Rassismus und Spiritualität in den USA: Der unheilbare Widerspruch
Die USA gelten als Land der religiösen Erweckung und spirituellen Erneuerung – gleichzeitig durchzieht systemischer Rassismus die Gesellschaft bis in ihre Grundfesten. Dieser Widerspruch ist nicht nur ein soziales Phänomen, sondern offenbart eine fundamentale spirituelle Krise: Denn wahre Spiritualität und Rassismus schließen sich gegenseitig aus.
Die historische Schuld der weißen Kirchen
Die amerikanische Religionsgeschichte trägt eine schwere Last. Weiße christliche Kirchen im Süden der USA liefert jahrhundertelang die moralische Legitimation für Sklaverei und Rassentrennung. Der Theologe Robert P. Jones vom Public Religion Research Institute beschreibt, wie „das amerikanische Christentum die moralische Legitimation für die Vorstellung liefert, dass Weiße über anderen stehen“. Diese Idee der weißen Vorherrschaft wurde nicht als extremistische Randposition verstanden, sondern als „göttlicher Plan für die Menschheit“ in die christliche Lehre integriert.
Selbst nach der Abschaffung der Sklaverei 1865 hielten viele Kirchen an der Lehre von der weißen Überlegenheit fest. Bis heute leugnen viele im konservativ-christlichen Lager, dass struktureller Rassismus überhaupt ein Problem in den USA darstellt. Umfragen zeigen: 63 % der Amerikaner glauben, ihre Kirchen oder spirituellen Gemeinschaften sollten soziale und politische Alltagsthemen vermeiden.
Spirituelle Umgehung: Die Flucht vor der Verantwortung
In der modernen spirituellen Szene hat sich ein noch subtileres Problem entwickelt: das sogenannte „Spiritual Bypassing“. Dieser Begriff beschreibt die Tendenz, spirituelle Ideen und Praktiken zu nutzen, um ungelösten emotionalen Problemen, psychologischen Wunden und unerledigten Entwicklungsaufgaben aus dem Weg zu gehen. Konkret bedeutet dies: Man spricht von „höheren Schwingungen“ und „Bewusstseinserweiterung“, während man gleichzeitig die Realität von Rassismus und eigenen Privilegien ignoriert.
Die New-Age-Bewegung und die westliche Wellness-Industrie reproduzieren weiße Vorherrschaft auf subtile Weise. Durch Imperialismus und Kolonialismus kamen weiße Menschen erstmals in Kontakt mit spirituellen Praktiken anderer Kulturen – und begannen sofort, diese zu appropriieren, zu fetischisieren und auszubeuten. Die „spirituelle Frau“ im Westen präsentiert sich auffallend in Uniform: dünn, weiß, in Leinen gekleidet, unterrichtend in Yoga und spricht von „hohen Schwingungen“.
Der Begriff „Schamane“ existierte etwa in keiner indigenen Kultur – er wurde von weißen Anthropologen erfunden, die indigenen spirituellen Praktiken beobachteten und sie rassistisch unter einer Kategorie zusammenfassten, wodurch ihre kulturelle Bedeutung ausgelöscht wurde. Die Wellness-Industrie bleibt weitgehend für People of Color unzugänglich und reproduziert systemischen Rassismus durch Tokenisierung, kulturelle Aneignung und fehlende Repräsentation.
Der unauflösbare Widerspruch
Die Paradoxie ist offensichtlich: Wie können Menschen, die von Liebe, Einheit und höherem Bewusstsein sprechen, gleichzeitig Rassismus praktizieren oder dulden? Die Antwort liegt in unbewusster kognitiver Dissonanz. Rassisten erleben einen inneren Konflikt zwischen ihren diskriminierenden Überzeugungen und den egalitären Normen der Gesellschaft – oder im Fall spiritueller Menschen zwischen ihren proklamierten Werten von Liebe und Einheit und ihrer tatsächlichen Praxis der Ausgrenzung.
