Reise nach Innen – Arzt, Mystiker & Künstler Wladimir Lindenberg

meditative silhouette einer frau im abendrot im meer

Reise nach Innen
Arzt, Mystiker & Künstler
Wladimir Lindenberg
(1902 – 1997)

Wladimir Tschelistscheff Lindenberg wurde am 16. Mai 1902 in Moskau geboren, verbrachte im patriarchalischen Russland auf dem Landsitz seiner Familie eine behütete Kindheit und Jugend. Nach der Revolution 1918 und einer abenteuerlichen Flucht fand er in Deutschland eine zweite Heimat.
In Bonn studierte er Medizin und Psychologie und bereiste als junger Arzt Afrika und Südamerika. 1930 wurde er Assistent und später Oberarzt bei dem „Vater der Hirnverletzten“ Professor Dr. Poppelreuter.

Unmittelbar nach meiner Rückkehr von meiner USA-Reise meldete ich mich am 13. März 1997 bei unserem Freund Wolodja telefonisch zurück und berichtete vor allem von meinem Besuch bei Sri Eknath Easwaran (1910 – 1999) in Tomales, Kalifornien, und er teilte meine Freude, da auch er ein großer Verehrer dieses indischen Meisters war.
Nur wenige Tage später starb Wladimir Lindenberg; am 18. März 1997 um 5:55 Uhr morgens in seinem Berliner Häuschen, 8 Wochen vor seinem 95. Geburtstag.

Eine der gewaltigsten Stellen in Lindenberg`s Buch „Himmel in der Hölle

(er ist Autor von über 35 Büchern) ist die Darstellung dessen, wie er, den Folterknechten Adolf Hitlers ausgeliefert, wochenlange Dunkel-Einzelhaft übersteht. Er übersteht sie nicht nur, er verlässt sie sogar gestärkt. Er konnte die Zeit in Meditation und Gebet verbringen, konnte sich imaginär in alle Räume versetzen, die ihm in seiner Kindheit nahe gewesen waren, die ihn innerlich in den Jahren bis zum Konzentrationslager mit der Heimat verbunden hatten.

Von 1947 – 1959 war Wladimir Lindenberg Chefarzt im evangelischen Waldkrankenhaus in Berlin-Spandau. Bis kurz vor seinem Tode praktizierte er noch in Berlin als Nervenarzt und Betreuer der Hirnverletzten; außer-dem hielt er allmonatlich einen geisteswissenschaftlichen Vortrag im Urania-Palast, zu dem bis Januar 1997 im Durchschnitt 800 Zuhörer kamen.

Einer der prägenden Vorfahren von Wladimir Lindenberg

war der erste russische Rosenkreuzer. So hatte der junge Wladimir bereits im Alter von 13 Jahren ein Weisheitswissen übertragen bekommen, welches Grundlage seines gesamten Lebens wurde.

Wladimir Lindenberg, der sprachbegabte Kosmopolit (bereits im Alter von 11 Jahren hatte er mit seiner Mutter Asien bereist und ZEN-Meister und Rishis in großer Zahl erlebt) kannte die Zusammenhänge der Religionen und Weltanschauungen und hatte in vollkommener Stille eine ungeheure Persönlichkeitsbildung erfahren. Seinen vielen engen Freunden (u.a. Martin Buber, Sergei Prokofieff, Erzherzog Ferdinand von Habsburg, Gerschom Sholem, Otto von Simson) hat er Zugang zum Heiligen, Ver-borgenen, Mystischen verschafft und durch sein Leben und Wirken den Weg für das neue geistige Zeitalter mitbereitet.

In Bonn, Anfang der 1920-er Jahre, hatte Wladimir Lindenberg angefangen auch als bildender Künstler tätig zu sein. Am liebsten hätte er, wie die Malermönche in den Klöstern, Ikonen gemalt. Er hatte sich viel mit der Geschichte und der Kunst der Ikonenmalerei befasst. Aber es schien ihm vermessen, sein Zimmer mit sakralen Dingen zu schmücken.

