Wenn eine Gesellschaft das Staunen verliert
Wunderglaube ist mehr als die naive Hoffnung auf ein übernatürliches Eingreifen. Er ist ein Prüfstein dafür, ob der Mensch noch fähig ist, das Leben nicht nur zu benutzen, sondern zu verehren.
Eine Gesellschaft, die nicht mehr an Wunder glaubt, hält sich gern für aufgeklärt. Sie verwechselt Skepsis mit Reife, Entzauberung mit Wahrheit und Messbarkeit mit Wirklichkeit. Doch was bleibt vom Menschen übrig, wenn alles erklärt, berechnet, vermarktet und kontrolliert werden soll?
Vielleicht ist der moderne Mensch nicht zu intelligent geworden, um an Wunder zu glauben. Vielleicht ist er nur zu erschöpft, zu zynisch und zu sehr an das Materielle gekettet.
Kurz erklärt:
Wunderglaube beschreibt den Glauben an Ereignisse, Zeichen oder Wendungen, die der Mensch als übernatürlich, göttlich oder rational nicht vollständig erklärbar versteht. Verliert der Mensch jeden Sinn für das Wunderbare, verliert er nicht nur eine religiöse Vorstellung. Er verliert Vertrauen, Demut, Spiritualität und Bewusstsein für das Heilige im Leben.
Was ist Wunderglaube?
Wunderglaube ist der Glaube, dass es Ereignisse gibt, die nicht allein durch gewöhnliche Ursachen erklärbar sind. In religiösen Traditionen werden Wunder häufig als Eingreifen Gottes verstanden. In der modernen Spiritualität heißen sie oft anders: Zeichen des Universums, Synchronizität, Manifestation, Fügung, energetische Resonanz oder karmischer Ausgleich.
Die Worte wechseln. Die Sehnsucht bleibt.
Der Mensch will nicht nur wissen, was geschieht. Er will wissen, warum es geschieht. Er will Bedeutung. Genau hier beginnt der Wunderglaube: an der Grenze zwischen Ereignis und Deutung.
Ein unerwarteter Anruf. Eine Heilung, mit der niemand gerechnet hat. Eine Begegnung, die ein Leben verändert. Ein Traum, der wie eine Botschaft wirkt. Solche Erfahrungen können tief berühren. Sie müssen nicht lächerlich gemacht werden. Aber sie müssen verantwortungsvoll eingeordnet werden.
Nicht jedes Staunen ist Selbsttäuschung. Aber nicht jede Deutung ist Wahrheit.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Sie berührt auch die alte Spannung zwischen Glaube und Aberglaube: Vertrauen kann den Menschen öffnen. Aberglaube kann ihn fesseln.
Was dem Menschen fehlt, wenn der Glaube an Wunder verloren geht
Wenn der Glaube an Wunder verschwindet, verschwindet nicht automatisch der Aberglaube. Oft verschwindet etwas viel Kostbareres: die Fähigkeit, das Leben als mehr zu erfahren als eine Abfolge von Ursachen, Nutzen und Ergebnissen.
Dem Menschen fehlt dann die Ehrfurcht.
Er sieht den Baum, aber nicht mehr das Leben.
Er sieht den Körper, aber nicht mehr das Geheimnis.
Er sieht den Erfolg, aber nicht mehr die Seele.
Er sieht den Tod, aber nicht mehr die Frage nach Ewigkeit.
Der Verlust des Wunderglaubens ist deshalb nicht nur ein religiöser Vorgang. Er ist eine kulturelle Verarmung. Der Mensch verliert die innere Haltung, dass es etwas geben könnte, das größer ist als sein Wille, sein Besitz, seine Berechnung und seine technische Macht.
Wo das Wunder verschwindet, entsteht nicht automatisch Vernunft. Oft entsteht Leere. Und diese Leere füllt der moderne Mensch mit Konsum, Selbstoptimierung, Macht, Geschwindigkeit und Besitz.
Er glaubt nicht mehr an Gott.
Aber er glaubt an Wachstum.
Er glaubt nicht mehr an Fügung.
Aber er glaubt an Märkte.
Er glaubt nicht mehr an Gnade.
Aber er glaubt an Kontrolle.
Das ist kein Fortschritt. Das ist ein Tauschgeschäft mit hohem Preis.
