Scheinwelt und Wirklichkeit: Die Illusionsfalle des Lebens

Illusionsfalle des scheinbaren Lebens

Wenn das scheinbare Leben für die Wirklichkeit gehalten wird

Scheinwelt und Wirklichkeit liegen oft näher beieinander, als der Mensch wahrhaben möchte. Wir leben in Bildern, Rollen, Erwartungen, Deutungen, Ängsten, Erfolgsversprechen und spirituellen Vorstellungen. Vieles davon wirkt überzeugend. Doch nicht alles, was überzeugend wirkt, ist wahr.

Die Illusionsfalle des scheinbaren Lebens beginnt dort, wo der Mensch seine äußere Welt, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Erfolge, seine Verletzungen oder seine spirituellen Erlebnisse mit seiner eigentlichen Wirklichkeit verwechselt. Dann wird das Leben zu einem Kampfplatz. Der Mensch verteidigt ein Bild von sich selbst, statt im Sein anzukommen.

Kurzantwort: Die Illusionsfalle des scheinbaren Lebens beschreibt die Verwechslung von Erscheinung und Wirklichkeit. Spirituelles Erwachen beginnt dort, wo der Mensch Maya, Projektionen, Selbsttäuschung und Leistungsbilder durchschaut – und in eine tiefere Gegenwart des Seins zurückfindet.

Wirkliche Spiritualität führt nicht in immer neue Bilderwelten. Sie führt in Wahrheit. Sie hilft, Projektionen zu erkennen, Selbsttäuschung zu beenden und das Leben aus einer tieferen Mitte heraus zu erfahren. Eine passende Vertiefung bietet der Beitrag Spiritualität und Selbsterkenntnis.

Mehr Schein als Sein

„Mehr Schein als Sein“ ist mehr als eine Redewendung. Es beschreibt eine Grundspannung moderner Existenz. Menschen zeigen, leisten, präsentieren, erklären, besitzen, optimieren und vergleichen. Aber spüren sie noch, wer sie im Innersten sind?

Die sichtbare Welt wird oft für die ganze Wirklichkeit gehalten. Der Beruf wird zur Identität. Besitz wird zur Sicherheit. Meinung wird zur Wahrheit. Wirkung wird zur Bedeutung. Spirituelle Erlebnisse werden zum Beweis innerer Reife.

Doch das Scheinbare kann täuschen. Es kann sich vor das Wesentliche schieben. Es kann dem Menschen eine Wirklichkeit vorspiegeln, die ihn nicht nährt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie wirke ich? Sondern: Bin ich wirklich anwesend? Lebe ich aus meinem inneren Grund – oder nur aus Reaktion, Anpassung und Selbstbild?

Maya: Die Welt der Verwechslung

In indischen Weisheitstraditionen wird die Verstrickung in den Schein häufig mit dem Begriff Maya verbunden. Maya bedeutet nicht einfach, dass die Welt nicht existiert. Es geht tiefer: Der Mensch verwechselt die wechselhaften Erscheinungen mit der letzten Wirklichkeit.

Das ist auch heute spürbar. Der Mensch lebt in einer Welt voller Oberflächen. Nachrichten, Werbung, digitale Bilder, soziale Medien, spirituelle Versprechen und politische Erregung erzeugen eine dauernde Reizlandschaft. Alles ruft nach Aufmerksamkeit. Weniges führt in die Tiefe.

Maya wirkt nicht nur dort, wo Menschen materiell verführt werden. Sie wirkt auch dort, wo spirituelle Sprache eine neue Oberfläche bildet. Dann spricht jemand von Licht, Erwachen, Energie oder Bewusstsein – und bleibt doch gefangen in Angst, Ego, Abhängigkeit oder Selbstinszenierung.

Der Schleier der Täuschung ist nicht immer dunkel. Manchmal leuchtet er.

