Traurigkeit annehmen, ohne Leid schönzureden
Traurigkeit kann uns auf etwas aufmerksam machen, das uns wichtig ist: einen Verlust, eine unerfüllte Sehnsucht oder ein Bedürfnis nach Nähe. Wenn wir ihr Raum geben, entsteht manchmal neben dem Schmerz auch Erleichterung. In diesem Sinn kann sie ein Schlüssel zu einem anderen Verständnis von Glück sein. Das ist eine Einladung zur Selbstbegegnung, kein Versprechen, dass Traurigsein glücklich macht.
Dieser spirituelle Essay arbeitet mit den Bildern von Ego, Herz und Innerem Kind. Sie beschreiben eine persönliche Deutung unseres Erlebens. Trauer und Traurigkeit lassen sich im Alltag nicht eindeutig diesen Bildern zuordnen; eine psychologische Einteilung oder Diagnose ist damit nicht gemeint.
Trauer …
Traurigkeit …
Traurigsein …
Es gibt unterschiedliche Arten, traurig zu sein. Für die folgende Betrachtung stellen wir uns eine Frage: Erleben wir vor allem das Zerbrechen unserer Erwartungen, oder spüren wir ein Bedürfnis, das bisher wenig Raum bekommen hat? Mit den Bildern von Ego und Herz können wir diesen Unterschied erkunden.
Wir sind zwei – wir sind Ego und Herz
Wir sind zwei.
Wir sind Ego und Geist.
Wir sind Kopf und Herz.
Wir sind Denken und Intuition.
Wir sind Verstand und inneres Wissen.
Wir sind Identifikation und Sein.
Auf der Ebene unseres Ego haben wir Vorstellungen und Erwartungen. Wir schmieden Pläne, haben Ziele, organisieren dies und das, denken uns tolle Sachen aus und planen und regeln alles Mögliche, damit unsere Vorstellungen, Erwartungen, Wünsche, Absichten und Ziele sich erfüllen. Wir haben Vorstellungen davon, was wir meinen, was uns glücklich macht. Wir kaufen Dinge und Sachen. Wir haben einen Partner und erziehen unsere Kinder nach gewissen Vorstellungen, Werten, Normen und Glaubenssätzen. Wir regeln wahnsinnig viel in unserem Leben, sodass das Leben selbst kaum mehr zum Zuge kommen kann und sodass sich wahre Liebe kaum zeigen oder entfalten kann.
Ständig mischen wir uns in das Leben ein.
Ständig mischen wir uns in die Schöpfung ein.
Andauernd tun wir etwas, was wir tun wollen.
Andauernd handeln wir entsprechend unseren Vorstellungen.
Andauernd machen und tun wir, was wir denken.
Ständig mischen wir uns ein
Und dieses „sich Einmischen ins Leben“ macht uns viel Spaß, denn dann läuft das Leben nach unserem Willen (nach dem Willen unseres Ego). Wir haben alles unter Kontrolle. Und was wir für gut und richtig erachten, das stellt sich ein. – Doch wenn es sich nicht einstellt, dann sind wir traurig, enttäuscht und frustriert.
Für diese Betrachtung unterscheiden wir vier Gefühlsbereiche: Freude, Wut, Trauer und Angst. Das ist eine vereinfachte Orientierung. Eine allgemein verbindliche Einteilung sämtlicher Gefühle in genau diese vier Gruppen gibt es nicht.
Freude ist wunderbar und schön. Freude ist Liebe. Auf der Ego-Ebene erleben und erfahren wir Freude, wenn sich unsere Vorstellungen/Erwartungen/Pläne erfüllen (oder sogar übertroffen werden). Dann fühlen wir uns bestätigt. Dann fühlen wir uns gut und wohl.