Die kalte Religion des Materialismus

Der moderne Materialismus gibt sich gern nüchtern. Doch auch er ist ein Glaube. Er glaubt, dass Wirklichkeit im Wesentlichen aus Materie, Funktion, Leistung und Besitz besteht. Er glaubt, dass der Mensch vor allem ein Konsument, Produzent, Körper, Datensatz oder Kostenfaktor ist.
Das ist die eigentliche Verarmung unserer Zeit.
Nicht die Wissenschaft selbst hat den Menschen spirituell entwurzelt. Wissenschaft kann demütig machen. Wer in den Sternenhimmel schaut, in die Zelle, in das Gehirn, in die Ordnung der Natur, kann sehr wohl staunen.
Das Problem beginnt dort, wo wissenschaftlicher Skeptizismus zur Weltanschauung verhärtet und alles verachtet, was sich nicht sofort messen, beweisen oder verwerten lässt.
Dann wird aus Wissenschaftlichkeit ein geistiger Hochmut.
Dann gilt nur noch, was gezählt werden kann.
Dann zählt nur noch, was nützt.
Dann nützt nur noch, was Gewinn bringt.
So führt nicht die Wissenschaft an sich in den Materialismus, sondern ihre geistlose Verkürzung. Eine Kultur, die das Unsichtbare lächerlich macht, wird am Ende vom Sichtbaren beherrscht: Geld, Status, Körper, Besitz, Macht.
Der Mensch verliert nicht den Glauben. Er wechselt nur den Altar.
Skepsis ohne Seele wird zynisch
Skepsis ist notwendig. Ohne Skepsis wird Spiritualität schnell zur Beute von Scharlatanen, Gurus und Geschäftsmodellen. Aber Skepsis ohne Seele wird kalt. Sie schützt nicht nur vor Irrtum. Sie kann auch das Staunen zerstören.
Es gibt einen Skeptizismus, der aufklärt.
Und es gibt einen Skeptizismus, der verdunkelt.
Der eine fragt: Was ist wahr?
Der andere höhnt: Es gibt ohnehin nichts Tieferes.
Der eine schützt den Menschen vor Täuschung.
Der andere raubt ihm jede metaphysische Würde.
Eine reife Gesellschaft braucht Zweifel. Aber sie braucht auch Vertrauen. Sie braucht Wissenschaft. Aber sie braucht auch Weisheit. Sie braucht Analyse. Aber sie braucht auch Bewusstsein.
Denn der Mensch lebt nicht allein von Fakten. Er lebt von Bedeutung.
Deutschland: weniger Kirche, aber nicht weniger Sehnsucht
Deutschland wird formell säkularer. Nach Daten der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland gab es Ende 2024 erstmals mehr konfessionsfreie Menschen als römisch-katholische und evangelische Kirchenmitglieder zusammen. Zugleich beschreibt fowid, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung religiös aktiv ist.
Das bedeutet aber nicht, dass die Sehnsucht nach dem Transzendenten verschwunden ist. Sie löst sich nur zunehmend von Kirchen, Dogmen und traditionellen Begriffen.
Eine fowid-Auswertung zur SPIEGEL-Umfrage 2019 kam zu dem Ergebnis, dass 66 Prozent der Deutschen der Aussage zustimmten, dass es Wunder gibt, während 55 Prozent an einen Gott glaubten. Auffällig ist: Der Wunderglaube war damit stärker verbreitet als der Gottesglaube.
Eine aktuelle INSA-Befragung aus dem Jahr 2026 berichtete enger zur Frage göttlicher Wunder: 28 Prozent der Befragten glaubten, dass Gott durch Wunder in das Leben von Menschen eingreift. Bei den 18- bis 29-Jährigen waren es laut dieser Erhebung 44 Prozent.
Diese Zahlen erzählen mehr als Religionsstatistik. Sie zeigen eine Verschiebung: Viele Menschen verlassen Institutionen, aber nicht unbedingt das Bedürfnis nach Sinn, Schutz, Führung und Hoffnung.
Der moderne Wunderglaube ist oft postkirchlich. Er braucht keinen Altar mehr. Ein Smartphone, ein Coaching-Satz, ein Horoskop, ein Ritual oder ein vermeintliches Zeichen reichen manchmal aus.
Genau deshalb braucht dieses Thema Unterscheidung. Wer nur spottet, versteht die Sehnsucht nicht. Wer alles glaubt, öffnet der Manipulation die Tür.
