Warum Quantenbewusstsein mehr Präzision braucht
Quantenbewusstsein beschreibt die umstrittene Annahme, dass Quantenprozesse im Gehirn an der Entstehung von Bewusstsein beteiligt sein könnten. Der Begriff berührt moderne Physik, Neurowissenschaft, Philosophie und Spiritualität – aber er verlangt eine saubere Trennung zwischen belegter Forschung, begründeter Hypothese und spiritueller Projektion.
Quantenbewusstsein ist keine bewiesene wissenschaftliche Theorie. Es bezeichnet Hypothesen, nach denen Quantenprozesse im Gehirn eine Rolle für Bewusstsein spielen könnten. Besonders bekannt ist die Orch-OR-Theorie von Roger Penrose und Stuart Hameroff. Die Forschung ist spannend, aber wissenschaftlich weiterhin umstritten.
Kaum ein Thema wird im spirituellen Feld so schnell überhöht wie Quantenbewusstsein. Es klingt nach Brücke: zwischen Materie und Geist, Gehirn und Seele, Wissenschaft und Spiritualität. Genau deshalb ist Vorsicht nötig. Denn wo Begriffe wie Quantenfeld, Nichtlokalität, Mikrotubuli oder Bewusstsein verwendet werden, entsteht schnell der Eindruck, hier sei das Spirituelle bereits naturwissenschaftlich bewiesen.
Das ist nicht der Fall.
Quantenbewusstsein ist ein faszinierender Forschungs- und Deutungsraum. Aber es ist kein Beweis dafür, dass Gedanken beliebig Realität erschaffen, Heilung über Quantenfelder geschieht oder Spiritualität physikalisch bestätigt wäre. Eine vertiefende Orientierung zur größeren Schnittstelle von innerer Erfahrung, Forschung und spiritueller Deutung bietet unsere Themenseite Spiritualität und Wissenschaft.
Was bedeutet Quantenbewusstsein?
Unter Quantenbewusstsein versteht man Hypothesen, nach denen Quantenphänomene eine Rolle bei der Entstehung oder Struktur von Bewusstsein spielen könnten. Gemeint sind mögliche Prozesse wie Quantenkohärenz, Superposition, Verschränkung oder objektive Reduktion von Quantenzuständen.
Im seriösen wissenschaftlichen Sinn bedeutet Quantenbewusstsein jedoch nicht: „Alles ist Energie“ oder „Gedanken erschaffen die Welt“. Solche Formeln gehören eher in den Bereich populärer Quantenmystik. Wissenschaftlich geht es um deutlich präzisere Fragen:
- Können im Gehirn stabile Quantenprozesse existieren?
- Können solche Prozesse neuronale Abläufe beeinflussen?
- Könnten sie erklären, warum aus biologischer Aktivität subjektives Erleben entsteht?
- Gibt es experimentelle Hinweise, die über klassische Neurowissenschaft hinausweisen?
Diese Fragen sind legitim. Sie sind aber nicht abschließend beantwortet. Deshalb ist die redliche Formulierung: Quantenbewusstsein ist eine spekulative, kontroverse und teilweise experimentell untersuchte Hypothese – keine gesicherte Theorie.
Warum Quantenphysik spirituell so stark wirkt
Die Quantenphysik hat unser Weltbild verändert. Sie zeigt, dass Materie auf kleinster Ebene nicht einfach aus festen Dingen besteht, sondern aus Wahrscheinlichkeiten, Zuständen, Wechselwirkungen und Messprozessen. Begriffe wie Superposition, Verschränkung oder Wellenfunktion wirken fast mystisch, obwohl sie mathematisch präzise beschrieben werden.
Für spirituelle Menschen sind diese Konzepte reizvoll. Sie scheinen an alte Einsichten zu erinnern: Alles ist verbunden. Wirklichkeit ist tiefer als das Sichtbare. Der Beobachter ist nicht völlig getrennt von der Welt.
Doch genau hier liegt die Grenze. Die Quantenphysik zeigt nicht, dass menschliche Gedanken beliebig Realität erschaffen. Sie beweist auch keine spirituellen Heilversprechen und keine automatische kosmische Steuerung des Lebens.
