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Aufstieg in die Tiefe

Kamphausen-cover-aufstieg-in-die-tiefe-ursula-gretherAufstieg in die Tiefe
Meine Reise mit Messner, Buddha und Parkinson

von Ursula Grether

Ursula Grether verlässt ihre Komfortzone und lebt ihren Traum. Sie lässt sich von einem fremden, wilden Mann ansprechen und zu Übernachtung und Verpflegung ohne fließendes Wasser auf 5350 m über dem Meer einladen. Als Resultat begleitet sie für einige Zeit Reinhold Messner als seine Expeditionsärztin.

Sie erfährt die Lehren des Buddhismus und gründet einen der ersten buddhistischen Hospizdienste in Berlin.

Sie schämt sich zunächst für eine gefürchtete, unheilbare Krankheit – Parkinson – und schreit ihre Scham dann hinaus in die Welt, um sich von ihr zu befreien und um psychisch zu wachsen und innerlich zu heilen. Sie springt durch ihre Todesangst tief hinab in ihr wahres Sein.

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Über die Autorin Ursula Grether Kamphausen-Ursula-Grether

Ursula Grether, Jahrgang 1951, begann als Studentin ihre weltumspannenden Reisen, die in über vierzig Länder führten. Dreißigjährig vollzog sie eine Wende, beschäftigte sich intensiv mit Buddhismus, zog zwei Kinder groß, arbeitete in Berlin als Ärztin und Familientherapeutin und gründete mit Freunden einen der ersten deutschen, buddhistischen Hospizdienste. Mit 60 erhielt sie die Diagnose Parkinson.


Leseprobe aus: Aufstieg in die Tiefe
Messners Einladung ins Basecamp

Wieder daheim in Deutschland sah ich zufällig, dass Reinhold Messner einen Vortrag über seine Dhaulagiri-Expedition halten würde. Das war d i e Gelegenheit, in Erfahrung zu bringen, wie es Michael und dem Filmteam im weiteren Verlauf der Expedition ergangen war. In der Presse hatte ich von Streit und Misserfolg gelesen.

Während der Pause schmökerte ich am Bücherstand, als Messner plötzlich neben mir auftauchte. Ich fragte ihn nach Michael. „Ach, Sie sind seine Freundin?“ – „Nein, wir hatten nur zwei Tage lang den gleichen Weg in Nepal“, sagte ich cool. Dass ich dabei mehrfach hatte sterben wollen, war in sehr entfernte Ecken der Erinnerung entschwunden, auch, dass es meine erste richtig große Wanderung gewesen war. Aber die wunderbaren Menschen, ihr einfaches Leben in der grandiosen Natur hatte ich voll auf dem Schirm.

Meine Begeisterung vom Vorjahr muss aus mir herausgesprudelt sein.

Was ich denn studiere, wollte er wissen. Aha, Medizin… Dann kam relativ schnell die Frage, ob ich nicht Lust hätte, ihn auf einen Berg zu begleiten. Er plane ein kühnes Abenteuer und brauche noch eine Expeditionsärztin. Warum ich ihn nach dieser klaren Frage nicht mit offenem Mund angestarrt habe, ist mir bis heute unbegreiflich. Angeschaut habe ich ihn schon.

Die Cowboystiefel fand ich etwas affig; Jeans und Reisejacke waren adäquat; auch die Haarpracht – artig geföhnt. Aber dann diese Augen – mein Gott, diese Augen: unruhig, stets auf der Hut, die Umgebung erforschend, tief liegend, schwer einsehbar und funkelnd. Zusammen mit den kleinen Falten drum herum und dem breiten Lachen eine Etage tiefer signalisierten sie mir auch Leichtigkeit und Lebensfreude, sehr viel Jungenhaftes und Unbekümmertes. Eine interessante Mischung.

Trotz der spontan in mir aufsteigenden Angst vor ihm, ließen mich Faszination, Neugierde und ein Kribbeln standhalten und die Konversation fortsetzen: „Wollen Sie meine Expeditionsärztin werden?“ rangiert in einer anderen Preisklasse als „Wollen wir einen Kaffee trinken gehen?“.

Weder Angst noch Kribbeln sind gute Ratgeber.

Aber beide lassen dir selten die Wahl. Mein Kopf funktionierte noch ganz gut und stellte Fragen, die man so stellt, wenn man etwas Ungeheuerliches gefragt worden ist: Wie? Wo? Was? Wann? Das erforderte mehr als die zehn Minuten Pause zwischen zwei Vortragseinheiten. 

