Wer erfand die Hölle wirklich? Vom Totenreich zum Ort ewiger Strafe
Kaum eine religiöse Vorstellung hat Menschen über Jahrhunderte so tief geprägt wie die Hölle. Feuer, ewige Qualen, Dämonen, Verdammnis und ein Gericht, nach dem es keine Rückkehr mehr gibt – diese Bilder gehören bis heute zum kulturellen Gedächtnis des Abendlandes.
Doch wer hat diese Hölle eigentlich erfunden?
War es Jesus? Waren es die ersten Christen? Augustinus? Die mittelalterliche Kirche? Dante? Oder reicht die Vorstellung eines jenseitigen Strafortes viel weiter zurück?
Die Antwort ist überraschender als die Frage: Die Hölle wurde nicht von einem einzelnen Menschen erfunden. Das heute bekannte christliche Höllenbild entstand über viele Jahrhunderte. Antike Vorstellungen vom Reich der Toten verbanden sich mit jüdischen und frühchristlichen Überlieferungen, theologischen Deutungen, Vorstellungen von Gericht und Strafe sowie schließlich mit der gewaltigen Bildsprache des Mittelalters.
Damit erzählt die Geschichte der Hölle nicht nur etwas über Religion. Sie erzählt auch von menschlicher Angst, vom Wunsch nach Gerechtigkeit, von Schuld und Verantwortung – und davon, wie mächtig Vorstellungen werden können, wenn sie mit göttlicher Autorität verbunden werden.
Das göttliche Gericht darf jedoch nicht auf die Angst vor der Hölle reduziert werden. Hinter der Vorstellung steht ebenso die Hoffnung, dass verborgenes Leid sichtbar wird und Unrecht nicht endgültig über seine Opfer triumphiert. Der Beitrag Jüngstes Gericht – Drohung, Hoffnung oder letzte Gerechtigkeit? untersucht diese Spannung zwischen Verantwortung, Gnade und endgültiger Gerechtigkeit.
Wer erfand die Hölle wirklich? Vom Totenreich zum Ort ewiger Strafe
Niemand hat die Hölle im eigentlichen Sinne erfunden. Das christliche Konzept ewiger Verdammnis entwickelte sich schrittweise aus älteren Vorstellungen vom Totenreich, biblischen Begriffen wie Scheol, Hades und Gehenna, frühchristlichen Deutungen des göttlichen Gerichts und späterer Theologie.
Entscheidend ist dabei eine Unterscheidung: Nicht jede antike Unterwelt war bereits eine Hölle.
Menschen beschäftigten sich lange vor dem Christentum mit der Frage, was nach dem Tod geschieht. Mesopotamische, ägyptische und griechische Kulturen kannten Reiche der Toten. Doch ihre Vorstellungen unterschieden sich erheblich voneinander und entsprachen keineswegs einfach dem späteren christlichen Bild einer ewigen Strafanstalt.
In der griechischen Tradition etwa verließ nach damaliger Vorstellung die Psyche beim Tod den Körper; Vorstellungen von Hades und unterschiedlichen Schicksalen der Toten entwickelten sich im Laufe der Zeit weiter. Auch im alten Mesopotamien existierte eine Unterwelt der Toten.
Die Idee eines Lebens nach dem Tod ist also uralt. Die Vorstellung einer ewigen Hölle als Strafe für moralisches oder religiöses Fehlverhalten ist dagegen das Ergebnis einer wesentlich längeren Entwicklung.
Wer sich grundsätzlich mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod beschäftigen möchte, findet dazu auf Spirit Online den Beitrag Was ist das Jenseits?.
Scheol – die hebräische Bibel kennt noch nicht unsere Hölle
Ein wichtiger Schlüssel liegt im hebräischen Begriff Scheol.
In vielen Texten des Alten Testaments beziehungsweise des Tanach bezeichnet Scheol das Reich der Toten. Es ist dunkel, fern vom gewöhnlichen Leben und mit Tod und Vergänglichkeit verbunden. Aber daraus lässt sich nicht einfach die spätere christliche Hölle mit Teufeln, Feuer und ewiger Bestrafung ableiten.
Das ist wichtig.
Denn wer heutige Vorstellungen rückwirkend in alte Texte hineinliest, verändert deren ursprünglichen Bedeutungsraum.
