REMOTION – Was bedeutet die Rückkehr zum inneren Ursprung des Menschen?
Innerer Ursprung des Menschen wird heute kaum noch wahrgenommen, weil unsere Aufmerksamkeit fast vollständig nach außen gerichtet ist. Dieser Beitrag zeigt, warum echte Spiritualität eine Rückbewegung in die eigene Tiefe erfordert – eine Remotion zum Wesenskern.
Diese Wesensnatur ist unveränderlich und entzieht sich Gedanken, Emotionen und äußeren Einflüssen. Spirituelle Entwicklung bedeutet daher nicht, etwas Neues zu erreichen, sondern sich an das zu erinnern, was im Innersten immer schon gegenwärtig ist.
REMOTION – Rückkehr in den Urgrund
Jeder ist mit dem Begriff „Emotion“ vertraut (lat.: emovere = herausbewegen). Problematisch wird es, wenn wir Emotionen mit tieferem Empfinden verwechseln. Wir sind ständig in Bewegung, werden permanent motiviert – getragen von einer äußeren Dynamik, die kaum noch zur Ruhe kommt.
Unser Planet Erde kreist mit einer Geschwindigkeit von über 100.000 km pro Stunde um die Sonne, und wir spüren dies überhaupt nicht.
Der Mensch hat sich auf paradoxe Weise dieser permanenten Beschleunigung angepasst: Alles muss „high speed“ sein, selbst die tägliche Nahrungsaufnahme wird zum „fast food“. Ursprüngliches, was aus der Tiefe unseres Seins kommt, wird kaum noch berührt. Die Befriedigung findet an der Peripherie des Lebens statt, wo zentrifugale Kräfte wirken – Kräfte, die vom Wesenskern wegführen.
Diese Bewegung nach außen entfernt den Menschen zunehmend von sich selbst. Die Rückkehr in den inneren Ursprung des Menschen wird dadurch nicht verhindert – aber überlagert.
Das englische Wort „remote“ (entfernt) weist unbeabsichtigt auf diese Entwicklung hin. Doch worum es eigentlich geht, ist „Remotion“: die Rückwärtsbewegung in den Urgrund.
Der Urgrund in der Weisheit der Upanishaden
Über diesen Urgrund lesen wir in der Mundaka-Upanishad:
„Wie aus einem lodernden Feuer Tausende von Funken, dem Wesen nach dem Feuer gleich, hervortreten, so geht aus dem Unvergänglichen die Vielfalt der Wesen hervor und geht auch darin wieder ein. […] Das ist das Wahre, das Unsterbliche.“
Der innere Ursprung des Menschen erscheint hier nicht als Idee, sondern als lebendige Wirklichkeit, aus der alles hervorgeht und in die alles zurückkehrt.
Innerer Ursprung – Innere Verwurzelung statt äußerer Beschleunigung
Wir benötigen heute mehr denn je eine tief-innere Verwurzelung – eine Rückbindung an das, was uns im Innersten trägt. Der Ursprung unseres Wesens liegt nicht im Außen, sondern verborgen in uns selbst.
Im Schweigen können wir in diese Tiefe hineinhorchen. Diese Praxis ist keine Flucht, sondern eine Rückkehr. Sie bringt jene Gaben an die Oberfläche, die im Unterbewusstsein verborgen lagen.
Ohne die Verbindung zum inneren Ursprung des Menschen bleibt jede äußere Entwicklung letztlich fragmentarisch.
Im Schweigen sitzen gleicht einer Schatzsuche: Wir öffnen uns für unsere eigenen inneren Horizonte. Hier beginnt Erkenntnis nicht als Wissen, sondern als Erfahrung.
Bodhisattva – Erwachen und Verantwortung
Der Begriff „Bodhisattva“ wird oft unterschiedlich interpretiert. „Bodhi“ bedeutet Erwachen oder vollkommene Erkenntnis. Ein Bodhisattva ist ein Mensch, der aus dieser Erkenntnis heraus lebt.
Gautama Siddharta saß unter dem Bodhi-Baum und erlangte nach intensiver Meditation Erleuchtung. Dieses Erwachen ist keine Abhebung von der Welt, sondern eine tiefere Verankerung im Sein.
Interessant ist auch die sprachliche Dimension: Das englische Wort „body“ (Körper) geht auf „bodig“ zurück – was ursprünglich „Grund“ oder „Boden“ bedeutet.
Erleuchtung hat daher immer auch mit Bodenhaftung zu tun.