Auf der Ebene unseres Herzens möchte ich Freude als ein inneres Ja beschreiben. Manchmal spüren wir sie, wenn wir aufhören, gegen unser augenblickliches Erleben anzukämpfen. Wir sind verbunden mit unserem Inneren Kind, das frei aufspielen darf. Auch Selbstliebe kann darin wachsen. Doch dieses Ja stellt sich nicht auf Befehl ein, und seine Abwesenheit sagt nichts über unseren Wert oder unsere Gesundheit.
Freude kennen wir als Vorfreude und als Erinnerung an einen schönen Augenblick. Daneben gibt es die stille Freude einer gegenwärtigen Begegnung. Beide können unser Leben bereichern. Die Unterscheidung zwischen Ego-Freude und Seins-Freude ist hier ein spirituelles Bild, keine Rangordnung guter und schlechter Gefühle.
Angst ernst nehmen, ohne jedem Gedanken zu glauben
Wut, Trauer und Angst erleben wir oft als unangenehm. Das macht sie nicht falsch oder wertlos. Angst kann sich auf eine mögliche Zukunft richten, auf eine gegenwärtige Gefahr oder auf belastende Erinnerungen. Gedanken spielen dabei eine Rolle, ebenso körperliche Reaktionen und reale Lebensumstände.
Manchmal sitzen wir in Sicherheit und unser Kopfkino malt dennoch bedrohliche Bilder. Dann kann es helfen, die Befürchtung von dem zu unterscheiden, was jetzt tatsächlich geschieht. Daraus folgt aber nicht, dass jede Angst nur Fantasie wäre. Angst ist ein echtes Erleben; sie kann schützen und sie kann so belastend werden, dass Unterstützung nötig ist. Das IQWiG erklärt den Unterschied zwischen alltäglicher Sorge und einer generalisierten Angststörung.
Eine kleine Frage kann uns Orientierung geben: Bin ich gerade tatsächlich sicher? Wenn ja, können wir den Boden unter unseren Füßen spüren, uns im Raum umsehen und wahrnehmen, was uns trägt. Wenn nein, braucht es Schutz und konkrete Hilfe. Ein Mensch in einer bedrohlichen Beziehung oder in existenzieller Not muss seine Lage nicht mit einem positiven Gedanken übergehen.
Unsere Erwartungen können beeinflussen, wie wir eine Situation wahrnehmen und wie wir handeln. Das ist etwas anderes als die Behauptung, Gott, Engel oder die Schöpfung erfüllten unsere Befürchtungen. Eine Angst verursacht nicht allein dadurch das gefürchtete Ereignis. Wer Angst hat oder Schlimmes erlebt, trägt deshalb keine spirituelle Schuld.
Das Gefühl von Wut
Wut kann auftauchen, wenn Erwartungen enttäuscht, Bedürfnisse übergangen oder Grenzen verletzt werden. Manchmal blicken wir dabei auf Vergangenes zurück. Manchmal reagieren wir auf ein Unrecht, das gerade geschieht. Unsere inneren Bilder prägen die Reaktion mit, erklären aber nicht jede Ursache.
Auch im Jetzt dürfen wir erkennen: Hier stimmt etwas nicht. Wut muss nicht bekämpft werden, bevor wir handeln dürfen. Entscheidend ist, wie wir mit ihr umgehen. Ein klares Nein kann nötig sein, damit wir uns und andere schützen.
Wut kann Kraft für eine Entscheidung freisetzen. Wir müssen sie dafür nicht ansammeln oder anstauen. Wenn wir innehalten, ihre Botschaft prüfen und Verantwortung für unser Handeln übernehmen, kann aus der Energie eine Grenze, ein Gespräch oder ein konkreter Veränderungsschritt werden.
Manchmal verbirgt sich unter unserer Wut auch Trauer. Manchmal steht die Wut für sich. Wir können behutsam nachspüren, ohne hinter jedem Gefühl ein anderes vermuten zu müssen. Wer diese Perspektive vertiefen möchte, findet sie in meinem Beitrag Ärger als Schlüssel zum Glück.
