Was ein Bodhisattva im Buddhismus wirklich ist
Ein Bodhisattva gehört zu den faszinierendsten Gestalten des Buddhismus. Meist wird der Begriff mit einem Menschen verbunden, der auf die eigene Erlösung verzichtet, um anderen zu helfen. Diese Erklärung klingt einleuchtend, greift aber zu kurz. Denn ein Bodhisattva stellt das eigene Erwachen nicht einfach zurück. Er verbindet es untrennbar mit dem Wohl aller fühlenden Wesen.
Kurz gesagt: Ein Bodhisattva ist im Mahayana-Buddhismus ein Wesen, das nach vollständigem Erwachen strebt, um anderen Lebewesen auf ihrem Weg aus Unwissenheit und Leiden helfen zu können. Mitgefühl und Weisheit gehören dabei zusammen. Der Bodhisattva-Weg ist deshalb weder reine Selbstverwirklichung noch bloße Selbstaufopferung.
Das Sanskritwort wird häufig als „Erleuchtungswesen“ oder „Wesen des Erwachens“ übersetzt. „Bodhi“ bedeutet Erwachen oder Erkenntnis, „Sattva“ kann mit Wesen wiedergegeben werden. Doch die Bedeutung erschließt sich nicht allein aus der Wortherkunft. Sie entsteht aus einer Haltung: Spirituelle Entwicklung wird nicht als privater Aufstieg verstanden, sondern als Verantwortung gegenüber dem Leben.
Wer den Buddhismus mit seinen verschiedenen Schulen betrachtet, erkennt allerdings schnell, dass der Begriff nicht überall gleich verwendet wird.
Bodhisattva im Theravada und Mahayana

In den frühen buddhistischen Überlieferungen und im Theravada wird die Pali-Form „Bodhisatta“ vor allem für den historischen Buddha vor seinem Erwachen und für seine früheren Existenzen verwendet. Siddhartha Gautama war demnach ein Bodhisatta, solange er auf dem Weg zur vollkommenen Buddhaschaft war.
Im Mahayana wurde dieses Ideal erweitert. Hier kann grundsätzlich jeder Mensch den Entschluss fassen, den Weg eines Bodhisattvas zu gehen. Entscheidend ist nicht, bereits vollkommen erwacht zu sein. Entscheidend ist die Ausrichtung: Erwachen soll nicht nur der eigenen Befreiung dienen, sondern dem Wohl aller Wesen.
Diese Unterscheidung darf nicht zu der falschen Behauptung führen, der Theravada sei auf egoistische Selbstbefreiung ausgerichtet, während allein das Mahayana Mitgefühl kenne. Ethik, Weisheit und Mitgefühl gehören zu allen großen buddhistischen Traditionen. Sie setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte und verwenden teilweise andere Begriffe für den spirituellen Weg.
Auch die verbreitete Vorstellung, ein Bodhisattva müsse auf das Nirvana im Buddhismus verzichten, ist zu pauschal. Im Zentrum steht vielmehr das Streben nach vollständiger Buddhaschaft, um anderen Wesen umfassend helfen zu können. Der eigene Weg und das Wohl der anderen werden nicht gegeneinander ausgespielt.
Bodhicitta: Der Entschluss zum Erwachen
Im Mahayana beginnt der Bodhisattva-Weg mit Bodhicitta. Der Begriff kann als „Geist des Erwachens“ oder „erwachendes Herz“ verstanden werden. Gemeint ist der aufrichtige Wunsch, vollständige Erkenntnis nicht nur für sich selbst, sondern zum Wohl aller fühlenden Wesen zu verwirklichen.
Bodhicitta ist mehr als ein freundliches Gefühl. Gefühle verändern sich. An manchen Tagen fällt uns Mitgefühl leicht, an anderen sind wir erschöpft, verletzt oder mit uns selbst beschäftigt. Bodhicitta bezeichnet deshalb eine tiefere Ausrichtung, zu der ein Mensch immer wieder zurückkehrt.
Das Bodhisattva-Gelübde bringt diese Ausrichtung zum Ausdruck. Seine Formulierungen unterscheiden sich je nach buddhistischer Schule. Der Grundgedanke bleibt jedoch ähnlich: Solange Wesen leiden, soll das eigene Leben zur Verminderung von Unwissenheit, Angst, Hass und Anhaftung beitragen.