Der verlorene Sinn für das Heilige
Vielleicht ist das eigentliche Drama nicht, dass Menschen nicht mehr an Wunder glauben. Vielleicht ist das Drama, dass sie nichts mehr für heilig halten.
Wenn nichts mehr heilig ist, wird alles verfügbar.
Die Natur wird Ressource.
Der Körper wird Projekt.
Die Seele wird Stimmung.
Der Mensch wird Marktteilnehmer.
Beziehung wird Nutzen.
Zeit wird Produktivität.
Leben wird Management.
In einer solchen Welt erscheint Wunderglaube wie ein Rückfall. In Wahrheit kann er ein Widerstand sein: gegen die totale Verwertung des Lebens.
Nicht jeder Wunderglaube ist reif. Nicht jede spirituelle Deutung ist wahr. Nicht jedes Zeichen ist ein Zeichen. Aber eine Kultur, die das Wunderbare grundsätzlich auslacht, sägt an der seelischen Wurzel des Menschen.
Denn ohne das Wunder gibt es keine Demut.
Ohne Demut keine Ehrfurcht.
Ohne Ehrfurcht keine Grenze.
Ohne Grenze keine Verantwortung.
Rituale, Karma und das magische Selbstmanagement
Rituale gehören zum Menschsein. Eine Kerze für einen Verstorbenen. Ein stilles Gebet vor einer Entscheidung. Dreimal auf Holz klopfen. Ein Glücksbringer in der Tasche. Ein bewusst gesetzter Moment vor einer Prüfung.
Solche Handlungen sind nicht automatisch irrational. Sie können sammeln, beruhigen, verbinden. Forschung zu Ritualverhalten zeigt, dass religiöse Rituale in belastenden Situationen angstlindernde Effekte haben können.
Problematisch wird es dort, wo Rituale zur Technik der Wirklichkeitskontrolle gemacht werden.
Dann heißt es nicht mehr: Ich sammle mich.
Dann heißt es: Ich zwinge das Universum.
Dann ist Karma nicht mehr ein spirituelles Prinzip von Verantwortung, sondern eine Art metaphysisches Punktesystem. Dann wird Gebet zur Bestellung. Meditation zur Erfolgstechnik. Dankbarkeit zur Methode, um mehr zu bekommen.
Das Göttliche wird funktionalisiert.
Genau hier verliert Spiritualität ihre Würde.
Denn das Wunder lässt sich nicht erzwingen. Wer das Leben nur noch als Maschine betrachtet, die auf Wunsch, Frequenz oder Visualisierung reagieren soll, verwechselt Vertrauen mit Kontrolle. Das ist nicht spirituelle Reife. Das ist magisches Management des eigenen Egos.
Vertiefend dazu passt die Frage, ob Karma Schicksal ist – oder ob es im Kern um Verantwortung, Bewusstsein und innere Wandlung geht.
Das Wunder als Gegenkraft zur Gier
Die Gier des modernen Menschen entsteht nicht nur aus Mangel. Sie entsteht aus spiritueller Heimatlosigkeit.
Wer nichts Größeres mehr kennt, will mehr vom Kleinen.
Mehr Besitz. Mehr Reiz. Mehr Kontrolle. Mehr Bedeutung im Außen.
Das Wunder unterbricht diese Logik.
Es sagt: Nicht alles ist machbar.
Nicht alles gehört dir.
Nicht alles lässt sich kaufen.
Nicht alles ist erklärbar.
Nicht alles muss dir dienen.
Ein echter Glaube an Wunder macht den Menschen nicht dümmer. Er kann ihn bescheidener machen. Er erinnert ihn daran, dass das Leben nicht sein Eigentum ist.
Das ist der Punkt, an dem Wunderglaube politisch, gesellschaftlich und spirituell brisant wird. Eine materialistische Kultur braucht den entzauberten Menschen. Denn wer nicht mehr staunen kann, konsumiert leichter. Wer keine innere Heimat hat, kauft sich Ersatz. Wer nicht mehr vertraut, will kontrollieren. Wer das Heilige verloren hat, kennt kaum noch Grenzen.
Die Schattenseite: Wenn Hoffnung zur Falle wird
Wunderglaube wird gefährlich, wenn er Verantwortung verdrängt.
Wer auf ein Zeichen wartet, kann eine notwendige Entscheidung vermeiden.
Wer auf Heilung hofft, kann ärztliche Hilfe zu spät suchen.
Wer jede Krise als karmische Prüfung deutet, kann Mitgefühl verlieren.
