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Leben in der Gegenwart: Gestern und Morgen dürfen sein

Glaskugeln im Gras symbolisieren das Leben in der Gegenwart

Dem heutigen Moment Raum geben

Leben in der Gegenwart bedeutet, wahrzunehmen, was heute geschieht, und diesem Erleben Aufmerksamkeit zu geben. Erinnerungen und Zukunftspläne gehören dazu. Gegenwärtigkeit zeigt sich darin, dass wir bemerken, womit wir gerade beschäftigt sind, und unsere Aufmerksamkeit der Situation wieder zuwenden können.

Vielleicht kennst du einen Abend, an dem du zwar zu Hause angekommen bist, innerlich aber noch ein Gespräch vom Vormittag führst. Oder du sitzt beim Frühstück und gehst bereits alle Aufgaben des Tages durch. Der Tee wird kalt, ein Mensch neben dir erzählt etwas, und erst später fällt dir auf, wie wenig du mitbekommen hast. Solche Augenblicke können ein Anlass sein, freundlicher und genauer auf das eigene Leben zu schauen.

Der Wunsch, gegenwärtiger zu leben, darf dabei zu deinem Alltag passen. Du musst weder deine Geschichte hinter dir lassen noch auf vernünftige Vorsorge verzichten. Es geht um eine bewegliche Aufmerksamkeit: sich einer Erinnerung widmen, eine Aufgabe vorbereiten und anschließend wieder sehen, was unmittelbar vor dir liegt. Die Grundlagen dieser Haltung erklärt unsere Themenseite Achtsamkeit.

Erinnerungen gehören zu unserem Leben

Vergangenes hat Spuren hinterlassen. Aus einer gelungenen Begegnung schöpfen wir Vertrauen, aus einer Enttäuschung vielleicht Vorsicht. Eine vertraute Melodie erinnert uns an einen Menschen, der fehlt. Solche Erfahrungen verlieren ihre Bedeutung nicht, sobald wir uns dem heutigen Tag zuwenden. Auch Erinnern geschieht jetzt: mit Gedanken, Bildern und Gefühlen, die gerade in uns auftauchen.

Es wäre wenig liebevoll, jede Rückschau als Ablenkung abzuwerten. Ein Foto anzusehen, von früher zu erzählen oder einer verstorbenen Person zu gedenken kann zu einem bewussten Leben gehören. Ebenso kann ein Blick zurück helfen, eine Entscheidung besser zu verstehen. Dabei dürfen auch Fragen offenbleiben. Unsere Lebensgeschichte lässt sich selten so ordnen, dass alles abgeschlossen und eindeutig erklärt ist.

Im Alltag lohnt sich dennoch eine behutsame Unterscheidung: Hilft mir diese Beschäftigung, etwas zu verstehen oder zu würdigen? Oder drehe ich seit längerer Zeit dieselbe gedankliche Runde, ohne dass eine neue Einsicht oder ein nächster Schritt entsteht? Das ist eine Frage zur Orientierung, keine Diagnose. Trauer braucht keinen sichtbaren Fortschritt, um berechtigt zu sein.

Wenn du eine alte Entscheidung immer wieder durchspielst, kannst du zunächst genauer werden. Vielleicht fehlt eine Entschuldigung, vielleicht möchtest du eine Grenze heute anders setzen, vielleicht brauchst du ein Gespräch über das Geschehene. Manches bleibt unveränderbar. Dann darf die Antwort auch darin bestehen, dir Unterstützung zu suchen, statt dich zum Loslassen zu drängen.

Zum Leben in der Gegenwart gehört deshalb ein Platz für die Vergangenheit. Du kannst einer Erinnerung bewusst Zeit geben und anschließend eine heutige Tätigkeit aufnehmen. Der Schmerz muss dafür nicht verschwunden sein. Ein Spaziergang, eine Mahlzeit oder eine Begegnung darf neben ihm bestehen. Wie sich Gefühle wahrnehmen lassen, ohne sie zu unterdrücken oder ihnen unmittelbar zu folgen, vertieft unser Beitrag über Emotionen regulieren im Alltag.