Das ist ein nahezu unermesslicher Anspruch. Gerade deshalb sollte das Gelübde nicht als Beweis spiritueller Größe missverstanden werden. Wer sich selbst bereits für besonders mitfühlend oder erwacht hält, kann leicht übersehen, wie viel Eigeninteresse im eigenen Helfen verborgen ist.
Die sechs Paramitas: Mitgefühl braucht Weisheit
Der Bodhisattva-Weg wird im Mahayana häufig durch die sechs Paramitas beschrieben. Sie werden als Vollkommenheiten oder befreiende Fähigkeiten übersetzt:
- Großzügigkeit: geben, ohne Menschen von sich abhängig zu machen oder Anerkennung zu erwarten.
- Ethisches Verhalten: so handeln, dass Leid möglichst nicht vermehrt wird.
- Geduld: Schwierigkeiten, Unsicherheit und die Unvollkommenheit anderer aushalten, ohne in Gleichgültigkeit zu verfallen.
- Tatkraft: das Heilsame beharrlich verwirklichen, auch wenn schnelle Erfolge ausbleiben.
- Meditative Sammlung: den Geist beobachten und lernen, nicht jedem Impuls blind zu folgen.
- Weisheit: Täuschungen, Anhaftungen und die Vorstellung eines völlig getrennten Ichs durchschauen.
Diese Fähigkeiten gehören zusammen. Großzügigkeit ohne Weisheit kann Abhängigkeit fördern. Geduld ohne Klarheit kann dazu führen, dass Unrecht schweigend ertragen wird. Tatkraft ohne Selbstprüfung kann in Aktivismus oder Überforderung enden. Meditation ohne Mitgefühl kann zur spirituellen Selbstbespiegelung werden.
Der Bodhisattva ist deshalb nicht einfach der Mensch, der am meisten gibt. Er versucht zu erkennen, was tatsächlich hilfreich ist. Manchmal bedeutet Mitgefühl, beizustehen. Manchmal bedeutet es, eine Grenze zu setzen. Und manchmal verlangt es, die eigene Hilflosigkeit auszuhalten, anstatt vorschnell eine Lösung anzubieten.
Bekannte Bodhisattvas und ihre Bedeutung
In den Mahayana-Traditionen werden zahlreiche Bodhisattvas verehrt. Sie verkörpern bestimmte Eigenschaften und spirituelle Kräfte. Dabei handelt es sich nicht in jedem Fall um historische Persönlichkeiten im modernen Sinn, sondern um religiöse und symbolische Gestalten buddhistischer Überlieferung.
Avalokiteshvara – universelles Mitgefühl
Avalokiteshvara gilt als Verkörperung des Mitgefühls. In Tibet ist er als Chenrezig bekannt, in China entwickelte sich daraus die häufig weiblich dargestellte Guanyin, in Japan Kannon. Die vielen Arme, mit denen Avalokiteshvara dargestellt wird, symbolisieren die Fähigkeit, das Leiden unzähliger Wesen wahrzunehmen und auf unterschiedliche Weise zu helfen.
Manjushri – Weisheit und klares Erkennen
Manjushri verkörpert die Weisheit. Sein Schwert steht nicht für Gewalt, sondern für die Kraft, Unwissenheit und Täuschung zu durchtrennen. Er erinnert daran, dass Mitgefühl allein nicht genügt. Wer helfen will, muss auch erkennen, welche Ursachen Leiden hervorbringen und welche gut gemeinte Handlung es möglicherweise verstärkt.
Ksitigarbha – Beistand in tiefstem Leiden
Ksitigarbha wird besonders in ostasiatischen Traditionen verehrt. Er ist mit dem Gelübde verbunden, leidende Wesen selbst in den Höllenbereichen nicht aufzugeben. In Japan ist er als Jizo bekannt und wird unter anderem mit dem Schutz von Kindern, Verstorbenen und Reisenden verbunden. Ihn lediglich als „Bodhisattva der Unterwelt“ zu bezeichnen, würde seine Bedeutung verkürzen.
Maitreya – der zukünftige Buddha
Maitreya gilt in buddhistischen Traditionen als zukünftiger Buddha. Sein Name steht in Verbindung mit liebender Güte. Die Gestalt Maitreya verkörpert die Hoffnung, dass die Lehre des Erwachens auch in einer zukünftigen Zeit wieder neu entdeckt und weitergegeben wird.
