Annemarie Schimmel und ihr Zugang zum Sufismus
Annemarie Schimmel machte die islamische Mystik einem breiten deutsch- und englischsprachigen Publikum zugänglich. Ihre Arbeiten verbinden Sprachkenntnis, Religionswissenschaft und die Beschäftigung mit sufischer Dichtung. Roland Ropers erinnert sich in diesem Porträt zugleich an persönliche Begegnungen mit der Gelehrten im Jahr 2002.
Der Islam wird häufig über politische Konflikte, religiöse Regeln oder kulturelle Zugehörigkeit wahrgenommen. Das sind wichtige Fragen. Schimmels Werk erschließt daneben einen anderen Zugang: die Poesie, die Gottesliebe und die symbolische Sprache mystischer Überlieferungen. Dieser Zugang ergänzt die Auseinandersetzung; er ersetzt sie nicht.
Neben Schimmels wissenschaftlich-poetischem Zugang zeigt Reshad Feild, wie westliche Suchende dem Sufismus als innerem Weg begegneten. Eine übergreifende Einordnung bietet der Beitrag Mystik als Erfahrung göttlicher Wirklichkeit.
Erfurt, Sprachen und eine ungewöhnlich frühe Berufung
Annemarie Schimmel wurde am 7. April 1922 in Erfurt geboren. Schon als Jugendliche lernte sie Arabisch. 1941 promovierte sie in Berlin; später habilitierte sie sich in Marburg und erwarb dort 1951 einen zweiten Doktortitel in Religionsgeschichte.
1954 übernahm sie eine Professur für Religionsgeschichte an der Universität Ankara. Nach ihrer Bonner Zeit ging sie 1967 nach Harvard und wurde dort 1970 Professorin für indo-muslimische Kultur. Die Harvard-Dokumentation ihres Wirkens beschreibt diese Verbindung von Religionsgeschichte und islamischer Mystik.
Schimmels Sprachkenntnisse ermöglichten ihr, religiöse Vorstellungen anhand ihrer Texte zu erschließen. Übersetzung und Religionsgeschichte gehörten für sie zusammen: Ein Gedicht verständlich zu machen verlangt auch, seine Bilder und seinen religiösen Zusammenhang zu kennen.
Schimmels Gelehrsamkeit richtete sich auf konkrete Texte, Überlieferungen und Menschen. Gerade darin lag ihre Vermittlungsleistung: Unterschiedliche islamische Kulturen wurden nicht auf ein einheitliches Gegenbild zum Westen reduziert.
Sufismus und die Sprache mystischer Erfahrung
Sufismus bezeichnet unterschiedliche mystische Traditionen innerhalb des Islam. Gottesnähe, Läuterung und die Liebe zu Gott spielen darin eine wichtige Rolle. Das bedeutet nicht, dass jede sufische Gemeinschaft dieselbe Lehre oder dieselben Formen der Praxis besitzt.
Für Schimmel war der Sufismus ein Schlüssel zum Verständnis islamischer Religiosität. Ihr Buch Mystical Dimensions of Islam erschließt diese Vielfalt anhand von Geschichte, Lehren und dichterischen Ausdrucksformen. Es ist eine wissenschaftliche Annäherung an religiöse Erfahrung.

Die Sprache der Sufi-Dichtung ist voller Bilder: Rose und Nachtigall, Wein und Geliebter, Licht und Wunde, Sehnsucht und Tanz. Solche Bilder verlangen Aufmerksamkeit für ihren Zusammenhang. Nicht jede Erwähnung von Wein bedeutet dasselbe, nicht jedes Liebesgedicht lässt sich mit einem einzigen mystischen Schlüssel auflösen.
Rumi, Hafiz und die Sprache der göttlichen Liebe
Annemarie Schimmel erschloss deutsch- und englischsprachigen Lesern die Dichtung von Rumi und Hafiz. Bilder von Liebe, Wein und Sehnsucht gehören zu dieser Dichtung; ihre Bedeutung hängt vom jeweiligen Text und seiner Überlieferung ab.
Rumis Verse werden heute häufig als allgemeine Lebensweisheiten weitergegeben. Schimmels Arbeit eröffnet einen genaueren Zugang, weil sie die Verse mit ihrem islamisch-mystischen Hintergrund verbindet. Auch bei Hafiz verlangt das Wechselspiel von sinnlicher Sprache und religiöser Deutung eine aufmerksame Lektüre.
Eine ergänzende Betrachtung zur Liebesmystik bietet der Beitrag Reshad Feilds Zugang zum Sufismus.
Wissenschaftliche Nähe braucht auch Unterscheidung
Schimmel suchte einen verstehenden Zugang. Sprache, Dichtung und persönliche Begegnungen halfen ihr, religiöse Vorstellungen aus ihrem jeweiligen Zusammenhang heraus zu erschließen. Das ist etwas anderes, als jede Aussage einer Tradition für richtig zu erklären.
Nähe kann die Wahrnehmung vertiefen. Sie kann aber auch dazu führen, Kritik zu unterschätzen. Distanz wiederum schafft nicht automatisch ein gerechteres Urteil. Entscheidend bleibt, ob die eigene Annäherung sich korrigieren lässt und ob Gegenargumente ernst genommen werden.
