Wenn Bilder unser Bewusstsein besetzen
Die Macht der Bilder und Symbole ist heute größer denn je. Menschen leben in einer Welt permanenter Bildimpulse: Bildschirme, Werbung, Nachrichten, Social Media, Filme, religiöse Zeichen, politische Inszenierungen und inzwischen auch KI-generierte Wirklichkeiten. Das Auge wird pausenlos gereizt, während die Seele kaum noch Zeit hat, das Gesehene zu verwandeln.
Religionen wussten immer um diese Macht. Bilder können trösten, erinnern, sammeln und das Unsichtbare ahnen lassen. Sie können aber auch verführen, fixieren, manipulieren und den Menschen an eine Vorstellung binden.
Kurzantwort: Religiöse Bilder und Symbole können Tore zur inneren Wirklichkeit sein. Sie können aber auch zu Projektionen werden, wenn der Mensch das Zeichen mit dem Heiligen selbst verwechselt. Der spirituelle Weg beginnt oft mit Symbolen – doch in der Kontemplation muss der Mensch lernen, über jedes Bild hinauszugehen.
Der alte Streit um Bilder in Religionen ist deshalb nicht erledigt. Er stellt heute eine neue Frage: Welche Bilder führen uns tiefer in die Wirklichkeit – und welche besetzen nur unser Bewusstsein? Eine passende Vertiefung bietet der Beitrag Spirituelle Symbole, Mystik und Alchemie.
Bilder-Hygiene für eine überreizte Zeit
Roland Ropers spricht von einer notwendigen Bilder-Hygiene. Dieser Ausdruck trifft unsere Zeit sehr genau. Der moderne Mensch sieht mehr Bilder als jede Generation vor ihm. Doch Sehen bedeutet nicht Verstehen. Und Wahrnehmen bedeutet nicht Verarbeiten.
Viele Bilder wirken schneller als Sprache. Sie umgehen den prüfenden Verstand, berühren Gefühle, wecken Angst, Begehren, Verehrung, Abwehr oder Sehnsucht. Genau deshalb sind Bilder so wirkungsvoll. Sie können heilen, aber auch verführen. Sie können das Herz öffnen, aber auch die Wahrnehmung besetzen.
Religiöse Bilder sind davon nicht ausgenommen. Im Gegenteil. Wenn Bilder mit dem Heiligen verbunden werden, verstärkt sich ihre Kraft. Ein Kreuz, eine Ikone, ein Mandala, ein Buddha, eine Christusdarstellung, ein Heiligenbild, ein religiöses Gewand oder ein sakrales Zeichen kann tief berühren. Es kann aber auch eine Vorstellung festschreiben, die den lebendigen Zugang zum Göttlichen verdeckt.
Darum braucht der spirituelle Mensch nicht nur schöne Bilder. Er braucht Unterscheidung.
Warum Religion Bilder braucht – und warum sie gefährlich werden können

Religionen leben nicht nur von Gedanken. Sie leben von Zeichen, Gesten, Klängen, Räumen, Farben, Ritualen und Symbolen. Das Unsichtbare sucht nach Ausdruck. Der Mensch braucht Formen, weil sein Bewusstsein nicht dauerhaft im Formlosen ruhen kann.
Ein Symbol ist dabei mehr als Dekoration. Es verweist über sich hinaus. Es sagt: Sieh nicht nur mich an. Sieh durch mich hindurch.
Genau dort liegt der Unterschied zwischen Symbol und Idol. Ein Symbol öffnet. Ein Idol verschließt. Ein Symbol führt tiefer. Ein Idol hält fest. Ein Symbol erinnert an das Heilige. Ein Idol will selbst heilig sein.
Religiöse Bilder werden gefährlich, wenn sie nicht mehr transparent sind. Wenn sie nicht mehr verweisen, sondern besitzen. Wenn ein Mensch nicht mehr betet, sondern am Bild hängt. Wenn er nicht mehr in die Stille geht, sondern sich an eine äußere Gestalt klammert.
Dann wird das Bild nicht zur Hilfe, sondern zur Schranke.