So beschloss er, die alte Tradition der byzantinischen Bildwirkerei in veränderter, moderner Form, aber aus dem alten Geist auf-zunehmen. Sein erstes Bild war die Darstellung des Heiligen Abendmahls.
Die Verknüpfung des stillen besinnlichen Aneinanderreihens von farbigen Fäden, die sich zu Flächen ausbreiteten, mit den immer sich vertiefenden, hin und her gehenden Gedanken, erfüllten ihn ganz von innen her. Er war wie ein Malermönch in einem entlegenen Kloster.

Nicht nur Bildteppiche hatte Lindenberg aus seinem geistig-religiösen Kunstempfinden heraus geschaffen. Er hat auch selbst Fresken gemalt. In der Nazizeit hatte er sich im Ahrtal bis zur Verhaftung 1936 eine Zuflucht geschaffen und selbst ausgemalt. Er malte einen auferstandenen Christus, jenen Christus, der dem orthodoxen Christen so viel näher ist als der Gekreuzigte (das zentrale Symbol der katholischen und evangelischen Christen, an dem sich Bede Griffiths so sehr störte).

Wladimir Lindenberg sagte:

Der noch naturgebundene östliche Mensch erlebt die diesseitige sowie die geistige Welt mit den Sinnen. Wenn er den kirchlichen Raum betritt, betritt er damit den Vorraum zum Paradies.“

Es ist das große Verdienst von Wladimir Lindenberg, dass er diese mit eigenen Sinnen erlebte Wirklichkeit in Sprache umgesetzt hat – als Russe in unsere deutsche Sprache – und sie uns vermittelt. Sie enthält Gültiges, dessen wir in der Gegenwart bedürfen.

Verheiratet war Lindenberg mit der Konzertpianistin und Bildhauerin Dolina Gräfin von Roedern-Lindenberg (1887 – 1966); Eheschließung: 19. März 1947.
In seinem Buch „Über die Schwelle. Gedanken über die letzten Dinge“ (München 1972) schrieb der damals 70-jährige Lindenberg:

Es ist gut, wenn wir lernen, den Tod als eine Wirklichkeit unseres Seins in unser Leben hineinzunehmen. Nicht in ständigen Gedanken an das große Unbekannte, das dann folgt; nicht mit Angst, nicht mit Ressentiment über die Trennung von all denen und dem, was uns lieb und teuer ist.

Alle Werke von Lindenberg habe ich eingehend studiert, wobei mich sein leider vergriffenes Buch „Riten und Stufen der Einweihung“ besonders beeindruckt hat.
Lindenberg schreibt als Dank und abgedruckte Widmung zu Anfang des Buches:

Den Eingeweihten, die mich führten,
in Dankbarkeit zugeeignet:

  • meinem Vater Sascha, Aleksandr Sergejewitsch Tschelistschew-Krasnosselski, der mich in die Weisheiten der Religionen einführte,
    meiner Mutter Jadwiga, die mich lehrte, das Leben, jede Kreatur zu lieben und zu achten,
  • meiner Njanja, die, mit der Mutter Erde verbunden, ihre Geister sah, die mit Pflanzen und Steinen wissend verbunden war,
    Nikolai Iwanowitsch Buturlin, der mich den Weg nach Innen, die Exerzitien der Verinnerlichung lehrte,
  • Leo Tolstoi, von dem ich das wirkliche, einfache Christentum erfuhr,
    Paramahansa Yogananda, meinem Lehrer der östlichen Weisheit,
    Jesuitenpater Gebhard Graf Stillfried, dem wahren Christen

und meinen Urvätern

  • dem Rosenkreuzer Iwan Petrowitsch Tschelitschew-Krasnosselski (gest. 1779), in dessen Strahlungsfeld ich eine Weile leben durfte, und
    Aleksei Stepanowitsch Chomjakow, dem brennenden Christen (1804-1860).

