In deiner Welt – spirituelle Geschichte – Kapitel 3

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georg-huber-in-deiner-welt-romanIn deiner Welt – Kapitel 3

Roman von Georg Huber
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Nick hatte alles andere als eine ruhige Nacht. Wie bei einem Fiebertraum wachte er immer wieder schweißgebadet auf. Nach einem kurzen Moment, in dem er sich ausruhen konnte, träumte er dann immer wieder weiter. Einen skurrilen Traum, dennoch so deutlich und real, wie Nick ihn selten geträumt hatte.

Er lief durch ein großes altes Gefängnisgebäude, das im letzten Jahrhundert gebaut worden sein musste. Die Wände waren marode, und das ganze Gefängnis machte auf Nick den Eindruck, als würde es bald einstürzen. Er bewegte sich durch den Hauptgang des Gebäudes und erschrak immer wieder, weil er eine Stimme hörte, die nach ihm rief. An den Wänden bildeten sich Rinnsale von dem Regenwasser, das das Dach nicht mehr halten konnte. Schlamm, Dreck und Pfützen bedeckten den kalten Steinboden, der bei jedem Tritt ein Echo ins Gebäude warf.

Unaufhörlich bewegte Nick sich vorwärts.

Zwar verspürte er den Impuls, sich umzudrehen, doch wie ferngesteuert konnte er seine Richtung nicht ändern. Sobald er nach hinten schaute, verblasste der Gang hinter ihm und hinterließ nur eine düstere Leere und Schwärze.

»Nick!«, hallte es wieder durch den Gang. Jedes Mal, wenn Nick an einer Zellentür vorbei lief, fürchtete er sich vor dem, was dahinter sein könnte. Die Stimme schien aus jeder Zelle und aus jeder Wand zu kommen. Man hätte meinen können, das Gefängnis selbst riefe ihn und triebe ihn dazu an, voller Panik immer weiterzulaufen. Nick horchte auf.

Er hörte jemanden weinen, eine weibliche Stimme, doch ob jung oder alt, konnte er nicht erkennen. Seine Füße liefen weiter, und Nick konnte nur beobachten, wie er selbst diesen düsteren, dreckigen Gang entlanglief. Wieder hörte er das Winseln, das kurze, traurige Weinen, und bald darauf bildete sich schemenhaft eine Person vor ihm.

Wie aus einem Nebel entstanden, rannte ein Mädchen vor ihm den Gang hinunter.

Die Angst und die Ohnmacht, die es verspürte, waren für Nick deutlich wahrnehmbar. Irgendwie konnte Nick fühlen, was in der jungen Frau vorging. Womöglich war sie es gewesen, die nach ihm gerufen hatte.

»Warte!«, rief Nick laut und versuchte, seine Beine schneller zu bewegen. Obwohl er das Gefühl hatte, zügig zu rennen, kam er nicht schneller vorwärts. Mit aller Mühe versuchte er, das Mädchen einzuholen, es zu erreichen, doch es gelang ihm einfach nicht. Seine Laufgeschwindigkeit blieb konstant. Er konnte dem Mädchen zwar folgen, doch einholen konnte er es nicht. Vor einer Zellentür, vielleicht zehn Meter von Nick entfernt, blieb das Mädchen plötzlich stehen und senkte den Kopf.

»Warte!«, rief Nick der jungen Frau wieder zu, und unter größter Anstrengung befahl er seinen Beinen, ihm zu gehorchen. Wut und Frustration stiegen in ihm auf. Er wollte zu ihr, er musste zu ihr! Das war alles, was er in diesem Moment spüren konnte.

Das Mädchen hob langsam seinen Kopf.

Es schien, als reagierte es auf Nicks Rufe. Langsam drehte es seinen Kopf und dann auch seinen Körper. Doch bevor Nick sein Gesicht sehen konnte, knallte die dicke Stahltür, die als Sicherheitstür den Zellengang unterteilte, wie von Geisterhand zu.
»Nein!«, schrie Nick auf und hämmerte mit seinen Fäusten auf die Tür ein.

Verzweifelt tastete er sie ab, doch es gab keinen Griff, nichts, womit er sie hätte öffnen können. Und selbst wenn sie einen Griff gehabt hätte, sah sie so massiv und schwer aus, dass er sie unmöglich auch nur einen Zentimeter hätte bewegen können. Er war von dem Mädchen abgeschnitten, so kurz bevor er es hätte sehen können.

Weinend brach Nick zusammen und lag nun auf dem kalten, nassen und verdreckten Steinboden.

