Warum wir negative Gefühle festhalten: Eine Betrachtung aus kultureller, gesellschaftlicher und spiritueller Perspektive
Negative Gefühle wie Wut, Angst, Trauer oder Scham begleiten das menschliche Dasein seit jeher. Sie sind Teil unserer inneren Welt und beeinflussen unser Handeln, Denken und Fühlen. Doch warum halten wir an diesen unangenehmen Emotionen fest, obwohl sie uns offensichtlich belasten? Um diese Frage zu beleuchten, ist es hilfreich, einen ganzheitlichen Blick einzunehmen, der Bewusstsein, Achtsamkeit und Spiritualität mit kulturellen und gesellschaftlichen Aspekten verbindet. Dabei offenbart sich eine faszinierende Wechselwirkung zwischen individueller und kollektiver Erfahrung.
Bewusstsein, Achtsamkeit und Spiritualität als Ausgangspunkt
Achtsamkeit, die Kunst der bewussten Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks, sowie spirituelle Praktiken betonen oft die Befreiung von Anhaftungen – seien sie materieller oder emotionaler Natur. Der Buddhismus etwa lehrt, dass das Festhalten an Gefühlen, insbesondere an negativen, Leid verursacht. Auch in der modernen Psychologie und der Praxis der Achtsamkeit wird zunehmend betont, dass ein bewusster Umgang mit Emotionen hilft, ihre Macht über uns zu reduzieren.
Doch in der Realität ist dieser Prozess herausfordernd. Viele Menschen halten unbewusst an negativen Gefühlen fest, weil diese tief in ihrem Selbstbild, ihrer Vergangenheit oder in gesellschaftlichen Strukturen verankert sind. Hier zeigt sich, dass es sich nicht nur um eine individuelle Angelegenheit handelt, sondern dass kulturelle und soziale Einflüsse eine entscheidende Rolle spielen.
Die Funktion von negativen Gefühlen im individuellen und sozialen Kontext
Emotionen haben evolutionsbiologisch betrachtet eine wichtige Schutzfunktion. Angst hilft uns, Gefahren zu erkennen, und Wut mobilisiert unsere Kräfte, um gegen Bedrohungen vorzugehen. Doch in der heutigen Welt, in der viele Gefahren symbolisch oder abstrakt geworden sind, bleiben diese Emotionen oft länger bestehen, als es notwendig wäre. Das Festhalten an negativen Gefühlen kann dadurch zu einem automatischen, unbewussten Mechanismus werden.
In sozialen Kontexten tragen negative Gefühle auch dazu bei, Gruppenzugehörigkeiten zu stärken oder Machtstrukturen zu festigen. Scham beispielsweise wird oft genutzt, um Menschen an gesellschaftliche Normen zu binden. Wer gegen diese Normen verstößt, wird mit Schamgefühlen konfrontiert, die ihn oder sie zur Anpassung zwingen sollen. Gleichzeitig verstärken kulturelle Narrative, wie die Betonung von „harter Arbeit“ oder „Durchhaltevermögen“ in westlichen Gesellschaften, die Tendenz, negative Gefühle zu unterdrücken oder zu ignorieren, anstatt sie zu lösen.
Kulturelle Einflüsse: Die Bedeutung von Emotionen in verschiedenen Gesellschaften
Die Art und Weise, wie Menschen mit negativen Gefühlen umgehen, ist stark kulturell geprägt. In westlichen Kulturen wird oft ein Ideal des „glücklichen“ und „erfolgreichen“ Lebens propagiert. Negative Gefühle werden dabei häufig als Hindernis wahrgenommen, das es zu überwinden gilt. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Menschen verdrängen ihre negativen Emotionen, was langfristig zu innerem Stress und emotionaler Überlastung führen kann.
In vielen östlichen Traditionen hingegen, wie etwa im Buddhismus oder Taoismus, wird der Akzeptanz von negativen Gefühlen ein höherer Stellenwert beigemessen. Hier gelten Emotionen nicht als gut oder schlecht, sondern als vorübergehende Zustände, die es mit Gelassenheit zu betrachten gilt. Dieser Ansatz zeigt, wie kulturelle Perspektiven das individuelle Erleben und den Umgang mit Gefühlen prägen können.