Spirituelle Projektion: Wenn das Licht zur Falle wird

Scheinwelt und Wirklichkeit Schlüssel für geistiges Wachstum
Illustration: KI unterstützt erstellt

Eine der wichtigsten Unterscheidungen auf dem spirituellen Weg lautet: Nicht jedes innere Bild ist Wahrheit. Nicht jede Vision ist Führung. Nicht jede Durchsage ist Weisheit. Nicht jede Erfahrung von Energie ist Erwachen.

Gerade spirituell suchende Menschen können anfällig für Projektionen sein. Sie sehnen sich nach Sinn, Trost, Zeichen, Bestätigung und Orientierung. Diese Sehnsucht ist menschlich. Aber sie kann auch in die Irre führen, wenn sie nicht geprüft wird.

Astralebenen, Botschaften, Visionen, feinstoffliche Erlebnisse und innere Bilder können beeindrucken. Doch der Eindruck allein ist kein Wahrheitsbeweis. Die entscheidende Frage bleibt: Wird der Mensch dadurch klarer, liebevoller, wahrhaftiger und verantwortlicher?

Wahre Spiritualität macht nicht größer im Selbstbild. Sie macht stiller im Ego.

Zum Unterschied zwischen echter spiritueller Tiefe und bloßer Behauptung passt der Beitrag Authentische Spiritualität und Religion.

Avidya: Das Nichtwissen über die eigene Wesensnatur

In den indischen Traditionen bezeichnet Avidya ein grundlegendes Nichtwissen. Gemeint ist nicht fehlende Information, sondern eine falsche Sicht auf die Wirklichkeit. Der Mensch weiß nicht, wer er im tiefsten Sinn ist.

Er identifiziert sich mit Körper, Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen, Verletzungen, Besitz, Rolle, Herkunft oder Meinung. All das gehört zum menschlichen Leben. Aber nichts davon ist der letzte Grund des Menschen.

Solange der Mensch sich nur mit dem Veränderlichen identifiziert, lebt er in Unsicherheit. Denn alles Veränderliche kann verschwinden: Gesundheit, Anerkennung, Beziehung, Besitz, Erfolg, Jugend, Stärke, Gewissheiten.

Avidya ist die Verwechslung der Oberfläche mit dem Selbst. Spirituelles Erwachen beginnt, wenn diese Verwechslung brüchig wird.

Atman, Brahman und der innere Grund

Die Upanishaden sprechen vom Atman, dem innersten Selbst, und von Brahman, der höchsten Wirklichkeit, dem Urgrund des Seins. In der berühmten Formel „Tat tvam asi“ – „Das bist du“ – klingt die Einsicht an, dass das innerste Selbst nicht getrennt vom absoluten Grund ist.

Diese Sprache ist nicht die Sprache des Alltags. Sie ist eine Sprache der Tiefe. Sie sagt nicht: Das kleine Ich ist allmächtig. Sie sagt: Im Menschen gibt es eine Wirklichkeit, die tiefer reicht als seine Rollen und Gedanken.

Christliche Mystik spricht anders, aber sie kennt eine verwandte Frage: Gibt es im Menschen einen Gottesgrund, eine innere Gegenwart, ein Reich Gottes, das nicht äußerlich gesucht werden muss?

Solche Traditionen dürfen nicht beliebig gleichgesetzt werden. Aber sie berühren eine gemeinsame Sehnsucht: den Weg aus der Zerstreuung in die Einheit, aus der Selbsttäuschung in die Wahrheit, aus dem Schein in das Sein.

Eine vertiefende Perspektive auf die Upanishaden bietet der Beitrag Upanishaden – zu Füßen des Meisters sitzen.

Das inwendige Königreich

Im christlichen Kontext weist die Aussage vom inwendigen Königreich Gottes in eine ähnliche Tiefe. Das Reich Gottes ist nicht nur ein zukünftiger Ort und nicht nur eine äußere Ordnung. Es beginnt dort, wo der Mensch innerlich erwacht.

Dieses Erwachen ist keine Flucht aus der Welt. Es ist eine andere Weise, in der Welt zu sein. Der Mensch lebt nicht mehr ausschließlich aus Angst, Abwehr, Begehren, Schuld oder Leistung. Er beginnt, aus Gegenwart zu handeln.

