Himmel & Erde

Unser Leben – Ein Mosaik

Wolken wie FädenUnser Leben ~ Ein Mosaik

Reflexionen hierzu

© Dr. phil. Bernhard A. Grimm, Scheyern

Die mensch.liche Existenz ist und bleibt verletzlich, und niemand kann uns sagen, wohin die Reise führt. Nur eines wissen wir, dass wir nämlich an Schmerz und Trauer, an Krisen und Verlusten und schließlich am Tod nicht vorbeikommen. Die Trauer um einen geliebten Menschen, um verlorene Lebensträume, um ausgelassene und verpasste Chancen, um ein un.gelebtes Leben tut weh – aber sie muss „abgearbeitet“ werden, und dann mag sie uns auch in den letzten Grund der Seele führen, wo der Mensch mit neuen Möglichkeiten des Lebens in Berührung kommt.

Mir fiel bei der täglichen Trauerarbeit und bei der Vorbereitung für dieses Schreiben eine wunderschöne Metapher, also ein mustergültiges Bild ein, das mensch.liches Leben vergleicht mit einem MOSAIK.bild, das sich aus unzähligen Steinchen verschiedenster Schattierung und mannigfachster Gestalt zusammensetzt:

• Es sind große und kleine Steine darunter, strahlend helle und kristallfarbene, welche die Lichtpunkte unseres Lebens symbolisieren.

• Aber da finden wir auch dunkle, traurig düstere, schwarze, die Unglück und Elend, Misserfolg und Pannen, Sorge und Tränen, Verletzungen und Leid bedeuten.

Am Ende des Lebens jedenfalls fügt sich das Mosaik zu einem vollkommenen Bild bestimmter Formen und Farben zusammen, das unsere individuelle, unsere un.verwechselbar-un.austauschbare Existenz widerspiegelt in der Einmalig.keit und Einzig.artigkeit seiner Gestalt: DAS BILD EINES JEDEN MENSCHEN IST ANDERS UND AUF SEINE ART NIEMALS MEHR WIEDERHOLBAR.

Nun gibt es gewisse Steine – helle wie dunkle, große wie kleine -, die sozusagen vom Schicksal ohne unser Mittun ins Mosaik geworfen

werden und auf klebrigem Grunde haften, ohne dass wir sie verrücken können. Es sind dies die Gegebenheiten, die sich weitgehend unserem Zugriff entziehen:

– das Erbgut etwa, das wir uns nicht aussuchen können

– das Elternhaus, aus dem wir stammen

– die Zeit, die Gesellschaft und Kultur, in die wir hineingeboren werden

– die Gesamtheit der Bedingungen eben, die uns gesetzt sind.

Dabei verstehe ich allerdings den Menschen absolut nicht als Marionette – ausschließlich gezogen an den Schnüren aus Erbgut und Umwelteinflüssen, aus seinem Triebpotential und dem üppigen Arsenal seiner Bedürfnisskala -, sondern durchaus als geistiges Wesen mit freier Entscheidungs.mächtigkeit.

Neben dieser mehr oder minder starken Prägung freilich kann nun ein Zweifaches geschehen, nämlich dass einem manchmal ein dunkler Stein direkt vor die Füße geknallt wird, d.h. es geschieht etwas Schreckliches, etwas Unfassbares, und man kann sich nicht wehren:

– da ist uns ein geliebter Mensch gestorben

– eine schwere Krankheit ist ausgebrochen und will nicht heilen

– eine Berufskarriere ist zu Ende gegangen

– materielle Not zwingt zu bitterem Verzicht

– eine Ehe, Partnerschaft, Freundschaft ist zerbrochen

– einer hat schwere Schuld auf sich geladen.

Aber genauso, und das ist das Zweite, fallen oftmals auch lichte, klare, funkelnd schöne Steine ins Bild:

– unerwartete Begegnungen

– eine neue Liebe

– glückliche Zufälle, die ganz ohne unser Zutun geschehen, wenngleich wir sie natürlich freudig begrüßen und gerne geschehen lassen.

Zwischen all diesen, ich nenne sie mal: SCHICKSALHAFTEN STEINEN bleiben jedoch immer noch viele Plätze frei, kleinere und

auch größere Zwischenräume, auf denen kein, auf denen noch kein Mosaikstein liegt. Das sind die Plätze, die jeden Tag neu, die stündlich und eigentlich sekündlich, gefüllt werden können mit Ent.scheidungen und Beiträgen unserer ganz persönlichen Wahl, die wir bewusst und wissentlich treffen.