Ein weiterer kultureller Faktor ist die Rolle der Sprache. In manchen Kulturen gibt es eine reiche Terminologie für emotionale Zustände, die den Menschen hilft, ihre Gefühle differenzierter wahrzunehmen. Das japanische Konzept „Mono no aware“, das die bittersüße Schönheit der Vergänglichkeit beschreibt, ist ein Beispiel dafür. Solche kulturellen Konzepte können dazu beitragen, dass negative Gefühle nicht nur als Belastung, sondern auch als Quelle von Einsicht und Wachstum betrachtet werden.
Die Rolle der Gesellschaft und der Medien
Moderne Gesellschaften verstärken oft die Tendenz, an negativen Gefühlen festzuhalten. Ein wichtiger Faktor dabei ist die Wirkung der Medien. Nachrichten und soziale Netzwerke tendieren dazu, negative Emotionen wie Angst oder Wut zu verstärken, da diese Aufmerksamkeit erzeugen. Studien zeigen, dass Menschen häufiger auf Inhalte reagieren, die emotionale Reaktionen hervorrufen, insbesondere wenn diese negativ sind (Baumeister et al., 2001).
Zudem sind gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder oft mit emotionalem Druck verbunden. Männer werden in vielen Kulturen dazu angehalten, Gefühle wie Trauer oder Verletzlichkeit zu unterdrücken, während Frauen oft dazu neigen, Schuld oder Scham intensiver zu erleben. Solche geschlechtsspezifischen Erwartungen können das individuelle emotionale Erleben prägen und dazu führen, dass Menschen bestimmte negative Gefühle unbewusst bewahren.
Spirituelle Ansätze zur Lösung: Der Weg der Loslösung
Viele spirituelle Traditionen bieten praktische Wege, um das Festhalten an negativen Gefühlen zu überwinden. Meditation und Achtsamkeit schulen das Bewusstsein dafür, wie Gefühle entstehen, sich verstärken und schließlich wieder abklingen. Thich Nhat Hanh, ein einflussreicher buddhistischer Mönch, beschreibt den Umgang mit Emotionen als liebevolle Umarmung: „Emotionen sind wie kleine Kinder, die Aufmerksamkeit brauchen. Wenn wir sie umarmen, lösen sie sich oft von selbst.“
Ein weiterer Ansatz ist das Prinzip der Vergebung, das in vielen Religionen und spirituellen Lehren verankert ist. Vergebung bedeutet, die Vergangenheit loszulassen, um inneren Frieden zu finden. Studien zeigen, dass Vergebung nicht nur psychische, sondern auch physische Vorteile hat, wie etwa die Reduktion von Stresshormonen (Worthington et al., 2007).
Fazit: Ein bewusster Umgang mit negativen Gefühlen
Das Festhalten an negativen Gefühlen ist ein komplexes Phänomen, das durch individuelle, kulturelle und gesellschaftliche Faktoren beeinflusst wird. Während diese Emotionen ihre Berechtigung und Funktion haben, können sie uns auch daran hindern, frei und bewusst zu leben. Ein achtsamer und bewusster Umgang mit ihnen – sei es durch spirituelle Praktiken, kulturelles Bewusstsein oder gesellschaftliche Reflexion – kann uns helfen, sie loszulassen und in persönliches Wachstum zu verwandeln.
Letztlich erinnert uns der Umgang mit negativen Gefühlen an die zentrale Rolle des Bewusstseins. Denn nur wenn wir unsere inneren Zustände erkennen und annehmen, können wir uns von ihnen lösen. Wie die buddhistische Weisheit sagt: „Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen, zu surfen.“
Quellen
- Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Finkenauer, C., & Vohs, K. D. (2001). Bad is stronger than good. Review of General Psychology, 5(4), 323-370. DOI: 10.1037/1089-2680.5.4.323
- Worthington, E. L., Witvliet, C. V. O., Pietrini, P., & Miller, A. J. (2007). Forgiveness, health, and well-being: A review of evidence for emotional versus decisional forgiveness. Journal of Behavioral Medicine, 30(4), 291-302. DOI: 10.1007/s10865-007-9105-2
- Hanh, T. N. (1998). The Heart of the Buddha’s Teaching: Transforming Suffering into Peace, Joy, and Liberation. Broadway Books.
- 25.12.2024
Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.Alle Beiträge der Autorin auf Spirit Online
Heike Schonert
Heike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom- Ökonom. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe.
Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.Ihr Motto ist: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weiter geben und mit ihr wachsen.“