Spiritual Bypassing ist dabei keine harmlose individuelle Praxis, sondern ein systemischer Verstärkungsmechanismus, der Rassismus aufrechterhält. Es kann sogar eine Form spirituellen Missbrauchs darstellen, wenn es verwendet wird, um Menschen zum Schweigen zu bringen, die Ungerechtigkeit anzusprechen. Die Ironie liegt darin, dass Spiritual Bypassing dem Individuum und der Gemeinschaft die Möglichkeit zum echten spirituellen Wachstum raubt.
Die theokratische Wende: JD Vance und der katholische Integralismus
Die spirituell-rassistische Krise der USA erreicht 2026 einen neuen Höhepunkt: Mit JD Vance als Vizepräsident ist eine Figur in höchsten Machtpositionen gelangt, die offen für eine theokratische Überwindung der liberalen Demokratie eintritt. Vance, der vom Atheisten zum bekennenden Katholiken konvertierte, hängt an einer Glaubensrichtung, die „Catholic Integralism“ genannt wird – eine geistige Strömung, deren Ziel es ist, christlichen Einfluss auf die Politik auszuüben. Im Grunde handelt es sich um eine katholische Entsprechung zu radikalen Evangelikalen, die nach Theokratie streben.
Die ideologischen Wurzeln dieser Bewegung liegen im sogenannten „Postliberalismus“, entwickelt von Patrick Deneen und anderen katholischen Intellektuellen. Diese Denkschule betrachtet den Liberalismus nicht nur als gescheitert, sondern als „satanisch böse“, als „Krankheit“, die „ausgemerzt“ werden muss. In ihrer Rhetorik arbeiten die Postliberalen mit den Kategorien von Gut und Böse, Sünde und Gottgefälligkeit – liberale Eliten werden als „Häretiker“ bezeichnet, Migration als „Invasion der Barbaren“. Der Kreuzzug dient als historische Referenz und Metapher; Verteidigungsminister Pete Hegseth trägt den Kreuzfahrer-Spruch „Deus Io Vult (Gott will es)“ auf den Arm tätowiert.
Vance' Konversion ist dabei mehr als eine persönliche spirituelle Erweckung – sie ist ein strategischer Schachzug in einem polarisierten politischen Klima. Christliche Werte werden nicht gelebt, sondern wie modische Accessoires präsentiert, während die Trump-Administration gleichzeitig soziale Unterstützungsprogramme für Arme abschaffen will. Der Widerspruch könnte kaum grotesker sein: Eine Regierung, die sich als Verteidigerin christlicher Werte inszeniert, praktiziert Politik der Ausgrenzung, Deportation und sozialer Härte.
Evangelikale Armageddon-Propheten und die Jerusalem-Politik

Die Trump-Administration ist die evangelikalenfreundlichste in der Geschichte der USA, mit einer beispiellosen Anzahl an Mitgliedern der religiösen Rechten im Kabinett. Wöchentlich werden Bibelstudien abgehalten, und die Agenda folgt nicht politischen, sondern religiös-apokalyptischen Überlegungen. Die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem 2017 war kein außenpolitischer Schachzug, sondern ein „Weihnachtsgeschenk an die Evangelikalen“ – und basierte auf religiösem Glauben an die Herbeiführung der Endzeit.
Evangelikale Christen glauben mehrheitlich an das baldige Kommen des Armageddon, der biblischen Endschlacht. In dieser Theologie muss Jerusalem unter jüdischer Kontrolle sein, bevor Christus wiederkehren kann – die gewaltsamen Konsequenzen für Palästinenser werden dabei als „irrelevant“ abgetan. „Sie wollen Krieg im Nahen Osten“, analysiert die Theologin Diana Butler Bass, weil dieser Krieg als notwendiger Schritt zur Erfüllung biblischer Prophezeiungen verstanden wird. Weiße Evangelikale haben ihre Seele an Donald Trump verkauft, um das Armageddon herbeizuführen.
Der fundamentale Widerspruch: Menschen, die vorgeben, Jesus nachzufolgen – dessen Kernbotschaft Liebe, Frieden und Barmherzigkeit war – aktiv daran arbeiten, einen apokalyptischen Weltkrieg zu provozieren. Sie setzen „Glauben vor Land, vor Menschenrechte“ und opfern demokratische Prinzipien für eine Handvoll politischer Machtziele.
