet Bewusstwerdung
Ein Sonnenuntergang erinnert an den Wandel.

Loslassen bedeutet Bewusstwerdung, doch wer hat den Ratschlag „Lass los“ nicht schon in seinem Leben gehört? Als ob das so einfach wäre. Tatsächlich scheint mir Loslassen eine der schwierigsten Lernaufgaben, die der Mensch in seinem Leben erlernen darf. Was Loslassen bedeutet, wirklich bedeutet ist in schwierigen Situationen oftmals unklar. Es geht ja nicht nur allein darum, in einer bestimmten Lebenssituation angemessen zu reagieren, zu verarbeiten und dann wieder zur Tagesordnung übergehen zu können. Vielmehr ist Loslassen ein Prozess der, -einmal in Gang gesetzt- immer fort seine Arbeit in uns tut.

Loslassen beginnt mit dem Annehmen einer (Lebens-)aufgabe, die sich uns als Situation zeigt, die wir bewältigen sollen. Sei es als kleine vielleicht unbedeutende Situation, die uns als Momentaufnahme ärgert oder als äußerst schwere Verlust-situation. Vielleicht der Verlust eines geliebten Menschen!

Jede Form von Verlust die wir in uns spüren -auch unbewusst- hinterlässt Spuren.

Ärger über einen anderen Menschen, Wut, oder kleinliches Handeln, bringt uns bewusst als auch unbewusst aus dem Gleichgewicht. Wir spüren ein Unwohlsein, vielleicht in Form eines schlechten Gewissens. Je nach Intensität beeinflusst dies unsere Gedanken, Gefühle und löst körperlich Reaktionen aus. Verlieren wir nur kurz unsere Balance ist dies bereits ein Verlust, den wir wahrnehmen.

Herbstmotiv: Blätter im Wandel
Das Ereignis als Auslöser mag vergehen doch in unserem Unter-Bewusstsein bleiben diese Erfahrungen haften. Bewegen uns weiter und treiben in ähnlichen Situationen zu Handlungen an, die sich als Muster immer und immer wieder wiederholen. Wir sind Gefangene unserer Gedankenwelt, tief verwurzelt in Verletzungen. Also was bedeutet Loslassen?

Erkennen wir nicht unsere Muster, grenzen wir uns ein und können uns nicht frei machen.

Frei machen heißt loslassen. Lassen wir nicht los engen wir uns ein. Fühlen wir uns eingeengt schränken wir unser Leben ein und nutzen nicht unsere Möglichkeiten.

Es ist unsere Wirklichkeit, dass in unserer Welt tagtäglich und permanent Ereignisse auf uns einprasseln in Form von kleinen und großen Kleinigkeiten, die uns in Gedankenfluten heimsuchen. Wer kennt das nicht, dass dauernd ähnliche Gedanken auftauchen. Unangenehme sorgenvolle Gedanken und diese lenken uns und führen in Richtungen, die wir niemals einschlagen wollten.

Herbstmotiv als Bild für Wandel und innere BewegungWenn wir unsere Gedanken beobachten, bemerken wir vielleicht, wie häufig sich eine Sorge oder ein alter Vorwurf wiederholt. Daraus folgt nicht, dass jeder Gedanke negativ wäre. Doch gerade die Gedanken, die immer wiederkehren, verdienen unsere Aufmerksamkeit.

Dass dies enorm belastend ist kann sich jeder leicht vorstellen. Dass damit unsere Ressourcen verschwendet werden ebenso. Statt uns absichtsvoll und aufmerksam positiv zu verhalten geben wir nach und leben mit unserer negativen Gedankenflut und geben dies zurück durch unser Handeln in die Welt.

Das muss nun tatsächlich nicht so bleiben. Entdecken wir einen störenden Gedanken, können wir erst einmal wahrnehmen, welche Angst oder Erwartung sich darin meldet. Manchmal verliert er dann an Macht. Ihn bloß wegzuschicken wäre noch kein Loslassen; er könnte bei nächster Gelegenheit wiederkehren. Hört sich einfach an.

Ist es aber leider nicht. Es braucht Übung und Arbeit. Verbunden mit der Bereitschaft sich selbst einzugestehen, dass man sich Tag ein Tag aus wie ein Esel verhält: weil man vertrauten Gedanken mehr Raum gibt als dem Leben, das gerade stattfindet.

Loslassen ist der Weg der inneren Stille, der Intuition, der inneren Stimme, kein intellektueller Akt.