Das Gefühl von Trauer
Trauer und Wut können zusammentreffen, wenn wir einen Verlust erleben. Ein vertrauter Mensch fehlt, eine Beziehung endet, ein Lebensplan zerbricht. Der Schmerz betrifft nicht nur eine Vorstellung: Es kann jemand oder etwas tatsächlich nicht mehr da sein. Das verdient Zeit, Mitgefühl und Begleitung.
Wut kann laut werden, Trauer still. Beides kann sich auch anders zeigen. Menschen trauern unterschiedlich; es gibt keine Pflicht, den eigenen Verlust auf eine bestimmte Weise auszudrücken.
Traurigkeit ist nicht automatisch eine Depression. Wenn Niedergeschlagenheit, Interessenverlust oder Antriebslosigkeit anhalten und den Alltag beeinträchtigen, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll. Mehrere typische Beschwerden über mindestens zwei Wochen können auf eine Depression hinweisen; die Diagnose gehört in fachliche Hände. Das IQWiG erläutert Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten. Eine Depression ist kein Zeichen mangelnder Selbstliebe.
Wenn wir traurig sind, können wir zugleich mit unserem Schicksal hadern. Dann stehen Trauer und Wut nebeneinander. Andere Menschen erleben eher Müdigkeit, Sehnsucht, Dankbarkeit oder ein Wechselbad verschiedener Gefühle. Auch das darf sein.
Obgleich sogar zwei starke Haupt-Gefühle (Trauer und Wut) in uns schwingen, fühlen wir uns innerlich leer, als Opfer, handlungsunfähig, gebunden, geknebelt, vom Leben im Stich gelassen und alleine. Wir fühlen uns einsam und ungerecht behandelt. Wir fühlen uns enttäuscht, missverstanden, als Opfer, elendig und alleingelassen.
Ein innerer Widerstand gegen das Geschehene kann den Schmerz zusätzlich verstärken. Aber nicht jede Leere entsteht aus einem inneren Nein. Erschöpfung, Verluste, Krankheit und fehlende Unterstützung lassen sich nicht auf eine einzige Haltung zurückführen.
Was ein Ja zum eigenen Gefühl bedeuten kann
Ein Unterschied, den wir beeinflussen können, liegt in unserem Umgang mit dem Gefühl: Müssen wir uns dafür auch noch verurteilen, oder dürfen wir anerkennen, dass es gerade da ist? Dieses Ja gilt unserem Erleben. Äußere Lebensumstände bleiben wichtig und können Veränderung verlangen.
Bei Freude fällt uns dieses Ja oft leichter. Bei Traurigkeit brauchen wir vielleicht Geduld, einen sicheren Ort oder einen Menschen, der zuhört. Annahme ist keine Prüfung, die wir bestehen müssen.
Ein Ja zu meinem Gefühl kann Selbstliebe sein.
Ein Nein zu einer Verletzung kann ebenfalls Selbstliebe sein.
Zwischen Annehmen und Verändern bewegt sich vieles in unserem Leben. Wir dürfen unsere Gefühle wahrnehmen und trotzdem entscheiden, welche Handlung zu uns passt. Als spirituelles Bild kann die Polarität helfen, Unterschiede zu erkennen. Daraus folgt keine Notwendigkeit von Krieg, Gewalt oder Leid.
Leben ist „Entstehen und Vergehen“ von Formen.
Leben ist Geburt und Tod.
Leben ist Anfang und Ende.
Leben ist „Ja“ und „Nein“.
Für diese Spannung verwende ich gern das Bild einer Batterie mit zwei Polen. Es kann veranschaulichen, dass Gegensätze Bewegung ermöglichen. Unser Seelenleben folgt aber keinem elektrischen Gesetz: Wir brauchen keine möglichst großen Konflikte, um lebendig zu sein.
