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Heilsames Mitgefühl für sich selbst und andere

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Diesmal mit einem neuen ständigen Begleiter, der Diagnose Parkinson. Ich war zurückgekommen in mein altes Kloster in der Nähe von Kathmandu .
Und ich durfte sogar eine Retreathütte beziehen. Das hatte die Obernonne in einem Vorgespräch erlaubt und mir empfohlen, über Tonglen zu meditieren.
Beglückt hatte ich genickt.

Erst in der Hütte kam das große Schlucken.

Hatte sie Tonglen gesagt? Oh je, diese Buddhisten! Immer soll man nur an die Anderen denken, auch wenn man – wie ich gerade – selbst am Stock geht. Wie sollte ich aus meinem bedürftigen Körper und Geist die Kraft beziehen, um das Leiden der Anderen mit dem Einatmen in mich aufzunehmen und ihnen beim Ausatmen Wohlergehen zusenden? Heilsames Mitgefühl?

Die Nonne hatte doch gesehen, wie schwach und dünnhäutig ich war. Wie sollte das zusammen gehen? Andere nähren und gleichzeitig die eigene Not und den Mangel lindern?
Aber ich hatte es versprochen und vertraute der Obernonne.
Mal sehen!

Tonglen ist eine Übung im tibetischen Buddhismus, die sich aus der alten indischen Metta Meditation heraus entwickelt hat.
Dabei nimmt man das Negative, das Leid einer anderen Person beim Einatmen in sich auf und sendet ihr beim Ausatmen Wohlergehen, Liebe, Positives und Glück.

Klingt sehr altruistisch und höchst anstrengend. Daher meine anfängliche Skepsis, die aus meiner alten Überzeugung herrührt, dass beim Energiefluss von mir zum Anderen mein Töpfchen immer leerer und das des Anderen immer voller wird. Rein materiell betrachtet.

Einfache angewandte Physik. Wie sonst sollte es funktionieren?

Diesmal hatte ich viel Zeit und begann – im Gegensatz zu früher – mit den Vorübungen und betrachtete zunächst m e i n eigenes Leid und schickte m i r dann Wohlergehen und Glück.

Schon das Anschauen und Annehmen und Betrauern meines eigenen Leids, meiner Ängste, meiner Verzweiflung brachten Erleichterung.
Alles durfte da sein und wurde nicht – wie im Alltag oft – verdrängt.
Und wenn ein Gefühl da sein darf und angeschaut und voll gefühlt wird, dann löst es sich rasch auf. Es muss sich nicht immer wieder Beachtung verschaffen, wie ein kleines quengelndes Kind, das ständig mit billigen Ersatzbefriedigungen abgespeist worden war.

Und das folgende Ausatmen von Glück zeigte mir, wie viel Kraft noch in mir steckte.

Ich bezog also zunächst nur mich selbst, keine Außenstehenden ein.
Empfängertöpfchen und Gebertöpfchen waren eins oder waren miteinander verbunden.
Ein Energieverlust war nicht zu befürchten.

Im zweiten Schritt dehnte ich mein Ein- und Ausatmen auf andere Menschen aus – auf andere Verzweifelte, Kranke und Bedürftige. Ich atmete ihr Leid ein. Und schon bevor mein Geist dazu kam, mit großem energetischem Aufwand dieses große Schwarze in Gold umzuwandeln, fühlte ich eine Veränderung.

Das Leid war nicht nur schwarz und schwer, sondern es fühlte sich warm und fließend an, nach Verbundensein.
Ich war nicht mehr allein, war nicht als Einzige betroffen und generell nicht von den Anderen getrennt. Das tat sehr gut. Und der befürchtete Energieklau entpuppte sich als ein mich nährendes Brünnlein. Zauberei? – So funktioniert Tonglen – und Mitgefühl – und Liebe.

Wenn ich mich mit meinen Mitmenschen verbinde,

mich großzügig verschenke, dann bleibt diese liebevolle Energie uns Beiden erhalten, denn ich erkenne, dass wir nicht getrennte Lebewesen sondern eins sind. Eins und mit nur einem gemeinsamen Töpfchen.

Und als ich mir die Anderen genauer ansah, entdeckte ich mit großen Augen, dass es den allermeisten von ihnen von ihren materiellen Möglichkeiten her bedeutend schlechter ging als mir.

Okay, da war meine Diagnose. Aber ich hatte Zugriff auf mehrere Ärzte, mehrere Therapieansätze, eine Chipkarte der Krankenkasse, die Möglichkeit, mich krankschreiben zu lassen und sogar ein Krankenhaus aufzusuchen.
Ich hatte meine Kinder und Familie und Freunde, die mich bedingungslos unterstützten.

Und das Wichtigste:

Ich hatte wunderbare, hoch qualifizierte Lehrer in meinem Leben, die mir die Zusammenhänge erklärt hatten, die mich in die Lage versetzen, das Erlernte auf neue Situationen anzuwenden. Vielleicht nicht jederzeit und sofort, aber ich war in der Lage, mich zurückzuziehen und nachzudenken und mich zu öffnen für eine Erkenntnis aus mir heraus oder eine Lösung von außen. Wie gerade jetzt in meiner einfachen Retreathütte.

Eine Woge aus dem Gefühl von Dankbarkeit und Fülle schwappte über mich.
In kürzester Zeit hatte ein Zauber die vorwurfsvolle, nörgelnde, bedauernswürdige und bettelnde kleine Ursula verwandelt in eine reich beschenkte, erwachsene und glücklich lächelnde Frau.

Und wie heißen die Zauberformeln? Heilsames Mitgefühl!

Anerkennen was ist,
liebendes Mitgefühl
und Dankbarkeit.
Ganz einfach – oder?

31.12.2019
Ursula Grether


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Über die Autorin Ursula Grether Kamphausen-Ursula-Grether

Ursula Grether, Jahrgang 1951, begann als Studentin ihre weltumspannenden Reisen, die in über vierzig Länder führten.
Dreißigjährig vollzog sie eine Wende, beschäftigte sich intensiv mit Buddhismus, zog zwei Kinder groß, arbeitete in Berlin als Ärztin und Familientherapeutin und gründete mit Freunden einen der ersten deutschen, buddhistischen Hospizdienste.
Mit 60 erhielt sie die Diagnose Parkinson.

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