Der Ratschlag des Loslassens ist gut, aber Einsicht allein hilft noch bei Weitem nicht. Viele beginnen diesen Weg mit Meditation oder Yoga. In der Stille merken wir nicht nur, dass ein Gedanke da ist; wir spüren oft auch, wie beharrlich wir an ihm festhalten. Das ist kein Misserfolg der Übung, sondern ihr Anfang.

Ein verloren gegangenes Spiel meiner Lieblings Mannschaft kann schon mit der Hoffnung auf den nächsten Sieg meinen Ärger positiv bewegen. Doch der Verlust eines geliebten Menschen, Mobbing am Arbeitsplatz, eine schwierige Kindheit, oder uns angetane Gewalt stellt eine echte Herausforderung für den Beginn des Prozesses des Loslassens dar. Wie schwierig das Loslassen in solchen Fällen ist, weiß der betroffene Mensch selbst am besten. Unterstützung von vertrauten Menschen oder fachliche Begleitung kann dann wertvoller sein als jeder gut gemeinte Rat.

Warum der natürliche Prozess des Loslassens sich als schwierig erweist, beginnt meines Erachtens bereits in unserer Kindheit.

In der Kindheit werden wir im Sinne des Habens, Behaltens erzogen.

Es ist schön etwas zu besitzen, Wünsche werden erfüllt. Illusionen genährt und auch zweckentfremdet. Träume und für Erwachsene nicht nachvollziehbare „Illusionen“ werden weg erzogen. Alles dient dem erfolgreichen Bestehen im Außen. Die Innenwelt steht dem als Hindernis entgegen.

„Wir spüren bereits bei kleinen Ereignissen, dass Verlust schwer anzunehmen ist. Und so lernen wir nicht immer einen Weg, uns mit der Realität der Verluste zu arrangieren“.

Jahrzehnte nach meinen persönlichen tiefgreifenden Verlusten frage ich mich, was von einem Menschen in mir weiterlebt. Der Schmerz ist wirklich; er wird nicht durch einen Gedanken zur Illusion. Doch neben dem Verlust bleiben Erinnerung und Beziehung. Für mich verliert der Tod etwas von seinem Schrecken, wenn ich Leben auch als Energie begreife, die sich verändert. Das ist eine spirituelle Erfahrung, keine überprüfbare Aussage über das Leben nach dem Tod.

Unser Anhaften an Verlustängsten ist für mich die Weigerung zu akzeptieren, dass unser Verstand unsere Illusionen nährt. Allein unbewusste Sehnsucht als unsere innere Stimme gibt uns eine Ahnung, dass vielleicht die Dinge ganz anders sein können. Doch dies harmoniert nicht mit unseren Erfahrungen, die wir uns so schwer erarbeitet haben. Unsere Erfahrungen sind unsere persönliche Werkstatt, um auf alles angemessen und effizient -wie wir meinen- reagieren zu können. Dass dies eine weitere Illusion sein könnte bemerken wir dann, wenn wir uns die Frage stellen, warum passiert mir immer wieder dasselbe. Warum verliebe ich mich immer wieder in Menschen, bei denen ich mich klein mache? Warum bin ich wieder in einer Firma gelandet, in der ich meine Grenzen übergehe? Solche Fragen verlangen keine schnelle Schuldzuweisung. Sie können zeigen, wo die alte Antwort auf eine frühere Verletzung heute nicht mehr trägt.

Loslassen wächst mit dem Verstehen unserer Muster

Herbstmotiv im Wandel der Jahreszeiten
Trauer ist keine Schuldfrage. Wer einen Menschen verloren hat oder Gewalt erfahren musste, braucht keine Belehrung über Eigenverantwortung. Mir geht es um den Teil, den wir später selbst betrachten können: Welche Deutung eines Geschehens halte ich fest, und wo verhindert sie, dass ich die Gegenwart wieder wahrnehme? Fangen wir an, uns besser kennenzulernen, beginnt vielleicht der Prozess des Loslassens. Die Welt sehen wir dadurch nicht sofort mit anderen Augen, aber unser Blick kann weiter werden.

Loslassen ist auch Integration, nicht einfach das Wegschicken von Belastungen.

Manchmal ist die Frage nicht „Wie werde ich dieses Gefühl los?“, sondern „Was erzählt es mir über meine Erwartungen?“ Nehmen wir den Ärger nach einem Streit. Vielleicht haben wir uns übergangen gefühlt, vielleicht haben wir selbst nicht zugehört. Erst wenn beides angesehen werden darf, wird aus einer wiederkehrenden Anklage eine Einsicht. Man muss den anderen dafür weder entschuldigen noch sich selbst verurteilen. Man kann eine Grenze ziehen und trotzdem aufhören, die Szene im Inneren immer neu zu führen.