Er geriet zunehmend in Panik. Er hechelte, um irgendwie noch ein bisschen Sauerstoff aus der Luft in seine Lungen zu pumpen. Sein Herz schlug hart, und er konnte den schnellen Rhythmus seines Herzschlags im ganzen Körper spüren. Die Wände schienen näher zu kommen, und ein dunkler Nebel zog den Zellengang hinunter.

Wieder hörte Nick jemanden seinen Namen rufen. Doch dieses Mal war es eine männliche Stimme, die ihn rief. Und diese Stimme klang auch überhaupt nicht verzweifelt, sondern ganz klar und ermutigend. Die Sicherheitstür, die ihm den Weg versperrte, knarrte auf einmal und öffnete sich einen Spalt. Zentimeter um Zentimeter ging sie weiter auf, und Nick atmete erleichtert auf. Ein Arm griff jetzt durch den Türspalt, und Nick konnte schließlich das Gesicht eines Mannes erkennen, der ihn zu sich winkte.

Es war Jack. Nick!« Erschrocken und schweißgebadet wachte Nick auf.
»Wie lange willst du denn noch schlafen? Du weißt doch, dass wir zu Oma fahren!«

Nicks Vater stand in der Tür.

Nick hatte am Abend zuvor vergessen, sie abzuschließen. Mit zitternden Händen rieb Nick sich den Schweiß von der Stirn. Tränen schossen ihm in die Augen. Der Traum war so unglaublich real gewesen, dass er Schwierigkeiten hatte, zu begreifen, dass er in seinem Bett lag. Als Robert seinen Sohn sah, fiel alle Härte von ihm ab, und besorgt eilte er ans Bett und setzte sich neben ihn.

 »Nick, was ist los?« Normalerweise hätte Nick in dieser Situation seinen Vater aufgefordert, sofort sein Zimmer zu verlassen. Doch seinen Vater in der Nähe zu wissen, beruhigte ihn in diesem Moment.
»Du bist ja völlig nass geschwitzt. Komm, beruhige dich. Atme langsamer.«

 »Nick!« Henry, Nicks kleiner Bruder, rannte die Treppe herauf.
»Warte, Schatz! Geh zu Mum. Nick geht es nicht so gut. Wir kommen gleich«, hielt Robert seinen fünfjährigen Sohn zurück und wandte sich wieder Nick zu.

 »Gehts dir gut?«, fragte er fürsorglich. Nick schüttelte den Kopf.
»Nein, mir geht es nicht gut. Ich hatte einen wirklich schlimmen Traum!« Vorsichtig legte Robert seine Hand auf Nicks Arm.
»Möchtest du darüber reden?«

Nick schüttelte den Kopf und suchte mit den Augen nach der Wasserflasche neben seinem Bett.

Nicks Vater stand auf und nahm die Flasche, die neben der Sporttasche auf dem Boden lag.
»Hier!« Hastig setzte Nick die Flasche an den trockenen Mund und trank einige Schlucke. »Gehts wieder?«, fragte sein Vater weiter. Nick schloss erschöpft die Augen und nickte. Mit einem Seufzer stand sein Vater schließlich auf, um zur Tür zu gehen. Doch bevor er das Zimmer verließ, blieb er stehen und drehte sich noch einmal zu Nick um.

»Nick. Ich wollte …« Robert seufzte wieder. »Es tut mir leid, dass ich gestern so grob zu dir war. Ich habe gar nicht hören wollen, wie das mit der Scheibe passiert ist.«
Nick winkte ab, obwohl es ihn wirklich verletzt hatte, dass es seinen Vater überhaupt nicht interessiert hatte, was er zu sagen gehabt hätte. Aber im Moment war das unwichtig für ihn. Viel wichtiger war es, wieder wach zu werden.
»Ist schon okay.«

Robert merkte genau, dass sein Sohn kein Interesse hatte, mit ihm darüber zu reden.

Nick vertraute ihm nicht mehr, so war es eben. Nick lehnte sich im Bett an die Wand und zog die Decke nach oben, bis nur noch sein Kopf zu sehen war.
»Mir ist kalt. Kannst du Mum mal fragen, ob sie gucken kann, ob ich Fieber habe?«
Robert nickte. Er drehte sich zur Tür, blickte Nick noch einmal an, als ob er noch etwas sagen wollte, und verließ dann doch das Zimmer.
»Catherine! Kommst du bitte?«

Laut seiner Mutter hatte Nick erhöhte Temperatur, und so wurde er gefragt, ob er lieber zu Hause bleiben und sich ausruhen wollte. Das kam Nick sehr gelegen, denn obwohl seine Oma eine liebenswerte Frau war und sich immer gut um ihre Enkel kümmerte, hatte er wenig Lust auf Familienaktivitäten.