Wir leben in der Polarität
Intensive Unterschiede können eine Erfahrung eindrücklich machen. Doch mehr Spannung ist nicht automatisch mehr Lebensqualität. Auch Sicherheit, Verlässlichkeit und ein ruhiger Alltag können tiefe Erfahrungen ermöglichen. Gesellschaftliche Ungleichheit oder persönliches Leid werden durch das Bild der Polarität nicht gerechtfertigt.
Zum Thema Spannung und Erleben zwei Beispiele: Ein Spaziergang über eine Hängebrücke, die über ein Feuchtbiotop in einem Naturschutzgebiet führt ist eine andere Erfahrung als wenn dieselbe Hängebrücke zwischen zwei Berggipfeln in 3.000 Metern Höhe aufgespannt ist. Oder wenn wir an der Ostsee an einer Abbruchkante von 20 Metern Höhe stehen ist das ein anderes Gefühl als wenn wir in Norwegen auf einem Felsvorsprung in 1.000 Metern Höhe stehen. Der Unterschied/die Differenz zwischen Minuspol und Pluspol verändert unsere Erfahrung. Gleiches gilt für Unterschiede zwischen kalt und heiß, dunkel und hell, einfarbig-grau und kunter-bunt, still/leise und laut, klein und groß, chaotisch und aufgeräumt.
Unser Leben lebt also von der Spannung, von den Gegensätzlichkeiten und von den Unterschieden zwischen „Nein“ und „Ja“. Hierüber hinaus liegt speziell dem Gefühl von Trauer ein besonderes Geheimnis zugrunde. Wir können nämlich das Gefühl von Trauer unterscheiden von dem Gefühl von Traurigkeit.
Trauer und Traurigkeit: zwei Blickrichtungen im spirituellen Bild
In meinem spirituellen Bild kann Trauer auch an enttäuschte Erwartungen erinnern. Doch sie reicht weiter: Wir trauern um Menschen und Beziehungen, um Heimat, Gesundheit oder verlorene Möglichkeiten. Der Begriff Ego soll diesen Schmerz nicht abwerten.
Grundsätzlich verhält es sich so, dass wir alle Gefühle und das gesamte Leben mit unserem Ego und mit unserem Herzen fühlen/wahrnehmen können. Wir können alles, was geschieht, aus unserem Ego heraus betrachten oder aus unserem Herzen. Wir können uns selbst als Ego „als Schauspieler/Rollenspieler auf der Bühne des Lebens“ (unbewusst) wahrnehmen/erfahren. Oder wir können oben auf der Wolke sitzen (auf dem Zuschauerrang im Theater) und uns „das Schauspiel auf der Bühne des Lebens“ „von oben“ (aus der Perspektive unseres Geistes) anschauen.
Und so können wir auch Trauer mit unserem Ego fühlen/erfahren. Oder wir können Traurigkeit auf der Ebene unseres Herzens spüren.
Ich verwende die Unterscheidung von Trauer und Traurigkeit hier als Bild für zwei Blickrichtungen: auf den Verlust und auf unser gegenwärtiges Bedürfnis. Beide gehören zu uns. Im psychologischen Sprachgebrauch sind Trauer und Traurigkeit nicht auf Ego und Inneres Kind aufgeteilt.
Traurigkeit kann uns in diesem Bild zeigen, wie es unserem Inneren Kind gerade geht. Wer sich damit wohlfühlt, kann einen ruhigen Atemzug nehmen und fragen: Was braucht der verletzliche Teil in mir? Die Augen dürfen offen bleiben. Wir können die Übung jederzeit unterbrechen, besonders wenn Bilder oder Gefühle zu stark werden.
Und wir atmen noch einmal bewusst ein … Und mit unserem Ausatmen sagen wir innerlich „Ja“ zu unserem Inneren Kind und wiegen es in unserem Geiste liebevoll auf unserem Schoß …
Unsere innere Verbundenheit mit unserem Inneren Kind kann sich wie Selbstliebe anfühlen. Vielleicht entsteht dabei eine stille, ruhige Freude. Vielleicht sind zunächst nur Traurigkeit oder Widerstand da. Wir müssen kein angenehmes Gefühl herstellen, damit diese Zuwendung einen Wert hat.