Auf den Seiten 105-106 schreibt Lindenberg:

In den 1920-er Jahren reisten Abendländer auf der Suche nach geistigen Lehrern nach Indien. Paul Brunton und Hans Hasso von Veltheim-Ostrau saßen zu Füßen des großen Ramana Maharshi in Tiruvannamalai. Andere besuchten die Ashrams des Mahatma Gandhi oder die Sri Aurobindos oder des Swami Dhirendra Bramachari.

Das besondere Merkmal der Yogalehre und der brahmanischen und hinduistischen Religion ist, dass sie tolerant ist und an keinen Grenzen halt macht. Jeder Gottessohn ist auch ihr Gott. So sind die Übungen nicht gebunden an bestimmte religiöse Vorstellungen. Darum gerät ein Christ, der sich diese Übungen zueigen macht, nicht in Konflikt mit seiner Kirche.

Trotzdem haben die christlichen Kirchen sich dem Eindringen dieser Lehre widersetzt. Aber dann erschien das Buch „Yoga für Christen“ vom katholischen Pater Déchanet mit Genehmigung der kirchlichen Instanzen, und damit war das Hindernis beseitigt. Jetzt können Mönche in ihren Klöstern sich solchen Übungen und der Meditation, die allerdings ein uraltes Gut aus der christlichen Kirche ist, hingeben. Die beste Interpretation der islamischen Mystik stammt aus den Kreisen des Karmeliterordens, und der beste Interpret und Lehrer des ZEN ist der Jesuitenpater Enomiya-Lassalle…..

Wladimir Lindenberg war vielen großen Persönlichkeiten begegnet

und mit vielen von ihnen sehr eng befreundet. Aber Enomiya-Lassalle, Bede Griffiths und Raimon Panikkar kannte er nur aus Büchern und Erzählungen. Es war mir und uns ein Bedürfnis und Anliegen, alle 3 zu Lindenberg nach Berlin zu führen.

LINDENBERG Griffiths und Jane Berlin 8. Oktober 1991
LINDENBERG Griffiths und Dr.med. Christiane May-Ropers | Berlin 8. Oktober 1991 Foto ©by Roland R. Ropers

Der erste Besuch war mit dem Jesuitenpater und ZEN-Meister H.M.
Enomiya-Lassalle (1898 – 1990) am 5. September 1988 – ein unvergessliches Erlebnis. Lindenberg war damals schon aufgrund einer sehr schweren und schmerzhaften Rückenerkrankung an Rollstuhl und Bett gefesselt.. An jenem Tag signierte Pater Lassalle das druckfrische und aller-erste Exemplar seiner Bild-Text-Biographie „Mein Weg zum ZEN“, die ich in 18-monatiger Recherche-Arbeit zusammengestellt und herausgegeben hatte.

Pater Enomiya-Lassalle war von der Begegnung mit dem Mystiker Lindenberg tief beeindruckt.
Im Februar 1991 waren wir mit unserem damals einjährigen Sohn Benedikt bei Wolodja und am 8. Oktober 1991 flogen wir mit Bede Griffiths nach Berlin. Wladimir Lindenberg bezeichnete später diese Begegnung als Höhepunkt seines Lebens und schrieb unmittelbar danach einen Brief an Bede Griffiths; auf dem Umschlag stand: „Seine Heiligkeit“.

Den wunderschönen Text-Bildband über die Stationen seines Lebens

widmete mir Wladimir Lindenberg bei unserem Besuch am 10. Februar 1994 mit den Worten:

Meinem lieben Freund und Gesinnungsgenossen Roland Romuald Ropers – einer der acht Weisen, auf dem diese Welt steht – gewidmet.

