Spirituelle Geschichten – Die Füsse der Mönche

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Moenche-Carl-Franz-Monks-feetDie Füsse der Mönche

Über der Menschenmenge von Touristen und Einkäufern ragte ein Mann in Kostüm. Er schwankte auf Stelzen, die geschickt unter den angemessen langen Hosenbeinen versteckt waren, schwenkte dem verdatterten Publikum seinen Dreispitz zu und machte eine Ansage.

„Geniessen Sie heute Abend eine Gespenster-Tour durch York“ rief er.

Allmählich brachte ihn sein unbeholfener Gang auch zur Kirchenwand neben der ich stand. Er strahlte von seinem wackeligen Hochstand auf mich herab.

„Darf ich vorstellen: die Gespenster-Tour von York“ sagte er grinsend und reichte mir schwungvoll ein A4-Blatt. Ich lächelte und nahm das angebotene Werbeprospekt entgegen und ließ ihn weiter  die Menge durchwaten.

Dann wandte ich meinen Blick wieder der niedrigen Mauer zu, welche die Kirche umgab und schaute auf die endlose Armee von hastigen Füssen, die im Schnellschritt um sie herum marschierten. Die alten Steine hielten dem ganzen, trotz ihrer müden und verwitterten Erscheinung, bewundernswert stand und lenkten den Touristenstrom weg von dem winzigen Friedhof und hin zu den maurischen Köstlichkeiten von York’s Schokoladen Manufaktur.
Es blieb unausweichlich, dass jüngere und unternehmungslustigere Füße mühelos die Barriere übersprangen und, mit dem Smartphone in der einen und dem Eis in der anderen Hand, über die flachen Grabsteine rannten, während sie den übrigen Teilnehmern ihrer Gruppe hinter her riefen, dass sie warten sollten.

Ich glaube nicht, dass es den Bewohner des Friedhofs etwas ausmachte, oder dass sie die bunten, unbekümmerten Eindringlinge überhaupt bemerkten. Immerhin hatte die kleine Kirche aus dem zwölften Jahrhundert die Reformation von Heinrich dem VIII, die Kanonen und Musketen der Rundköpfe und Kavaliere und zwei sehr dunkle Weltkriege überstanden; das leichte Getrappel von modernen Sportschuhen während der Ferien-Saison war im Vergleich dazu lächerlich.

Gott sei Dank war York heutzutage ein friedlicher, freundlicher Ort und als ob er diese Tatsache  betonen wollte, begann in diesem Augenblick ein Straßenmusikant auf seiner Gitarre zu spielen und sich die Seele aus dem Leib zu singen. Ich kannte das Lied irgendwo her, konnte mich aber nicht daran erinnern wie es hieß; der Name kam mir einfach nicht in den Sinn obwohl es mir so vertraut war!

Der Menschenstrom, der an mir vorbeifloss, verebbte zu einem Rinnsal. Der Musikant hatte sein Publikum gefunden, wie es schien, und mir damit unbeabsichtigter Weise, die Gelegenheit verschafft den alten Steinplatten-Weg, der zur Kirche führte, ungestört zu studieren.

Die grauen Natursteine schienen etwas weicher zu werden als ich mich ihnen öffnete und meine Hände fingen an erwartungsvoll zu summen.

Acht Jahrhunderte lang hatte dieser Weg die Yorkshire Witterung über sich ergehen lassen, von spitzem Hagel bis zu wohltuendem Sonnenschein. Jetzt schob diese Vergangenheit jedoch zusammen wie ein Teleskop und es tauchte die vage Erinnerung an einen einzigen Tag auf, an dem sich Schritte in rhythmischer Meditation auf die Kirche zu bewegt hatten.

Raum und Zeit legten ihre Verschiedenheit ab und verschmolzen zu einer Erinnerung an bewegte Formen. Die Lederriemen mittelalterlicher Sandalen tauchten auf und zwischen ihnen blasse, nackte Haut. Über den Barfüßen konnte ich noch die Köchel erkennen aber oberhalb davon verschwand alles abrupt im Nichts. Obwohl ich ihr Auftauchen erwartete, blieben der übrige Teil der Beine und auch die Kutten völlig unsichtbar.

Sangen die Mönche beim Gehen? Läutete eine Vesperglocke um sie zum Gebet zu rufen? Ich besitze nicht die Gabe sie zu hören, ich bin einfach nur dankbar, dass der alte Steinplattenweg die Eindrücke gespeichert hat, die für ihn am nächsten und am stärksten waren.

Ich hoffte, dass die Füße der Mönche noch lange als Echo erklingen und vielleicht eines Tages auch von anderen gehört werden würden.

Die schmale Straße füllte sich wieder mit neuen und aufgeregteren Füssen und ich wurde von einem Durcheinander faszinierender Fremdsprachen umgeben. Es war Zeit für mich Platz zu machen und in das gemütliche kleine Café umzuziehen, das um die Ecke lag. Es ist immer sehr gut besucht aber selbst an den ruhigeren Tagen, gibt es dort mehr Gäste als das Personal vermutet.

22.04.2018
© Carl Franz
Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Wider
www.themindofmishka.weebly.com

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