Ruhe und ein freundlicher Umgang mit uns selbst können entlasten. Sie garantieren keine Heilung körperlicher oder psychischer Erkrankungen und ersetzen keine notwendige Behandlung. Wer krank ist, darf sich medizinische Hilfe holen und sich zugleich liebevoll begegnen.
Der Schlüssel zum Glück
Jetzt müssen wir noch den Schlüssel zum Glück finden. Wieso ist Traurigkeit unser Schlüssel zum Glück?
Es gibt Lebenssituationen, in denen wir traurig sind, weil uns Nähe, Freude oder eine vertraute Verbindung fehlen. Manchmal hilft es, darin auch eine überhörte Sehnsucht zu erkennen. Ein solcher Blick nach innen kann unsere Möglichkeiten erweitern, ohne die äußere Ursache des Schmerzes zu leugnen.
Wenn uns etwas enttäuscht, können wir fragen: Welche Erwartung ist zerbrochen? Was habe ich gebraucht? Das Außen kann in diesem Sinn zum Anlass für Selbsterkenntnis werden. Es ist damit aber kein Beweis dafür, dass unser Inneres das Ereignis verursacht hat.
Wir haben nicht jeden Verlust, jede Krankheit oder das Verhalten anderer Menschen selbst hervorgebracht. Verantwortung heißt hier: den eigenen Handlungsspielraum erkennen. Sie heißt nicht, sich für alles verantwortlich zu machen, was uns widerfährt.
Vielleicht entdecken wir im Schmerz über eine gegenwärtige Enttäuschung auch eine ältere Erfahrung. Vielleicht geht es ausschließlich um das, was gerade geschehen ist. Beides lässt sich betrachten, ohne eine verborgene Ursache erzwingen zu müssen.
Liebe lässt Gefühle zu. Sie verlangt nicht, jede Handlung zu erlauben.
Unser Inneres Kind steht in dieser Betrachtung für die verletzliche, lebendige Seite in uns. Sie darf Nähe, Schutz und Raum brauchen. Für ihre Bedürfnisse einzutreten, widerspricht der Liebe nicht.
Unser Inneres Kind ist Liebe
Unser Inneres Kind ist Liebe.
Und sein einziges Bedürfnis ist, Liebe zu sein.
Unser Inneres Kind möchte sein Liebe-Sein erfahren.
Unser Inneres Kind möchte sein Liebe-sein erleben.
Und hierzu braucht es den Raum, in dem dies möglich ist.
Hierzu braucht es den Raum, in dem dies erlaubt ist.
Hierzu braucht es den Raum, in dem dies willkommen ist.
Darf unser Inneres Kind sein Liebe-Sein sein?
Darf unser Inneres Kind sein Liebe-Sein erfahren?
Darf unser Inneres Kind sein Liebe-Sein erleben?
Darf unser Inneres Kind sein Liebe-Sein ausdehnen und den ganzen Raum mit seiner Liebe erfüllen?
Wenn wir dafür Raum finden, kann sich etwas in uns entspannen. Ob Freude entsteht und wie lange das dauert, bleibt offen.
Es sind die Egos (es ist unser Verstand, unser Denken), die unserem Inneren Kind diesen Wunsch, dieses Bedürfnis und diesen Raum streitig machen (können). Und wenn dies geschieht, dann ist unser inneres Kind traurig. Es ist einfach nur traurig.
Wenn wir das Innere Kind als Bild verwenden, dürfen auch Wut, Angst und Enttäuschung darin vorkommen. Ein verletzlicher Teil verliert seinen Wert nicht, weil er protestiert. Liebe und Schutz gehören zusammen.