Christlicher Nationalismus als Bedrohung der Demokratie
72 Prozent der weißen Evangelikalen in den USA sind der Meinung, dass die Bibel Einfluss auf die Gesetzgebung haben sollte. Christliche Nationalisten sind fest davon überzeugt, dass die USA als christliche Nation gegründet wurden und entsprechend regiert werden sollten – Christentum und amerikanische Identität sind untrennbar miteinander verbunden. Trump inszeniert sich als Verteidiger einer Christenheit, die angeblich von „radikalen Links“ und einer „korrupten politischen Elite“ verfolgt wird.
Die Trump-Administration kündigte bereits an, eine Regierungsstelle zu schaffen, die sich gegen die „Diskriminierung von Christen“ einsetzt. Gleichzeitig wird „Religionsfreiheit“ neu interpretiert als Projekt zur „Ausmerzung antichristlicher Vorurteile“. Der Theologe Massimo Faggioli beobachtete eine deutliche Zunahme des christlichen Nationalismus – Ziel sei es, dem Christentum wieder eine zentrale Rolle im Selbstverständnis der Vereinigten Staaten zu geben.
Besonders perfide: Für Vance und die Postliberalen hat politische Autorität ihre letzte Legitimation nicht im Willen des Volkes, sondern in der „Ordnung der Dinge, in der Gott seinen Fingerabdruck hinterlassen hat“. Demokratie wird zum leeren Schlagwort umgedeutet – wahre politische Autorität beruht auf “natürlicher Basis”, nicht auf Konsens. Frauen wird dabei explizit die Fähigkeit zur politischen Führung abgesprochen, weil sie „zu emotional und sentimental“ seien.
Geopolitik der Apokalypse
Die postliberale Ideologie liefert auch die Begründungsfiguren für den sicherheitspolitischen Paradigmenwechsel unter Trump: den Rückzug aus der transatlantischen Verteidigungsgemeinschaft, das Ende der Ukrainehilfen, die Annäherung an Russland. In Vances Münchner Sicherheitskonferenz-Rede 2025 heißt es: „Die Bedrohung, die mir in Bezug auf Europa am meisten Sorgen bereitet, ist nicht Russland, nicht China – was mir Sorgen bereitet, ist die Bedrohung von innen.“
Für die Postliberalen ist nicht Putins revisionistisches Russland die wahre Bedrohung, sondern der Liberalismus als Ideologie. Patrick Deneen schreibt, die NATO-Osterweiterung sei Ausdruck „gnostischen Eifers“ gewesen – die wahre Frage sei: „Wofür sollen unsere Kinder sterben? Für die antike und christliche Zivilisation? Oder für eine Regenbogenfahne?“. So wird Demokratieverteidigung zur Häresie erklärt, während autoritäre Regime wie Orbáns Ungarn als „Pionierin gelebten Gemeinwohls und politischer Gottgefälligkeit“ gelobt werden.
Die Ironie ist unerträglich: Eine Bewegung, die vorgibt, „westliche christliche Werte“ zu verteidigen, verrät alle Grundprinzipien dieser Werte – Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Würde jedes Menschen, Gewaltlosigkeit. Stattdessen predigt sie Kreuzzugsrhetorik, Ausgrenzung, theokratische Herrschaft und arbeitet an der Herbeiführung eines apokalyptischen Krieges.
Die schwarze Kirche: Spiritualität als Befreiungskraft
Einen fundamentalen Gegenentwurf bietet die schwarze kirchliche Tradition in den USA. Afroamerikanische Gemeinden verstanden Spiritualität von Anfang an als untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit verbunden. Versklavte Menschen nahmen das Christentum an und übertrugen dessen Befreiungsbotschaft auf ihre eigene Situation: Wie Moses die Israeliten aus der Gefangenschaft führte, hofften sie, würde Gott sie aus der Sklaverei in die Freiheit führen.
Diese Tradition gipfelte in der Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr., dessen Aktivismus tief in religiöser Spiritualität verwurzelt war. King verstand, dass religiöse und soziale Lösungen erfordern, „zu den Wurzeln des Problems in den Herzen und Köpfen individueller Sünder vorzudringen“. Seine Gewaltlosigkeit entsprang nicht strategischem Kalkül, sondern spiritueller Überzeugung – Jesus' Weg ist der Weg des Friedens und der Mitgefühl.