Die Menschen der Antike stellten sich Tod, Unterwelt und Jenseits unterschiedlich vor. Erst nach und nach wurden Tod und Jenseits stärker mit Gericht, moralischer Verantwortung, Belohnung und Bestrafung verbunden.
Damit begann ein Prozess, der Jahrhunderte später zu jenem Höllenbild führen sollte, das das europäische Christentum nachhaltig prägte.
Gehenna und Hades – sprach Jesus von unserer Hölle?
Besonders spannend wird die Frage beim Neuen Testament.
In deutschen Bibelübersetzungen begegnet dem Leser häufig das Wort „Hölle“. Im griechischen Text stehen jedoch unterschiedliche Begriffe, darunter Hades und Gehenna. Diese Begriffe besitzen unterschiedliche historische und sprachliche Hintergründe und dürfen nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden.
Gehenna geht auf das Tal Hinnom bei Jerusalem zurück und entwickelte sich innerhalb jüdischer religiöser Sprache zu einem starken Bild des Gerichts. In den Evangelien erscheint der Begriff mehrfach in überlieferten Aussprüchen Jesu.
Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass Jesus exakt jene mittelalterliche Hölle beschrieben hätte, die Jahrhunderte später Künstler, Prediger und Theologen ausmalten.
Diese Unterscheidung verändert die Frage grundlegend.
Jesus spricht in den Evangelien durchaus drastisch von Gericht, Verfehlung, Konsequenz und Verantwortung. Doch daraus entstand erst im Verlauf theologischer Interpretationen ein umfassendes System des jenseitigen Strafortes.
Gerade deshalb lohnt es sich, zwischen den überlieferten Worten Jesu und späteren kirchlichen Deutungen zu unterscheiden. Einen vertiefenden Zugang bietet unsere Themenseite Jesus ursprüngliche Lehre.
Auch die wichtigsten Lehren der Bergpredigt zeigen einen bemerkenswerten Kontrast: Im Zentrum stehen Barmherzigkeit, innere Wahrhaftigkeit, Gewaltverzicht und eine radikale Ethik der Liebe.
Die entscheidende spirituelle Frage lautet deshalb: Ist Angst vor Bestrafung wirklich der Kern der Botschaft Jesu – oder wurde sie später stärker in den Mittelpunkt gerückt?
Das frühe Christentum war sich keineswegs in allem einig

Auch das frühe Christentum kann nicht als einheitlicher Block betrachtet werden.
Christliche Denker stritten über Auferstehung, Gericht, Erlösung, die Dauer göttlicher Strafe und darüber, ob am Ende alle Geschöpfe zu Gott zurückkehren könnten. Die Vorstellung ewiger bewusster Bestrafung war einflussreich, aber sie war nicht die einzige denkbare Position innerhalb der christlichen Geistesgeschichte. Einen fundierten Überblick über die unterschiedlichen philosophischen und theologischen Vorstellungen von Himmel und Hölle bietet die Stanford Encyclopedia of Philosophy
Bis heute existieren in der christlichen Philosophie und Theologie unterschiedliche Auffassungen: klassische ewige Strafe, endgültige Vernichtung sowie universalistische Vorstellungen einer letztlichen Erlösung werden diskutiert.
Das ist für die Geschichte der Hölle entscheidend.
Denn es zeigt: Was später wie eine selbstverständliche Glaubenswahrheit erschien, war Ergebnis theologischer Auseinandersetzungen.
Augustinus – er erfand die Hölle nicht, aber er prägte sie entscheidend
Einer der einflussreichsten Männer dieser Entwicklung war Augustinus von Hippo.
Augustinus lebte von 354 bis 430 und prägte die westliche christliche Theologie wie kaum ein anderer Kirchenlehrer. Seine Vorstellungen von Sünde, Gnade, Erlösung und Verdammnis wirkten weit über seine Zeit hinaus.
Augustinus vertrat eine ausgesprochen konsequente Vorstellung ewiger Höllenstrafe. In seiner Theologie wurde die endgültige Bestrafung der Verdammten mit einer Vorstellung göttlicher Gerechtigkeit verbunden. Seine Position wurde für die westliche Tradition außerordentlich einflussreich.
Augustinus hat die Hölle also nicht erfunden.