Wer spirituellen Autoritäten blind glaubt, kann manipulierbar werden.
Die gefährlichste Form des Wunderglaubens ist nicht das stille Gebet. Gefährlich ist die Verbindung aus Angst, Abhängigkeit und Macht.
Dort entstehen Sätze wie:
Du bist krank, weil deine Energie falsch ist.
Wenn du nur richtig glaubst, wird alles gut.
Zweifel blockieren dein Wunder.
Gib mehr, vertraue mehr, folge mehr.
Das ist kein Glaube. Das ist spirituelle Erpressung.
Spirituelle Sprache darf niemals dazu dienen, Menschen von ihrer Wahrnehmung, ihrer Verantwortung oder professioneller Hilfe abzuschneiden. Gerade bei Krankheit, Trauma, Depression, Angst oder schweren Lebenskrisen gilt: Spirituelle Impulse können begleiten, aber sie ersetzen keine medizinische oder psychotherapeutische Unterstützung.
Hier wird der Beitrag zur notwendigen Ergänzung des Themas spirituelle Manipulation, Intuition und Vertrauen. Denn nicht jeder, der Wunder verspricht, dient dem Leben. Manche dienen nur ihrer eigenen Macht.
Warum Menschen lieber an Wunder glauben als an Verantwortung
Es gibt auch eine unbequeme Wahrheit: Wunderglaube kann Flucht sein.
Manche Menschen hoffen auf ein Eingreifen von außen, weil sie die eigene Entscheidung nicht treffen wollen. Sie warten auf ein Zeichen, weil sie den Mut zur Klarheit scheuen. Sie nennen Passivität Hingabe und Angst Vertrauen.
Das ist die billige Version des Wunders.
Ein reifer Wunderglaube entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung. Er ruft ihn tiefer hinein. Wer wirklich glaubt, dass das Leben bedeutungsvoll ist, kann nicht gleichgültig bleiben. Er kann nicht alles dem Himmel überlassen und selbst die Hände in den Schoß legen.
Das Wunder ist kein Ersatz für Handlung. Es ist ein Ruf zur Bewusstheit.
Genau hier trennt sich Spiritualität von Wunschdenken. Die eine macht wach. Das andere macht abhängig.
Wissenschaft und Wunder: Was sich untersuchen lässt – und was nicht
Wissenschaft kann Erfahrungen untersuchen. Sie kann messen, wie Meditation, Gebet, Rituale oder religiöse Praxis auf Stress, Aufmerksamkeit, Verhalten oder Gehirnaktivität wirken. Sie kann auch erforschen, warum Menschen in Krisen eher Muster, Zeichen oder Zusammenhänge wahrnehmen.
Aber Wissenschaft beweist keine Wunder im religiösen Sinn.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Wenn ein Ritual Angst senkt, ist das ein psychologischer Effekt. Wenn ein Gebet Trost spendet, ist das eine reale Erfahrung. Wenn ein Mensch nach einer Krise neuen Lebensmut findet, ist das bedeutsam. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass eine übernatürliche Macht nachweisbar eingegriffen hat.
Der Fehler vieler moderner Spiritualität besteht darin, wissenschaftliche Begriffe zu benutzen, um Glaubenssätze unangreifbar zu machen. Dann werden Quantenphysik, Frequenzen oder Bewusstseinsforschung zu Dekorationen für Behauptungen, die man nicht prüfen möchte.
Das schwächt Spiritualität. Es stärkt sie nicht.
Eine glaubwürdige spirituelle Haltung muss sagen können:
Das ist Erfahrung.
Das ist Deutung.
Das ist Hoffnung.
Das ist Wissen.
Und hier wissen wir es nicht.
Gerade dieses Nichtwissen ist kein Verlust. Es ist eine Schule der Demut.
Wer tiefer in die Schnittfläche von Glauben, Gehirn und spiritueller Erfahrung einsteigen möchte, findet mit Neurotheologie – Wissenschaft des Glaubens eine passende Weiterführung.
Wunderglaube oder Aberglaube?
Die Grenze zwischen Wunderglaube und Aberglaube verläuft nicht dort, wo ein Mensch staunt. Sie verläuft dort, wo Deutung zur Zwangslogik wird.
Ein Mensch darf in einer Begegnung ein Zeichen sehen.
Aber er sollte daraus kein Gesetz für alle machen.
Ein Mensch darf beten.