Bei einem Verlust ist es anders. Eine Erinnerung an den geliebten Menschen soll nicht verschwinden, damit das Leben weitergehen kann. Sie braucht einen Platz. Loslassen kann hier heißen, die Beziehung in veränderter Form mitzunehmen, ohne den vergangenen Zustand zurückfordern zu müssen. Wie lange das dauert, lässt sich niemandem von außen vorschreiben.

Nicht jede Erfahrung muss im Rückblick als Geschenk gelten. Manches war Unrecht und bleibt schmerzhaft. Was ich integrieren kann, sind die Erinnerungen und die Einsichten, die mit der Zeit möglich werden; manchmal auch die schönen Momente, die im Schatten eines Verlustes weiterbestehen. Daraus kann eine größere Ruhe im Umgang mit schwierigen Situationen wachsen, ohne dass der Schmerz dafür gerechtfertigt werden müsste.

Wie erwähnt ist Loslassen kein intellektuelles Herbeiführen einer Problemauflösung oder Beseitigung, die das Mensch Sein bedrückt. Für mich persönlich ist Loslassen ein spiritueller Prozess, der unser ganzes Leben begleitet. In Wissen oder in Unwissen. Wir allein können die Art des Umganges entscheiden und wie wir damit unser Leben bereichern und vervollständigen.

Wenn Erfahrungen ihren Platz finden, entsteht neuer Raum

Loslassen ist für mich auch ein Prozess der Vervollständigung.
Der Mensch schafft in seinem Inneren Raum für eine neue Erfahrung, wenn die frühere Erfahrung einen Platz gefunden hat. Integriert oder wie manche sagen transformiert wird. Für mich wird dieser Prozess von fünf Wesenheiten begleitet. Wahrheit, Schönheit, Glück, Gesundheit und Licht.

Ohne Aufmerksamkeit und Übung werden wir nur langsam in unseren Erkenntnissen vorankommen. Eine kleine Prüfung im Alltag hilft mir: Wo verlangt eine Erinnerung gerade meine ganze Aufmerksamkeit? Was ist jetzt tatsächlich geschehen, und was füge ich aus Angst hinzu? Welche Handlung steht mir heute offen, selbst wenn ich das Vergangene nicht ändern kann? In dieser Unterscheidung zwischen Ereignis, Deutung und nächstem Schritt beginnt Bewusstwerdung. Übernehmen wir Verantwortung für unsere nächsten Schritte, ohne uns fremdes Unrecht zuzuschreiben, können manche Dinge klarer werden. Unser Blickwinkel vergrößert sich, unser Focus öffnet sich für eine Welt die bis lang uns verschlossen blieb. Unser Innenraum, Seele, verbindet sich mit dem was wir als außen bezeichnen können und nimmt bewusster wahr.

Das Verhältnis unseres Wertessystems verändert sich, wenn wir anfangen uns selbst zu verstehen. Wir lernen respektvoll die Natur zu erleben als ein kleines Teilchen eines großen unermesslichen Teiles, das wir Universum nennen und auch dies nur ein Teil von etwas anderem ist. Und wir ein Bestandteil untrennbar von allem sind.

Loslassen kann für mich die Erfahrung sein, dass alles eins ist mit Gott. Dies ist meine Erfahrung. So viele Menschen es gibt so viele Erfahrungen wird es geben. Vielleicht öffnet sich auf diesem Weg ein Glück, das nicht an einen bestimmten Besitz oder Erfolg gebunden ist.

Und das scheint mir das Verbindende zu sein: Wir lernen, mit der Wirklichkeit zu leben, ohne unsere Liebe zu ihr aufzugeben.

15. Oktober 2013
Artikel aktualisiert: 30. September 2026
Uwe Taschow

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Über den Autor Uwe TaschowWas kann ich ändern? Uwe Taschow

Als Autor denke ich über das Leben nach. Eigene Geschichten sagen mir wer ich bin, aber auch wer ich sein kann. Ich ringe dem Leben Erkenntnisse ab um zu gestalten, Wahrheiten zu erkennen für die es sich lohnt zu schreiben.
Das ist einer der Gründe warum ich als Mitherausgeber des online Magazins Spirit Online arbeite.

“Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.”
Albert Einstein

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