Als er kleiner gewesen war, hatte er die Besuche geliebt, doch seit einigen Jahren ging er nicht mehr gerne mit. Tief in seinem Inneren wusste er genau, wieso. Es schmerzte ihn, dass Henry die volle Aufmerksamkeit der Familie erhielt.

Was Nick in seinem Leben machte, interessierte kaum jemanden mehr.

Sein Onkel, seine Großeltern und auch seine eigenen Eltern zeigten das zwar nicht deutlich und versuchten, keinen Unterschied zwischen Nick und Henry zu machen, doch es waren subtile Dinge, die ihm zu verstehen gaben, nicht mehr interessant zu sein. Henry war nun einmal ihr Liebling geworden. Catherine brachte ihrem Sohn noch etwas Tee und ein Brot ans Bett, bevor sie abfuhren.

»Wir sind morgen Abend wieder da, okay?«
»Ich komme schon klar. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich alleine hier bin«, antworte Nick gefällig. Nicks Mutter legte ihre Hand auf seine Schulter.
»Okay, Schatz. Wir rufen dich heute Abend an.«
 
Wenige Minuten später verließen alle das Haus, und Nick beobachtete sie durch sein Fenster, als sie im Auto davonfuhren. Für einen Moment noch blieb er im Bett liegen und schloss die Augen. Sofort war wieder das Bild dieses Mädchens in seinem Kopf. Dieser Traum verunsicherte ihn, doch der Gedanke, dass seine Familie aus dem Haus war und er sturmfrei hatte, motivierte ihn genug, aufzustehen.

»Welche Freiheit!«, dachte sich Nick und schlüpfte in seine Hausschuhe.

Noch etwas wackelig auf den Beinen, lief er die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, in der rechten Hand sein Brot und in der linken die Tasse mit dem Tee. Was könnte er an den beiden Tagen machen?

Spontan kam ihm der Gedanke, Steve anzurufen. Vielleicht könnten sie etwas zusammen unternehmen. Nicks Eltern sahen nicht gerne, dass ihr Sohn sich mit Steve traf. Er habe einen schlechten Einfluss auf Nick und sei auch der Grund dafür, dass Nick sich immer mehr von seinen Eltern zurückzog. Das behauptete zumindest Robert ab und zu.

Nick fand die Andeutungen seines Vaters geradezu lächerlich. Seine Eltern waren das Problem und nicht etwa der einzig gute Freund, den Nick hatte. Nick setzte sich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Zunächst wollte er richtig herumlungern und nichts tun, ganz ohne schlechtes Gewissen.

Er legte die Füße auf den Tisch und wechselte mit der Fernbedienung auf der Suche nach Unterhaltung die Programme.

Fast zwei Stunden lang blieb er ohne große Bewegung auf der Couch liegen und schaute sich einen Film an. Dann hatte er genug und ging hinauf, um zu duschen. Ein Gefühl der Langeweile breitete sich anschließend in Nick aus. Seit vielen Wochen sehnte er sich danach, endlich wieder einmal Zeit für sich zu haben und allein im Haus zu sein, doch jetzt, wo wirklich Stille herrschte, fand er dennoch keine Ruhe.

Er öffnete seine Zimmertür, um sich frische Kleidung zu holen. Der muffelnde Morgengeruch stieg ihm in die Nase, und er sah sich gezwungen, das Fenster zu öffnen. Die Kleidung der letzten Tage lag überall auf dem Boden verteilt. Was davon dreckig und was sauber war, konnte er ohne Geruchsprobe nicht erkennen.

Eilig suchte er die Kleidung, die gewaschen werden musste, zusammen und brachte sie in den Wäschekorb neben der Badewanne. Aus einer Jeans zog er noch sein Handy hervor, bevor sie bei den anderen Kleidungsstücken landete, die ihren Zweck zumindest für einen Tag erfüllt hatten. Ein Blick auf das Display verriet ihm, dass jemand angerufen hatte. Es war Steve, sein Freund, und sofort rief Nick ihn zurück.