Aber er darf daraus keine Garantie ableiten.
Ein Mensch darf hoffen.
Aber er sollte nicht die Wirklichkeit verleugnen.
Aberglaube beginnt oft dort, wo Angst regiert. Wenn eine Handlung zwanghaft wiederholt werden muss, weil sonst angeblich Unglück droht. Wenn ein Mensch glaubt, durch falsche Gedanken Katastrophen auszulösen. Wenn Schuldgefühle entstehen, weil ein Wunder ausbleibt.
Dann wird aus Spiritualität Druck.
Wunderglaube kann öffnen. Aberglaube verengt.
Wunderglaube kann Vertrauen stärken. Aberglaube nährt Angst.
Wunderglaube kann demütig machen. Aberglaube will Kontrolle.
Vertrauen ist keine Dummheit
Vertrauen wird heute oft mit Naivität verwechselt. Wer vertraut, gilt schnell als schwach, unkritisch oder leichtgläubig. Doch das Gegenteil ist wahr: Vertrauen ist eine geistige Kraft.
Es bedeutet nicht, alles zu glauben.
Es bedeutet, nicht alles dem Misstrauen zu opfern.
Der Mensch braucht Vertrauen, um zu lieben, zu handeln, zu hoffen, zu beten, zu vergeben und neu zu beginnen. Ohne Vertrauen wird das Leben zur Sicherheitsstrategie. Dann wird der andere zur Gefahr, die Zukunft zur Bedrohung und die Welt zu einem Ort, den man kontrollieren muss.
Wunderglaube kann missbraucht werden. Ja.
Aber der Verlust jedes Vertrauens ist ebenfalls gefährlich.
Denn eine Gesellschaft ohne Vertrauen wird hart. Eine Seele ohne Vertrauen wird eng. Ein Mensch ohne Vertrauen wird berechenbar, aber nicht lebendig.
Die Frage, ob und wie Menschen heute noch an Gott glauben, ist deshalb nicht nur religiös. Sie ist auch kulturell. Sie fragt danach, ob eine Gesellschaft noch eine innere Mitte kennt.
Warum der Mensch lieber an Lügen glaubt als an Leere
Wo das echte Wunder verschwindet, wachsen Ersatzwunder.
Politische Heilsversprechen. Konsumversprechen. Erfolgsversprechen. Spirituelle Schnellformeln. Digitale Erlösungsfantasien. Die perfekte Methode. Der perfekte Körper. Die perfekte Frequenz. Das perfekte Leben.
Der Mensch glaubt nicht weniger. Er glaubt oft nur schlechter.
Wenn Spiritualität verloren geht, bleibt die Sehnsucht trotzdem bestehen. Sie sucht sich neue Formen. Und wenn sie keine Tiefe findet, begnügt sie sich mit Illusion.
Darum ist die Frage, warum wir an Lügen glauben wollen, so eng mit dem Wunderglauben verbunden. Wer echte Transzendenz verliert, wird anfällig für billige Ersatzreligionen.
Das eigentliche Wunder: Bewusstsein statt Flucht
Vielleicht liegt das eigentliche Wunder nicht darin, dass die Welt unseren Wünschen folgt.
Vielleicht liegt es darin, dass ein Mensch aufwacht.
Dass er nicht länger vor der Wahrheit flieht.
Dass er Verantwortung übernimmt.
Dass er Mitgefühl entwickelt.
Dass er sich nicht kaufen, verführen oder einschüchtern lässt.
Dass er inmitten von Unsicherheit nicht verroht.
Das Wunder ist nicht immer der Bruch der Naturgesetze. Manchmal ist es der Bruch mit der eigenen Angst.
Ein Mensch, der nach einer Enttäuschung wieder vertraut.
Ein Mensch, der nach einem Verlust nicht bitter wird.
Ein Mensch, der Macht nicht missbraucht, obwohl er es könnte.
Ein Mensch, der aufhört, das Leben kontrollieren zu wollen, und beginnt, ihm wach zu begegnen.
Das sind keine spektakulären Wunder. Aber es sind die, die eine Gesellschaft am dringendsten braucht.
Fazit: Ohne Wunder bleibt der Mensch nicht vernünftig, sondern ärmer
Der Wunderglaube steht heute zwischen zwei Abgründen.
Auf der einen Seite steht die spirituelle Verblendung: der naive Glaube, dass das Universum persönliche Wünsche erfüllt, wenn man nur richtig visualisiert, betet oder bezahlt.