Aber er trug wesentlich dazu bei, eine bestimmte Auslegung der Hölle theologisch zu verfestigen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Gleichzeitig verband sich seine Lehre von Sünde und Gnade mit einem Menschenbild, das die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen besonders stark betonte. Daraus entwickelte sich in späteren Jahrhunderten eine religiöse Kultur, in der Schuld, Heil und mögliche Verdammnis enorme Bedeutung bekamen.
Vom Glauben an das Gericht zur Angst vor der Verdammnis
An diesem Punkt verändert sich die Geschichte.
Eine religiöse Vorstellung muss nicht ursprünglich geschaffen worden sein, um Menschen zu kontrollieren. Sie kann jedoch später zur Kontrolle eingesetzt werden.
Genau diese Differenzierung ist wichtig.
Es wäre historisch zu einfach zu behaupten, die Kirche habe die Hölle erfunden, um Menschen gefügig zu machen. Höllen- und Gerichtsvorstellungen sind älter und komplexer.
Aber ebenso falsch wäre es, ihre gesellschaftliche Wirkung zu verharmlosen.
Wenn eine Institution beansprucht, über Wahrheit, Sünde, Erlösung und den möglichen ewigen Zustand eines Menschen zu urteilen, entsteht enorme psychologische Macht.
Was könnte einen Menschen stärker beeinflussen als die Überzeugung, sein Verhalten im kurzen irdischen Leben entscheide über eine Ewigkeit des Glücks oder des Leidens?
Aus einer theologischen Vorstellung konnte damit ein Instrument religiöser Disziplinierung werden.
Diese Mechanismen sind nicht nur historische Fragen. Sie berühren grundsätzlich das Verhältnis von Spiritualität, Autorität und Freiheit. Genau hier setzt auch die Kritik an einem christlichen Fundamentalismus an, der religiöse Aussagen der kritischen Reflexion entzieht.
Fegefeuer und Hölle – ein entscheidender Unterschied
Im Mittelalter gewann neben Himmel und Hölle eine weitere Vorstellung enorme Bedeutung: das Fegefeuer, das Purgatorium.
Hölle und Fegefeuer dürfen jedoch nicht verwechselt werden.
Nach katholischer Lehre betrifft das Fegefeuer Menschen, die in Gottes Gnade sterben und deren Heil grundsätzlich gegeben ist, die jedoch noch einer Läuterung bedürfen. Der Katechismus der Katholischen Kirche beschreibt das Fegefeuer ausdrücklich als Reinigung derer, deren ewiges Heil bereits gesichert ist.
Die klassische Hölle ist dagegen endgültig.
Damit erhielt die Jenseitsvorstellung eine Zwischenstufe: Nicht jeder unvollkommene Mensch musste für alle Ewigkeit verloren sein.
Doch gerade die Vorstellung einer zeitlich begrenzten Läuterung eröffnete eine folgenreiche weitere Frage:
Konnte die Dauer oder Schwere dieser Läuterung beeinflusst werden?
Ablasshandel – wenn aus Jenseitsangst ein System wird
Aus der Lehre vom Ablass entwickelte sich eines der konfliktreichsten Kapitel der europäischen Kirchengeschichte.
Wichtig ist auch hier Präzision: Ein Ablass bedeutete nach katholischer Lehre nicht einfach den käuflichen Erlass einer Sünde. Er bezog sich auf sogenannte zeitliche Sündenstrafen für bereits vergebene Schuld. Diese theologische Unterscheidung besteht in der katholischen Lehre weiterhin.
Historisch entwickelten sich jedoch Praktiken, in denen Ablass, Geld, Frömmigkeit und die Sorge um das Schicksal der Verstorbenen auf problematische Weise miteinander verbunden wurden.
Hier wird sichtbar, welche Macht Jenseitsvorstellungen entfalten können.
Wer um das Heil eines verstorbenen Menschen fürchtet, ist besonders verletzlich. Wenn religiöse Institutionen versprechen, Einfluss auf dessen jenseitiges Schicksal nehmen zu können, berühren sie einen der empfindlichsten Bereiche menschlicher Existenz: Liebe, Verlust, Schuld und Hoffnung.
Martin Luthers Kritik am Ablasswesen wurde schließlich zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Reformation.
Die Geschichte zeigt damit etwas Grundsätzliches: Spirituelle Sehnsucht kann Menschen befreien. Sie kann aber auch instrumentalisiert werden.
Dante erschuf nicht die Hölle – aber er gab ihr Bilder
Kaum jemand hat unsere Vorstellung der Hölle so nachhaltig geprägt wie Dante Alighieri.