»Hey, schläfst du noch, oder was ist los?«, fragte Steve, trocken wie immer.
»Nee, ich hab das Handy nicht gehört«, entgegnete Nick. Eine kurze Pause, die in Nick sofort Unbehagen auslöste, machte sich breit. Steve war, wie immer, mit etwas anderem beschäftigt. Zwei Dinge gleichzeitig zu tun, war für ihn undenkbar. Irgendwie fehlten ihm dazu bestimmte Nervenbahnen im Gehirn.
»Wieso hast du denn angerufen?«, unterbrach Nick die Stille. Er hoffte, Steve würde ihm helfen, seine Langeweile zu vertreiben, und etwas mit ihm unternehmen.
»Äh, ja. Sorry, meine Mum hat gerade irgendwas gefaselt. Hast du Lust, zu Angie zu fahren?«

Nick dachte für einen Moment nach. »Wer ist denn das schon wieder?«

»Die Freundin meiner Schwester. Du weißt doch, Mann, die Blonde, die wir auf der Party vor ein paar Wochen getroffen haben.« Enttäuscht über Steves Vorschlag, erwiderte Nick: »Ja, aber was willst du bei der?«
Wieder schien Steve für einen Moment weg zu sein, und Nick blickte entnervt umher, um auch etwas zu finden, mit dem er sich beschäftigen könnte.
»Ihre Eltern sind nicht zu Hause, und sie lässt ‘ne kleine Party steigen.«

Auch wenn Nick solche Treffen nie ablehnte, hatte er doch gehofft, die Ruhe ein wenig genießen und einfach einmal zwei Tage entspannen zu können, natürlich mit Steve zusammen. Doch der war wieder einmal nicht zu halten und vielleicht eben auch nicht umzustimmen.

»Nee, du, da hab ich eigentlich keine Lust zu. Können wir nicht was anderes machen?«
»Du bist ein Langweiler, Nick!«, ließ Steve seinen Freund wissen, und sofort fühlte Nick dieses nagende Schuldgefühl.

Steve hatte recht. Er war wirklich ein Langweiler.

»Du kannst da ja hin, wenn du willst.«
»Lass mal. Das muss nicht sein. Aber was willst du dann machen?«
»Ich dachte, wir hängen am Felsen ab und …« Weiter fiel Nick nichts ein.
»Kannst du das Auto von deiner Mum haben?«, fragte er schnell hinterher, um seine Planlosigkeit zumindest ein wenig zu verbergen.
»Hm. Ja, das geht klar«, entgegnete Steve.
»Soll ich dich abholen?«
 »Ja, hol mich ab.«
 »Gut, ich ruf dich dann an, wenn ich da bin«
 »Du kannst klingeln, meine Eltern sind nicht da«, unterbrach Nick seinen Freund.
»Alles klar, bis gleich!«

Nick räumte sein Zimmer noch ein wenig auf, während er auf Steve wartete. Das hatte er schon seit Längerem nicht mehr getan, und es war ihm ein wenig unangenehm gewesen, dass sein Vater am Morgen seine Unordnung hatte sehen müssen. Nur zwanzig Minuten später klingelte es, und Nick verließ das Haus. Lässig begrüßte er seinen Freund mit einem Handschlag.

»Wo sind denn deine Alten hin?«, fragte Steve etwas gehässig.

»Die sind zu Oma gefahren. Ich bin hiergeblieben, weil ich heute Morgen mit …«
Nick dachte für einen Moment darüber nach, Steve von seinem merkwürdigen Traum zu erzählen, der ihm jetzt wieder voll ins Bewusstsein trat. Er konnte es sich nicht erklären, doch irgendwie spürte er in sich eine tiefe Sehnsucht nach dem Mädchen, das er im Traum gesehen hatte. Er wollte unbedingt zu ihm, und Trauer hatte sein Herz erfüllt, als die Tür im Traum zugefallen war und ihm dies die Möglichkeit genommen hatte, dem Mädchen ins Gesicht zu schauen.
Und dass Jack dann aufgetaucht war und ihm die Tür geöffnet hatte, machte ihn umso unsicherer.

Es war Nick noch nie passiert, dass er so real geträumt hatte.

Und es war ebenso seltsam, dass die Begegnung mit Jack offensichtlich so eindrucksvoll auf ihn gewirkt hatte, dass er gleich von ihm geträumt hatte. »Ja, was war denn heute Morgen?«, unterbrach Steve Nicks Gedanken. Er war vermeintlich tatsächlich an dem Grund für Nicks Bleiben interessiert.

»Ach, ich hatte keinen Bock und hab gesagt, ich fühl mich nicht gut.«
Steve lachte und schlug seinem Freund auf die Schulter:
»Na, so was. Du bist aber wirklich ein böser Junge!«

Immer noch lachend stieg Steve ins Auto und räumte die Bierflaschen, die er wenige Minuten zuvor im Supermarkt gekauft hatte, auf den Boden.
 »Quincy war im Laden. War mal wieder kein Problem, die zu besorgen. Willst du eine?« Nick blickte nachdenklich nach unten.
»Nee, lass mal. Lass uns warten, bis wir am Felsen sind.«
So ganz wohl war Nick nicht bei dem Gedanken, schon so früh etwas zu trinken.

Steve drehte den Schlüssel, und der alte Cadillac fing leise an zu röcheln.