Planen hilft, den heutigen Tag zu gestalten

Glaskugeln im Gras symbolisieren das Leben in der Gegenwart
KI unterstützt generiert

Ein Termin muss vereinbart, eine Rechnung bezahlt, ein Besuch vorbereitet werden. Wer für ein Kind sorgt oder Angehörige begleitet, kann sich nicht ausschließlich nach dem richten, was im Augenblick angenehm ist. Zukunftsplanung gehört zur Fürsorge. Sie ermöglicht Entscheidungen, deren Folgen erst später sichtbar werden.

Der Unterschied zwischen Planen und kreisenden Sorgen liegt oft darin, was aus dem Nachdenken hervorgeht. Ein Plan enthält eine Handlung: Unterlagen zusammensuchen, jemanden anrufen, einen Betrag zurücklegen. Die gedankliche Wiederholung derselben Befürchtung kann dagegen viel Raum beanspruchen, ohne zusätzliche Vorbereitung zu schaffen. Beides kann sich auch vermischen. Dann hilft es, den tatsächlich beeinflussbaren Teil herauszuarbeiten.

Die britische Gesundheitsorganisation NHS unterscheidet lösbare Probleme von hypothetischen Sorgen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Für lösbare Anliegen empfiehlt sie einen konkreten Handlungsplan. Das kann eine hilfreiche Frage an den eigenen Alltag sein: Was kann ich tun, und wann werde ich es tun?

Wenn du morgen ein wichtiges Gespräch hast, könntest du heute drei Anliegen notieren und die benötigten Unterlagen bereitlegen. Anschließend ist für den Moment getan, was möglich war. Die Unsicherheit darf trotzdem bleiben. Du brauchst sie weder als Beweis mangelnder Achtsamkeit zu betrachten noch den Abend damit zu verbringen, jedes denkbare Gesprächsergebnis vorwegzunehmen.

Es hilft manchmal, einer Aufgabe einen verlässlichen Ort zu geben: im Kalender, auf einer kurzen Liste oder in einer Absprache. So kannst du später darauf zurückkommen. Gegenwärtig zu leben schließt diesen Blick nach vorn ein. Die Aufmerksamkeit kann sich der aktuellen Tätigkeit zuwenden, während die nächste Aufgabe verlässlich festgehalten ist.

Wenn das eigene Leben immer erst später beginnen soll

Es gibt ein anderes Zukunftsdenken, das leiser wirkt als offene Sorge. Wir erwarten von einem späteren Ereignis die Erlaubnis, endlich zu leben: nach dem Abschluss, nach dem Umzug, wenn der Körper wieder belastbarer ist oder die Familie weniger braucht. Manche Hoffnungen haben gute Gründe. Eine schwierige Lage lässt sich nicht durch eine veränderte Einstellung allein aufheben.

Dennoch kann es hilfreich sein, den heutigen Tag genauer anzusehen. Welche Form von Freude, Kontakt oder Ruhe ist unter den vorhandenen Bedingungen tatsächlich erreichbar? Das muss nichts Großes sein. Vielleicht lässt sich ein kurzer Besuch verabreden, ein geliebtes Musikstück hören oder eine Aufgabe gemeinsam erledigen. Es geht um etwas, das in dein wirkliches Leben passt, einschließlich seiner Begrenzungen.

Auch eine notwendige Veränderung beginnt mit einer heutigen Handlung. Eine Beratung anfragen, Unterstützung beim Pflegen organisieren oder eine unfaire Vereinbarung ansprechen: Solche Schritte können gegenwärtiger sein als der Versuch, sich mit einer belastenden Situation innerlich zu versöhnen. Aufmerksamkeit darf sichtbar machen, was du brauchst und was sich ändern muss.

Du musst dabei nichts schönfinden, was weh tut. An manchen Tagen gibt es wenig Spielraum. Dann kann es bereits bedeutsam sein, die eigene Erschöpfung ernst zu nehmen und jemandem davon zu erzählen. Der heutige Tag verdient Zuwendung, auch wenn er sich nicht leicht anfühlt.