Diese Bodhisattvas können religiös als wirkende Wesen verehrt oder symbolisch als Qualitäten des menschlichen Bewusstseins verstanden werden. Beides sind Deutungen innerhalb bestimmter Traditionen. Sie sollten nicht als wissenschaftlich beweisbare Aussagen ausgegeben werden.
Siddhartha Gautama auf dem Bodhisattva-Weg
Der historische Siddhartha Gautama wird in frühen buddhistischen Quellen vor seinem Erwachen als Bodhisatta bezeichnet. Seine Suche begann mit der Erfahrung, dass Alter, Krankheit, Verlust und Tod zum menschlichen Leben gehören. Er wollte verstehen, warum Menschen leiden und ob Befreiung möglich ist.
Nach seinem Erwachen wurde er zum Buddha, zum Erwachten. Die Lehre des Buddha über Leiden und Befreiung war nicht nur Ausdruck persönlicher Erkenntnis. Er gab seine Einsichten weiter und gründete eine Gemeinschaft, in der Menschen den Weg selbst prüfen und praktizieren konnten.
Sein Wirken zeigt einen entscheidenden Gedanken des Bodhisattva-Ideals: Erkenntnis endet nicht beim eigenen inneren Frieden. Sie verändert die Beziehung zur Welt. Wer genauer sieht, kann das Leiden anderer nicht mehr einfach als fremdes Problem betrachten.
Eine vertiefende Einordnung seiner Person und spirituellen Bedeutung bietet der Beitrag Buddha, der Erwachte.
Kann jeder Mensch ein Bodhisattva werden?
Im Mahayana steht der Bodhisattva-Weg grundsätzlich allen Menschen offen. Entscheidend ist die Entwicklung von Bodhicitta und die Bereitschaft, Mitgefühl, Weisheit und ethisches Handeln einzuüben. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede hilfsbereite Person automatisch als Bodhisattva bezeichnet werden sollte.
Der Begriff gehört in einen konkreten buddhistischen Zusammenhang. Menschen anderer Religionen oder ohne religiöse Bindung können vergleichbare Werte leben: Gewaltlosigkeit, Fürsorge, Mut, Großzügigkeit und Verantwortung. Es wäre trotzdem ungenau, jede bewunderte Persönlichkeit nachträglich zum Bodhisattva zu erklären.
Niemand muss Buddhist werden, um sich vom Bodhisattva-Ideal berühren zu lassen. Doch Respekt vor einer spirituellen Tradition bedeutet auch, ihre Begriffe nicht vollständig aus ihrem Zusammenhang zu lösen. Aus dem Bodhisattva sollte kein beliebiges Etikett für „gute Menschen“ werden.
Mitgefühl ohne Selbstverlust und Helfer-Ego
Die Vorstellung, immer für andere da sein zu müssen, kann zunächst sehr spirituell wirken. Doch nicht jede Selbstaufgabe ist Mitgefühl. Manchmal verbirgt sich hinter ständigem Helfen der Wunsch, gebraucht, geliebt oder bewundert zu werden. Manchmal vermeiden wir die eigenen Verletzungen, indem wir uns ausschließlich mit den Problemen anderer beschäftigen.
Ein solcher Mechanismus wird im Beitrag über das Helfersyndrom und die Suche nach Bestätigung näher betrachtet. Diese psychologische Seite ist wichtig, weil spirituelle Ideale sonst leicht zur Rechtfertigung von Überforderung werden.
Der Bodhisattva-Weg verlangt keine grenzenlose Verfügbarkeit. Ein erschöpfter Mensch kann anderen kaum mit Klarheit begegnen. Wer die eigenen Grenzen missachtet, läuft Gefahr, irgendwann mit Enttäuschung, Schuldzuweisungen oder heimlichen Erwartungen zu reagieren.
Reifes Mitgefühl achtet deshalb auch auf die eigene Kraft. Es fragt nicht nur: „Wie kann ich helfen?“ Es fragt ebenso: „Ist meine Hilfe erwünscht? Fördert sie die Freiheit des anderen? Oder brauche ich seine Bedürftigkeit, um mich selbst wertvoll zu fühlen?“
Diese Fragen können unbequem sein. Doch gerade darin liegt spirituelle Reifung. Ein Bodhisattva ist kein Retter, der über den anderen steht. Er begegnet ihm als einem Wesen, das dieselbe Würde und letztlich dieselbe Fähigkeit zum Erwachen besitzt.