Ein paar Sekunden später startete der Motor, und Steve schaltete die Anlage an. Laute Hip-Hop- Sounds ließen das Auto vibrieren, begleitet von einem deutlichen Kratzen der Lautsprecher, die anscheinend keine Lust auf diese Art von Musik hatten. Steve trat aufs Gaspedal, und das Auto ruckelte los. Nick kurbelte das Fenster herunter und ließ sich den Wind ins Gesicht blasen.

Für einen Moment schloss er die Augen und genoss die Sonnenstrahlen. Etwa zehn Autominuten von Nicks Zuhause entfernt lag die zweihundert Meter breite Schlucht, die seit Urzeiten einfach »der Felsen« genannt wurde.

Als Nick noch klein war, war er oft mit seinen Eltern zum Felsen gefahren und mit ihnen durch das Gelände gewandert. Die Schlucht war stets etwas Besonders für die Menschen in der Umgebung gewesen, und immer wieder wurden mystische Geschichten über diesen Ort erzählt. Eine der Legenden enthielt auch eine Erklärung für den Namen der Schlucht.

Es hieß, dass sie durch Erdbewegungen entstanden sei und das so entstandene Tal jahrhundertelang amerikanischen Ureinwohnern ein schützendes Zuhause geboten habe. Der Geschichte nach waren die Indianerstämme aufgrund von Hungersnöten in diese Region gekommen und hatten die Schlucht vorgefunden.

Es wurde erzählt, dass der Manitu ihnen den Weg zur Schlucht gewiesen habe und sie sich so dort niedergelassen hätten. Die Natur und der Fluss hätten ihnen genug Nahrung geboten, und fortan hätten sie die Schlucht angebetet. Da sie allerdings nur im Tal gelebt hätten, hätten sie die Schlucht nicht als solche erkennen können und sie daher »den Felsen« genannt. Aber so genau wusste niemand, ob dieser Ort wirklich auf diese Weise seinen Namen bekommen hatte.

»Nimmst du das Bier?« Nick hatte gar nicht bemerkt, dass sie bereits angekommen waren.

Eilig packte er die Bierflaschen in seinen Rucksack und stieg aus dem Auto. Sie hatten, wie immer, auf einem kleinen Parkplatz nicht sehr weit vom Felsen entfernt geparkt und gingen einen schmalen sandigen Weg entlang. Ein Gefühl von Freiheit machte sich in Nick breit. Wie sehr er diesen Ort liebte! In all den Jahren hatte sich dort so gut wie nichts verändert.

Das Geländer war erneuert worden, und auch die Mülleimer waren in den letzten Jahren ausgewechselt worden, doch die Natur änderte sich nicht mehr. Die Landschaft war wie ein gemaltes Bild, erschaffen in einem Moment der Unendlichkeit. Nick warf seinen Rucksack unsanft auf die Holzbank und lief schnellen Schrittes an das Geländer.

 »Komm, mach dein Bier auf!«, rief Steve ihm hinterher. Ihm gefiel dieser Ort zwar, aber er teilte Nicks tiefe Verbundenheit nicht. Nick war schon längst am Geländer angelangt und lehnte sich dagegen. Er blickte in die Ferne und atmete tief ein. Vor ihm erstreckte sich eine trockene Steppenlandschaft, deren Ende mit bloßem Auge nicht zu erkennen war.

Es gab dort nichts außer dem sandigen Steinboden und vereinzelten Büschen und Sträuchern, die in dieser Landschaft wachsen konnten. Für Nick war all das ein Inbegriff für Ruhe und Freiheit. »Ich kann nicht glauben, dass ich auf ein Date mit Angie verzichtet habe, um diese Einöde zu sehen!« Nick hob einen kleinen Stein vom Boden und warf ihn in Steves Richtung. Dieser wich flink aus und lachte.

»Du weißt, was beim letzten Mal passiert ist, oder?«

Nick grinste und setzte sich mit einem tiefen Seufzer neben Steve auf die Bank.
»Gib mal her!«, forderte er Steve auf und zeigte auf eine Flasche.
 »Und jetzt?«, fragte Steve frech. »Was machen wir jetzt hier?«
 »Wieso willst du immer irgendwas tun?«, erwiderte Nick. »Können wir nicht einfach hier sitzen und die Ruhe genießen?«

Steve nahm seinen Freund wieder nicht ernst und lachte lauthals los. Dann schließlich sagte er: »Okay, wir genießen die Ruhe, wenn wir anschließend zur Party fahren.«
Fragend blickte er seinen Freund an. Nick überlegte einen Moment lang. Wenn er jetzt wirklich mit Steve einfach hier oben sitzen und quatschen könnte, wäre ihm das recht. »Abgemacht!« Steve packte Nick mit einer Hand an der Schulter und rüttelte ihn.
»So gefällst du mir.«

Nick blickte verträumt in die Weiten der Natur.