Sein 1975 erschienenes Buch „Mysterium der Begegnung“ hat mich zutiefst beeindruckt:

Der Mensch von heute weiß kaum noch, was eigentlich Begegnung ist, obwohl er täglich und stündlich Begegnung unterworfen ist. In seiner Schnelllebigkeit und Ichbezogenheit ist sein Organ für die feinen und groben Dinge, die ihn umgeben, die auf ihn zukommen, die ihn berühren, ihn manchmal abstoßen oder von ihm wegstreben, verkümmert…

LINDENBERG Widmung fuer Roland Februar 1994
LINDENBERG Widmung fuer Roland Februar 1994

Ein Jahr vor Wolodjas Tod waren wir zusammen mit Benedikt nochmals in Berlin. Er war damals fast 94 Jahre alt. Mit Datum vom 18. März 1996 schreibt er unserem 6-jährigen Sohn wenige Zeilen per Hand – ein besonderes Dokument.
Genau ein Jahr später stirbt der Arzt und Mystiker am 18. März 1997 in seinem kleinen Häuschen in Berlin.

Wladimir Lindenberg
Auszug aus seinem 1992 in Salzburg erschienenen Buch:
Reise nach Innen

All die Dinge des Heute dauern nur eine Sekunde, und alles befindet sich in ständiger Veränderung. Das einzige, was ewig ist, ist der Kosmos, ist die Seele und der Geist des Menschen. Natürlich muss es Politiker und Verwalter geben – sie sind vergänglich –, aber die Welt kann am wenigsten ohne die Weisen, ohne die Heiligen, die Beter existieren. Man sieht sie nicht, man hört nichts von ihnen, doch sind sie wirklicher als alle anderen, denn sie sind die einzig Beständigen.
Der Weise ist wie die Erde und der Himmel, er unterliegt zwar wie jeder Mensch dem Alter, der Krankheit und dem Tode, aber er ist unerschütterlich und lässt sich durch keine Schicksalsschläge aus dem Gleichgewicht bringen. Allein durch sein Sein wird er zum Beispiel für viele andere. Er hat seinen Geist so weit geschult, dass sein Wort, sein Gedanke, sein Rat, sein Gebet eine außerordentliche Kraft haben.

Warum soll er sich mit den kleinen Dingen der Tagesabläufe beschäftigen? Ob Krieg ist oder nicht – an irgendeiner Ecke dieser Welt ist immer Krieg und immer mordet einer den anderen. Doch es sind die wenigsten, die durch Messer, Revolver oder Gift gemordet werden; viel größer ist die Zahl jener, die langsam durch Hass, Neid, Missgunst, Lieblosigkeit, Misstrauen und Verleumdung gemordet werden, aber diese Morde stehen nicht in den Zeitungen. Heute steht dies drin und morgen etwas anderes und so fort. Und du kannst zum Spaß eine Zeitung aus dem Jahre 1793 vornehmen und jemandem vorlesen; wenn du die passende Stelle aussuchst, wird man meinen, das sei heute geschehen. Wenn du glaubst, du müsstest die Zeitung lesen, tue es bitte und bilde dich daran, aber wisse im Hintergrunde, dass im Angesicht der Ewigkeit und des Weges, den die Menschheit zu gehen hat, nicht die Tagesereignisse zählen, sondern der Grad der inneren Entfaltung, den jeder erreicht, und je weiter er sich entfaltet, um so mehr zählen die inneren Werte und nicht die Tagesgeschehnisse…

Sein Buch „Reise nach Innen“ hatte Wladimir Lindenberg seinen engen geistigen Freunden gewidmet, u.a. Sergej Prokofjew, Erzherzog Ferdinand von Habsburg, Otto von Simson, Martin Buber, H.M. Enomiya-Lassalle S.J., Bede Griffiths O.S.B., Gerschom Scholem, Professor Dr. Nikolai Arsenjew, Roland R. Ropers.

14.08.2020
Roland R. Ropers

 


Über Roland R. RopersRoland-Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
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Sie sind Künstler, Wissenschaftler, politische Aktivisten, Mönche die von Gott erfüllten Menschen, die auch heute etwas aufleuchten lassen von der tiefen Erfahrung des Ewigen. Und oft sind sie alles andere als fromm.

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