In seiner im frühen 14. Jahrhundert entstandenen „Göttlichen Komödie“ durchwandert Dante Hölle, Fegefeuer und Paradies. Sein Inferno gliedert die Hölle in verschiedene Bereiche und verbindet Verfehlungen mit jeweils entsprechenden Strafen.
Dante war kein Erfinder der christlichen Hölle. Aber seine literarische Vorstellungskraft gab abstrakter Theologie eine geradezu körperliche Gestalt. Die Hölle konnte nun gesehen, betreten und beinahe gefühlt werden.
Bis heute beeinflusst Dantes Bildwelt unsere Vorstellungen vom Inferno. Auch die europäische Kunst griff Höllenmotive mit enormer Intensität auf.
Später schuf Hieronymus Bosch verstörende Visionen voller grotesker Wesen, Qualen und Abgründe.
Damit geschah etwas Entscheidendes:
Aus Theologie wurde Bild.
Und Bilder erreichen Menschen häufig unmittelbarer als theologische Abhandlungen.
Ein brennender Körper, Dämonen, Finsternis und Verzweiflung benötigen keine komplizierte Erklärung. Sie sprechen direkt zur menschlichen Angst.
Warum heißt die Hölle überhaupt Hölle?
Selbst das deutsche Wort trägt eine ältere Geschichte in sich.
„Hölle“ geht auf mittelhochdeutsch helle und althochdeutsch hellia zurück. Als ursprüngliche Bedeutung wird wahrscheinlich „die Bergende“ beziehungsweise etwas Verborgenes angenommen. Das Wort steht sprachgeschichtlich in Zusammenhang mit dem Verbergen.
Auch darin zeigt sich: Die Geschichte des Wortes ist älter und weiter als das spätere Bild eines Feuerortes voller Dämonen.
Unsere heutige Vorstellung ist das Ergebnis einer Überlagerung von Sprache, Mythologie, Religion, Theologie und Kunst.
Die moderne Hölle wandert in die Seele
Mit der Moderne verlor das traditionelle Höllenbild in Teilen Europas an Selbstverständlichkeit.
Doch die Hölle verschwand nicht.
Sie wanderte gewissermaßen von der Unterwelt in die Innenwelt des Menschen.
Literatur, Philosophie und später Psychologie entdeckten Schuld, Verzweiflung, Angst, Isolation und Selbstverurteilung als mögliche innere Höllen.
Menschen benötigen kein mittelalterliches Inferno, um Qual zu erleben.
Sie können sich selbst anklagen, sich in Schuld verlieren, andere seelisch zerstören oder Lebenssituationen schaffen, die sich wie eine Hölle anfühlen.
Damit bekommt die alte Metapher eine neue Bedeutung.
Unsere Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne im spirituellen Kontext führt deshalb unmittelbar zur Frage, ob wirkliche Wandlung durch Bestrafung entsteht – oder durch Erkenntnis, Verantwortung und Vergebung.
Wenn Religion mit Angst regiert
An dieser Stelle wird die Geschichte der Hölle zu einer Frage der spirituellen Ethik.
Was geschieht mit einem Glauben, wenn Angst stärker wird als Liebe?
Religion kann Menschen trösten, Sinn vermitteln, Gemeinschaft stiften und den Blick über das eigene Ich hinaus öffnen.
Sie kann aber auch Angst erzeugen.
Und kaum eine Angst ist radikaler als die Vorstellung einer ewigen Strafe.
Ein Mensch, der glaubt, Gott könne ihn für einen Fehler, Zweifel oder falschen Glauben unendlich bestrafen, begegnet dem Göttlichen nicht mehr nur mit Vertrauen. Zwischen Mensch und Gott tritt die Furcht.
Der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann hat immer wieder auf die zerstörerische Kraft einer Religion hingewiesen, die Menschen über Angst, Schuld und Gehorsam bindet. Sein Ansatz fragt nicht nur, was religiöse Lehren behaupten, sondern was sie mit der Seele des Menschen machen.
Dazu passt der vertiefende Beitrag Eugen Drewermann – Kirchenkritik und spirituelle Botschaft.
Diese Frage ist heute vielleicht wichtiger denn je.
Brauchen Menschen die Hölle, um gut zu sein?
Hinter allen theologischen Debatten liegt schließlich eine fundamentale ethische Frage:
Braucht der Mensch die Drohung mit Strafe, um moralisch zu handeln?