Unsere Konditionierungen begrenzen uns
In unserer Kindheit können wir gelernt haben, Wünsche zurückzustellen und Gefühle nicht zu zeigen. Eltern, weitere Bezugspersonen und gesellschaftliche Erwartungen können uns prägen. Nicht jede Kindheit war gleich, und heutige Schwierigkeiten lassen sich nicht pauschal den Eltern zuschreiben. Wir können prüfen, welche übernommenen Regeln uns heute einengen.
Dies können wir jetzt in diesem Moment erkennen, anerkennen, bezeugen, würdigen, bejahen und segnen: „Ja, so ist es.“
Mit dem Bild eines konditionierten und eines ureigenen Ego unterscheide ich übernommene Erwartungen von einer Haltung, die unserem Herzen dienen möchte. Das ist eine spirituelle Deutung, keine Aufteilung der Persönlichkeit in messbare Teile. Wir können sie nutzen, um zu fragen: Welche Regel übernehme ich noch, obwohl sie mir nicht mehr entspricht?
In diesem Bild ist unser Inneres Kind traurig, wenn in unserem Leben kein Raum/Platz für die Liebe bleibt. Unser Inneres Kind ist traurig, weil in unserem Leben nur Platz ist für die Vorstellungen und Erwartungen „der anderen“, des Außen, des konditionierten Ego, unserer Eltern und der Gesellschaft. Unser Inneres Kind ist traurig, weil es in unserem Leben nichts zu suchen hat und nicht (frei) spielen/aufspielen darf. Unser Inneres Kind ist traurig, weil es unerwünscht ist. Unser Inneres Kind ist traurig, weil in unserem Leben Liebe fehlt.
Freude und Liebe können sich nahe sein.
Traurigkeit kann ein Ruf nach Nähe sein.
Sie kann aber auch mitten in einem liebevollen Leben auftreten.
Alles ist Liebe.
Und was nicht Liebe ist, ist der Ruf nach Liebe.
Der Spiegel als Anregung zur Selbstreflexion
Das Außen kann innere Themen berühren. Es ist zugleich eine Wirklichkeit mit anderen Menschen, eigenen Entscheidungen und Bedingungen, die wir nicht vollständig bestimmen. Der Spiegel ist ein Bild zur Selbstreflexion, keine Erklärung für alles, was geschieht.
Wir können die Traurigkeit unseres Inneren Kindes in diesem Bild bewusst wahrnehmen, bezeugen und würdigen. Indem wir Ja zu dem Gefühl sagen, geben wir ihm Raum. Das bedeutet nicht, dass unserem Leben jede Liebe fehlt oder dass wir den Schmerz gutfinden müssen.
Manchmal erleben wir dabei etwas Paradoxes: Wir sind traurig und zugleich erleichtert, weil wir uns nicht mehr gegen das Gefühl stellen. Traurigkeit und eine leise Freude können nebeneinander stehen. Wenn das nicht geschieht, haben wir nichts falsch gemacht.
Vielleicht entsteht Freude darüber, uns selbst wieder wahrzunehmen. Vielleicht bleibt es zunächst bei einem vorsichtigen Satz: Ich darf gerade traurig sein.
Die Schöpfung ist so wundervoll paradox
Dieses Ja zur Traurigkeit kann ein Schlüssel sein. Wir brauchen das Gefühl nicht sofort wegzumachen, um uns selbst mit Würde zu begegnen. Glück meint hier nicht dauerndes Wohlgefühl, sondern einen Moment innerer Verbundenheit. Ob sich daraus Erleichterung entwickelt, lässt sich nicht versprechen.
Ein Gefühl anzunehmen kann gerade den nächsten notwendigen Schritt ermöglichen: ein Gespräch, eine Pause, das Verlassen einer verletzenden Situation oder die Suche nach Unterstützung. Unser Ja zum Erleben nimmt uns diese Entscheidungen nicht ab.