Das Bilderverbot als Schutz vor Verwechslung
Das biblische Bilderverbot gehört zu den stärksten religiösen Warnungen der Menschheitsgeschichte. Es richtet sich nicht gegen Schönheit, Kunst oder Erinnerung. Es schützt das Heilige vor Vereinnahmung.
Im Deuteronomium wird davor gewarnt, sich ein Gottesbildnis zu machen, eine Gestalt, ein Abbild, eine männliche oder weibliche Figur. Der tiefere Sinn dieser Warnung ist klar: Gott darf nicht auf das reduziert werden, was der Mensch formen, tragen, besitzen oder kontrollieren kann.
Das Bild kann helfen, solange es demütig bleibt. Es wird gefährlich, sobald es beansprucht, das Göttliche verfügbar zu machen.
Hier berührt das Bilderverbot eine bleibende spirituelle Wahrheit. Der Mensch neigt dazu, das Unfassbare fassbar zu machen. Er will sehen, was ihn übersteigt. Er will besitzen, was ihn ruft. Er will benennen, was größer ist als sein Denken.
Doch Gott, Wahrheit, Liebe und letzte Wirklichkeit lassen sich nicht einsperren. Kein Bild kann sie festhalten.
Warum niemand weiß, wie Jesus wirklich aussah
Jesus Christus ist heute eines der meistdargestellten Gesichter der Religionsgeschichte. Doch die Evangelien sagen nichts über sein äußeres Aussehen. Kein Wort über Augen, Haare, Körpergröße, Gesicht, Haltung oder Stimme.
Das ist kein Zufall. Die Welt Israels war stark vom Wort geprägt, nicht vom religiösen Bild. Erinnerung geschah durch Erzählung, Gebet, Schrift, Mahlgemeinschaft und lebendige Überlieferung. Die frühe Kirche brauchte zunächst kein Porträt Jesu.
Gerade dieses Schweigen ist bedeutsam. Es schützt Jesus vor der Reduktion auf eine äußere Gestalt. Wer ihn nur sehen will, könnte ihn verfehlen. Wer ihn nur als Bild besitzt, muss ihm nicht mehr begegnen.
Später entstanden dennoch Bilder: Christus als guter Hirte, als Lehrer, als kosmischer Herrscher, als Pantokrator, als Schmerzensmann. Jedes dieser Bilder sagt weniger über das historische Aussehen Jesu als über die Glaubenserfahrung jener Menschen, die ihn darstellten.
Das Jesusbild ist deshalb nie bloß Abbild. Es ist immer Deutung.
Vom Wort zum Bild
Als das Christentum in die hellenistische Welt hineinwuchs, veränderte sich seine Bildwelt. Die griechisch-römische Kultur war stärker von Auge, Form, Statue, Schönheit und sichtbarer Verehrung geprägt. In diesem Raum wuchs das Bedürfnis, Christus nicht nur zu hören, sondern zu sehen.
Frühe christliche Symbole wie der Fisch, der gute Hirte oder das Christusmonogramm waren noch zurückhaltend. Sie deuteten an, ohne festzulegen. Sie öffneten Räume, ohne das Geheimnis ganz auszumalen.
Doch mit der Zeit wurden die Bilder machtvoller. Christus erschien als Herrscher, Lehrer, Richter, Erlöser, leidender Mensch und kosmischer Mittelpunkt. Das Bild wurde zu einem Ort religiöser Verdichtung.
Damit begann eine Spannung, die nie ganz verschwunden ist. Braucht der Glaube Bilder, um menschlich erfahrbar zu werden? Oder verliert er seine Tiefe, wenn er zu sehr sichtbar wird?
Ikonen: Fenster zur Gegenwart
Die Ikone gehört zu den tiefsten Bildformen des Christentums. Sie will nicht einfach eine Person abbilden. Sie will Gegenwart öffnen.
In der orthodoxen Tradition wird die Ikone nicht wie ein gewöhnliches Kunstwerk verstanden. Sie ist kein religiöser Wandschmuck. Sie wird geschrieben, nicht einfach gemalt. Der Ikonenmaler bereitet sich innerlich vor, arbeitet nach überlieferten Regeln und versucht, nicht das private Gesicht, sondern eine geistige Wirklichkeit sichtbar werden zu lassen.