Es ist nämlich so, dass abseits vom Mosaik (also sowohl in unserer Um. und Mit.welt als auch in unserem Innern, in unseren Wachträumen oder Sehnsüchten, in unseren Fähigkeiten und Eigenschaften etc.) lose Steine in großer Zahl zu unserer freien Verfügung herumliegen: große und kleine, helle und dunkle und bunte, welche die zahlreichen Möglichkeiten symbolisieren, die uns fast in jeder Lage gegeben sind.

Ich sage es mal so:

Wir alle haben für jede Stunde einen ganzen – tausendfach glänzenden – STERNENHIMMEL AN MÖGLICHKEITEN vorgegeben – es liegt (nur) an uns, danach zu greifen.

Diese Sterne oder SINN.MÖGLICHKEITEN, all diese Steinchen außerhalb und abseits unseres mehr oder minder schicksals.geprägten

Mosaiks können wir aus eigener Kraft und nach Gutdünken ins Bild setzen, um das end.gültige Mosaik mit.zu.gestalten.

Dabei kann grundsätzlich folgendes passieren:

~ Jemand sieht nur das eigene halbfertige, je nach Alter vielleicht gerade erst mal angefangene Mosaik mit seinen aufgeklebten Steinchen und blickt gar nicht nach außen, auch nicht nach innen, wo noch so viele freie Steine, sprich: WERT. – und SINN.VERWIRKLICHUNGS.MÖGLICHKEITEN ungenützt herumliegen.

Ein solcher Mensch ist ganz fixiert auf das So.sein seines Ichs im Sinne von „So bin ich halt“ und er macht überhaupt keine Anstalten, sein Anders.sein.können, sein „Immer-auch-anders-werden-Können“, was erst die Möglichkeit zu persönlicher Entwicklung und damit vielleicht auch zu mensch.licher Reife eröffnet, gedanklich durchzuspielen und dann auch zu realisieren.

Das ist EGO.ZENTRIERUNG pur: abgepackt – eingetütet – verschnürt – fertig!

Der Mensch dieser statisch.solid.stabilen Sorte reduziert sich um die unzähligen Chancen individuell.personaler Ent.wicklung, Ent.faltung und Reife.wachstums – nicht unbedingt aus Trägheit, sondern oftmals aus Angst, denn es geht ja bei bewusster Ent.wicklung stets um Grenz.überschreitungen, und das heißt:

Man muss loslassen, d.h. man muss Mauern abbauen, Krücken wegwerfen, Zäune einreißen, Abschied nehmen von liebgewordenen Illusionen, von Ideologien und fixen Vorstellungen, von eingefahrenen Verhaltensweisen, man muss gelernt haben zu verzichten.

Und so ist es auch bei jeder Ent.scheidung, weshalb die als Ent.schuldigung vorgebrachte sogenannte Ent.scheidungs.schwäche

deshalb nicht greift, weil manches, ja vielleicht sogar jedes Sich-nichtentscheiden-Können eigentlich ein Nicht-verzichten-Wollen ist: Der Akt des Wählens ist nämlich immer ein Verzicht auf die nicht gewählte Alternative!

Man kann aber nicht nach vorne springen, ohne hinter sich etwas loszulassen.

Oder anders gesagt: Man muss immer etwas loslassen, um wieder etwas anderes zu finden: So muss auch der Trapezkünstler im

Zirkus rechtzeitig sein Trapez loslassen, um das andere fassen zu können.

~ Ein anderer sieht nur die dunklen Steine, sowohl im schicksals.gefügten Mosaik als auch außerhalb und in seinem Innern, wo die

unendlich vielen Steinchen nur so herumliegen – er ist gleichsam „farbenblind“ für die hellen Schattierungen und setzt deshalb auch selbst nur dunkle Steine in sein Lebensbild.

Ich nenne das NEGATIVIERUNG, eine Geisteshaltung, die stets das Negative ins Blickfeld rückt, das Negative der Vergangenheit genauso wie das der Gegenwart und Zukunft. Zu solchen Menschen sage ich gelegentlich: Du stehst auf den Blumen und gießt das Unkraut! Sich wie eine Klette an eine Rolle zu klammern – „Ich armer, vom Schicksal so arg gebeutelter Unglückswurm!“ -, blockiert jeden Reifungsprozess und verarmt zusehends.

~ Und schließlich hat da jemand nur einen einzigen schwarzen Stein vor Augen – eine (schwere) Krankheit etwa, eine Sucht, den Verlust einer lieben Person, wiederholtes Pech oder Erfolg.losigkeit, Arbeits.losigkeit oder seine Menschen.scheu und Kommunikations.schwäche – und starrt wie gebannt auf diesen Stein und nur auf ihn, ohne den Blick davon lösen zu können. Und je länger er ihn anstarrt, umso größer wird er und umso weniger sieht er anderes und umso tiefer fällt er schlussendlich der Ver.zweiflung anheim.