Seit so vielen Jahren kam er an diesen Ort. In einem Jahr würde er nun seinen Abschluss machen, womit sich sein ganzes Leben grundlegend ändern würde. Er würde auf ein College gehen, womöglich das Elternhaus verlassen. Zumindest hatte er das immer gewollt, und jedes Jahr sehnte er sich mehr nach dem Tag, an dem er weg konnte. Seit mehreren Wochen informierte er sich bereits im Internet, an welchem College er sich bewerben könnte. Doch irgendwie fühlte er sich nicht wohl bei dem Gedanken, wegzuziehen.

»Findest du sie nicht auch scharf?«, fragte Steve plötzlich.
»Sag mal, wovon redest du eigentlich?« Nick war sichtlich verwirrt.
»Ja, von Angie, von wem denn sonst?«
»Kannst du mal einen Augenblick nicht an Mädchen denken?«, lachte Nick.
»Nein! Könntest du mal anfangen, an Mädchen zu denken? Vielleicht wenigstens ab und zu?«, konterte Steve triumphierend mit einer Gegenfrage. Nick schüttelte nur den Kopf. »Den Stress, den du mit Betty hattest, will ich nicht haben!« Er tippte mit dem Zeigefinger an seinen Kopf. »Nee, lass mal. Keine Lust auf Mädchen!«

 »Ich kann nicht glauben, dass mein bester Kumpel noch Jungfrau ist!

Hast du eine Ahnung, wie schlimm das für mich ist?« Nick reagierte genervt.
»Ich habe einfach nicht das Bedürfnis, wie du ständig irgendwelche Weiber zu beglücken. « Er stand auf und lief ans Geländer. Er mochte Steve, doch die Gespräche mit ihm führten immer nur zu einem bestimmten Thema.

Für einen Moment verschwand die Sonne, und Nick blickte in den Himmel. Ein Schwarm Vögel zog über dem Felsen seine Bahn.

»Jetzt komm wieder her!«, rief Steve. »Ich hör auch auf.«
Nick stütze seine Arme auf dem Geländer ab, und ohne seinen Blick von der Schlucht abzuwenden, wechselte er das Thema: »Weißt du schon, auf welches College du nach dem Abschluss gehen willst? Hast du dir mal Gedanken darüber gemacht?«
Nick hörte Schritte hinter sich, und einen kurzen Augenblick später lehnte auch Steve am Geländer.
»Ach«, seufzte dieser, »keine Ahnung. Wenn ich mal ehrlich sein soll, will ich jetzt noch nicht darüber nachdenken. «
»Ja, irgendwie macht der Gedanke Angst«, bestätigte Nick. Steve nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche.
»Ich finde mein Leben ziemlich cool, so, wie es ist. Keinen Bock, was zu ändern!«

Damit war für Steve das Thema abgeschlossen.

Er dachte wirklich nicht länger darüber nach. Manchmal beneidete Nick Steve um seine Einfachheit. Es schien tatsächlich so, als ob Steve sich keine Gedanken über sein Leben machen würde. Er lebte einfach für den Augenblick, und so war es gut.

Als Nick daran dachte, schob sich sofort die Unterhaltung mit Jack in seine Gedanken, und ein kleines Schmunzeln machte sich in seinem Gesicht breit. Ja, dieser Jack lebte offensichtlich auch im Augenblick. Das änderte jedoch nichts daran, dass er wirklich ein komischer Kauz war.

Doch irgendetwas hatte Jack, was Nick mochte, sodass er sich insgeheim wünschte, diesem Mann noch einmal zu begegnen. Er hatte irgendwie einen bleibenden Eindruck auf Nick hinterlassen, sonst hätte er wirklich nicht von ihm geträumt.

Nick wurde schließlich etwas traurig und dachte an die junge Frau aus seinem Traum und diese Verbundenheit mit ihr. Auch jetzt, als er sich an den Traum erinnerte, spürte er wieder die gleiche Verzweiflung und Traurigkeit, die er in der Nacht gefühlt hatte.

Egal, wer dieses Mädchen war, Nick hatte mit ihm gelitten und ihm helfen wollen.

Als er es vor sich gesehen hatte, hatte er für einen Moment alles vergessen, was ihm wichtig war. Das Einzige, was für ihn gezählt hatte, war gewesen, es zu erreichen und sein Gesicht zu sehen. Auch dieses Gefühl war ihm fremd. Für diesen kurzen Moment im Traum schienen er und alle seine Probleme unwichtig gewesen zu sein.