Die spirituelle Bedeutung von Bodenhaftung

Das Sitzen auf dem Boden ist mehr als eine äußere Haltung. Es ist ein Ausdruck innerer Rückverbindung. Wer wirklich „auf dem Boden“ ist, ist nicht getrennt, sondern verbunden.
In einer Zeit globaler Krisen zeigt sich etwas Bemerkenswertes: Immer mehr Menschen beginnen, diese innere Bodenhaftung wiederzuentdecken – eine stille Rückkehr zum eigenen Ursprung.
Es entsteht ein unsichtbares Netzwerk von Bewusstheit, das den zerstörerischen Kräften unserer Zeit eine andere Qualität entgegensetzt.
Die Weisheit des Tao Te King
„Was fest verwurzelt ist, kann nicht ausgerissen werden. […] Pflege dies in der Welt, und überall wird Tugend sein.“
Diese Worte verweisen auf eine einfache Wahrheit: Transformation beginnt nicht im Außen, sondern im Inneren – im Kontakt mit dem eigenen Ursprung.
REMOTION als Antwort auf die Krise der Gegenwart
Die großen Herausforderungen unserer Zeit sind nicht nur äußere Krisen. Sie sind Ausdruck einer inneren Entfremdung.
REMOTION – die Rückkehr zum inneren Ursprung des Menschen – ist daher kein philosophisches Konzept, sondern eine existentielle Notwendigkeit.
Erst wenn der Mensch wieder in seinem Ursprung verankert ist, kann er der Welt aus Klarheit, Verantwortung und Verbundenheit begegnen.
Weiterführende Impulse
👉 Spiritualität verstehen – was sie wirklich bedeutet
👉 Meditation und Bewusstsein – Wege nach innen
👉 Innere Ruhe finden in einer beschleunigten Welt
👉 Bewusstsein und Gesellschaft – Verantwortung leben
Im 54. Kapitel des „Tao Te King“ von Lao Tse lesen wir:
„Was fest verwurzelt ist, kann nicht ausgerissen werden.
Was festgehalten wird, kann nicht entgleiten.
Darum ehren die nachfolgenden Generationen ihre Ahnen.
Pflege dies in dir selbst, und deine Tugend wird Wirklichkeit.
Pflege dies in der Familie, und auch sie wird Tugend haben.
Pflege dies im Dorf, dann wird auch dort Tugend wachsen.
Pflege dies im ganzen Land, und es wird voller Tugend sein.
Pflege dies in der Welt, und überall wird Tugend sein.
Erkenne die Person an der Person, die Familie an der Familie,
die Stadt an der Stadt, das Land am Land, die Welt an der Welt.
Woher weiß ich, dass die Welt so ist?
Eben dadurch.“
17.04.2026
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist
Über Roland R. Ropers
Roland R. Ropers – Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher und Autor
Roland R. Ropers ist ein deutscher Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher und Begründer der Etymosophie. Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt er sich mit grundlegenden Fragen von Spiritualität, Bewusstsein, Religion und der inneren Entwicklung des Menschen.
Im Zentrum seiner Arbeit steht die Verbindung von spiritueller Erfahrung, philosophischer Reflexion und der Erforschung der ursprünglichen Bedeutung von Sprache. Mit der von ihm entwickelten Etymosophie untersucht Roland Ropers die tieferen Sinnschichten von Worten und Begriffen und erschließt deren spirituelle Dimension.
Als autorisierter Kontemplationslehrer begleitet er Menschen auf dem Weg zu innerer Stille, Selbsterkenntnis und spiritueller Orientierung. In seinen Büchern, Vorträgen und Seminaren verbindet er mystische Traditionen, philosophische Einsichten und aktuelle Fragen des menschlichen Bewusstseins.
Roland Ropers ist international als Referent tätig und veröffentlicht regelmäßig Beiträge über Spiritualität, Bewusstsein, Mystik und die spirituelle Dimension menschlicher Erfahrung.
Ein zentrales Motiv seines Denkens ist die Rückkehr zur Stille und zur unmittelbaren Erfahrung des Seins.
Sein Leitsatz lautet:
„Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.“
Themenschwerpunkte:
- Mystik und christliche Spiritualität
- Vergleichende Religionsphilosophie
- Interreligiöser Dialog und Weisheitstraditionen
- Spirituelle Sprachforschung und Etymosophie
- Bewusstsein, Kontemplation und innere Erfahrung
Autor auf Spirit Online seit: 2019
Gastautor / Autor für spirituelle Essays und philosophische Beiträge
Buch Tipp:

Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle
von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu
Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.