Das inwendige Königreich ist nicht spektakulär. Es zeigt sich im Frieden, der nicht vom äußeren Erfolg abhängt. In der Liebe, die nicht Besitz werden muss. In der Klarheit, die nicht verletzen will. In der Freiheit, die nicht gegen das Leben kämpft.

Die Illusionsfalle verliert ihre Macht, wenn der Mensch erkennt, dass das Eigentliche nicht erst später beginnt. Es ist gegenwärtig.

Die vier Bewusstseinszustände der Upanishaden

Die Upanishaden sprechen vom Menschen nicht nur als Wesen des Wachzustands. Sie unterscheiden Wachsein, Traum, Tiefschlaf und einen vierten Zustand, der über die gewöhnlichen Erfahrungsweisen hinausweist.

Dieser vierte Zustand wird häufig Turiya genannt. Er ist kein weiterer Traum und keine Bewusstlosigkeit. Er deutet auf reine Gegenwärtigkeit hin, auf Bewusstsein jenseits der wechselnden Inhalte.

Im Alltag halten wir Bewusstsein meist für das, was im Bewusstsein erscheint: Gedanken, Bilder, Pläne, Gefühle, Erinnerungen. Doch Mystik fragt tiefer: Was ist Bewusstsein, bevor es sich an Inhalte bindet?

Hier wird spirituelles Erwachen still. Es sucht nicht mehr das nächste außergewöhnliche Erlebnis. Es ruht in einer Gegenwart, die nicht erst hergestellt werden muss.

Samadhi, Nirvana und Unio Mystica

Viele spirituelle Traditionen kennen Begriffe für tiefste Sammlung, Befreiung oder Einung. Im Hinduismus wird Samadhi als Zustand tiefer Versenkung beschrieben. Im Buddhismus verweist Nirvana auf das Erlöschen von Gier, Hass und Verblendung. Die christliche Mystik spricht von der unio mystica, der Vereinigung mit Gott.

Diese Begriffe sollten nicht leichtfertig vermischt werden. Jeder hat seine eigene Geschichte, Sprache und religiöse Tiefe. Doch sie zeigen, dass Menschen in verschiedenen Traditionen Erfahrungen beschrieben haben, die über das gewöhnliche Ich-Bewusstsein hinausweisen.

Der entscheidende Punkt ist nicht das Wort. Entscheidend ist die Verwandlung. Wird der Mensch freier von Angst? Wird er wahrhaftiger? Wird er mitfühlender? Wird er weniger abhängig von Anerkennung und Kontrolle?

Wo spirituelle Erfahrung nur das Ego schmückt, ist die Illusion nicht beendet. Sie hat nur eine höhere Sprache bekommen.

Zur christlich-mystischen Vertiefung passt der Beitrag Mystik als Erfahrung göttlicher Wirklichkeit.

Eudämonie: Gelingendes Leben statt schöne Oberfläche

Roland Ropers deutet Eudämonie als harmonisch wirkende Kraft des Lichts. Philosophisch wird Eudämonie meist als gelingendes Leben, Glückseligkeit oder menschliches Gedeihen verstanden.

Beides lässt sich verbinden, wenn man den Begriff nicht flach versteht. Gelingendes Leben bedeutet nicht bloß Wohlgefühl. Es bedeutet, in einer stimmigen Beziehung zum eigenen Wesen, zu anderen Menschen und zur Wirklichkeit zu leben.

Ein Mensch kann äußerlich erfolgreich sein und innerlich entfremdet. Er kann bewundert werden und doch sein eigenes Sein nicht spüren. Er kann viel wissen und dennoch nicht weise leben.

Eudämonie erinnert daran, dass Glückseligkeit nicht aus Schein entsteht. Sie wächst dort, wo der Mensch wahrer wird.

Wie sich gelingendes Leben, innere Stimmigkeit und spirituelle Glückseligkeit verbinden, vertieft der Beitrag Eudämonie: Bedeutung, Aristoteles und spirituelle Glückseligkeit.

