Okkulte Literatur verstehen: Ars Goetia und Clavicula Salomonis im historischen Kontext
Kaum Texte der okkulten Literatur sind so stark von Projektionen, Mythen und Missverständnissen überlagert wie die Ars Goetia und die Clavicula Salomonis, auch bekannt als der „Schlüssel Salomons“. Zwischen Dämonisierung, populärer Esoterik und sensationsgetriebener Vereinfachung gerät leicht aus dem Blick, dass es sich bei diesen Werken um komplexe historische Dokumente handelt. Sie sind Ausdruck spezifischer kultureller, religiöser und intellektueller Strömungen ihrer Zeit und lassen sich nur im Kontext ihrer Entstehung angemessen verstehen.
Die Werke Ars Goetia und Clavicula Salomonis sind keine abgeschlossenen, statischen Bücher. Vielmehr stellen sie dynamische Textkörper dar, die über Jahrhunderte hinweg erweitert, verändert und neu interpretiert wurden. Sie spiegeln das Bedürfnis des Menschen wider, Ordnung, Kontrolle und Sinn in einer Welt zu finden, die als unsicher, bedrohlich und von unsichtbaren Kräften durchzogen wahrgenommen wurde.
Dieser Beitrag versteht beide Werke ausdrücklich als historische, kulturelle und symbolische Texte. Er dient nicht als Anleitung zur praktischen Anwendung, sondern als Einordnung in eine Wissensgeschichte, in der Magie, Religion und frühe Formen systematisierten Denkens eng miteinander verflochten waren.
Ursprung und Entstehung der Werke
Sowohl die Ars Goetia als auch die Clavicula Salomonis entstanden im Umfeld des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europas. In dieser Epoche waren magische, alchemistische und astrologische Praktiken keineswegs randständig, sondern Teil eines umfassenden Weltverständnisses. Gelehrte, Kleriker und Laien bewegten sich in einem geistigen Raum, in dem das Sichtbare und das Unsichtbare als miteinander verbunden galten.
Die Ars Goetia ist Teil des sogenannten Lemegeton, einer Sammlung von fünf magischen Büchern, die später unter dem Sammelbegriff „Schlüssel Salomons“ bekannt wurden. Ihre Inhalte lassen sich nicht eindeutig datieren, da sie auf ältere Handschriften, mündliche Überlieferungen und antike magische Traditionen zurückgreifen. Einflüsse aus der griechisch-römischen Antike, aus jüdisch-kabbalistischen Vorstellungen sowie aus arabisch-islamischem Wissen sind deutlich erkennbar.
Die Clavicula Salomonis ist breiter angelegt. Sie befasst sich nicht nur mit Dämonen, sondern auch mit Engeln, Geistern und göttlichen Kräften. Beide Werke verfolgen letztlich ein gemeinsames Ziel: die systematische Erfassung rituellen Wissens zur Einflussnahme auf als übernatürlich verstandene Kräfte.
Die Ars Goetia: Macht, Kontrolle und Dämonenmagie
Die Ars Goetia beschreibt die Beschwörung von 72 Dämonen, die der biblischen Überlieferung zufolge von König Salomon gebunden worden sein sollen. Diese Wesen werden mit spezifischen Fähigkeiten und Zuständigkeitsbereichen versehen. Dazu zählen unter anderem:
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Vermittlung von verborgenem Wissen über Vergangenheit, Zukunft und Naturzusammenhänge
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Unterstützung beim Erlangen von Macht, Einfluss oder Wohlstand
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Schutz- und Heilfunktionen innerhalb bestimmter ritueller Kontexte
Die Goetia ist stark formalisiert. Symbole, Siegel, Namen und rituelle Abläufe sind präzise festgelegt. Der Erfolg der Rituale beruht nicht auf körperlicher Gewalt, sondern auf symbolischer Autorität und der korrekten Anwendung überlieferter Zeichen- und Ordnungssysteme. Magie erscheint hier als eine Form kontrollierter Kommunikation mit einer unsichtbaren Hierarchie.