Wenn ich einem Menschen helfe, weil ich ansonsten ewige Qualen fürchte – handle ich dann wirklich aus Mitgefühl?
Wenn ich meinen Nächsten liebe, weil mir dafür das Paradies versprochen wird – ist das bereits Liebe?
Spirituelle Reife beginnt möglicherweise genau dort, wo moralisches Handeln nicht länger von Belohnung und Bestrafung abhängt.
Ein Mensch übernimmt Verantwortung, weil er erkennt, dass sein Handeln Folgen hat.
Er verletzt andere nicht, weil er ihre Würde empfindet.
Er hilft, weil er Verbundenheit erkennt.
Er liebt nicht aus Angst vor Gott, sondern weil Liebe selbst zu einer Form des Erkennens wird.
Damit verändert sich auch die Frage nach Himmel und Hölle.
Vielleicht ist die entscheidende spirituelle Alternative nicht:
Wo werde ich nach meinem Tod landen?
Sondern:
Welche Wirklichkeit erschaffe ich durch mein Denken und Handeln bereits jetzt?
Ist die Hölle vielleicht ein Bewusstseinszustand?
Damit soll eine mögliche jenseitige Wirklichkeit weder behauptet noch ausgeschlossen werden.
Wir wissen nicht, was nach dem Tod geschieht.
Religiöse Traditionen geben darauf unterschiedliche Antworten, spirituelle Erfahrungen eröffnen weitere Perspektiven, und wissenschaftlich lässt sich eine jenseitige Hölle weder nachweisen noch widerlegen.
Doch eine Form der Hölle kennen wir.
Menschen erleben sie auf dieser Erde.
Krieg kann Hölle sein.
Folter kann Hölle sein.
Missbrauch, Gewalt, Hunger, Einsamkeit und Verzweiflung können Lebenswirklichkeiten erzeugen, für die Menschen seit Jahrhunderten dasselbe Wort verwenden.
Vielleicht besteht eine der tiefsten spirituellen Aufgaben deshalb nicht darin, sich vor einer möglichen Hölle nach dem Tod zu fürchten.
Vielleicht besteht sie darin, keine Hölle für andere zu erschaffen.
Das verschiebt Verantwortung aus einem ungewissen Jenseits zurück in die Gegenwart.
Die Hölle und wer sie erfand – eine unbequeme Antwort
Wer also erfand die Hölle?
Niemand allein.
Nicht Jesus.
Nicht Augustinus.
Nicht die mittelalterliche Kirche.
Nicht Dante.
Das Höllenbild, das sich tief in die westliche Kultur eingebrannt hat, entstand aus vielen Schichten menschlicher Geschichte: aus alten Vorstellungen vom Reich der Toten, aus religiösen Texten und Übersetzungen, aus dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit, aus theologischen Auseinandersetzungen, aus Ängsten, Machtstrukturen, Predigten, Literatur und Kunst.
Augustinus gab der Vorstellung ewiger Strafe enorme theologische Autorität. Das Mittelalter schuf komplexe Systeme von Hölle, Fegefeuer, Sünde und Erlösung. Dante und Künstler wie Bosch gaben der Hölle Bilder, die Menschen bis heute verstehen.
Aber keine dieser Stationen allein erklärt ihre Entstehung.
Gerade deshalb lohnt sich die historische Aufklärung.
Denn sobald wir verstehen, wie religiöse Vorstellungen entstanden sind, müssen wir sie nicht mehr behandeln, als seien sie unveränderlich vom Himmel gefallen.
Dann dürfen wir fragen.
Wir dürfen unterscheiden.
Wir dürfen zweifeln.
Und wir dürfen eine Spiritualität suchen, in der Verantwortung nicht aus Angst entsteht, sondern aus Bewusstsein.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Befreiung von der Hölle.
30.05.2024
Uwe Taschow
Über den Autor Uwe Taschow
Als Autor denke ich über das Leben nach. Eigene Geschichten sagen mir wer ich bin, aber auch wer ich sein kann. Ich ringe dem Leben Erkenntnisse ab um zu gestalten, Wahrheiten zu erkennen für die es sich lohnt zu schreiben.
Das ist einer der Gründe warum ich als Mitherausgeber des online Magazins Spirit Online arbeite.
“Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.”
Albert Einstein




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