Sein statt Leistung

Unsere Erziehungs- und Bildungssysteme lehren viel. Sie lehren Rechnen, Schreiben, Abschlüsse, Leistung, Anpassung, Wettbewerb und berufliche Verwertbarkeit. Doch sie lehren selten das Sein.

Wer lehrt den Menschen, still zu werden? Wer lehrt ihn, Angst zu verstehen? Wer lehrt ihn, mit Schuld, Tod, Einsamkeit, Sinnfragen und innerer Leere umzugehen? Wer lehrt ihn, wahrzunehmen, statt nur zu reagieren?

Erich Fromm unterschied zwischen Haben und Sein. Diese Unterscheidung bleibt brennend aktuell. Der Haben-Modus fragt: Was besitze ich? Was erreiche ich? Was bekomme ich? Der Seins-Modus fragt: Wie bin ich gegenwärtig? Wie lebe ich? Wie begegne ich?

Die Illusionsfalle des scheinbaren Lebens lebt vom Haben-Modus. Sie verspricht Identität durch Besitz, Bedeutung durch Leistung, Sicherheit durch Kontrolle und Erfüllung durch Außenwirkung.

Doch der tiefste Mensch beginnt nicht im Haben. Er beginnt im Sein.

Wissen über Gott ist nicht Gotteserfahrung

Roland formuliert pointiert: Man kann viel über Gott wissen, ohne etwas von Gott erfahren zu haben. Diese Unterscheidung ist wichtig.

Theologie, Philosophie und religiöse Lehren können wertvoll sein. Sie ordnen, klären, bewahren und vertiefen. Aber sie ersetzen nicht die innere Erfahrung.

Wissen kann zum Wegweiser werden. Es kann aber auch zur Wand werden, wenn der Mensch sich hinter Begriffen verschanzt. Dann spricht er über Wahrheit, ohne sich von ihr verwandeln zu lassen.

Spirituelles Erwachen beginnt nicht dort, wo der Mensch noch mehr Begriffe sammelt. Es beginnt dort, wo das Wissen in Leben übergeht.

Der Mensch muss nicht alles erklären können, um wahrhaftiger zu werden. Manchmal muss er zuerst still werden.

Schuldreligion und der freie Urgrund

Rolands Kritik an Erbsünde und Erbschuld ist scharf. Sie sollte nicht pauschal gegen jede christliche Theologie gestellt werden, aber sie berührt eine reale spirituelle Wunde.

Viele Menschen wurden religiös nicht befreit, sondern beschämt. Ihnen wurde vermittelt, sie seien im Innersten falsch, schuldig, unwürdig oder von Gott getrennt. Eine solche Prägung kann das Leben verdunkeln.

Eine reife Spiritualität nimmt Schuld ernst, aber sie macht sie nicht zum letzten Wort über den Menschen. Es gibt Verantwortung. Es gibt Verletzung. Es gibt Fehlverhalten. Doch tiefer als Schuld liegt die Würde des Menschen und die Möglichkeit der Wandlung.

Der innere Urgrund des Menschen ist nicht Selbstverachtung. Er ist offen für Heilung, Einsicht, Vergebung und Rückkehr.

Wahre Religion führt nicht in ein Schuldgefängnis. Sie öffnet den Weg aus ihm heraus.

Co-Kreation ohne Größenwahn

Der Mensch ist Mitschöpfender. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Handlung wirkt. Wir schaffen Atmosphären, Beziehungen, Entscheidungen, Räume und Zukunftsmöglichkeiten.

Doch Mitschöpfung bedeutet nicht, dass der Mensch alleiniger Schöpfer ist. Diese Unterscheidung ist entscheidend.

Spirituelle Selbstermächtigung kippt in Größenwahn, wenn sie das größere Ganze vergisst. Der Mensch kann mitwirken, aber er besitzt das Leben nicht. Er kann gestalten, aber nicht alles kontrollieren. Er kann sich öffnen, aber das Geheimnis nicht kommandieren.

