Einheitsgeschmack philosophischer Begriff im Advaita

yogi unendlichkeit

Einheitsgeschmack der spirituellen Realisation

“Einheitsgeschmack” ist einer der zentralen philosophischen Begriffe im Advaita der Siddhas. Dieser Begriff bedeutet in diesem Kontext, dass alles gleich empfunden wird: Inneres und Äußeres, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, gut und böse, richtig und falsch, rein und unrein, das, was gefällt, sowie das, was nicht gefällt, der Zustand während und der nach der Meditation, Samsara und Nirwana.

Wenn ein Yogi das Prinzip des Einheitsgeschmacks für sich erschließt, gelangt er ohne Mühe in die Einheitssphäre.

Einheitssphäre

Zeit, Raum, Ursachen und Wirkungen gehen von der Einheitssphäre des Bewusstseins aus. Von der höchsten Quelle, die vom Yogi im Samadhi, im tiefen Zustand der Nondualität, als sein eigenes Bewusstsein in dessen ursprünglicher Reinheit erfahren wird.

„Dieses ganze Universum, das aus dem Manifestierten und dem Unmanifestierten besteht, entsteht aus ihm (Brahman, transzendentales Bewusstsein). Es besteht in ihm und wird in ihm aufgelöst“
(Avadhuta Dattatreya, „Tripura Rahasya“, Kap. 11)

Die höchste Quelle wird vom Subjekt im Moment des Samadhi (des überbewussten Zustandes), der Selbstuntersuchung, als nonduales Erlebnis des „Ich bin“ in seiner ganzen Tiefe und Fülle erkannt.
Ein Yogi, der das nonduale Bewusstsein erreicht hat, findet darin den Schlüssel zu einer einheitlichen Sicht des Raums und der Zeit. Er betrachtet sie als von der Einheitssphäre, der Quelle des Bewusstseins und höchsten Quelle, ausgehend.

„Durch das Wissen, das durch die Selbstuntersuchung entstanden ist, lehne beides, Mikrokosmos und Makrokosmos, als nicht real ab. Und indem Du in der unerschütterlichen Stille verweilst, bleibst Du in ewiger Ruhe und vollkommener Glückseligkeit als das unendliche Absolute.“
(Sri Adi Shankaracarya, „Vivekachudamani“)

Wie kann man den Einheitsgeschmack für sich erschließen?

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Nur indem man richtiges Gewahrsein und Selbstbefreiung übt. Wenn wir im richtigen Gewahrsein sind, erkennen wir das Gefühl des „Ich bin“ und befreien unsere mentalen Interpretationen sowie unsere Bewertungen aller Wahrnehmungen (Gedanken, Emotionen, Wünsche, äußere Situationen). Wenn wir sie mit nacktem Gewahrsein betrachten, dann verstehen wir allmählich, dass Annehmen und Ablehnen, Gefallen und Nichtgefallen nicht etwas Verschiedenes sind, sondern lediglich Projektionen ein und desselben Zustandes.

Zum Beispiel befindet sich an einem Pol etwas, das uns gefällt (ein Bild, Musik). Und am entgegengesetzten Pol gibt es etwas Furchtbares, Abstoßendes, Schlechtes, etwas Widerwärtiges. In Wirklichkeit befindet sich beides auf einer Linie, die ein und dieselbe Substanz der Wahrnehmung ist.

Wenn wir keine mentalen Bewertungen und Etikettierungen projizieren und keine Urteile fällen würden, wenn wir versuchen, uns von Annahme und Ablehnung zu abstrahieren, und in einen dritten Zustand zu gelangen, indem wir das, was uns gefällt oder auch nicht, einfach mit nacktem Gewahrsein betrachten, ohne Wertungen und Urteile, ausgehend von dem reinen Empfinden des „Ich bin“. Dann finden wir uns in einer dritten Position wieder, so als würden wir über dem, was uns gefällt oder nicht gefällt, stehen. Im Zustand eines reinen Sakshas, eines reinen Beobachters.

Für diesen Zeugen sind beide Situationen gleichwertig. Wenn wir diese Gleichheit feststellen und uns von den beiden Polen (Gefallen und Nichtgefallen) abstrahieren, dann gelangen wir in diesen dritten Zustand, in das Ursprungsgewahrsein. Das Herausfiltern des Ursprungsgewahrseins, des reinen Seins des „Ich bin“ ohne mentale Bewertungen und Interpretationen, ist die Methode, den Einheitsgeschmack zu erreichen.