Eine kritische Vertiefung dieser Unterscheidung findet sich im Beitrag Quantenphysik und Spiritualität. Dort wird deutlich: Quantenphysik kann spirituelles Denken inspirieren. Sie darf aber nicht als Etikett benutzt werden, um unbelegte Behauptungen wissenschaftlich wirken zu lassen.
Bewusstsein aus Sicht der Neurowissenschaft
Die Neurowissenschaft betrachtet Bewusstsein zunächst als Phänomen des Gehirns. Milliarden Nervenzellen, Synapsen, elektrische Signale, chemische Botenstoffe und dynamische Netzwerke bilden die biologische Grundlage unseres Erlebens. Wachheit, Aufmerksamkeit, Erinnerung, Selbstwahrnehmung und Entscheidung gehen mit messbaren Hirnprozessen einher.
Eine wichtige Theorie ist die Global-Neuronal-Workspace-Hypothese. Sie beschreibt Bewusstsein als einen Zustand, in dem Informationen nicht nur lokal verarbeitet, sondern breit im Gehirn verfügbar werden. Inhalte werden bewusst, wenn neuronale Netzwerke sie verstärken, stabilisieren und für verschiedene kognitive Systeme zugänglich machen.
Eine andere Theorie ist die Integrated Information Theory, kurz IIT. Sie versucht, Bewusstsein über den Grad integrierter Information in einem System zu beschreiben. Auch diese Theorie ist umstritten, zeigt aber, wie intensiv die Wissenschaft nach formalen Modellen sucht, um subjektives Erleben besser zu verstehen.
Beide Ansätze kommen zunächst ohne Quantenbewusstsein aus. Sie erklären Bewusstsein über neuronale Kommunikation, Informationsintegration und Hirndynamik. Dennoch bleibt eine zentrale Frage offen: Warum fühlt sich ein neuronaler Prozess überhaupt nach etwas an?
Der Philosoph David Chalmers nannte dies das „harte Problem des Bewusstseins“. Es geht nicht nur darum, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Es geht darum, warum daraus innere Erfahrung entsteht: Schmerz, Farbe, Liebe, Angst, Sinn, Gegenwart.
Genau an dieser offenen Stelle setzen alternative Hypothesen an. Quantenbewusstsein ist eine davon – nicht weil es bewiesen wäre, sondern weil Bewusstsein selbst noch nicht vollständig verstanden ist.
Die Orch-OR-Theorie von Penrose und Hameroff
Die bekannteste Theorie des Quantenbewusstseins ist die Orch-OR-Theorie. Der Begriff steht für „Orchestrated Objective Reduction“. Entwickelt wurde sie vom Physiker Roger Penrose und dem Anästhesiologen Stuart Hameroff.
Penrose stellte die Frage, ob menschliches Denken vollständig algorithmisch erklärbar sei. Er vermutete, dass Bewusstsein mit physikalischen Prozessen zusammenhängen könnte, die über klassische Rechenmodelle hinausgehen. Hameroff brachte eine biologische Hypothese ein: Mögliche Quantenprozesse könnten in Mikrotubuli stattfinden.
Mikrotubuli sind röhrenförmige Proteinstrukturen im Inneren von Zellen. Sie gehören zum Zytoskelett und spielen eine wichtige Rolle für Stabilität, Transportprozesse und Zellorganisation. Hameroff und Penrose vermuten, dass in diesen Strukturen kohärente Quantenzustände entstehen könnten, die mit bewussten Momenten verbunden sind.
Das ist eine kühne Idee. Wenn sie stimmen würde, wäre Bewusstsein nicht nur ein Produkt klassischer neuronaler Netzwerke. Es hätte eine tiefere physikalische Dimension. Das Gehirn wäre dann nicht einfach ein biologischer Computer, sondern ein System, in dem klassische und quantenphysikalische Prozesse zusammenspielen.
Aber genau hier beginnt die Kontroverse.
Der stärkste Einwand: Dekohärenz im warmen Gehirn
Der zentrale Einwand gegen Quantenbewusstsein lautet: Das Gehirn ist warm, feucht und biologisch unruhig. Quantenzustände sind empfindlich. Sie verlieren ihre Kohärenz sehr schnell, wenn sie mit ihrer Umgebung wechselwirken. Dieser Verlust wird Dekohärenz genannt.