Die Illusionsfalle moderner Spiritualität besteht oft darin, das eigene Ich mit kosmischer Macht zu verwechseln. Wahre Bewusstheit führt dagegen zu Demut.

Zur Frage verantwortlicher Bewusstseinskraft passt der Beitrag Bewusstsein und Eigenverantwortung.

Neugeburt geschieht im Leben

Die wirkliche Neugeburt findet nicht erst nach dem Tod statt. Sie beginnt, wenn der Mensch in diesem Leben erwacht. Wenn er erkennt, dass seine alten Denkgewohnheiten nicht sein Schicksal sind. Wenn er sieht, dass er nicht auf seine Vergangenheit reduziert bleiben muss.

Jeder Tag enthält die Möglichkeit, anders zu antworten. Nicht automatisch. Nicht aus bloßer Verteidigung. Nicht aus alten Mustern. Sondern aus einer tieferen Freiheit.

Das Himmelreich beginnt nicht plötzlich in einer fernen Zukunft. Es beginnt dort, wo Menschen aus Unbewusstheit aufwachen.

Diese Neugeburt ist oft leise. Ein ehrlicher Blick. Ein Ende der Selbsttäuschung. Ein anderer Umgang mit Angst. Eine Versöhnung. Eine Entscheidung für Wahrhaftigkeit.

So wird spirituelles Erwachen konkret. Es zeigt sich nicht im großen Wort, sondern im veränderten Leben.

Die Rückkehr zum Seinsgrund

Bede Griffiths spricht vom Weg zurück zur Quelle, zum Seinsgrund, zum reinen Bewusstsein. In dieser Sprache klingt eine mystische Erfahrung an, die sich nicht vollständig in Begriffe fassen lässt.

Der Weg des Menschen ist dann kein Weg der Flucht, sondern der Rückkehr. Nicht hinaus in immer neue Phänomene, sondern hinein in die Tiefe des gegenwärtigen Lebens.

Der Seinsgrund ist nicht irgendwo anders. Er ist nicht erst nach dem Tod zugänglich. Er ist auch nicht Eigentum besonderer spiritueller Gruppen. Er ist jene tiefere Wirklichkeit, die im Menschen aufleuchten kann, wenn die Täuschung dünner wird.

Die Illusionsfalle verliert ihre Macht, wenn der Mensch nicht mehr nach immer neuen Bildern greift, sondern in die Gegenwart zurückkehrt.

Was spirituelles Erwachen nicht ist

Spirituelles Erwachen ist keine Überhöhung des eigenen Ichs. Keine Flucht in Durchsagen. Keine Verachtung des Körpers. Keine Abwertung des Denkens. Kein Ersatz für psychologische Arbeit. Kein Grund, sich anderen überlegen zu fühlen.

Es ist auch keine Weltverneinung. Die Welt wird nicht geleugnet. Sie wird tiefer gesehen.

Körper, Gefühle und Gedanken gehören zum menschlichen Leben. Sie sind keine Feinde. Sie werden nur dann zum Gefängnis, wenn der Mensch sich ausschließlich mit ihnen identifiziert.

Wahres Erwachen macht nicht lebensfremder. Es macht lebendiger. Es führt nicht weg von Verantwortung, sondern mitten hinein.

Woran echte spirituelle Entwicklung erkennbar wird

Der Prüfstein spiritueller Entwicklung ist nicht, wie außergewöhnlich eine Erfahrung war. Entscheidend ist, was aus ihr wird.

  • Wird der Mensch wahrhaftiger?
  • Wird er mitfühlender?
  • Wird er verantwortlicher?
  • Kann er Projektionen durchschauen?
  • Kann er Kritik hören, ohne sofort zu verhärten?
  • Kann er still werden, ohne sich leer zu fühlen?
  • Kann er handeln, ohne sich selbst zum Mittelpunkt zu machen?

Wenn eine spirituelle Erfahrung den Menschen nur bedeutsamer im eigenen Selbstbild macht, bleibt sie Teil der Illusionsfalle. Wenn sie ihn offener, klarer und menschlicher macht, beginnt Verwandlung.