Wir dürfen traurig sein und uns dabei liebevoll begegnen. Freude muss daraus nicht sofort entstehen.
So irrwitzig und paradox ist diese Schöpfung.
Ein ständiger Kampf gegen unsere Gefühle kann Veränderung erschweren. Es gibt jedoch viele Gründe dafür, dass sich eine Lebenssituation lange nicht ändert. Fehlende Möglichkeiten und belastende Umstände sind nicht einfach ein inneres Nein.
Ein von Herzen kommendes Ja zu unserem Erleben kann eine hilfreiche Bewegung sein. Es ist kein Zauberschlüssel, der jede Not löst. Es darf neben Unterstützung, Grenzen und praktischer Veränderung stehen.
Wir können uns über unser „Nein-Sagen“ erheben
Wir Menschen haben die Angewohnheit, negative Gefühle und insbesondere Trauer und Traurigkeit wegzumachen, unter den Teppich zu kehren und aus unserem Leben zu verbannen. Wir sagen „Nein“ dazu. Wir wollen das nicht haben. Und man kann dies auch verstehen, denn unser Ego fühlt sich subjektiv zu klein und zu eng für diese großen Gefühle. Trauer und Traurigkeit übermannen, überschwemmen und überfordern häufig unser Ego.
Wenn wir einen kleinen Abstand zu unseren Gedanken finden, wird es manchmal leichter, ein Gefühl wahrzunehmen, ohne ganz darin unterzugehen. Bei überwältigender Trauer gelingt das nicht immer allein. Dann dürfen wir die Übung beenden und uns begleiten lassen. Sich helfen zu lassen, ist kein spirituelles Scheitern.
Unser Schlüssel zum Glück ist unser Ja zum Jetzt.
Unser Schlüssel zum Glück ist unser Ja zu unseren Gefühlen.
Wir können Ja dazu sagen, dass in uns ein Nein auftaucht. Gemeint ist die Bereitschaft, uns selbst zuzuhören. Ein schützendes Nein nach außen bleibt erlaubt und kann notwendig sein.
Indem wir als Geist „Ja“ zum „Nein“ unseres Ego sagen, sind wir unterm Strich: „Ja“.
Vielleicht gibt uns ein solcher freundlicher Blick die Freiheit für den nächsten Schritt. Wir müssen heute weder alles verstehen noch glücklich sein. Für diesen Augenblick kann es genügen, das eigene Gefühl ernst zu nehmen und gut für uns zu sorgen.
Wundervoll!
11.01.2021
In Liebe Dein/Euer
Björn Geitmann
Buchautor des Buches „Eine Neue Ordnung – Praxishandbuch zum spirituellen Erwachen“
www.datgeitman.de/lichtschule
Artikel aktualisiert: 14.10.2026
Über den Autor Björn Geitmann

„Das Leben ist leicht“ ist seine klare Haltung – und er lebt dies in verblüffend authentischer und mitreißender Art und Weise.
Der Name „Eine Neue Ordnung“ ist dabei Programm … – und so ist dieser Titel mehr als nur ein Motto, es ist die gelebte Lebensphilosophie von Björn Geitmann, einem spirituellen Lehrer unserer Zeit, der die Welt im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf zu stellen verspricht. Auf dem Weg über die Brücke ins Licht dreht sich das Leben um 180 Grad. Nach „der alten Ordnung“ war unser bisheriges Leben vor allem durch unsere Identifikation mit unserem Ego, mit unserem Körper sowie mit dem, was wir „unser Leben“ nennen, bestimmt.
weiterlesen…
Bücher von Björn Geitmann:
„Eine Neue Ordnung – Praxishandbücher zum spirituellen Erwachen“
und „Faszination menschliche Kommunikation – Liebe Dich selbst, sonst liebt Dich keiner …!
finden Sie >>> HIER





Hinterlasse jetzt einen Kommentar