Versteckspiel gegen Selbstverantwortung getauscht

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hypnose pexels alesia kozikVersteckspiel gegen Selbstverantwortung getauscht

Die meisten Prozesse in uns werden nicht von unserem Willen beeinflusst, sondern geschehen. Das sind über 98 Prozent. Allein mit der Kraft unseres Willens können wir keinen Einfluss nehmen auf unsere Reflexe, Gewohnheiten und auf diese direkte Belohnung, die uns Verhalten oder Nicht-Verhalten nun mal verschaffen.

Einmal können wir sicher willentlich Nein sagen, doch immer und immer wieder kostet es einfach zu viel Kraft. Das Unterbewusstsein muss mitspielen. Dann wird es leicht. Hypnose, die den Zustand bekannt aus Meditation nutzt, stellt den Kontakt zum Unterbewusstsein her und ist letztlich wie eine Brücke zur eigenen inneren Bühne vorstellbar.

Wissenschaftlich längst bewiesen ist, dass es für unser Gehirn keinen Unterschied macht, ob wir etwas real erleben oder in unserer Vorstellung während wir in einem meditativen Zustand sind. Diese Faszination, die unser Kopf möglich macht, können wir nutzen und Veränderung herbeiführen.

Es klingt unvorstellbar, doch es funktioniert.

Was wir für unsere Leben oder in unseren Gedanken möchten, können wir uns «einfach» mental vorstellen und lösen damit ähnliche bis identische Reaktionen aus, als ob wir es bereits leben. Damit die Vorstellung körperlich ankommt, braucht es einen so genannten hypnotischen Zustand. Hypnosetherapeuten nennen ihn Trance. In diesem Zustand können dann tatsächlich innere Bilder und gehörte Worte derart wirken, dass sie zu einer chemischen Reaktion und zu einer Verhaltensänderung führen.

Ein Beispiel für einen solchen Veränderungsprozess ist Lea, die 2013 mit einer massiven Essstörung nach langem Leidensweg auf den Lösungsweg fand. Wer einen hohen Leidensdruck lebt, hat mit dem Verstecken innerlich meist bereits aufgehört, weiß mit dem Verstand alles und hat viele Therapien oder Ideen umgesetzt.

Das verstehende Bewusstsein ist sehr wertvoll, gleichzeitig ist es sehr langsam. Um diesen Nachteil auszugleichen, vertraut das Gehirn auf Regeln, die in früheren Erfahrungen aus erfahrenen Reizen festgelegt wurden. Und der Wächter vor unserem Gehirn ist nicht besonders selektiv, so dass sich schnell auch schlechte Beeinflussung Zugang verschafft.

Wie bei einem Eisberg folgen die Bewegungen nicht dem Wind, sondern der Strömung.

Also dem Einfluss, der tiefer liegt und der durch Konditionierungen entstanden ist. Die Konditionierung ist wie in einer Tiefkühltruhe konserviert. Für Reaktionsmuster braucht sich niemand schuldig zu fühlen, der nicht gelernt hat, sie zu verändern.

Eine Fähigkeit der Hypnose ist es, im Unterbewusstsein für einen Außenreiz eine andere Reaktion als bisher zu wählen und diese Reaktion einzuspuren, so dass sie als automatische Reaktion auch im Alltagsbewusstsein zur Verfügung steht. So hat man ganz anders “unter Kontrolle”, wer man ist, wie man reagiert, was man lebt. Veränderte Gedanken informieren den Körper mit veränderten chemischen Prozessen. Diese führen zu veränderten Gefühlen und aus diesen leichteren Gefühlen zu stimmigeren Handlungen. Dann entsprechen unbewusste Verhaltensweisen den bewussten Absichten.

Noch vor Beginn einer Hypnosetherapie hatte Lea dem ungesunden Anteil in ihrem Kopf einen Namen gegeben. Mephisto. Auch wenn die Symptomatik natürlich die komplette Macht über sie hatte, war Lea dennoch klar, dass ihre Erkrankung «nur» ein Anteil von ihr war. Diese Einstellung ist sehr nützlich auf dem Weg zu Heilung und Freiheit.

Wirkliche Rettung findet letztlich nie über einen Schalter von außen statt. Es braucht zumindest ein Fünkchen Anteil, der ein letztes Fünkchen Lebenswillen trägt und als Instanz erreichbar ist, um weiter zu kommen.

So auch bei Lea, wo gleich zu Beginn der Hypnosen mit einer Ressource gearbeitet werden durfte, die als Ergebnis das Wort «vorwärts» an die Oberfläche holen konnte. Ein Türöffner, wenn in die Kraft dieses Wortes hineingespürt wird. Im Verlauf kann dann zu einem ungesunden Anteil Distanz gebracht werden, um sich wieder als starkes, gesundes Wesen zu erleben statt übermannt von einer «schlechten» charakterlichen oder verhaltenden Seite.

Energie folgt der Aufmerksamkeit und so tun wir gut daran, den Raum von Situationen, Menschen und Gefühlen, die sich nicht (mehr) gut anfühlen, so klein und wenig beeinflussend wie möglich zu halten.

Nichts weg nehmen, etwas hinzu geben

In Hypnose wird selten etwas weg genommen oder vermieden. Es geht um das Installieren positiver Dinge und um Integration. Die Sprache des Unterbewusstseins in dieser Kommunikation sind Bilder, Symbole, Gefühle. In der hypnotischen Trance können wir über fokussierte Aufmerksamkeit in diese Schatzkammer greifen und über das «Einüben» einer Alternative etwas Neues installieren. Voraussetzung für die hypnotische Arbeit ist körperliche Entspannung. In dieser Entspannung ist Veränderung möglich. Zieht man den Vergleich zu einem verletzten Bein, könnte dies niemals ausheilen, wenn man die Verletzung weiter belastet und unverändert herum läuft. Es braucht die physische Entlastung um heilen zu können.

«Ich liebe mein Leben»

Mit großen therapeutischen Abständen arbeitet Lea bis heute und wendet die Werkzeuge für sich selber im Alltag an, so dass sie sich durch Folge-Erkrankungen genauso wie durch Verdachts-Diagnosen kraftvoll hindurch gebracht hat. Der natürliche Bewusstseinszustand der Trance, den jeder Mensch mehrmals am Tag ganz automatisch erlebt, beispielsweise beim gebannten Lesen oder verträumten Zugfahren, war ihre Lösung.

Für sie die Kehrtwende, sich nach dem ungesunden Umgang mit ihrem Körper auch wieder mit der Natürlichkeit von Körperlichkeit auseinander zu setzen und ganz konkret zu lernen, wieder zu essen und angstfrei normal zu sein, normal zu wiegen. Der Lohn für ihre mutige und fordernde Arbeit mit ihrem Unterbewusstsein ist sicher das Gefühl, das sie selber so formuliert und lebt: «Ich liebe mein Leben».

26.04.2022
Friederike Gerling
Diplom-Hypnosetherapeutin, NGH Ausbilderin und Autorin
https://ihvv.de 

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Friederike Gerling ihvv friederike gerling

Als leidenschaftliche Hypnosepraktikerin zählt sie mit über 10.000 Sitzungen zu einer der erfahrensten Hypnotiseurinnen für Erwachsene wie für Kinder und ist spezialisierte Rückführungsleiterin zur Trauma-Integration.

Mittlerweile ist sie fast ausschließlich als Ausbilderin tätig und bildet Therapeuten, Ärzte und alle Interessierte in Hypnose und Selbsthypnose aus.

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