»Hey, was machst du da?«, fragte Nick plötzlich schockiert. Steve war über das Geländer geklettert und stand direkt vor dem Abgrund.
»Meinst du, wir finden einen Weg da runter?«

Ein paar kleine Steine lösten sich unter Steves Füßen und fielen lautlos in den Abgrund. »Komm sofort wieder zurück!«, rief Nick jetzt schon lauter. Er war offensichtlich besorgt über Steves Entdeckungsdrang.
»Jetzt mach dir nicht in die Hose! Komm her!«

Steve forderte Nick mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen.

Vorsichtig hob Nick erst das eine und dann das andere Bein über das Geländer. Steve gab einen lauten Schrei von sich.  
»Juhuuu!«, schrie er erneut. Zufrieden setzte er sich auf einen größeren Felsbrocken und sammelte kleine Steine auf, die er in den Abgrund warf.
»Jetzt setz dich schon!«, forderte er seinen Freund erneut auf, der sich immer noch ängstlich am Geländer festhielt. Nick nahm allen Mut zusammen und wagte einen vorsichtigen Schritt in Richtung Abgrund.

Von dort schien es Hunderte Meter steil bergab zu gehen. Schließlich drehte Nick sich zur Seite und setzte sich ebenfalls auf einen Felsbrocken, nur zwei Meter von Steve entfernt.
»Ahhhh!«, schrie nun auch Nick in den Abgrund, sichtlich erleichtert, dass er seine Angst überwunden hatte. »Wenn das mein Vater sehen würde! Der würde mich sofort zurück übers Geländer schleifen«, lachte er.
»Ach, vergiss deinen Alten! Der ist nicht … hier!«, brüllte Steve wieder in die Tiefe.

Eine gute halbe Stunde lang saßen die beiden auf den Felsbrocken, blickten in die Weite der Schlucht und sprachen über die Schule und ihre Eltern. Steve wusste von Nicks Problemen mit seinen Eltern, und auch er hatte so manches Mal Schwierigkeiten mit seiner Mutter.

Doch eine Lösung für Nicks Problem hatte er natürlich nicht.

Er zuckte in solchen Situationen nur mit den Schultern und sagte: »Ach, mach dir keinen Stress!« So auch dieses Mal.

Nick blickte schweigend in die Ferne.

Es gab nichts außer ihnen beiden, der Natur, der Schlucht und der Sonne, die durch die Reflektion der hellen Felsen noch stärker schien als ohnehin schon. Steve nahm einen letzten Schluck aus seiner Flasche und schleuderte diese dann mit aller Kraft in die Schlucht.
 
»Kommt sofort da runter!«, schrie ein Mann, der, von den beiden unbemerkt, den Aussichtsplatz erreicht hatte. Nick drehte sich um und sah ein Paar mit einem kleinen Jungen neben der Bank stehen. Steve stand auf, ohne etwas zu sagen, und sprang über das Geländer. Nick fühlte sich sichtlich ertappt und lief rot an.

Auch er stieg wieder über das Geländer und ging vorsichtig zur Bank, um seinen Rucksack zu holen. »Langweiler«, zischte Steve in Richtung des Mannes, der noch immer vor ihnen stand und, beide Hände in die Seiten gestemmt, eine Entschuldigung forderte.

»Haut bloß ab von hier!«, erwiderte der Mann, der Steves Worte genau verstanden hatte. »Komm, wir gehen!«, rief Steve seinem Kumpel zu und begab sich langsam wieder auf den Sandweg, der zum Parkplatz führte. Nick wagte einen Blick in Richtung der Ehefrau, die ihn böse anblickte und mit einem Arm ihr Kind festhielt, so, als ob sie den Kleinen beschützen wollte.

Ja, das war wieder dieser typische Elternblick.

Dieser Blick, den Nick genau kannte und der jedes Mal dazu führte, dass er sich schlecht fühlte.
»Jetzt komm, Nick!«, rief Steve noch einmal, hob seinen Arm und streckte den Mittelfinger nach oben. In der Hoffnung, dass der Mann dies nicht bemerkt hätte, rannte Nick zu Steve und drückte dessen Arm nach unten. Als die beiden außer Sichtweite waren, sagte Nick aufgebracht: »Was sollte das mit dem Langweiler?«

»Ach«, Steve schüttelte den Kopf, »der soll sich mal nicht so aufregen. Ist doch wahr, das ist ein langweiliger Spießer!« Nick lachte auf einmal los. Steve hatte natürlich Recht, der Mann war ein Spießer. Doch Nick hätte sich im Gegensatz zu Steve niemals getraut, dies laut auszusprechen. Lachend rannte Nick in Richtung des Autos und machte Luftsprünge. Diese lebendige und freche Art mochte er an Steve. »Was ist denn mit dir los? Bist du besoffen?«, fragte Steve und rannte ebenfalls jubelnd zum Auto.

