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Vandana Shiva: Eine Erde für alle – Gedanken zum Buch

Die Zukunft der Menschen auf der Erde

Eine Erde für alle: Einssein statt Monokultur

Eine Erde für alle! von Vandana Shiva mit Kartikey Shiva verbindet Kritik an wirtschaftlicher Machtkonzentration mit der Hoffnung auf eine sorgende Erdengemeinschaft. Roland R. Ropers stellt das Buch aus persönlicher Nähe zur Autorin vor und übersetzt Auszüge aus dem Vorwort. Die spirituelle Perspektive berührt auch Shivas Verständnis vom weiblichen Prinzip der Natur.

Vandana Shiva und meine Begegnungen mit ihr

Vandana Shiva wurde am 5. November 1952 in Dehradun am Fuße des Himalaya geboren. Die indische Umweltaktivistin und Philosophin studierte Physik und promovierte 1978 an der University of Western Ontario im Fach Philosophie über Hidden Variables and Locality in Quantum Theory. Das Promotionsverzeichnis der Universität dokumentiert ihre Arbeit.

1993 erhielt sie den Right Livelihood Award, häufig als „Alternativer Nobelpreis“ bezeichnet. TIME porträtierte sie 2002 in seiner Reihe „Green Century / Heroes“ als eine von mehreren Umweltpersönlichkeiten.

Ihr Buch Der Kampf ums blaue Gold ist eine wichtige Lektüre für Menschen, denen die Bewahrung der Schöpfung am Herzen liegt. In meinem Buch Mystiker und Weise unserer Zeit habe ich Vandana Shiva im Kapitel „Das weibliche Prinzip der Natur“ porträtiert.

Wir sind uns wiederholt persönlich begegnet, und ich habe die Einführung von Oneness vs. the 1% für meinen Beitrag in Spirit Online übersetzt.

Das Buch und seine verschiedenen Ausgaben

Eine Erde für alle: KI-Illustration der Erde im Weltraum
KI unterstützt erstellt

Oneness vs. the 1%: Shattering Illusions, Seeding Freedom erschien zuerst 2018 bei Women Unlimited in Indien. Die hier vorgestellte Ausgabe von Chelsea Green Publishing wurde am 6. August 2020 veröffentlicht. Der Verlag nennt Vandana Shiva und Kartikey Shiva als Autoren.

Die deutsche Buchausgabe erschien 2021 im Neue Erde Verlag unter dem Titel Eine Erde für alle! – Einssein versus das 1 %: Aufstehen gegen die Monokultur von Wirtschaft und Weltsicht. Sie wurde von Laura Spies übersetzt. Diese Buchübersetzung ist von der nachfolgenden, bereits 2021 auf Spirit Online veröffentlichten Übersetzung Roland Ropers’ zu unterscheiden.

Buchdaten: Vandana Shiva mit Kartikey Shiva; Neue Erde, erste deutsche Auflage 2021; ISBN 978-3-89060-797-9. Ausgaben und Inhaltsverzeichnis lassen sich in der Leseprobe des deutschen Verlags nachvollziehen. Für die englischsprachige Ausgabe siehe Chelsea Green Publishing.

Aus dem Vorwort: unsere gemeinsame Zukunft

Der folgende gekürzte Auszug gibt Vandana Shivas Position wieder, aus dem Englischen übersetzt von Roland R. Ropers. Auslassungen sind mit […] gekennzeichnet. Die zugespitzten politischen Aussagen gehören zur Argumentation der Autorin.

  • Was bedeutet es, zu leben, lebendig zu sein?
  • Was ist es, gut zu leben, gut zu sein?
  • Was ist Ökologie, was ist Ökonomie?
  • Was ist Freiheit, was ist Demokratie?
  • Was ist unsere Zukunft?

Wir sind gezwungen, zu diesen grundlegenden Fragen in unserer Zeit zurückzukehren – in Zeiten des möglichen Aussterbens unserer Spezies, da das gegenwärtig vorherrschende Modell des Wissens, der Schaffung von “Reichtum” und der “repräsentativen” Demokratie die planetarischen Grenzen, die Rechte der verschiedenen Spezies, die diesen Planeten teilen, sowie die Menschenrechte und Freiheiten der meisten Menschen verletzt. Zeiten, in denen 1% den Reichtum und die Macht kontrollieren, um unseren Planeten und unser gemeinsames Leben zu zerstören, ohne Verantwortung oder Rechenschaft für ihre Handlungen, weil sie clevere Wege gefunden haben, Illusionen zu schaffen.

Wohlsein und die Erfahrung von Wohlbefinden sind zeitlos – außerhalb der Zeit. Der Markt hat sich zwischen uns und unser Wohlbefinden gestellt und uns von unserem Potenzial und unseren Bedürfnissen getrennt. Der Markt hat seine eigene Konsolidierung zugelassen, begleitet von der Konsolidierung der globalen Macht.

