Dhammapada – Wegbegleiter in die innere Freiheit

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Dhammapada – Wegbegleiter in die innere Freiheit

Spirituelle Persönlichkeiten

Still lesen. Ohne Eile.

Das Dhammapada gehört zu den zentralen Weisheitstexten des Buddhismus. In klaren, zeitlosen Versen beschreibt es einen inneren Weg – jenseits von Dogma, jenseits von Glaubenssystemen.

Der indische Lehrer Sri Eknath Easwaran hat diese Schrift nicht nur übersetzt, sondern aus jahrzehntelanger Meditationspraxis heraus erschlossen. Seine Sprache ist ruhig, präzise und von tiefer Menschlichkeit getragen.

Der folgende Text verbindet persönliche Erinnerungen an eine Begegnung mit Easwaran mit Gedanken zur spirituellen Kraft des Dhammapada – als Wegbegleiter in eine innere Freiheit, die nicht versprochen, sondern gelebt werden will.

Am 7. März 1997 hatte ich den indischen Literaturwissenschaftler und Weisen Sri Eknath Easwaran (1910 – 1999) in seinem Meditationszentrum „Blue Mountain“ (Sanskrit: Nilgiri) in Tomales, rund 60 Kilometer nördlich von San Francisco, besucht. Er gehört zu den herausragenden spirituellen Meistern des 20. Jahrhunderts.
Ein von ihm signiertes Porträtfoto hängt bis heute in meiner Wohnung.

„Jene, die den Weg der Achtsamkeit gehen,
haften nicht an Orten, Menschen, Dingen.
Wie Schwäne erheben sie sich vom See,
lassen Orte, Menschen, Dinge los.“

„Die Weisen im alten Indien lehrten, dass im Lotos des Herzens eine geheime Wohnstatt ist, die in den Tiefen der Meditation betreten werden kann. Darin finden wir die Erfüllung aller Wünsche und das Wissen, dass wir nicht der Körper sind.

Mit diesem Wissen aus Erfahrung lassen wir Krankheit, Verfall und Tod hinter uns. Zwar lassen wir dem Körper sorgfältige Pflege angedeihen, aber nur aus Liebe zu all jenen, denen wir helfen wollen, über den Tod hinaus zu gelangen, indem sie diese erhabene Entdeckung selbst machen.

Und wenn der Körper anderen nicht mehr zu dienen vermag, geben wir ihn anmutig und würdevoll ab und überqueren die Brücke von diesem Land der Sterblichkeit in das Land der Unsterblichkeit.“

Die universelle Sprache der Weisheit

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Das Dhammapada mit seinen 26 Kapiteln und 423 Sprüchen – eine Sammlung von Worten Gautama Siddhartas, des Buddha – ist vermutlich die meistgelesene Schrift des Buddhismus. In kristallklarer Sprache zeigt sie einen Weg, der zu innerem Frieden, Achtsamkeit und Gelassenheit führt.

Die englische Übersetzung von Eknath Easwaran ist eine Perle von Sprachschönheit. Sie wird bis heute geschätzt und gewürdigt – fast 2.000 Rezensionen bei Amazon sprechen eine eigene Sprache.

„Die Schätze der Mystik sind in allen Religionen zu finden. Kein Zeitalter, kein Volk, keine Glaubensrichtung hat in irgendeiner Hinsicht ein Monopol auf spirituelle Weisheit.

Der Gewinn ist und war immer da – für jede Einzelperson, die mit dem nötigen Wagemut danach sucht. Es gibt nur eine einzige höchste Wirklichkeit und nur die eine, einzigartige Vereinigung mit ihr.

Doch Sprache, Tradition, Ausdrucksweise und kulturelle Note unterscheiden sich. Einer schreibt in Französisch, ein anderer in Pali. Einer in Versen, ein anderer in Prosa. Einer spricht von seiner Mutter, ein anderer von Seiner Majestät, ein dritter vom Geliebten.

Darin liegt die Schönheit spiritueller Literatur: Sie spiegelt die Vielfalt des Lebens wider und zugleich die unveränderlichen Prinzipien, die jenseits von Zeit und Ort bestehen.“

Herkunft, Prägung und geistige Wurzeln

Dhammapada Sri Eknath Easwaran Sri Eknath Roland Ropers Maerz 1997
Sri Eknat Easwaran & Roland -Blue Mountain Mediatation Center, Tomales/Kalifornien – März 1997-©Roland Ropers

Am 17. Dezember 1910 wurde Eknath Easwaran in einem kleinen Dorf im südindischen Bundesstaat Kerala geboren.

„Meine Großmutter war der Baum“, erzählte er, „meine Mutter die liebliche Blüte, und mein eigenes Leben ist nur die Frucht.“

Von seinem Vater lernte er die klassische südindische Musik und Tanzkunst, von einem Tempelpriester Sanskrit – die Sprache der alten heiligen Schriften Indiens. Ein Onkel, ein ungewöhnlicher Lehrer, entfachte seine Liebe zur englischen Literatur.

Mit 16 Jahren besuchte Easwaran ein Jesuitenkolleg, mehrere Bahnstunden von seinem Heimatdorf entfernt. Der Direktor, Pater John Palakaran, an der Universität Edinburgh ausgebildet, ermutigte ihn zu öffentlichen Vorträgen und zur Lektüre von William Shakespeare – ein Vorbild, das ihn nachhaltig prägte.

Easwaran wurde ordentlicher Professor und Direktor für Englische Literatur an der Universität Nagpur. Die persönliche Begegnung mit Mahatma Gandhi blieb ihm lebenslang unvergesslich. 1972 erschien sein Buch GANDHI – The Man.

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“
(Mahatma Gandhi)

Blue Mountain – ein Ort der Sammlung

Eknath Easwaran hatte eine große Leserschaft in The Times of India. Sein Leben schien gesichert: eine Familie, akademischer Erfolg, gesellschaftliche Anerkennung. Doch mit 49 Jahren erlebte er eine tiefe innere Krise.

Zur selben Zeit wurde er im Rahmen des Fulbright-Austauschprogramms in die USA eingeladen. In San Francisco hielt er wöchentliche Vorträge über die Upanishaden. Dort lernte er Christine kennen, seine spätere zweite Frau.

1966 kehrten beide nach Kalifornien zurück. An der University of California in Berkeley hielt Easwaran regelmäßige Meditationskurse – ab Januar 1968 den ersten akademischen Meditationskurs an einer weltberühmten Universität.

Am Heiligabend 1969 wurde der Kaufvertrag für ein außergewöhnliches Grundstück in Tomales unterzeichnet. Dort fand das 1961 gegründete Blue Mountain Meditation Center seine endgültige Wirkungsstätte. Bis zu seinem Tod am 26. Oktober 1999 verbrachte Easwaran hier die erfülltesten Jahre seines Lebens.

Tausende Menschen führte er in das Mysterium der Meditation ein. Seine Übersetzungen und Kommentare zur Bhagavad Gita, zum Dhammapada und zu den Upanishaden gelten bis heute als Meisterwerke spiritueller Literatur – klar, tief und von außergewöhnlicher sprachlicher Schönheit.

Abschied

Als ich mich von dem damals 86-jährigen Weisen verabschiedete, sagte er zu mir:

„Roland, wenn wir sterben, wechseln wir nur unsere Kleider.“

28.01.2026
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

 


Über Roland R. Ropers

Woher kommen wir Ropers Portrait 2021

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.

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Buch Tipp:

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Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle

von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu

Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.