Drei Alltagssituationen, in denen Gegenwärtigkeit greifbar wird

Ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen

Jemand erzählt dir von einer Enttäuschung. Du erinnerst dich sofort an einen früheren Konflikt und hörst innerlich schon deine damalige Antwort. Diese Erinnerung kann dir helfen, deine eigene Reaktion zu verstehen. Zugleich weißt du noch nicht, ob die heutige Situation genauso ist.

Du kannst kurz bemerken: Dieses Thema kenne ich, und es berührt mich. Dann hörst du wieder genauer hin oder fragst nach, bevor du urteilst. Vielleicht stellt sich heraus, dass dein Gegenüber etwas anderes meint, als du zunächst angenommen hast. Vielleicht brauchst du eine Pause, um weiter zuhören zu können. Beides lässt sich aussprechen. Wie Aufmerksamkeit in verlässliches Miteinander übergeht, beschreibt unser Beitrag Achtsamkeit leben und Verbundenheit erfahren.

Ein bevorstehender Termin mit ungewissem Ausgang

Vor einem wichtigen Termin taucht dieselbe Sorge immer wieder auf. Du kannst prüfen, ob noch etwas vorbereitet werden muss: eine Frage aufschreiben, den Weg klären, eine Begleitung vereinbaren. Fehlen Informationen, gehört auch das zum gegenwärtigen Stand. Du darfst anerkennen, dass du den Ausgang noch nicht kennst.

Wenn die Vorbereitung beendet ist, kannst du dich einer überschaubaren Tätigkeit zuwenden. Vielleicht kochst du, gießt eine Pflanze oder gehst ein Stück zu Fuß. Die Sorge muss dabei nicht vollständig nachlassen. Es genügt zunächst, neben ihr auch die Tätigkeit wahrzunehmen. Kehren die Gedanken zurück, brauchst du dich dafür nicht zu tadeln. Du kannst schauen, ob sie etwas Neues enthalten oder ob der bereits gefasste Plan weiterhin ausreicht.

Ein angenehmer Moment, der wenig Aufmerksamkeit bekommt

Du hörst Musik und bist gleichzeitig damit beschäftigt, den nächsten Tag zu organisieren. Wenn es gerade möglich ist, kannst du die Planung kurz unterbrechen und einem Stück zuhören. Welche Stimme, welches Instrument oder welche Stimmung fällt dir auf? Vielleicht erinnerst du dich dabei an eine frühere Begegnung. Auch das darf Teil dieses Moments sein.

Es gibt keine vorgeschriebene Reaktion. Ein schönes Lied muss dich weder glücklich machen noch dankbar stimmen. Vielleicht bist du müde, vielleicht entsteht Freude, vielleicht bleibt dein Erleben unspektakulär. Gegenwärtigkeit bedeutet hier, etwas genauer wahrzunehmen, ohne daraus eine Prüfung des eigenen Lebensgefühls zu machen. Weitere konkrete Zugänge findest du in unseren Achtsamkeitsübungen und Anregungen zur Dankbarkeit.

Präsenz darf unvollkommen sein

Aufmerksamkeit verändert sich. Manchmal sind wir konzentriert, manchmal schweifen wir ab, manchmal meldet sich ein Anliegen gerade deshalb wieder, weil es wichtig ist. Du brauchst deinen Tag nicht danach zu bewerten, wie lückenlos du im Hier und Jetzt geblieben bist. Auch Nachdenken, Tagträumen und Vorfreude dürfen Raum bekommen.

Eine kurze Unterbrechung kann helfen, sich neu zu orientieren. Schau dich um, nimm einen Gegenstand oder ein Geräusch wahr und prüfe, welcher Tätigkeit du dich jetzt widmen möchtest. Wenn der Atem ein angenehmer Bezugspunkt für dich ist, kannst du ihn für einen Moment bemerken, ohne ihn zu verändern. Du darfst ebenso die Augen offen halten und bei äußeren Eindrücken bleiben.

Solche Anregungen passen nicht für jeden Menschen und jede Situation. Meditation und Achtsamkeit können auch belastende Erfahrungen auslösen; darauf weist der Forschungsüberblick des NCCIH zur Wirksamkeit und Sicherheit hin. Wenn eine Übung Angst oder Überforderung verstärkt, darfst du sie beenden. Bei anhaltend belastenden Erinnerungen oder Ängsten ist fachliche Unterstützung sinnvoll. Sich Hilfe zu holen gehört zu einem achtsamen Umgang mit sich selbst.