Der Physiker Max Tegmark argumentierte bereits im Jahr 2000, dass mögliche Quantenzustände im Gehirn extrem schnell zerfallen würden – viel zu schnell, um normale neuronale Prozesse im Millisekundenbereich zu beeinflussen. Diese Kritik ist bis heute einer der stärksten Einwände gegen die Vorstellung, das Gehirn arbeite in einem für Bewusstsein relevanten Sinn als Quantensystem.
Hameroff, Penrose und andere Befürworter haben auf diese Kritik reagiert und ihre Modelle weiterentwickelt. Dennoch bleibt Orch-OR außerhalb des wissenschaftlichen Mainstreams. Die Theorie ist bekannt, diskutiert und philosophisch reizvoll – aber nicht allgemein akzeptiert.
Für Spirit Online ist diese Einordnung entscheidend: Eine Theorie kann faszinierend sein, ohne bewiesen zu sein. Und genau diese Spannung macht Quantenbewusstsein interessant.
Neue Forschung zu Mikrotubuli: Hinweis, aber kein Beweis
In den letzten Jahren ist das Thema Mikrotubuli wieder stärker in den Blick geraten. Besonders interessant ist eine 2024 in der Fachzeitschrift eNeuro veröffentlichte Studie. Dabei wurde untersucht, ob der Mikrotubuli-Stabilisator Epothilone B die Wirkung des Narkosegases Isofluran bei Ratten beeinflusst.
Das Ergebnis: Die Stabilisierung von Mikrotubuli verzögerte in diesem Experiment die durch Anästhesie ausgelöste Bewusstlosigkeit. Die Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass Mikrotubuli eine Rolle bei Anästhesie und Bewusstsein spielen könnten.
Das ist bemerkenswert. Aber es ist kein Beweis für Quantenbewusstsein.
Die Studie zeigt nicht, dass Bewusstsein quantenphysikalisch entsteht. Sie zeigt auch nicht, dass die Orch-OR-Theorie bewiesen wäre. Sie liefert jedoch einen experimentellen Befund, der die Debatte um Mikrotubuli neu belebt.
2025 argumentierte Michael C. Wiest in Neuroscience of Consciousness, dass aktuelle Hinweise auf Mikrotubuli als mögliche Substrate von Bewusstsein stärker ernst genommen werden sollten. Auch diese Position bleibt Teil einer kontroversen Forschungslandschaft. Sie stärkt eine Hypothese, ersetzt aber keinen wissenschaftlichen Konsens.
Genau hier liegt die redaktionelle Haltung: Wissenschaft lebt von offenen Fragen. Spiritualität lebt von innerer Erfahrung. Aber beide verlieren ihre Würde, wenn Vermutung als Tatsache verkauft wird.
Deepak Chopra und die populäre Quantenmystik
Kaum ein Name ist im populären Quantenbewusstsein so bekannt wie Deepak Chopra. Chopra verbindet Begriffe aus Quantenphysik, Ayurveda, vedischer Spiritualität und Bewusstseinslehre. Seine Bücher haben Millionen Menschen erreicht, weil sie eine starke Botschaft vermitteln: Bewusstsein sei nicht nur ein Nebenprodukt des Körpers, sondern die tiefere Grundlage der Wirklichkeit.
Spirituell ist diese Sicht für viele Menschen anschlussfähig. Zahlreiche Traditionen sprechen von einem universellen Bewusstsein, vom göttlichen Urgrund, von Brahman oder einer geistigen Dimension, die allem Leben zugrunde liegt. In diesem Sinn berührt Chopra eine echte Sehnsucht: Der Mensch möchte sich nicht als isolierte biologische Maschine verstehen.
Problematisch wird es dort, wo spirituelle Sprache mit physikalischer Beweissprache verwechselt wird. Wenn Begriffe wie Quantenfeld, Nichtlokalität, Energie oder Kollaps verwendet werden, ohne ihre naturwissenschaftliche Bedeutung sauber einzuhalten, entsteht der Eindruck von Wissenschaftlichkeit, wo eigentlich Deutung, Metapher oder spirituelle Weltanschauung vorliegt.