Darum sind Ikonen oft nicht naturalistisch. Die Augen sind groß, der Blick frontal, der Hintergrund golden, die Körper stilisiert. Es geht nicht um psychologische Lebendigkeit, sondern um Gegenwart, Sammlung und Durchlässigkeit.
Eine gute Ikone sagt nicht: Bewundere mich. Sie sagt: Werde still.
Doch auch die Ikone bleibt gefährdet. Selbst das heiligste Bild kann zum Besitz werden. Auch das geistigste Symbol kann zur Projektion erstarren, wenn der Mensch nicht durch das Bild hindurchgeht.
Der Bilderstreit und die Macht religiöser Zeichen
Der byzantinische Bilderstreit im 8. und 9. Jahrhundert zeigt, wie tief die Frage religiöser Bilder Menschen bewegen kann. Es ging nicht nur um Kunst. Es ging um Gottesverständnis, Macht, Frömmigkeit, Autorität und die Frage, ob das Unsichtbare sichtbar dargestellt werden darf.
Die Gegner der Bilder fürchteten Götzendienst. Die Verteidiger der Bilder verwiesen auf die Menschwerdung Christi: Wenn Gott Mensch geworden ist, könne Christus auch dargestellt werden. Das Zweite Konzil von Nizäa bestätigte schließlich die Verehrung heiliger Bilder, unterschied aber zwischen der Verehrung des Bildes und der Anbetung Gottes.
Diese Unterscheidung bleibt entscheidend. Ein Bild darf ehren, erinnern, sammeln und hinführen. Es darf aber nicht an die Stelle des Göttlichen treten.
Der Bilderstreit ist deshalb nicht nur ein historisches Ereignis. Er zeigt eine dauerhafte Spannung religiösen Lebens: Der Mensch braucht sichtbare Zeichen – und muss zugleich lernen, sie nicht zu vergötzen.
Symbole öffnen – Idole verschließen
Ein Symbol lebt von seiner Durchlässigkeit. Es weist über sich hinaus. Es macht nicht sich selbst wichtig, sondern das, was durch es hindurchscheint.
Ein Idol dagegen bindet. Es fordert Aufmerksamkeit, Bewunderung, Besitz, Unterwerfung. Es lässt den Menschen nicht weitergehen.
Diese Unterscheidung gilt nicht nur für alte Götterbilder. Sie gilt auch für moderne Weltbilder. Ein spiritueller Lehrer kann zum Idol werden. Eine Methode kann zum Idol werden. Ein religiöses Gewand kann zum Idol werden. Ein heiliges Buch kann zum Idol werden. Selbst ein Bild der eigenen Erleuchtung kann zum Idol werden.
Der Mensch kann sich an alles klammern, auch an das Heilige.
Darum ist der Umgang mit Bildern immer auch eine Schulung des Bewusstseins. Nicht das Bild allein ist das Problem. Das Anhaften ist das Problem.
Die moderne Bilderflut als spirituelle Prüfung
Heute sind Bilder nicht nur religiös. Sie sind wirtschaftlich, politisch, technisch und psychologisch. Sie wollen Klicks, Aufmerksamkeit, Erregung, Kaufbereitschaft, Zustimmung, Empörung oder Identifikation erzeugen.
Der Mensch wird nicht mehr nur von Bildern begleitet. Er wird von Bildern gelenkt.
Auch spirituelle Räume sind davon betroffen. Das Heilige wird fotografiert, inszeniert, geteilt, kommentiert, vermarktet. Meditation bekommt eine Ästhetik. Erleuchtung bekommt eine Bildsprache. Retreats werden zu Kulissen. Rituale werden zu Content.
Das muss nicht alles falsch sein. Aber es verlangt Wachheit. Wenn Spiritualität vor allem sichtbar wirken will, verliert sie leicht ihre Stille.
Die Frage ist einfach: Dient das Bild der inneren Vertiefung – oder dient es nur der Wirkung nach außen?
Zur Macht von Sprache und Zeichen passt der Beitrag Achtsame Sprache und die Macht der Worte.
Das Gesicht Christi und die Sehnsucht nach Nähe
Die Legende vom Schweißtuch der Veronika erzählt von einem „wahren Bild“ Christi. Historisch gehört sie in den Bereich religiöser Überlieferung. Spirituell aber zeigt sie etwas sehr Menschliches: die Sehnsucht, dem leidenden Christus ein Gesicht zu geben.