Auf der anderen Seite steht die materialistische Verhärtung: der kalte Glaube, dass nur existiert, was messbar, nutzbar und ökonomisch verwertbar ist.
Beides ist unreif.
Der Mensch braucht keine Rückkehr in dunklen Aberglauben. Aber er braucht auch keine Welt, in der jedes Geheimnis ausgelöscht wird. Er braucht eine Spiritualität, die wach ist. Eine Vernunft, die demütig bleibt. Eine Wissenschaft, die nicht zur Ersatzreligion wird. Einen Glauben, der nicht manipuliert, sondern befreit.
Vielleicht beginnt das Wunder dort, wo der Mensch wieder begreift:
Nicht alles, was wirklich ist, lässt sich besitzen.
Nicht alles, was wahr ist, lässt sich messen.
Nicht alles, was trägt, lässt sich beweisen.
Und nicht jeder, der an Wunder glaubt, ist naiv.
Vielleicht ist naiv, wer glaubt, der Mensch könne ohne Wunder Mensch bleiben.
FAQ – Häufige Fragen zum Wunderglauben
Was bedeutet Wunderglaube?
Wunderglaube bedeutet, dass Menschen an Ereignisse, Zeichen oder Wendungen glauben, die sie als übernatürlich, göttlich oder rational nicht vollständig erklärbar verstehen.
Warum glauben Menschen an Wunder?
Menschen glauben häufig dann an Wunder, wenn sie Sinn, Trost, Hoffnung oder Halt suchen. Besonders in Krisen kann der Glaube an eine höhere Ordnung seelisch stabilisieren.
Was fehlt dem Menschen, wenn er nicht mehr an Wunder glaubt?
Wenn der Mensch jeden Sinn für das Wunderbare verliert, verliert er oft auch Ehrfurcht, Vertrauen, Demut und ein Bewusstsein für das Heilige. Zurück bleibt häufig ein Weltbild, das Leben nur noch nach Nutzen, Leistung und Kontrolle bewertet.
Ist Wunderglaube gefährlich?
Wunderglaube ist nicht automatisch gefährlich. Gefährlich wird er, wenn er Realität verdrängt, notwendige Hilfe ersetzt oder Menschen in Abhängigkeit von spirituellen Autoritäten bringt.
Was ist der Unterschied zwischen Wunderglaube und Aberglaube?
Wunderglaube kann Ausdruck von Vertrauen und Staunen sein. Aberglaube wird problematisch, wenn Angst, Zwang oder magische Kontrollvorstellungen das Denken bestimmen.
Gibt es wissenschaftliche Beweise für Wunder?
Für Wunder im religiösen Sinn gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. Wissenschaft kann aber untersuchen, wie Glaube, Rituale, Gebet oder Meditation auf Psyche, Verhalten und Körper wirken.
Weiterführende Beiträge auf Spirit Online
Zur Vertiefung von Glaube, Zweifel und Spiritualität:
Zur kritischen Einordnung spiritueller Verführung:
Zur Verbindung von Wissenschaft und Glauben:
Quellen und weiterführende Hinweise
- fowid: Religionszugehörigkeiten 2024
- fowid: Christlicher Glaube in Deutschland 2019
- IDEA / INSA 2026: Gut jeder Vierte glaubt an Gottes wunderbares Eingreifen
- Lang, Krátký, Xygalatas: The role of ritual behaviour in anxiety reduction
- van Prooijen, Douglas, De Inocencio: Illusory pattern perception and supernatural beliefs
Artikel aktualisiert
08.05.2026
Autor: Uwe Taschow
Rubrik: Gesellschaft & Haltung – Klarblick mit spirituellen Positionen
Ein Beitrag über die feine Linie zwischen Glauben und Verblendung – und die Kraft des bewussten Vertrauens.
Alle Beiträge des Autors auf Spirit Online
Über den Autor
Uwe Taschow ist Mitherausgeber von Spirit Online, spiritueller Redakteur und Journalist. Seine Beiträge verbinden gesellschaftliche Analyse, spirituelle Verantwortung und die Frage, wie Bewusstsein, Wissenschaft und Werteorientierung im öffentlichen Denken neu zusammenfinden können.
👉 Spirit Online – Magazin für Bewusstsein, Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung
👉 Autor: Uwe Taschow – Profil ansehen

Über den Autor