Chopra ist deshalb weniger als wissenschaftlicher Theoretiker des Quantenbewusstseins zu verstehen, sondern als spiritueller Popularisierer. Er öffnet Fragen, stiftet Sinn und bietet Menschen ein erweitertes Weltbild. Aber seine Aussagen sind keine naturwissenschaftliche Theorie im strengen Sinn.
Eine reife Spiritualität braucht keine falsche Autorität aus der Physik. Sie darf sagen: Diese Erfahrung ist bedeutsam, auch wenn sie nicht vollständig messbar ist.
Was ist belegt – und was bleibt Spekulation?
Für eine seriöse Einordnung von Quantenbewusstsein ist eine klare Trennung nötig.
Belegt ist: Quantenphänomene existieren auf mikroskopischer Ebene. Superposition, Verschränkung und Quantenkohärenz sind reale physikalische Konzepte. Auch in biologischen Systemen werden Quanteneffekte untersucht, etwa in der Photosynthese oder beim Magnetsinn bestimmter Tiere.
Gut belegt ist auch: Bewusstsein hängt eng mit Gehirnaktivität zusammen. Neurowissenschaftliche Forschung zeigt robuste Zusammenhänge zwischen Hirnzuständen, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Narkose, Schlaf und subjektivem Erleben.
Umstritten ist: Ob Quantenprozesse im Gehirn für Bewusstsein notwendig sind. Die Orch-OR-Theorie ist ein prominentes Modell, aber kein Konsens. Neue Studien zu Mikrotubuli sind interessant, beweisen aber nicht die quantenphysikalische Natur des Bewusstseins.
Nicht belegt ist: Dass menschliche Gedanken über Quantenprozesse beliebig Realität erschaffen. Ebenso wenig ist belegt, dass Quantenbewusstsein Heilung, Unsterblichkeit oder direkte kosmische Steuerung des Lebens erklärt.
Die Frage, ob Quantenphysik Hinweise auf Unsterblichkeit oder ein Weiterleben nach dem Tod liefert, behandeln wir bewusst getrennt im Beitrag Quantenphysik und Unsterblichkeit. Dieser Artikel konzentriert sich auf Bewusstsein, Gehirn, Orch-OR, Mikrotubuli und spirituelle Deutung.
Quantenbewusstsein und Spiritualität: Wo der Dialog sinnvoll wird
Die spirituelle Bedeutung von Quantenbewusstsein liegt nicht darin, fertige Beweise zu liefern. Sie liegt darin, das materialistische Selbstbild des Menschen zu befragen.
Sind wir nur neuronale Maschinen? Ist Bewusstsein bloß ein Nebeneffekt biochemischer Aktivität? Oder verweist unser inneres Erleben auf eine tiefere Dimension des Seins?
Diese Fragen sind berechtigt. Der Mensch erlebt sich nicht nur als Körper. Er erlebt Sinn, Liebe, Intuition, Verbundenheit, Transzendenz, Gewissen und innere Freiheit. Diese Erfahrungen lassen sich nicht vollständig durch Messwerte ersetzen.
Spirituell betrachtet kann Quantenbewusstsein daher als Symbol gelesen werden: Es erinnert daran, dass Wirklichkeit offener, tiefer und weniger mechanisch sein könnte, als ein rein reduktionistisches Weltbild annimmt.
Aber ein Symbol ist kein Beweis. Eine Metapher ist keine Physik. Eine innere Erfahrung ist kein Experiment.
Genau in dieser Spannung liegt die produktive Kraft. Wissenschaft kann Spiritualität vor Wunschdenken schützen. Spiritualität kann Wissenschaft daran erinnern, dass der Mensch mehr ist als ein Messobjekt. Beide Perspektiven müssen einander nicht ersetzen. Sie können einander korrigieren.
Quantenkognition: Ein oft übersehener Sonderfall
Ein wichtiges Missverständnis betrifft die sogenannte Quantenkognition. Dieser Forschungsbereich untersucht, ob mathematische Modelle aus der Quantenwahrscheinlichkeit helfen können, menschliche Entscheidungen besser zu beschreiben. Dabei geht es zum Beispiel um paradoxe Urteile, Mehrdeutigkeiten oder Entscheidungssituationen, in denen klassische Wahrscheinlichkeitstheorie an Grenzen stößt.
Das bedeutet aber nicht, dass das Gehirn dabei tatsächlich ein Quantencomputer ist.