Auch im gewöhnlichen Alltag darf eine Pause einfach eine Pause bleiben. Sie muss keine besondere Bewusstseinserfahrung hervorbringen. Wenn aus dem Wunsch nach Präsenz neuer Leistungsdruck entsteht, lohnt sich ein Blick auf die Grenzen und problematischen Erwartungen an Achtsamkeit.

Spirituelle Gegenwärtigkeit mitten im Leben

Für spirituell suchende Menschen kann ein bewusster Augenblick eine besondere Tiefe gewinnen. Beim Blick in den Himmel, im Zuhören oder in einer stillen Begegnung lässt sich vielleicht etwas von Verbundenheit erfahren. Du darfst solchen Erfahrungen Bedeutung geben. Ob du sie als Nähe zum Göttlichen, als Staunen oder als innere Sammlung verstehst, hängt von deinem eigenen Weg ab.

Eine spirituelle Deutung ist dabei eine Deutung. Sie muss keine allgemeine Aussage über die Wirklichkeit werden, die andere übernehmen sollen. Der Satz, nur die Gegenwart sei real, kann als Einladung verstanden werden, dem heutigen Erleben mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wörtlich genommen greift er zu kurz: Vergangene Handlungen haben Folgen, und heutige Entscheidungen betreffen das Leben von morgen.

Gerade in der Beziehung zur Natur gehören diese Zeithorizonte zusammen. Wir können einen Baum betrachten und zugleich wissen, dass er lange gewachsen ist und Schutz für die kommenden Jahre braucht. Ein bewusster Moment erschließt sich durch das, was wir sehen, und durch unser Verständnis seiner Zusammenhänge. Erinnerung und Voraussicht können diese Begegnung vertiefen.

Ähnlich ist es mit Menschen. Eine gemeinsame Geschichte kann Nähe tragen; eine verlässliche Zusage kann Vertrauen in die Zukunft ermöglichen. Präsenz gewinnt für mich ihren menschlichen Sinn dort, wo sie uns für dieses konkrete Leben empfänglicher macht. In einer aufmerksamen Begegnung dürfen Freude und Schmerz, Herkunft und Hoffnung nebeneinander bestehen.

Ein Anfang, der zu deinem Leben passt

Vielleicht möchtest du heute eine einzige Situation etwas bewusster erleben. Du könntest während eines Gesprächs genauer hinhören, einem Gedanken an morgen eine konkrete Aufgabe zuordnen oder einer Erinnerung ohne Eile Raum geben. Wähle etwas, das unter deinen Bedingungen möglich ist. Ob daraus Ruhe entsteht, darf offenbleiben.

Leben in der Gegenwart lässt sich so als freundliche Zuwendung verstehen: zu dem Menschen, der du mit deiner Geschichte geworden bist, zu dem, was du für die Zukunft brauchst, und zu dem Tag, den du gerade erlebst. Du musst diese Seiten deines Lebens nicht gegeneinander ausspielen. Sie begegnen sich in dem, was du heute wahrnimmst und tust.

02.12.2024
Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.

Alle Beiträge der Autorin auf Spirit Online


Über die Autorin Heike Schonert

Porträt von Heike SchonertHeike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom- Ökonom. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe.
Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.

Ihr Motto ist: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weiter geben und mit ihr wachsen.“

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1 Kommentar

  1. Liebe Bettina,

    Danke für deine hilfreiche Zusammenfassung. Besonders die Anzeichen dafür nicht in der Gegenwart zu leben haben mir sehr geholfen. Leider erkenne ich mich bei fast allen Punkten wieder. Ich werde auch noch viel üben müssen um es in der zukünftigen Gegenwart gut hin zu bekommen in der Gegenwart zu bleiben.

    Wenn ich abschweife hilft mir sehr mir selbst in Gedanken oder auch laut vorzusagen was ich in diesen Moment mache. Das wiederhole ich Mantra- artig, bis ich mich beruhigt habe.

    Meditation ist auch sehr hilfreich. Bedarf aber auch Übung.

    Ich wünsche allen viel Erfolg und Glück.

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