Das ist der Fluch der sogenannten HYPER.REFLEXION, in der alles Traurige und Belastende über.dimensionale Proportionen erhält – es ist dies ein ständiges gedankliches Kreisen um nur ein Problem, ohne je loslassen zu können.

Was ist generell zu tun?

Ich glaube, es kann ein jeder für jeden zum „Therapeuten“ werden, indem er die Hand eines Menschen behutsam über dessen Mosaik.bild führt und gemeinsam mit ihm gleichsam abtastet, wo im Mosaik die freien Plätze oder wo noch „Leerstellen“ sind, wo es also zwischen den fest.geklebten Steinen Bereiche gibt, die noch der freien Wahl des Betreffenden offen stehen – Begabungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, aber auch Träume, Wünsche und Ziel.vorstellungen.

Das bedeutet, dass wir zunächst den FREI.RAUM EINES LEBENS aufzeigen – der Mensch ist keine Marionette! – und zugleich die

Ver.antwortung, diesen Frei.raum mit passenden Inhalten zu füllen und sich nicht festzukrallen an einer absoluten Fixiertheit und

un.ausweichlichen Geprägt.heit. Der Mensch ist so frei, wie er frei sein will.

Sodann können wir einen Menschen an die Hand nehmen und ihn abseits vom Mosaik in die verschiedenen Richtungen der Um.welt und auch seiner eigenen inneren Welt hinaus-/hineinführen und ihn lehren, nach frei.liegenden Steinen Ausschau zu halten, die in sein Mosaik passen können.

Im Grunde bedeutet dies, sich mit ihm auf die Suche nach Sinn zu begeben, um gemeinsam mit ihm sinn.volle Möglichkeiten zu entdecken, die jede Situation in sich birgt. Hier könnte besonders auch auf die hell.farbigen Steine hinzuweisen sein, die gelegentlich unter dunklen Schatten versteckt schwer sichtbar sind. Ich denke da an jede Krise, die zur großen Chance unseres Lebens werden kann!

Ich möchte wünschen, jeder von uns wäre einigermaßen imstande, sich auf den beglückenden Weg zu machen, sein MOSAIKBILD

AKTIV MITZUGESTALTEN. Allerdings darf man jene große Weisheit nicht außer.acht.lassen, und das ist eben die Akzeptierung der

un.verrückbaren, dunklen Steine.

Es ist aber doch so:

Um eine strahlend helle Figur in einem Bild zum Leuchten zu bringen, bedarf es sogar eines dunklen Hintergrundes, denn kein weißer Stein kommt neben verwaschenen Grautönen zur Geltung!

So bedarf auch das Mosaik unseres Lebens der Kontraste, um wahrhaft reifen zu lassen, was in uns verborgen ist – es bedarf der

Herausforderung durch das Schicksal, um das Potential unserer geistigen Kräfte zur Ent.faltung zu bringen.

Die großartigsten mensch.lichen Leistungen, die beeindruckendsten Heldentaten hätten zum überwiegenden Teil niemals stattgefunden, wären sie nicht aus einem un.veränderbaren Leiden erwachsen, wobei mit Helden nicht Sieger historischer Schlachten oder die Sieger im Leistungs-Erfolgskarussell unserer Gesellschaft gemeint sind, sondern beispielsweise der Gelähmte, der sein Leben vom Rollstuhl aus meistert, der Süchtige, der wieder die Kontrolle über sich und sein Leben gefunden hat, oder die vom Ehemann verlassene Mutter, die ihre Kinder unter Opfern großzieht.

Ich halte dafür:

Ein Baum ist nur dann widerstandsfähig, wenn er oft vom Wind zerzaust wird, denn dann wurzelt er immer tiefer und steht immer unerschütterlicher da.

Genauso sollten wir mit Schicksalsschlägen umgehen lernen.

Wer am Mosaik seines Lebens weiter.bauen will, sollte wissen, dass er nicht nur die Wahl hat, selber helle Steine in sein Bild zu setzen, sondern dass er auch die Chance hat, diese just an die Kanten dunkler Schicksals.steine anzufügen, um sie durch den entstehenden Kontrast zur vollen Wirkung zu bringen. Denn welch anderer Stein überstrahlt das ganze Mosaik so sehr, wie ein weißer, der mitten in eine Fülle von schwarzen gebettet wurde?

BEIDES IST WICHTIG FÜR UNSER LEBEN, nämlich dies, SICH SOWOHL AN DEN HELLEN AUGENBLICKEN DES LEBENS ZU

ORIENTIEREN ALS AUCH UM DEN SINN DER DUNKLEN ZU WISSEN!

Dass wir alle diese Einsicht existentiell zu verinnerlichen vermöchten, das wünsche Ihnen von Herzen und auch mir selber, für heute, für morgen und für den Rest unseres Lebens.

Den Artikel kommentieren