Die Geldmaschine ist darauf programmiert, zu plündern, zu zerstören, zu anzuhäufen, zu externalisieren.

Wie die Krebszelle, die nicht weiß, wann sie aufhören soll zu wachsen, sind Konvergenzen, Fusionen und Konzentration die einzige Logik, die die Geldmaschine versteht. Und so wie die Krebszelle am Ende den Wirtsorganismus zerstört, wird auch die Geldmaschine den Planeten und unsere Gesellschaften zerstören, aus denen sie sich speist.

Wir müssen unsere Intelligenz und Kreativität zurückgewinnen, um der Geldmaschine zu widerstehen und gewaltfreie Alternativen zu schaffen. Wir müssen den Markt von der Geldmaschine zurückfordern und unser Leben von den Diktatoren der Milliardäre. Wir müssen unsere wirklichen Freiheiten zurückfordern und dürfen uns nicht von den falschen Freiheiten des “freien Handels”, der Herrschaft der Konzerne, der Algorithmus-Demokratie und des Konsumismus verführen lassen. Wir müssen standhaft bleiben und die Bedeutung von Wohlstand und die Bedingungen für ein gutes Leben zurückfordern.

Wird das “Endspiel” für die Menschheit die Herrschaft der EINEN Macht des großen Geldes sein, oder werden wir in unserem Einssein – als eine Erdengemeinschaft, eine menschliche Gemeinschaft – das Betriebssystem der Beherrschung und Ausrottung abschalten, um unserem Potenzial für Selbstorganisation und Kreativität zu erlauben, eine andere Zukunft zu säen?

Soziale Gewalt und Desintegration sind überall zur Norm geworden, während sich die wirtschaftliche Polarisierung und Ungleichheit vertieft. Jede Gesellschaft steht vor einer Krise der Demokratie, da das große Geld den Prozess der repräsentativen Demokratie an sich reißt und Wahlen dazu benutzt werden, die Menschen durch Hass und Angst zu spalten; sie lenken das öffentliche Bewusstsein von den wahren Wurzeln ihrer Unsicherheit ab und hindern sie so daran, sich zu organisieren und aufzustehen, um den Planeten zu schützen, ihre Gesellschaften wieder aufzubauen und ihre Wirtschaft und Demokratien zurückzuerobern.

Die Menschheit steht an einem Abgrund.

Es besteht eine Ungewissheit bezüglich unseres Potentials für die zukünftige Entwicklung.

Ökologisch gesehen entsteht die Ungewissheit, weil jeder Aspekt des vorherrschenden Denk- und Lebensmodells die Fähigkeit der Erde, unser Leben zu unterstützen, zerstört. Die Erosion und das Aussterben unserer Arten, die Zerstörung der Böden und des Wassers und das Klimachaos zerstören die Bedingungen, die notwendig sind, um als Mitglieder der Erdengemeinschaft fortzubestehen. Das Modell der wirtschaftlichen Entwicklung und des Wachstums, der Kontrolle durch die Konzerne und die Gierökonomie zerstören nicht nur die Natur, sondern auch unsere Menschlichkeit, d.h. die menschliche Fähigkeit zu Solidarität, Mitgefühl und die Fähigkeit, sich umeinander zu kümmern.

Durch die Illusionen und Abstraktionen, die die Mächtigen geschaffen und dem Rest der Menschheit aufgezwungen haben, insbesondere in den letzten zwei Jahrhunderten des Aufstiegs des auf fossilen Brennstoffen basierenden Industrialismus und des mechanischen, reduktionistischen Denkens, verlieren wir unsere Fähigkeit, das Leben nicht nur ökologisch, sondern auch sozial als Gemeinschaft zu erhalten. Entwurzelnde Enteignung, die Schaffung von Flüchtlingen, ist der Schatten des illusionären Modells des grenzenlosen Wachstums, auf einem Planeten mit ökologischen Grenzen, sowie der grenzenlosen Macht der Mächtigen, durch konstruierte Raster von Kategorien und Erzählungen.

Wir können uns entscheiden, aus der mechanistischen Welt der erfundenen Konstruktionen auszusteigen und uns von den Kräften und Paradigmen zu befreien, die uns in diese Welt gebracht haben. Wir können erkennen, dass wir Mitglieder der Erdgemeinschaft sind und dass die Erde eine erstaunliche Fähigkeit und ein Potenzial zur Verjüngung und Erneuerung hat; und da wir Teil der Erde sind, nicht getrennt von ihr, teilen wir diese Fähigkeit und dieses Potenzial.