Das Antlitz Christi wurde in der Frömmigkeit zum Ort des Mitgefühls. Das gezeichnete Gesicht, das Haupt voll Blut und Wunden, wurde zum Bild des Leidens aller Menschen.
Hier zeigt sich die helle Seite religiöser Bilder. Sie können Mitleid wecken. Sie können den Blick öffnen für Schmerz, Opfer, Hingabe und Barmherzigkeit. Sie können helfen, nicht wegzusehen.
Doch auch diese Bilder dürfen nicht beim Schmerz stehen bleiben. Das Bild des leidenden Christus ist kein Kult des Leidens. Es ist ein Ruf zur Liebe.
Bede Griffiths und der Weg über alle Gottesbilder hinaus
Der eigentliche Höhepunkt von Rolands Beitrag liegt bei Bede Griffiths. Hier verlässt der Text die reine Kunst- und Kirchengeschichte und gelangt zur inneren Frage: Was geschieht, wenn der Mensch auf dem spirituellen Weg auch seine Bilder von Gott loslassen muss?
Roland Ropers begegnete Bede Griffiths im April 1991 im Sat-Chit-Ananda-Ashram in Shantivanam, dem „Wald des Friedens“ in Südindien. In langen Gesprächen ging es um Bilder, Vorstellungen, Rituale, Lehren und jene Wirklichkeit, die hinter allen religiösen Formen liegt.
Bede Griffiths war Benediktinermönch und zugleich Sannyasin. Er lebte in der Begegnung von christlicher Mystik und indischer Weisheit. Seine Gestalt war selbst ein Zeichen dafür, dass Religion tiefer ist als Konfession, Herkunft und äußere Form.
Er trug keine religiösen Insignien, keine machtvolle Selbstdarstellung, keine sichtbaren Zeichen kirchlicher Autorität. Gerade diese Schlichtheit öffnete einen Raum, in dem Projektionen schwächer werden konnten.
Zur interreligiösen Tiefe von Bede Griffiths passt der Beitrag Unteilbarer Geist der Weltreligionen.
Auch das Gottesbild muss sterben
Bede Griffiths deutete das Kreuzeswort Jesu – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – als letzte Prüfung einer spirituellen Persönlichkeit. Jesus musste nicht nur Menschen, Sicherheit, Anerkennung und Leben loslassen. Er musste auch sein Bild von Gott verlieren.
Dieser Gedanke ist radikal. Er bedeutet nicht Gottesverlust im banalen Sinn. Er bedeutet, dass jede Vorstellung von Gott zerbrechen kann, damit die Wirklichkeit selbst aufscheint.
Viele Menschen halten ihr Gottesbild für Gott. Sie verteidigen eine Vorstellung, eine Sprache, ein Dogma, ein Symbol, eine religiöse Form. Doch die Wirklichkeit Gottes ist größer als jedes Bild.
Der spirituelle Weg führt deshalb nicht nur durch Glauben, sondern auch durch Entleerung. Nicht nur durch Hingabe an Formen, sondern auch durch die Bereitschaft, sie zu überschreiten.
Das ist kein einfacher Weg. Aber ohne diese Bewegung bleibt Religion leicht im Bild stecken.
Kontemplation kennt kein Bild
Kontemplation ist kein inneres Kino. Sie ist keine fromme Bilderreise und keine Sammlung schöner Vorstellungen. Kontemplation führt in eine Stille, in der die Bilder zurücktreten.
Roland Ropers formuliert es stark: Kontemplation kennt keine Bilder. Sie ist Wesensschau, Leere, Gegenwart, Liebe.
Das bedeutet nicht, dass der Mensch Bilder verachten muss. Es bedeutet, dass er sie an ihren Platz stellen muss. Bilder können Vorbereitung sein. Symbole können führen. Rituale können sammeln. Doch irgendwann muss der Mensch loslassen, was ihn geführt hat.
Ein Boot ist wichtig, solange man den Fluss überquert. Aber wer am anderen Ufer angekommen ist, trägt das Boot nicht auf dem Rücken weiter.