Für schwarze Kirchgänger sind heute Religion und sozialer Aktivismus selbstverständlich verbunden – sie sind die einzige spirituelle Gruppe in den USA, die mehrheitlich glaubt, dass religiöse Gruppen sich zu sozialen und politischen Themen äußern sollten.
Der Weg zur authentischen Spiritualität
Wahre spirituelle Entwicklung erfordert Transzendenz – und unsere Gesellschaft muss Rassismus transzendieren, um ihr volles Potenzial zu leben. Dies erfordert mutige Selbstuntersuchung: Spirituelle Gemeinschaften müssen aufhören, neutral zu bleiben, denn Neutralität hilft nur dem Unterdrücker und respektiert das Göttliche nicht.
Pastorin Brenda Salter McNeil formulierte es eindringlich: „Wir können nicht mehr über Jesus reden, ohne Ungerechtigkeit und Rassismus anzuprangern.“ Authentische Spiritualität bedeutet nicht, sich in „höheren Schwingungen“ vor der harten Realität zu verbergen, sondern sich den schmerzhaften Wahrheiten zu stellen – der eigenen Verstrickung in ungerechte Strukturen, den eigenen Privilegien, der eigenen Gleichgültigkeit.
Der Widerspruch zwischen Rassismus und Spiritualität ist nicht auflösbar, solange beide nebeneinander bestehen. Die Wahl ist eindeutig: Entweder man entscheidet sich für echte Spiritualität – die zwingend soziale Gerechtigkeit, Mitgefühl und die Anerkennung der Würde aller Menschen einschließt – oder man betreibt eine hohle Scheinreligiosität, die letztlich nur der A gesicherten Macht und Privilegien dient. Spirituelles Wachstum ohne Konfrontation mit Rassismus und Weißsein ist unmöglich. Die spirituelle Krise der USA ist untrennbar mit ihrer rassistischen Vergangenheit und Gegenwart verbunden – und nur durch radikale spirituelle Erneuerung heilbar.
Quellenangaben
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Blätter für deutsche und internationale Politik (2025): „Für Gott und gegen das Böse – Die postliberale Ideologie oder: JD Vance verstehen“ – Umfassende Analyse der ideologischen Grundlagen von JD Vance und dem katholischen Integralismus
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Sonntagsblatt (2025): „JD Vance: Welche Bedeutung Religion und Glaube für den US-Vizepräsidenten haben“ – Über katholischen Integralismus und theokratische Bestrebungen
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Humanistischer Pressedienst (2023): „JD Vance: Vom Atheisten zum Katholiken – strategischer Schachzug“ – Kritische Betrachtung von Vance‘ Konversion
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Sender Freies Palästina: „Armageddon? Die evangelikalen Kräfte hinter Trump“ – Dokumentation über evangelikale Endzeit-Theologie und Jerusalem-Politik
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Frankfurter Rundschau (2024): „Christlicher Nationalismus: Eine Bedrohung für die US-Demokratie“ – Analyse zu christlichem Nationalismus und Trump-Unterstützung
11.02.2026
Uwe Taschow
Über Uwe Taschow – spiritueller Journalist und Autor mit Haltung
Uwe Taschow – Spiritueller Journalist, Autor und Mitherausgeber von Spirit Online Uwe Taschow ist Autor, Journalist und kritischer Gesellschaftsbeobachter. Als Mitherausgeber von Spirit Online steht er für einen Journalismus mit Haltung – jenseits von Phrasen, Komfortzonen und Wohlfühlblasen.
Sein Anliegen: nicht nur erzählen, sondern zum Denken anregen. Seine Texte verbinden spirituelle Tiefe mit intellektueller Schärfe und gesellschaftlicher Relevanz. Uwe glaubt an die Kraft der Worte – an das Schreiben als Akt der Veränderung. Denn: „Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken.“ Seine Essays und Kommentare bohren tiefer, rütteln wach, zeigen, was andere ausklammern.
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