Wenn ich heute käme
Eine Weihnachtsgeschichte
Ich stehe am Rand eurer Städte.
Nicht erhöht. Nicht sichtbar.
Ich bin keiner von denen, die sprechen dürfen. Ich bin einer, der sieht.
Ich sehe Lichterketten, die heller sind als Gesichter.
Ich sehe Schaufenster, die Wünsche versprechen, aber keine Nähe kennen.
Ich sehe Menschen, die rechnen, bevor sie fühlen – weil das Leben teuer geworden ist.
Ich sehe Geschenke, billig gekauft, weit gereist.
Nicht aus Gier. Aus Angst.
Angst, nicht zu genügen. Angst, zu wenig zu geben. Angst, nicht mehr mitzuhalten in einer Welt, die immer schneller wird.
Ich verurteile euch nicht.
Ich erkenne euch.
Ich sehe Kinder, die nicht auf Weihnachten warten, sondern auf Stille.
Kinder, deren Himmel von Raketen durchzogen wird.
Kinder, deren Leben verhandelt wird, während Erwachsene von Strategien sprechen.
Ich höre Politiker reden von Verantwortung, Stabilität, Interessen.
Ich höre viele Worte – und wenig Gewissen.
Ich sehe Deals für morgen, während heute Menschen sterben.
Und ich sehe eine Erde, die euch trägt, obwohl ihr sie ausbeutet.
Flüsse, die krank geworden sind.
Wälder, die verschwinden, ohne dass jemand innehält.
Ich frage mich nicht: Warum seid ihr so?
Ich frage mich: Wann habt ihr aufgehört, euch selbst zu spüren?
Ihr habt gelernt zu funktionieren.
Ihr habt gelernt zu überleben.
Aber ihr habt verlernt, still zu werden.
Euer größter Irrtum ist nicht das Böse.
Euer größter Irrtum ist die Gewöhnung.
Ihr habt euch an Leid gewöhnt, weil es täglich kommt.
Ihr habt euch an Ungerechtigkeit gewöhnt, weil sie systemisch ist.
Ihr habt euch an Schuld gewöhnt, indem ihr sie ausgelagert habt.
Und doch seid ihr nicht herzlos.
Ihr seid müde.
Niemand hat euch beigebracht, wie man fühlt, ohne daran zu zerbrechen.
Niemand hat euch beigebracht, wie man Verantwortung trägt, ohne hart zu werden.
Niemand hat euch beigebracht, wie man Nein sagt zu einem System, das euch Sicherheit verspricht – wenn ihr dafür euer Gewissen leise stellt.
Wenn ich heute geboren würde,
ihr würdet mich kaum erkennen.
Nicht, weil ihr schlecht seid.
Sondern weil ihr nach Lautstärke sucht – und nicht nach Wahrheit.
Ich käme nicht als Erlöser.
Ich käme als Zumutung.
Ich würde fragen, warum Wachstum wichtiger ist als Würde.
Ich würde fragen, warum Sicherheit ohne Mitgefühl hohl bleibt.
Ich würde fragen, warum ihr Frieden wollt, aber Verantwortung delegiert.
Ich würde nicht in Kirchen sprechen.
Nicht in Parlamenten.
Nicht in Talkshows.
Ich wäre dort, wo ihr zweifelt – aber noch nicht abgestumpft seid.
Bei der Mutter, die nachts wachliegt und hofft, dass ihr Kind es einmal besser haben wird.
Bei dem Vater, der alles gibt und trotzdem nicht reicht.
Bei dem jungen Menschen, der spürt, dass diese Welt so nicht stimmen kann – und sich fragt, ob er selbst falsch ist.
Weihnachten war nie ein Fest der Lösungen.
Es war ein Fest der Verletzlichkeit.

Die Zumutung, dass Menschlichkeit nicht effizient ist.
Dass Liebe nicht kalkuliert.
Dass Wahrheit leise spricht.
Ich habe euch nie versprochen, dass es einfach wird.
Ich habe euch nur gezeigt, dass ihr wählen könnt.
Zwischen Wegsehen und Hinsehen.
Zwischen Zynismus und Verantwortung.
Zwischen Bequemlichkeit und Gewissen.
Vielleicht ist das die eigentliche Tragödie eurer Zeit:
Ihr wartet auf Erlösung von außen,
während alles Wesentliche längst in euch angelegt ist.
Hoffnung ist kein Gefühl.
Hoffnung ist eine Haltung.
Sie beginnt dort, wo ihr aufhört, euch herauszureden.
Sie wächst dort, wo ihr nicht mehr alles mitmacht, obwohl es Vorteile bringt.
Sie lebt dort, wo ihr hinschaut, obwohl es weh tut.
Wenn ich heute auf euch blicke,
sehe ich keine verlorene Menschheit.
Ich sehe eine Menschheit an der Schwelle.
Zwischen Angst und Bewusstsein.
Zwischen Macht und Verantwortung.
Zwischen Zerstörung und Umkehr.
Und solange noch jemand fragt:
„Ist das wirklich richtig?“
Solange noch jemand leidet, ohne zu hassen,
Solange noch jemand liebt, ohne Beifall zu erwarten,
ist diese Welt nicht verloren.
Weihnachten geschieht nicht im Konsum.
Es geschieht im Erinnern.
Daran, wer ihr seid.
Und wer ihr sein könntet.
Still.
Mutig.
Menschlich.
Warum wir diese Geschichte veröffentlichen
Diese Weihnachtsgeschichte will nicht trösten. Sie will erinnern. In einer Zeit, in der Leid zur Schlagzeile, Verantwortung zur Floskel und Gewissen zur Privatsache geworden sind, halten wir es für notwendig, innezuhalten. Nicht, um Schuld zu verteilen – sondern um Bewusstsein zu öffnen. Der Blick Jesu in dieser Erzählung ist kein religiöser Zeigefinger, sondern ein menschlicher Spiegel: Er verurteilt nicht, er sieht.
Wir veröffentlichen diesen Text, weil Spiritualität für uns kein Rückzugsraum ist. Echte Spiritualität stellt Fragen, wo andere ausweichen. Sie verweigert falschen Trost und konfrontiert uns mit der Verantwortung, die wir nicht an Systeme, Politik oder Märkte delegieren können. Wer spirituell denkt, aber gesellschaftlich wegschaut, verfehlt den Kern.
Weihnachten ist in diesem Sinne kein Fest der Lösungen, sondern ein Moment der Haltung. Diese Geschichte lädt dazu ein, den eigenen Platz neu zu betrachten: zwischen Gewöhnung und Gewissen, zwischen Angst und bewusster Entscheidung. Wenn sie irritiert, nachwirkt oder ein stilles Innehalten auslöst, dann hat sie ihren Zweck erfüllt.
24.12.2025
Heike Schonert
für das Spirit Online Team
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.
Heike Schonert
Heike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom- Ökonom. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe.
Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.
Ihr Motto ist: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weiter geben und mit ihr wachsen.“