Er bat mich, am nächsten Morgen kurz in sein Hotel zu kommen. Dort, im hektischen Gewimmel der Lounge vor der Rezeption, erfuhr ich ein wenig mehr über seine Pläne. Die Genehmigung für einen Alleingang zum Nanga Parbat im nächsten Sommer habe er bereits. Er brauche aber dringend noch eine Expeditionsärztin. Davor müsse er Vorträge halten und Geld für seine Reisen verdienen.

Im Februar, weniger als ein halbes Jahr vor der geplanten Expedition zum Nanga Parbat,

wolle er nach Nepal und den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff besteigen. Es gebe eine komplette Expeditionsmannschaft, unter anderem mit zwei Ärzten. Ob ich nicht Lust hätte, ihn im Basecamp zu besuchen. Dort hätten wir viel Zeit, alles zu besprechen. Ich könne mich umschauen und dann entscheiden.

Ja, aber in Ruhe“, dachte ich, als er sich losriss und den unzähligen Menschen nachgab, die ihn zum nächsten Vortrag, zu einer Signierstunde oder zu sonst etwas drängten. Verwirrt schaute ich ihm nach, als er im Pulk verschwand.
Mein Gott, hat der ein Tempo drauf!“, dachte ich nur, nicht ahnend, dass ich ihn das nächste Mal einige Breitengrade südlicher, einige Längengrade östlicher und circa 5000 Meter höher wiedertreffen würde.

Wenige Briefe und ein paar Monate später, in den Semesterferien, besuchte ich ihn tatsächlich am Everest. Das äußere Geschehen erzählt sich relativ kurz und ruhig. Aber in meinem Inneren tobte ein Orkan, den ich mit logischem Denken und meinem wachen Bewusstsein weder verstehen noch beeinflussen konnte. Nie zuvor und nie mehr danach haben sich so hohe ambivalente emotionale Wellen in mir aufgetürmt.

Ich war fasziniert von dieser ungewöhnlichen Kombination, die mir in der Gestalt Messners begegnete.Ursula-Grether-Reinhold-Messner

Genauer gesagt, ich war fasziniert von dem, was ich auf ihn projizierte: ungezähmte Wildheit, immense Kraft, gepaart mit starkem Willen und schnellem Intellekt. Er sagte klar an, was er wollte, und strahlte einen jungenhaften Charme aus – und ein offenes, entwaffnendes Lachen hatte er auch noch. Er war weder lockend noch zudringlich oder grenzüberschreitend gewesen.

Er hatte lediglich sein Angebot unterbreitet und seine Fragen gestellt. Ich hörte seine Vorschusslorbeeren und seinen Glauben an mein Können heraus und fühlte mich natürlich geschmeichelt. Nur ganz leise meldete sich meine Skepsis: Vielleicht ist er so sehr unter Druck, dass ihm Details egal sind. Schließlich kennt er dich gar nicht.

Und damit gesellte sich zur Faszination meine ebenso große Angst.

Einerseits kannte ich mittlerweile die Medienberichte, die ihn als draufgängerischen Egomanen beschrieben, der über Leichen gehe, kein Verantwortungsgefühl für andere und nur sein Ziel im Auge habe. Warum sollte er diese bis dahin erfolgreiche Strategie plötzlich ändern?
Bedeutete das für mich, auf Sicherheit zu verzichten?
Die Erfüllung dieses Grundbedürfnisses zumindest hintanzustellen?
Sollte und wollte ich das?

Doch was viel schwerer wog, war die Frage:

Fürchtete ich mich vor meiner eigenen Bereitschaft, sein Angebot tatsächlich anzunehmen? Es passte so verdammt gut zu meiner Abenteuerlust und der überschüssigen, noch nicht abgerufenen Kraft. Hier wurde auch meine existenzielle Sinnsuche berührt. Ich ahnte, dass der Tod der unmittelbarste Wegweiser ist. Was Messner tat, war eine Provokation des Todes. Und für mich?

Den Tod wollte ich nicht, aber den direkten Weg zu meinem Gipfel, einer extremen Erfahrung und Sinnfindung, schon. Danach sehnte ich mich. Dass diese Direttissima (der umweglose Aufstieg zum Gipfel) nicht nur zum Sinn des Lebens, sondern ebenso direkt in den Tod hätte führen können, diese Warnung war nie ganz zu überhören gewesen und hat einen Großteil des Nervenkitzels ausgemacht.