So ist es auch mit religiösen Bildern. Sie helfen, solange sie Übergang sind. Sie hindern, wenn sie Besitz werden.
Der projektionsfreie Raum
Ein Meister, der wenig äußere Zeichen trägt, kann einen besonderen Raum öffnen. Nicht weil äußere Zeichen grundsätzlich falsch wären, sondern weil sie leicht Projektionen erzeugen.
Brustkreuz, Gewand, Titel, Sitzordnung, Amulett, Symbol, Bild, Gestus – all das kann helfen. Es kann aber auch Macht suggerieren, Abstand schaffen, Verehrung bündeln und den Menschen von der eigentlichen Gegenwart ablenken.
Bede Griffiths verkörperte eine andere Qualität: Einfachheit. Seine äußere Armut machte sichtbar, dass spirituelle Autorität nicht aus Insignien entsteht. Sie entsteht aus Gegenwart.
Gegenwart ist nicht abbildbar. Sie kann nicht konserviert, reproduziert oder besessen werden. Sie geschieht im Augenblick.
Genau darum ist sie so schwer zu ertragen. Das Bild gibt Halt. Gegenwart fordert Hingabe.
Religion als Rückkehr zur Mitte
Bede Griffiths sprach von der Rückkehr zur Mitte. Der Weg zum innersten Wesensgrund ist kein Weg nach außen, sondern ein Heimweg.
Religion bedeutet in diesem Sinn nicht zuerst Zugehörigkeit zu einem System. Sie ist Rückbindung an die ursprüngliche Tiefe des Lebens. An jene Wirklichkeit, aus der alle Bilder kommen und in die sie wieder zurückfallen.
Rituale und Lehren sind dabei nicht wertlos. Sie sind notwendig. Sie geben Form, Orientierung und Sprache. Doch wenn der Mensch bei ihnen stehen bleibt, verwechselt er den Wegweiser mit dem Ziel.
Wahre Religion beginnt dort, wo das Zeichen durchsichtig wird.
Zur Frage innerer Wirklichkeit passt der Beitrag Mystik als Erfahrung göttlicher Wirklichkeit.
Was religiöse Bilder heute lehren können
Religiöse Bilder lehren uns nicht nur etwas über Kunstgeschichte. Sie lehren uns etwas über den Menschen.
Der Mensch will sehen. Er will erkennen, berühren, festhalten, verehren. Er will dem Unsichtbaren eine Form geben. Diese Sehnsucht ist verständlich und tief menschlich.
Doch der Mensch muss zugleich lernen, dass jedes Bild begrenzt ist. Kein Symbol ist die Wahrheit selbst. Kein Ritual ist die Wirklichkeit selbst. Kein Lehrer ist Gott. Kein Gesicht, kein Kreuz, keine Ikone, kein Mandala, kein heiliger Gegenstand kann das Unendliche erschöpfen.
Darum liegt die Weisheit nicht in Bilderfeindlichkeit. Sie liegt in Bildklarheit.
Wer ein Bild als Bild erkennt, kann es nutzen. Wer es mit der Wirklichkeit verwechselt, wird von ihm benutzt.
Die stille Übung im Umgang mit Bildern
Ein bewusster Umgang mit Bildern beginnt im Alltag. Welche Bilder lasse ich in mich hinein? Welche Bilder nähren mich? Welche machen mich unruhig, hart, neidisch, ängstlich oder abhängig?
Auch religiöse Bilder dürfen gefragt werden: Führen sie mich in die Stille? Öffnen sie mein Herz? Machen sie mich mitfühlender? Oder stärken sie nur eine Vorstellung davon, wer ich spirituell sein möchte?
Diese Fragen sind einfach, aber wirkungsvoll. Sie verwandeln den Umgang mit Bildern in eine spirituelle Praxis.
Manchmal braucht die Seele Bilder. Manchmal braucht sie Bilderfasten. Manchmal braucht sie eine Ikone. Manchmal braucht sie eine leere Wand. Manchmal braucht sie das Kreuz. Manchmal braucht sie die Stille hinter dem Kreuz.
Reife Spiritualität erkennt den Unterschied.