Vereinigung mit der Einheitssphäre


In die Einheitssphäre hineinzugelangen bedeutet, aus der Bindung durch die linearen Begriffe der Subjekt-Objekt-Beziehungen, des Ursache-Wirkungs-Gesetzes, der drei Zeitkategorien (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) herauszutreten. Ebenso aus den drei räumlichen Dimensionen sowie aus der Dimension des Dualismus von gut und böse, richtig und falsch, rein und unrein, des Inneren und Äußeren, Leben und Tod usw. und zu beginnen, mit solchen Begriffen wie Ewigkeit, Unendlichkeit, Nondualität ohne Subjekt und Objekt, spontanes, unbegreifliches Spiel jenseits von Ursache und Wirkung sowie „Einheitsgeschmack“ aller Phänomene zu operieren.

„Der Kenner Brahmans, der schon in diesem Körper zur Befreiung gelangt ist, wird durch Anhaftungen und Ablehnungen, Freude und Leid, günstige und ungünstige Erscheinungen, die für einen gewöhnlichen Menschen, der an den Körper haftet, natürlich sind, nicht berührt.“
(Sri Adi Shankaracarya, „Vivekachudamani“)

Indem er den Begriff der „Einheitssphäre“ in seine karmische Sicht (sein psychologisches Weltbild, seine Aufzählung semantischer Bedeutungen) aufnimmt, verändert der herausragende Yogi sein Bild über sich als Mensch, das durch Körper, Raum und Zeit begrenzt ist, radikal und nimmt die Position des Zentrums der Raum-Zeit ein; er wird mit der höchsten Quelle des Seins eins.

„Ewig bin ich, körperlos und unauslöschlich. Ich bin Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit. Und in meinem Wesen bin ich jenseits der fünf körperlichen Hüllen. Ich bin nicht der Handelnde und habe keine Beziehung zu den Taten. Genauso wenig habe ich eine Beziehung zum Genuss. Ich bin durch nichts gebunden. Ich bin der höchste Herrscher. Alle Körperorgane arbeiten ununterbrochen aufgrund meiner Anwesenheit in ihnen. Ich habe keinen Beginn, keine Mitte und kein Ende. Ich bin niemals durch etwas gebunden. Meiner Natur nach bin ich klar und rein. Wahrlich, ich, das Brahman, bin – und daran gibt es keinen Zweifel.“
(Sri Adi Shankaracarya, „Betrachtung Brahmans“)

Als Ergebnis dieser Vereinigung wird der Yogi mit den größten Fähigkeiten Besitzer von unendlich vielen Körpern in den unendlichen Dimensionen des Universums, existiert gleichzeitig nicht nur in der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, sondern auch in der unendlichen Vielfalt der variativen zeitlichen Universen.

17.12.2024
Swami Vishnudevananda Giri
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Swami Vishnudevananda Giri Swami Vishnudevananda Giri

Swami Vishnudevananda Giri (Swami Vishnudev) ist ein spiritueller Lehrer in den Traditionen des Advaita Vedanta und des Yogas, ein Sadhu, ein realisierter Meister und Jnani in der Linie des Advaita Vedanta, Philosoph, Theologe und Schriftsteller. Er stammt aus der yogischen Tradition des Sahajayana, des natürlichen Weges der Siddhas, er ist Linienhalter einiger Übertragungslinien des Yogas der Siddhas und spiritueller Meister für viele Schüler in Ost- und Westeuropa, den USA und Indien. Er wurde 1967 in der Ukraine geboren.

Seine spirituelle Praxis und Meditation begannen im Alter von 6 Jahren von selbst, indem er sich intuitiv auf Erinnerungen aus der Vergangenheit stützte. Er hat den Sanatana Dharma als seinen religiösen Weg im Alter von 19 Jahren angenommen. Er absolvierte einige intensive Retreats, deren längstes fast 3 Jahre andauerte. Als Resultat dieses letzten Retreats in den Jahren 1993-1995 erreichte er Samadhi und Realisation.
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