Das Bodhisattva-Ideal in einer leidenden Welt
Das Bodhisattva-Ideal ist kein privates Wohlfühlprogramm. Es fragt, wie unser Denken, Konsumieren und Handeln das Leben anderer beeinflusst. Wer Mitgefühl ernst nimmt, kann sich nicht nur mit dem eigenen Seelenfrieden beschäftigen, während Menschen, Tiere und Natur unter vermeidbaren Bedingungen leiden.
Das bedeutet nicht, dass ein einzelner Mensch jedes Leid beseitigen könnte. Eine solche Vorstellung wäre überfordernd und anmaßend. Doch jeder Mensch trägt Verantwortung für den Bereich, in dem er tatsächlich handeln kann: für seine Sprache, seine Entscheidungen, seinen Umgang mit Macht und für die Folgen seines Lebensstils.
Mitgefühl ohne gesellschaftliche Wahrnehmung bleibt leicht bei einzelnen Symptomen stehen. Weisheit fragt zusätzlich nach den Ursachen: Welche wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Strukturen vermehren Angst, Gewalt, Ausbeutung und Abhängigkeit? Welche Gewohnheiten unterstützen wir, obwohl wir ihre Folgen längst erkennen?
Auch die buddhistische Vorstellung von Karma als Wirkung von Absichten und Handlungen verweist auf Verantwortung. Karma ist kein Strafsystem. Es erinnert daran, dass Denken, Sprechen und Handeln Bedingungen schaffen – in uns selbst und in der Welt.
Der Bodhisattva-Weg verbindet deshalb innere und äußere Veränderung. Meditation kann helfen, Hass und Angst im eigenen Geist zu erkennen. Doch sie entbindet nicht von der Frage, wie wir anderen begegnen und welche Verhältnisse wir durch unser Verhalten mittragen.
Wie das Bodhisattva-Ideal im Alltag lebendig wird
Die großen Gelübde des Bodhisattva können überwältigend wirken. Im Alltag beginnen sie jedoch oft unspektakulär:
- zuhören, ohne die Geschichte des anderen sofort an sich zu ziehen,
- vor einer Reaktion innehalten und die eigene Absicht prüfen,
- klar widersprechen, wenn Menschen entwürdigt oder ausgegrenzt werden,
- Hilfe anbieten, ohne Kontrolle über das Leben anderer zu beanspruchen,
- Tiere und Natur nicht nur als Mittel für menschliche Bedürfnisse betrachten,
- Fehler eingestehen, ohne sich selbst zu verurteilen oder die Verantwortung abzuwehren.
Keiner dieser Schritte macht einen Menschen vollkommen. Doch sie verändern die Richtung. Bodhicitta beginnt dort, wo wir aufhören, das eigene Wohlergehen vollständig vom Wohlergehen anderer zu trennen.
Der Bodhisattva als Einladung zu reifem Mitgefühl
Die Bedeutung des Bodhisattva liegt nicht in einem spirituellen Titel. Sie liegt in der Verbindung von Erwachen und Verantwortung. Ein Bodhisattva sucht Erkenntnis, damit weniger Unwissenheit wirkt. Er entwickelt Mitgefühl, ohne sich selbst zum Retter zu erklären. Er übt Weisheit, damit sein Handeln nicht nur gut gemeint, sondern tatsächlich hilfreich ist.
Vielleicht müssen wir uns deshalb nicht vorschnell fragen, ob wir selbst Bodhisattvas sind. Die ehrlichere Frage lautet: Wird durch die Art, wie wir denken, sprechen und handeln, etwas mehr Klarheit, Freiheit und Mitgefühl möglich?
Wer den Bodhisattva-Weg weiter vertiefen möchte, findet in unseren spirituellen Buchempfehlungen zum Buddhismus unter anderem Shantidevas klassischen Text Der Weg des Bodhisattva.
Quellen und weiterführende Informationen
- Deutsche Buddhistische Union: Buddhismus an deutschen Schulen
- Study Buddhism: Was ist ein Bodhisattva?
- Tricycle: Practices of a Bodhisattva – The Six Paramitas
Artikel aktualisiert
21.07.2026
Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.
Über die Autorin Heike Schonert
Heike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom- Ökonom. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe.
Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.
Ihr Motto ist: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weiter geben und mit ihr wachsen.“



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