Was heute daraus folgt

Unsere Zeit ist voller Täuschungen und zugleich voller Möglichkeiten. Menschen können Wissen sammeln und Weisheit verlieren. Sie können spirituelle Begriffe benutzen und dennoch unbewusst bleiben. Sie können von Einheit sprechen und aus Trennung handeln.

Darum braucht spirituelles Erwachen Erdung. Es braucht die Bereitschaft, sich selbst ehrlich zu prüfen. Es braucht Unterscheidung zwischen Erfahrung und Einbildung, Intuition und Wunsch, Führung und Projektion.

Die Illusionsfalle des scheinbaren Lebens endet nicht durch Weltflucht. Sie endet durch Wahrhaftigkeit.

Der Mensch muss nicht in andere Welten entkommen. Er muss in dieser Welt erwachen.

Fazit: Die Wirklichkeit beginnt dort, wo die Projektion endet

Scheinwelt und Wirklichkeit sind nicht immer leicht zu unterscheiden. Gerade die verführerischsten Illusionen erscheinen oft schön, geistreich, spirituell oder notwendig.

Die Illusionsfalle des scheinbaren Lebens beginnt, wenn der Mensch seine Rollen, Bilder, Ängste, Wünsche, Erlebnisse und Projektionen mit Wahrheit verwechselt. Sie endet, wenn er den Mut findet, still zu werden und zu sehen.

Spirituelles Erwachen ist keine Flucht in spektakuläre Phänomene. Es ist die Rückkehr in das Sein. Es führt durch Maya, durch Avidya, durch Selbsttäuschung und durch die falsche Identifikation mit dem kleinen Ich.

Das Himmelreich beginnt nicht irgendwann. Es beginnt überall dort, wo Menschen aus Unbewusstheit erwachen und ihr Leben aus einer tieferen Gegenwart heraus gestalten.

Vielleicht ist das die eigentliche Neugeburt: nicht ein anderes Leben zu bekommen, sondern dieses Leben endlich aus der Wirklichkeit heraus zu leben.

Häufige Fragen zu Scheinwelt und Wirklichkeit

Was bedeutet Scheinwelt spirituell?

Spirituell beschreibt Scheinwelt die Verwechslung äußerer Erscheinungen, Rollen, Gedanken, Gefühle und Projektionen mit der eigentlichen Wirklichkeit. Der Mensch hält das Wechselhafte für sein wahres Selbst.

Was ist die Illusionsfalle des scheinbaren Lebens?

Die Illusionsfalle entsteht, wenn Menschen in Selbstbildern, Leistungsdruck, Konsum, Angst, spirituellen Projektionen oder falschen Sicherheiten leben und den Zugang zum Sein verlieren.

Was bedeutet Maya?

Maya ist ein Begriff aus indischen Weisheitstraditionen. Er bezeichnet die Kraft der Täuschung beziehungsweise die Verwechslung der sichtbaren, wechselhaften Welt mit der letzten Wirklichkeit.

Was ist Avidya?

Avidya bedeutet Nichtwissen. Gemeint ist eine falsche Sicht auf die eigene Wesensnatur: Der Mensch identifiziert sich mit Körper, Gedanken, Gefühlen und Rollen, statt seinen tieferen Grund zu erkennen.

Sind Visionen und Durchsagen immer spirituell wertvoll?

Nein. Innere Bilder, Visionen oder Botschaften können bedeutsam sein, sollten aber geprüft werden. Entscheidend ist, ob sie zu mehr Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Klarheit und Verantwortung führen.

Woran erkennt man echtes spirituelles Erwachen?

Echtes Erwachen zeigt sich nicht an großen Worten oder spektakulären Erfahrungen, sondern an innerer Klarheit, Mitgefühl, Demut, Verantwortlichkeit und der Fähigkeit, Projektionen zu durchschauen.

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Quellen und Literaturhinweise

Artikel aktualisiert

02.06.2026

Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

 


Über den Autor

Ehrfurcht vor dem Leben Roland Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.

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Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu

Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.

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