
Kosmophanie Die Erscheinung der Welt-Wirklichkeit
Nach dem chinesischen Schöpfungsmythos entstand aus dem Ur-Chaos das kosmische Prinzip von Yin und Yang, aus dem später Himmel und Erde wurden.
Wir erfahren derzeit gewaltige Veränderungen in der Wahrnehmung unserer Welt. Der technokratische Fortschritt hat uns virtuelle „Schein-Realitäten“ beschert, die den Zugang zur Wirklichkeit zu verwerfen drohen.
Es scheint eine Konstante der menschlichen Kultur zu sein, sich die gesamte Wirklichkeit in Form von drei Welten vorzustellen, gleichgültig, ob diese Vision nun räumlich, zeitlich, kosmologisch oder metaphysisch ausgedrückt wird. Es gibt eine Welt der Götter, eine Welt der Menschen und als dritte die Welt jener, die die Zeit hinter sich gelassen haben; es gibt Himmel, Erde und Unterwelt; den Himmel, die Erde und die Welt dazwischen; da ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; das Körperliche, das Seelische und das Geistige.
Die klassische Dreiteilung des Menschen in Leib, Seele und Geist (lateinisch: corpus, anima, spiritus – griechisch: soma, psyche, pneuma) könnte als eine weitere Formulierung der gleichen Intuition verstanden werden, sofern wir sie nicht rein individualistisch interpretieren und damit „meinen“ Körper, „meine“ Seele, „meinen“ Geist verstehen. Genau genommen wird keine dieser drei Dimensionen zum Einzelnen oder zum Teil gemacht. Vielmehr sind Leib, Seele und Geist gemeinsame Nenner jedes wirklichen Wesens, soweit dieses nicht von seinen vitalen Verbindungen mit der gesamten Wirklichkeit abgeschnitten ist.
Auf jeder Stufe, in jeder Epoche des menschlichen Bewusst-seins
bestand die Versuchung, das Wirkliche zu beschneiden und den Weg zur Synthese dadurch abzukürzen, dass jene Teilbereiche der Wirklichkeit ausgeschaltet werden, die das Bewusstsein nicht ohne weiteres angleichen oder manipulieren können. Sehr früh schon wurde Gott seines Körpers beraubt, später der Materie überhaupt, so dass er nur noch Geist war. Aus demselben Grund –um alles Unvollkommene aus dem Vollkommenen zu tilgen – wurde er unwandelbar und unbewegt gemacht.
Etwas Ähnliches geschah mit dem Menschen: Gedrängt vom Bedürfnis, seine „Würde“ zu bewahren, streifte er zuerst seine Tierhaftigkeit ab, dann seinen Körper und seine Sinne, und nur zu bald legte er auch seine Gefühle ab, bis er zum „denkenden Ding“, zur res cogitans und zur entsprechenden Maschine wurde.
Die Welt unserer Tage ist einerseits durch gewaltigen Zuwachs an materiellem Reichtum geprägt – andererseits hat die Zahl der Krisenherde in beängstigender Form zugenommen.
Die heutige Krise besteht im Wesentlichen darin, dass die drei traditionellen „Haltungen“, die der Mensch seit zumindest 6.000 Jahren hatte, nicht mehr die Welt oder die Menschheit zusammenhalten.
Welches sind diese drei Haltungen?
Alle Kulturen lebten bis jetzt in einer dreifachen Welt:
- In der Welt der Götter: man musste wissen, wie man mit ihnen umgehen muss, ob sie gefährlich sind oder nicht; man musste sie anbeten oder meiden (Opfer, Gehorsam, Anbetung).
- In der Welt des Menschen: mit den Menschen, gerade mit den mächtigen, umzugehen war immer eine Kunst. Ein großer Teil menschlicher Erziehung bestand darin, mit den Menschen umgehen zu lernen (Grammatik, Rhetorik, Logik usw.)
- In der Welt der Natur: in ihr leben, sie kennen, sie benützen (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik usw.).
Diese drei Welten sind kaum mehr Welten. Sie sind höchstens Teilsysteme. Deshalb sind die Grundhaltungen in eine Krise geraten. Jetzt haben wir eine vierte Welt begründet, die uns nicht hält und nicht gründet. Eine mehr und mehr künstliche Welt. Wir leben in einer vierten Welt der Megamaschinen, die wir selbst gemacht haben. Und jetzt fangen wir vielleicht an zu begreifen, dass diese unsere Kreatur sich von uns unabhängig gemacht hat und uns ihre Regeln aufzwingt. Das ist ein Druck, größer als der der Götter, des Königs und sogar der Natur.
Die ökologische Krise stellt eine wichtige Offenbarung dar.
Wenn man sie nicht als Offenbarung sieht, sieht man sie nicht genügend tiefgründig und ernsthaft. Es ist gewiss keine Theophanie; was offenbar wird, ist kein neuer Gott. Auch keine Anthropophanie wie die der Aufklärung, die uns ein neues Menschenbild gegeben hat. Sondern eine Kosmophanie.
Der nicht in seiner Wirklichkeit wahrgenommene Kosmos schreit auf und spricht.