Fazit: Das Bild darf zeigen, aber nicht gefangen nehmen
Die Macht der Bilder und Symbole ist ambivalent. Bilder können den Menschen sammeln, trösten und an das Heilige erinnern. Sie können aber auch verführen, fixieren und zur Projektion werden.
Religionen haben deshalb immer um Bilder gerungen. Das Bilderverbot, die Ikone, der Bilderstreit, die Christusdarstellungen, die Legenden heiliger Tuchbilder und die kontemplative Kritik an allen Gottesvorstellungen gehören zu einer großen geistigen Spannung.
Der Mensch braucht Zeichen. Aber er darf sich nicht in ihnen verlieren.
Die tiefste Bewegung führt vom Bild zur Gegenwart, vom Symbol zur Wirklichkeit, vom äußeren Zeichen zur inneren Wandlung. Bede Griffiths erinnert daran, dass der Mensch auch sein Bild von Gott loslassen muss, wenn er der Wirklichkeit selbst begegnen will.
So verstanden ist religiöse Bildkritik keine Feindschaft gegen Schönheit. Sie ist Liebe zur Wahrheit.
Häufige Fragen zur Macht der Bilder und Symbole
Warum sind Bilder in Religionen so wichtig?
Bilder helfen dem Menschen, das Unsichtbare zu erinnern, innerlich zu sammeln und religiöse Erfahrung auszudrücken. Sie können Trost, Orientierung und Andacht fördern, bleiben aber immer Zeichen und nicht die Wirklichkeit selbst.
Was bedeutet das biblische Bilderverbot?
Das Bilderverbot schützt das Heilige davor, auf eine sichtbare Form reduziert zu werden. Es warnt davor, Gott verfügbar zu machen oder ein Bild mit der göttlichen Wirklichkeit zu verwechseln.
Warum wissen wir nicht, wie Jesus wirklich aussah?
Die Evangelien beschreiben das äußere Aussehen Jesu nicht. Das frühe Christentum erinnerte Jesus zunächst durch Worte, Mahlgemeinschaft, Schrift und einfache Symbole, nicht durch Porträts.
Was ist eine Ikone?
Eine Ikone ist ein religiöses Bild, besonders in der orthodoxen Tradition. Sie will nicht nur darstellen, sondern zur inneren Gegenwart führen. Darum gilt sie als Fenster zur geistigen Wirklichkeit.
Was ist der Unterschied zwischen Symbol und Idol?
Ein Symbol verweist über sich hinaus und öffnet einen Raum. Ein Idol bindet den Menschen an sich selbst. Symbol und Idol unterscheiden sich daher weniger durch das Material als durch die innere Haltung des Betrachters.
Warum sagt die Mystik, dass man Bilder loslassen muss?
Die Mystik sucht die Wirklichkeit hinter allen Vorstellungen. Bilder, Symbole und Rituale können auf dem Weg helfen, aber in der Kontemplation muss der Mensch über jede Form hinausgehen, damit die Gegenwart selbst erfahrbar wird.
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- Mystik als Erfahrung göttlicher Wirklichkeit
- Achtsame Sprache und die Macht der Worte
- Unteilbarer Geist der Weltreligionen
- Authentische Spiritualität und Religion
- Das Geheimnis der Mystiker
- Christliche Mystik und Gotteserfahrung
Quellen und Literaturhinweise
- Deuteronomium 4,16 – Übersetzungsvergleich
- Vatikan: Duodecimum Saeculum zum Zweiten Konzil von Nizäa
- New Advent: Second Council of Nicaea
- Khan Academy: Byzantine Iconoclasm and the Triumph of Orthodoxy
- Bede Griffiths Sangha: On Meditation
- Bede Griffiths: Return to the Centre
- Bede Griffiths: Universal Wisdom
- Roland R. Ropers: persönliche Gespräche mit Bede Griffiths in Shantivanam, April 1991
03.10.2025
Roland R. Ropers
Über den Autor
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
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Buch Tipp:

von Roland R. Ropers
Sie sind Künstler, Wissenschaftler, politische Aktivisten, Mönche die von Gott erfüllten Menschen, die auch heute etwas aufleuchten lassen von der tiefen Erfahrung des Ewigen. Und oft sind sie alles andere als fromm.



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