Die spirituelle Dimension meiner Sehnsucht war mir damals weitgehend unbewusst.

Ich fühlte mich frei, ungebunden, wollte meine Grenzen austesten und erweitern. Extreme reizten mich, am meisten das Gefühl von Freiheit, so wie ich sie mir damals vorstellte. Ich wollte Mitglied in einem guten Team sein, das interessante Aufgaben bewältigt, und ich wollte meinen Beitrag dazu leisten. Vielleicht hatte ich vor, den unüberbietbaren Beweis für meine jungenhaften Qualitäten zu liefern und dafür Anerkennung einzuheimsen.

Ich wünschte mir die Möglichkeit der intensiven Selbsterfahrung in fremden Kulturen und Lebenssituationen und erachtete es als wunderbare Sache, eine Ausnahmegestalt wie Messner erleben, begleiten und unterstützen zu dürfen. Ja, unterstützen wollte ich ihn, aber nicht aus einem Helfersyndrom heraus. Ich wollte schlichtweg etwas dazu beitragen, dass Menschen wie er ihre Visionen leben und der Menschheit ihre Möglichkeiten vor Augen führen können.

Träge und gelangweilte Menschen in Komfortnischen gab es reichlich.

Ich wollte an der Erfahrung wachsen und daraus lernen – für mich und für andere. Schließlich war ich eine fast fertig ausgebildete Ärztin und interessierte mich für Psychiatrie, also für Ver-rückte im Sinne von Nicht-an-die-Norm-Angepasste. Und jenseits der Norm war Messner ja allemal.

Ich sehnte mich außerdem nach einem einfachen Leben in der Natur, nach Kontakt zu den Göttern, die überall in Nepal und Indien, vor allem in den Bergen, zugegen sind. Bei den Einheimischen hatte ich die Grundstimmung aus Zugehörigkeit, Hingabe, Akzeptanz und Vertrauen ins Leben wahrgenommen. Ohne genauer beschreiben zu können, warum, faszinierte mich diese Lebenshaltung.

In mir loderte eine unbändige Kraft, der ich einen Raum verschaffen wollte, in dem sie sich entfalten könnte –

für mich genießbar und sinnvoll und für andere nützlich. Auf Reisen war mir das zum Teil gelungen. Im Team mit Messner würde ich an Orte und in Situationen kommen, die mir allein verschlossen waren. Meine Zusage würde mich auf meinem Traumweg ein großes Stück weiterbringen.

Ein wenig kam ich mir vor wie der kleine Zaunkönig, der sich beim Wettflug der Vögel im Gefieder des Adlers versteckt und dergestalt in Höhen gelangt, die er aus eigener Kraft nie erreichen könnte. Aber anders als der Zaunkönig kam ich ums Schummeln herum. Der Adler schien mich zu brauchen und hatte mir einen Platz auf seinem Rücken angeboten.

Bevor ich einen Vertrag als Ärztin für die Expedition zum Nanga Parbat unterschrieb (was ich formell nie tat), schien es mir unerlässlich, mich in einer ähnlichen Situation zu testen. Die Everest-Expedition einer österreichischen Gruppe um Wolfgang Nairz bot sich insofern an, als Reinhold sich bei ihr eingekauft hatte.
Außerdem war es für mich die letzte Möglichkeit, einen Expeditionsarzt in Aktion zu erleben. Da ich nicht mitten im Semester davonlaufen wollte, sagte ich Reinhold vage zu, später nachzukommen. Noch war der Kampf in meinem Inneren unentschieden. Ich wollte Reinhold nicht – wie er vorgeschlagen hatte – bei seinem Anmarsch begleiten, sondern, wenn überhaupt, ohne Druck schauen, wie weit ich käme.
Ende Leseprobe aus : Aufstieg in die Tiefe


Details zum Buch:Kamphausen-cover-aufstieg-in-die-tiefe-ursula-grether

Aufstieg in die Tiefe
Meine Reise mit Messner, Buddha und Parkinson
von Ursula Grether 
Softcover: 408 Seiten, 135 x 210 mm
Erschienen: 09.09.2019
Verlag: Kamphausen Media GmbH
ISBN: 9783958833968
Preis: € 20.00

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