Es handelt sich darum, diesen Schrei zu hören, diese Sprache zu verstehen, diese Kosmophanie wahrzunehmen. Diese Kosmophanie ist die heutige Offenbarung, und sie ist die Offenbarung der Kontingenz.
Aus der Sackgasse hilft uns nicht eine kleine Umänderung unserer heutigen Parameter, nicht Reformation; das hieße nur Verlängerung der Agonie eines Systems, das zum Tod verurteilt ist. Auch keine Revolution; die Deformation, die Gewalttätigkeit, bringt nur eine gegenteilige Reaktion hervor.
Sondern eine Metamorphose, eine Transformation.
Es handelt sich darum, unser ursprüngliches Wesen und die Natur auf eine transformierte Weise zu erfahren und nicht nur die Natur neu zu interpretieren. Das Problem ist nicht ökologisch, ökonomisch, politisch. Es handelt sich um eine letztmenschliche Angelegenheit, um die Erfahrung der unendlichen Lebenswirklichkeit.
Um das zu verinnerlichen, brauchen wir Ruhe, Gelassenheit, Gefühl, Distanz, Interkulturalität, Kontemplation, Synthese von Theorie und Praxis. Nur eine Metamorphose kann uns retten.
Die Wirklichkeit ist weder nur göttlich noch nur menschlich, noch nur materiell. Nicht unser Know-how über die Erde oder Materie steht an erster Stelle, sondern die Weisheit der Erde selbst, die wir anzuerkennen und zu erkennen haben. Bedauerlicherweise leben wir in einem Kriegszustand mit der Natur, gegen die Natur, und wir glaubten, wir seien die Sieger:
„maîtres et possesseurs de la nature“ (René Descartes),
„dissecare la natura“ (Galileo Galilei).
Die Weisheit der Natur zu erkennen ist natürliches Menschenwerk.
Der Mensch ist es, der die Weisheit der Natur sein soll. Also kein romantisches Weltbild. Wir sind – wenn wir das sind, was wir wirklich sind – die Weisen der Natur.
Wir sind die Weisen der Natur, die wissen könnten, wie in der Natur alles ist, und mit ihr eine Symbiose etablieren können, die uns allen das Leben ermöglicht.
Wir sind Erde und wohnen nicht nur auf ihr und genießen oder gebrauchen sie nur. Wir müssen mit der Natur umgehen wie mit unserem Leib: weder sie beherrschen noch von ihr beherrscht werden. Freundlichkeit, gegenseitiges Vertrauen, Gleichgewicht.
Der Mensch ist Gemeinschaftsmensch; aber die menschliche Gemeinschaft ist auch kosmisch. Der Mensch ist integrierter und sogar konstituierender Bestandteil des Kosmos. Die Natur ist einer der Orte, wo der normale Mensch mit dem göttlichen Mysterium tiefer in Berührung kommen kann. Unser Kontakt mit der Natur ist nicht vorrangig begrifflich, sondern lebensnah, was die Anteilnahme unseres Intellekts an der Erfahrung der Natur nicht ausschließt.
Wenn wir „Natur“ sagen, denken wir an alles Natürliche, und nicht nur an eine verfeinerte und etwas gekünstelte Betrachtung.
Dass die Natur der Tempel Gottes sei, ist ein hinreichend bekanntes Bild, das aber im Allgemeinen auf solche Weise interpretiert wird, dass seine Transzendenz nur auf Kosten des Vergessens seiner Immanenz gewahrt bleibt. Alles, was der Pantheismus an Positivem bestätigt, ist akzeptabel. Sein Irrtum wäre durch Auslassung, und nicht durch Übertreibung bedingt. Alles ist göttlich, obwohl das Göttliche sich in diesem Alles nicht erschöpft, das wir die Wirklichkeit nennen.
Eine etwas weniger unvollkommene Metapher ist vielleicht diejenige, die einige religiöse Traditionen entwickelt haben: Die Welt ist der Leib Gottes, nicht in cartesianischer Trennung, sondern in positiver Symbiose, wo die Differenzen nicht beseitigt werden, aber die Trennung überwunden wird.
Im 22. Kapitel des „TAO TE KING“ von Lao Tse lesen wir:
„Sich unterwerfen und sich somit ganz bewahren.
Sich beugen und somit gerade sein.
Leer und somit voll sein.
Abgetragen und somit erneuert sein.
Wenig haben und somit empfangen.
Viel haben und somit in Verwirrung geraten.
Weil das alles so ist, umfasst der Weise die Einheit.
Er ist ein Vorbild für die Welt.
Weil er sich nicht hervortut, wird er anerkannt.
Weil er sich selbst nicht Recht gibt, wird er geehrt.
Weil er nicht prahlt, wird er lange hochgeachtet.
Weil er nicht streitet, streitet auch niemand in der Welt mit ihm.
Wenn unsere Vorfahren sagten:
‚Sich unterwerfen und sich somit ganz bewahren’,
So sind das keine leeren Worte gewesen.
Auf diese Weise kann man sich bis zum Ende ganz bewahren.“
06.02.2025
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist
Über Roland R. Ropers
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
Buch Tipp:
Kardiosophie
Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle
von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu
Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.
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