Quantenkognition nutzt mathematische Strukturen der Quantentheorie als Modell für Denken und Entscheiden. Sie behauptet nicht zwingend, dass Neuronen physikalisch quantenkohärent arbeiten.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie zeigt: Der Begriff „Quanten“ kann in verschiedenen Zusammenhängen auftauchen. Manchmal meint er reale Physik. Manchmal meint er mathematische Modellierung. Manchmal meint er bloße Metapher. Wer redaktionelle Qualität liefern will, muss diese Ebenen sauber auseinanderhalten.
Warum Quantenbewusstsein gesellschaftlich relevant ist
Quantenbewusstsein ist nicht nur ein Spezialthema für Physiker, Neurowissenschaftler oder spirituelle Suchende. Es berührt eine gesellschaftliche Grundfrage: Welches Menschenbild prägt unsere Kultur?
Wenn der Mensch nur als optimierbare Maschine verstanden wird, verliert das Innere an Wert. Dann zählen Effizienz, Daten, Leistung, Funktion. Wenn Bewusstsein dagegen als ernstzunehmende Dimension des Lebens betrachtet wird, entsteht ein anderes Bild: Der Mensch ist nicht nur Organismus, sondern erfahrendes Wesen. Nicht nur Reiz-Reaktions-System, sondern Sinnträger.
Hier liegt die eigentliche spirituelle Stärke des Themas. Quantenbewusstsein muss nicht bewiesen sein, um eine Frage sichtbar zu machen: Ist unser Weltbild groß genug für das, was Menschen innerlich erleben?
Diese Frage ist auch für den Beitrag 👉 Was ist Leben? Wissenschaft trifft Spiritualität zentral. Denn Bewusstsein, Leben und Sinn lassen sich nicht auf einfache Formeln reduzieren. Sie verlangen nach einer Sprache, die wissenschaftlich redlich und existenziell offen bleibt.
Die Grenze zu Heilversprechen und Wunschdenken
Gerade weil Quantenbegriffe faszinierend klingen, werden sie im spirituellen Markt häufig missbraucht. Dort finden sich Aussagen, nach denen Quantenfelder Krankheiten heilen, Gedanken Materie umprogrammieren oder bestimmte Frequenzen automatisch Schutz, Erfolg oder Transformation bewirken sollen.
Solche Aussagen sind problematisch, wenn sie medizinische oder psychologische Wirkung versprechen, ohne belastbare Nachweise zu liefern. Sie können Menschen in schwierigen Lebenssituationen falsche Sicherheit geben. Sie können Verantwortung verschieben. Und sie können ernsthafte Spiritualität beschädigen.
Ein bewusster Umgang mit Quantenbewusstsein bedeutet daher: keine Heilsversprechen, keine Überhöhung, keine scheinwissenschaftliche Sprache.
Wer spirituelle Erfahrungen beschreibt, darf dies offen tun. Wer wissenschaftliche Aussagen macht, muss sie belegen. Wer beides verbindet, muss die Grenze sichtbar halten.
Diese Haltung entspricht der redaktionellen Linie von Spirit Online: Tiefe ja. Offenheit ja. Aber keine unprüfbare Behauptung als Wahrheit verkaufen.
Mini-FAQ: Quantenbewusstsein verständlich erklärt
Ist Quantenbewusstsein wissenschaftlich bewiesen?
Nein. Quantenbewusstsein ist bisher nicht wissenschaftlich bewiesen. Es gibt Hypothesen wie die Orch-OR-Theorie und neue Hinweise aus der Mikrotubuli-Forschung, aber keinen anerkannten Konsens, dass Bewusstsein durch Quantenprozesse entsteht.
Was sagt die Orch-OR-Theorie?
Die Orch-OR-Theorie von Roger Penrose und Stuart Hameroff vermutet, dass Bewusstsein durch Quantenprozesse in Mikrotubuli innerhalb von Nervenzellen entstehen könnte. Diese Theorie ist bekannt, aber wissenschaftlich umstritten.
Bestätigt Quantenphysik spirituelle Erfahrungen?
Nein, nicht im wissenschaftlichen Sinn. Quantenphysik kann spirituelle Deutungen inspirieren, sie beweist aber keine spirituellen Erfahrungen. Spirituelle Erfahrung und physikalische Theorie sind unterschiedliche Erkenntniswege.