[…]

Diese Form der Kolonialisierung, der Natur und der Menschen, stößt nun aber an ihre Grenzen. Wenn es keinen Bedarf an Sklaven gibt, keinen Bedarf an ausgebeuteten Arbeitern, die den Schrott kaufen, den die 1% anbieten – Junk-Food und Junk-Kleidung, Junk-Kommunikation und Junk-Medien; wenn die Erde ausgebeutet und verschmutzt ist und die planetaren Grenzen sprengt und wenn ihre Lebenserhaltungssysteme zerstört sind, wird es keine Produktion mehr geben. Kein Überleben.

Aber es gibt Optionen jenseits der Kolonialisierung, jenseits der Ausrottung.

Nur als eine Erdgemeinschaft und eine Menschheit, vereint in unserer Verschiedenheit, können wir uns zusammenhalten, vom Abgrund weggehen und der zerstörerischen, umwelttötenden, völkermordenden Herrschaft der 1% entkommen. Wir können uns umdrehen und in unsere Freiheit gehen. Um frei zu leben. Frei zu denken. Frei zu atmen. Frei zu essen.

Dieses Buch ist ein Ausdruck der Hoffnung, verwurzelt in der Einheit – der Philosophie von “vasudhaiva kutumbakam“, der einen Erdfamilie. Es basiert auf der Hoffnung, die von unserem Potential ausgeht, Trennung und Teilung zu überwinden – als eine Menschheit auf einem Planeten zu denken, zu handeln und zu leben, mit vollem Bewusstsein unserer Verbundenheit, sowie unserer Verantwortung, jeden Tag, jeden Moment unseres Lebens aktiv daran teilzunehmen, das natürliche und soziale Netz des Lebens zu schützen und zu verjüngen.

Dies ist die Wiederauferstehung des Realen. Das Reale ist unser Einssein und unsere Nicht-Trennbarkeit. Das Reale ist unsere gelebte und lebendige Intelligenz. Das Reale ist unsere Selbstorganisation, unsere Kreativität, unsere Freiheit. Das Reale ist unser Potenzial, die Samen der Vielfalt, der Hoffnung, des Mitgefühls, der Verbundenheit, unserer gemeinsamen Zukunft zu säen.

Ende des übersetzten Auszugs.

Redaktionelle Einordnung: Verbundenheit und politische Thesen

Die Stärke dieses Buches liegt in der Verbindung von ökologischer Verantwortung und einer Kritik an Machtverhältnissen. Shiva fragt danach, wer über Saatgut, Ressourcen und gesellschaftliche Entwicklung entscheidet. Ihr Begriff des Einsseins beschreibt die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Erdengemeinschaft. Daraus leitet sie eine Verpflichtung zur Fürsorge ab.

Dieser spirituelle Gedanke lässt sich von der Frage unterscheiden, ob jede politische oder historische Behauptung des Buches ausreichend belegt ist. Die Rede von „dem 1 %“ bündelt sehr unterschiedliche Menschen und Institutionen zu einem Gegenüber. Als politische Zuspitzung macht sie Shivas Position deutlich; sie ersetzt keine Prüfung konkreter Verantwortlichkeiten. Die Hoffnung auf Verbundenheit bleibt auch dann verständlich, wenn Leser einzelne Schlussfolgerungen nicht teilen.

Für das Verständnis des Buches ist deshalb beides wichtig: die Kritik an wirtschaftlicher Machtkonzentration und die vorgeschlagene Alternative einer sorgenden Gemeinschaft. Das Vorwort ist ein engagiertes Plädoyer. Es ist keine neutrale Prognose darüber, wann die Menschheit aussterben wird, und kein Beleg dafür, dass alle gesellschaftlichen Krisen dieselbe Ursache haben.

Vertiefungen zu Eine Erde für alle

Die folgenden Buchauszüge behandeln einzelne Schwerpunkte: Shivas Kritik an der Aushöhlung der Demokratie und ihre Kritik an der Technologie-Maschine des 1 %. Sie geben die Perspektive des Buches wieder. Der Beitrag über spirituelle Ökologie erschließt den größeren Zusammenhang von innerer Haltung und Verantwortung für die Erde.

29.04.2021
Roland R. Ropers
www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.de




Über den Autor Roland R. Ropers

Roland-Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
>>> zum Autorenprofil

Alle Beiträge des Autors auf Spirit Online

Buch Tipp:

Cover-Mystiker-und-Weise-Roland-RopersMystiker und Weise unserer Zeit
von Roland R. Ropers
Sie sind Künstler, Wissenschaftler, politische Aktivisten, Mönche die von Gott erfüllten Menschen, die auch heute etwas aufleuchten lassen von der tiefen Erfahrung des Ewigen. Und oft sind sie alles andere als fromm.

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