Die Clavicula Salomonis: Ordnung, Schutz und spirituelle Hierarchie

Im Unterschied zur Ars Goetia richtet sich die Clavicula Salomonis nicht ausschließlich auf Dämonen. Sie integriert Engel, Geister und göttliche Prinzipien in ein umfassenderes magisches System. Ziel ist weniger die unmittelbare Machtausübung als vielmehr die Herstellung von Ordnung, Schutz und Harmonie.
Zentrale Themen sind:
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Erkenntnisgewinn über metaphysische Zusammenhänge
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Schutz vor als schädlich verstandenen spirituellen Einflüssen
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Rituale zur Heilung und zur Wiederherstellung innerer und sozialer Balance
Die Clavicula Salomonis zeigt eine stärkere Nähe zu religiösen Denkmodellen. Rituale werden als Mittel verstanden, um sich in eine göttliche Ordnung einzufügen und diese gezielt anzusprechen. Magie erscheint hier weniger als Herrschaftsinstrument, sondern als strukturierte Beziehungspflege zwischen Mensch und Kosmos.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Beide Werke beruhen auf der Annahme, dass der Mensch durch rituelle Praxis Einfluss auf unsichtbare Kräfte nehmen kann. Der entscheidende Unterschied liegt im Fokus: Während die Ars Goetia stärker auf weltliche Macht und Kontrolle ausgerichtet ist, betont die Clavicula Salomonis spirituelle Ordnung, Schutz und Erkenntnis.
Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung, dass Wissen, Symbolik und korrekte Ausführung zentrale Voraussetzungen für Wirksamkeit darstellen. Magie wird nicht als chaotischer Akt verstanden, sondern als regelgeleitete Praxis innerhalb eines kosmischen Systems.
Historischer Kontext und Textentwicklung
Beide Texte existieren in zahlreichen Varianten. Abschriften, Übersetzungen und redaktionelle Eingriffe führten über Jahrhunderte hinweg zu inhaltlichen Verschiebungen. Besonders auffällig ist der synkretische Charakter der Ars Goetia, in der Elemente aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen miteinander verschmolzen.
Diese Vielfalt verweist auf einen intensiven interkulturellen Austausch. Magisches Wissen war kein geschlossenes System, sondern ein offenes Netzwerk aus Symbolen, Praktiken und Deutungen, das sich kontinuierlich weiterentwickelte.
Bedeutung für die moderne Forschung
Aus heutiger Sicht sind Ars Goetia und Clavicula Salomonis weniger wegen einer behaupteten metaphysischen Wirksamkeit relevant als vielmehr als Quellen einer historischen Wissens- und Mentalitätsgeschichte. Sie zeigen, wie Menschen mit Unsicherheit, Angst und Kontrollverlust umgingen und wie symbolische Systeme genutzt wurden, um Ordnung zu schaffen.
Für die Forschung sind diese Werke performative Texte: Ihre Bedeutung erschließt sich erst im Zusammenspiel von Ritual, Materialität, sozialem Kontext und symbolischer Handlung. Nur durch diese Perspektive lassen sie sich als Produkte eines dynamischen Wissensnetzwerks verstehen – jenseits von Verherrlichung oder pauschaler Ablehnung.
Fazit
Die Ars Goetia und die Clavicula Salomonis sind keine geheimen Schlüssel zur Macht, sondern Spiegel menschlicher Sehnsucht nach Ordnung und Erkenntnis. Wer sie historisch liest, erkennt weniger Dämonen als Denkmodelle – und weniger Magie als den Versuch, mit einer unübersichtlichen Welt sinnvoll umzugehen.
24.01.2026
Autor
Claus Eckermann
www.claus-eckermann.de
Sprachwissenschaftler und HypnosystemCoach®
Kurzvita
HSC Claus Eckermann FRSA
Claus Eckermann ist ein deutscher Sprachwissenschaftler und HypnosystemCoach®, der u.a. am Departements Sprach- und Literaturwissenschaften der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel und der Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung unterrichtet hat.
Er ist spezialisiert auf die Analyse von Sprache, Körpersprache, nonverbaler Kommunikation und Emotionen. Indexierte Publikationen in den Katalogen der Universitäten Princeton, Stanford, Harvard und Berkeley.