Was ist der Unterschied zwischen Quantenbewusstsein und Quantenmystik?
Quantenbewusstsein bezeichnet wissenschaftlich diskutierte Hypothesen über mögliche Quantenprozesse im Gehirn. Quantenmystik nutzt Quantenbegriffe häufig metaphorisch oder spekulativ, ohne ausreichende wissenschaftliche Belege.
Kann Quantenbewusstsein Heilung erklären?
Dafür gibt es keinen belastbaren Beweis. Quantenbewusstsein sollte nicht als Erklärung für Heilversprechen verwendet werden. Spirituelle Praktiken können Menschen subjektiv stärken, ersetzen aber keine medizinische oder psychotherapeutische Abklärung.
Fazit: Quantenbewusstsein verlangt Demut
Quantenbewusstsein ist eines jener Themen, die zeigen, wie groß unsere Sehnsucht nach einem umfassenderen Weltbild ist. Es verbindet das Rätsel der Materie mit dem Rätsel des Geistes. Es berührt Wissenschaft, Philosophie, Spiritualität und die Frage, wer der Mensch eigentlich ist.
Doch gerade deshalb braucht das Thema Klarheit. Quantenbewusstsein ist keine bewiesene Erklärung des Bewusstseins. Die Orch-OR-Theorie bleibt spekulativ. Neue Studien zu Mikrotubuli sind spannend, aber nicht endgültig. Populäre Deutungen wie die von Deepak Chopra können spirituell inspirieren, sind aber keine naturwissenschaftliche Theorie.
Die reife Haltung liegt zwischen zwei Extremen: nicht alles vorschnell als Unsinn abtun – aber auch nicht jede faszinierende Idee als Wahrheit verkaufen.
Wissenschaft braucht Offenheit für neue Hypothesen. Spiritualität braucht Wahrhaftigkeit gegenüber ihren eigenen Grenzen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Das Bewusstsein bleibt eines der tiefsten Rätsel unserer Zeit. Ob Quantenphysik eines Tages eine zentrale Rolle bei seiner Erklärung spielen wird, ist offen. Sicher ist nur: Wer dieses Thema ernst nimmt, braucht mehr als Begeisterung. Er braucht Präzision, Demut und die Bereitschaft, zwischen Wissen, Erfahrung und Deutung zu unterscheiden.
Weiterführende Spirit-Online-Beiträge
- Spiritualität und Wissenschaft: Bewusstsein, Seele und Forschung
- Quantenphysik und Spiritualität: Wahrheit, Irrtum und Bedeutung
- Quantenphysik und Unsterblichkeit
- Menschliches Gehirn, Wissenschaft und Spiritualität
- Quantenheilung: Wirkung, Kritik und Grenzen erklärt
- Frequenzen und Schwingungen im Bewusstsein verstehen
Quellen und weiterführende Literatur
- Hameroff, S. & Penrose, R. (2014): Consciousness in the universe: A review of the ‘Orch OR’ theory. Physics of Life Reviews. Zur Quelle
- Tegmark, M. (2000): Importance of quantum decoherence in brain processes. Physical Review E. Zur Quelle
- Khan, S. et al. (2024): Microtubule-Stabilizer Epothilone B Delays Anesthetic-Induced Unconsciousness in Rats. eNeuro. Zur Quelle
- Wiest, M. C. (2025): A quantum microtubule substrate of consciousness is experimentally supported and solves the binding and epiphenomenalism problems. Neuroscience of Consciousness. Zur Quelle
- Mashour, G. A. et al. (2020): Conscious Processing and the Global Neuronal Workspace Hypothesis. Neuron / PMC. Zur Quelle
- Tononi, G., Boly, M., Massimini, M. & Koch, C. (2016): Integrated information theory: from consciousness to its physical substrate. Nature Reviews Neuroscience. Zur Quelle
- Chalmers, D. J. (1995): Facing Up to the Problem of Consciousness. Journal of Consciousness Studies. Zur Quelle
- Busemeyer, J. R. & Bruza, P. D.: Quantum Models of Cognition and Decision. Cambridge University Press. Zur Quelle
Artikel aktualisiert
26.03.2026
Uwe Taschow



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