Schimmels Werk lädt dazu ein, mehr zu lernen, bevor wir urteilen. Es verlangt nicht, auf ein Urteil zu verzichten. Die Frage nach authentischer Spiritualität und Religion berührt diese Verbindung von innerer Beteiligung und verantwortlicher Prüfung.
Die Friedenspreis-Kontroverse von 1995
Am 15. Oktober 1995 erhielt Schimmel den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Auszeichnung wurde von einer heftigen öffentlichen Kontroverse begleitet. Ihre Äußerungen über die Verletzung muslimischer Gefühle durch Salman Rushdies Roman Die satanischen Verse warfen die Frage auf, wie religiöses Verstehen und die Verteidigung der Meinungsfreiheit zusammengehören.
Die dokumentierten Reden der Preisverleihung machen beide Ansprüche sichtbar. Schimmel erklärte in ihrer Dankesrede ausdrücklich ihre Ablehnung der Fatwa gegen Rushdie und bekannte sich zur Freiheit des Wortes. Roman Herzog betonte in seiner Laudatio den Schutz bedrohter Schriftsteller und wandte sich unmissverständlich gegen Todesdrohungen wegen literarischer Texte.
Damit lässt sich die Kontroverse weder als bloßes Missverständnis über eine Brückenbauerin abtun noch als Beleg dafür verwenden, dass Schimmel Gewalt befürwortet hätte. Zu prüfen bleibt die Spannung zwischen dem Verständnis religiöser Verletzung und der öffentlichen Klarheit gegenüber Einschüchterung.
Für interreligiösen Dialog ist diese Spannung wesentlich. Gläubige Menschen verdienen Respekt. Literarische und religiöse Aussagen müssen zugleich kritisiert werden dürfen. Wer eine Brücke baut, braucht die Bereitschaft zuzuhören und einen verlässlichen Schutz für das freie Wort.
Die Begegnung in der Bonner Wohnung

Am 17. Februar 2002 erlebte ich einen unvergesslichen Sonntag mit Annemarie Schimmel in ihrer Bonner Wohnung in der Lennéstraße. Am 7. April 2002 feierte sie ihren 80. Geburtstag, und am 13. Juli desselben Jahres haben wir uns zum letzten Mal in der Eifel gesehen.
„Irgendwie gehöre ich nicht so ganz in diese Welt“, sagte sie selbstironisch.
Sprachen als geistige Landschaften
Schimmel las und übersetzte Texte aus unterschiedlichen Sprachräumen. Dichtung, Kalligraphie und religiöse Symbolik gehörten zu ihrer Arbeit. Eine Sprache war dabei nicht einfach gegen eine andere austauschbar. Mit dem Wortlaut verändert sich oft auch der kulturelle und religiöse Zusammenhang.
Für die heutige Lektüre von Rumi ist das besonders wichtig. Wer nur einen herausgelösten Satz liest, kann etwas Anregendes finden und doch den Zusammenhang verfehlen. Die Frage nach Übersetzung, Herkunft und Überlieferung vertieft die Begegnung mit einem Text, statt sie zu stören.
Die Geschwindigkeit einer gelebten Gelehrsamkeit
Eine weitere von Ropers überlieferte Episode betrifft ein spätes Buch über Rumi. Nach seiner Erinnerung bat ein Lektor Schimmel um ein neues Manuskript. Sie fragte nach Umfang und Termin und schrieb auf ihrer alten Schreibmaschine innerhalb von etwa vierzehn Tagen rund 140 Seiten.
Diese überlieferte Episode veranschaulicht Schimmels Vertrautheit mit ihrem Gegenstand. Über Jahrzehnte hatte sie gelesen, übersetzt und gelehrt; beim Schreiben konnte sie aus diesem Zusammenhang schöpfen.
Tod und Vermächtnis
Annemarie Schimmel starb am 26. Januar 2003 in Bonn. Das bestätigen sowohl die Universitätsbibliothek Erfurt, die ihre Bibliothek bewahrt, als auch der Nachruf des Institute of Ismaili Studies.
Ihr Vermächtnis umfasst wissenschaftliche Arbeiten, Übersetzungen und persönliche Begegnungen.
Mit Schimmels Werk weiterdenken
Für einen ersten Zugang lohnt es sich, ein Werk auszuwählen und seine Fragestellung ernst zu nehmen: Mystical Dimensions of Islam für die Geschichte und Ausdrucksformen des Sufismus; Rumi. Ich bin Wind und du bist Feuer für die Annäherung an den Dichter; Jesus und Maria in der islamischen Mystik für einen besonderen interreligiösen Bezug.
Beim Lesen helfen drei Fragen: Welche konkrete Überlieferung behandelt Schimmel? Wo erklärt sie einen historischen Zusammenhang, wo übersetzt sie religiöse Bildsprache? Und welche Frage stellt der Text an die eigene Sicht auf eine andere Religion?
Erstveröffentlichung: 10.09.2020
Aktualisiert: 16.10.2026
Roland R. Ropers
Über den Autor Roland R. Ropers
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
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Sie sind Künstler, Wissenschaftler, politische Aktivisten, Mönche die von Gott erfüllten Menschen, die auch heute etwas aufleuchten lassen von der tiefen Erfahrung des Ewigen. Und oft sind sie alles andere als fromm.
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