»Und jetzt?«, wollte er wissen, als sie wieder im Auto saßen. »Wann steigt denn die Party deiner Angie?«, erwiderte Nick ebenso mit einer Frage.
»Genau so mag ich dich!«, antwortete Steve und fuhr los.

»Am Felsen sind wir nicht mehr erwünscht, also auf zur Party!«

Die beiden Freunde legten zuvor noch einen Stopp bei einem Imbiss ein. Nick hatte seit dem Frühstück nichts gegessen und wurde schon unruhig, weil sein Magen so leer war.
 »Ich finde es toll, dass du mitkommst«, sagte Steve, während er genüsslich in seinen Burger biss. »Es ist lange her, dass ich dich für eine Party begeistern konnte.«

Innerlich lächelte Nick, ohne es nach außen zu zeigen. Steve zufriedenzustellen war ziemlich einfach. Nick hatte eigentlich keine Lust auf diese Party, und Angie interessierte ihn auch nicht wirklich, doch seinem Freund diesen Gefallen zu tun, reichte ihm aus.

»Willst du dich noch umziehen?«, fragte Steve mit vollem Mund. Er konnte es sich nicht verkneifen, seine Augenbrauen nach oben zu ziehen und so die in seiner Frage mitschwingende Anklage zum Ausdruck zu bringen.

 »Nee, lass mal«, entgegnete Nick, während er ebenfalls eilig sein Essen in sich hineinstopfte. Da Nicks Eltern es nicht gerne sahen, dass ihr Sohn mit Steve etwas unternahm, hatte Nick nicht oft die Möglichkeit, abends mit Steve wegzugehen. Doch wenn er es tat, erschien Steve meist mit gegelten Haaren und einem Hemd, das dem Anschein nach aus Plastik bestand.

Zumindest sah es nicht aus, als ob es aus natürlichen Materialien entstanden wäre.

Nick wiederum dachte nicht viel darüber nach, was er bei einer solchen Gelegenheit anziehen sollte. Steve wischte sich den Ketchup von den Fingern und knüllte anschließend die Serviette zusammen und ließ sie auf den leeren Teller fallen.
»Fertig!«

Nick kaute immer noch und ließ sich kaum beeindrucken. Steve faltete seine Hände hinter dem Kopf und lehnte sich gegen das rote Polster. Etwas unruhig schaute er Nick beim Essen zu und stand nach ein paar Sekunden auf.
 »Ich geh mal aufs Klo!«

Nick nickte nur und steckte sich die letzten paar Pommes, die auf dem Teller lagen, in den Mund. Er ließ seinen Blick im Imbiss umherschweifen. Bis auf eine überforderte Mutter, die versuchte, ihre beiden Kinder ruhig zu stellen, gab es keine Familien in dem kleinen Imbiss, der gerade einmal zehn Tische bot.

Bis auf diese eine Frau und der Bedienung waren auch keine weiteren Frauen zu sehen. Zwei relativ junge Männer, die in identisch aussehenden Anzügen steckten, unterhielten sich über irgendwelche Bankgeschäfte, von denen Nick nichts verstand. Am letzten Tisch in der Ecke saß ein älterer Mann mit weißem Haar, trank einen Kaffee und aß ein Stück Kuchen. Vor Nick saß ein dicker Mann mittleren Alters, der bei jedem Bissen in seinen Burger laut schnaufte.

Irgendwie war es eklig, dem Mann beim Essen zuzusehen. Neben Nick saß ein Mann in Jeans und Hemd, der ebenfalls einen Kaffee trank und aufgeregt mit jemandem telefonierte. Immer wieder hörte man ihn durch den ganzen Imbiss fluchen, sodass sogar der alte Mann ganz hinten vorsichtig seinen Kopf drehte und selbigen verständnislos schüttelte.
Nick wischte seine salz- und fettverschmierten Hände an der Serviette ab und legte das Besteck, das er ohnehin nicht benutzt hatte, auf den Teller.

Wehmut machte sich in ihm breit, wenn er die Menschen ansah, die um ihn herum saßen.

Er wollte nicht so sein wie sie. Er wollte keine Kinder, zumindest keine Kinder, die so laut und nervig waren wie die vor ihm. Und er wollte auch nicht so dick und eklig sein wie der Mann vor ihm, genauso wenig ständig fluchend wie der Kerl neben ihm am Handy. Doch am allerwenigsten wollte er im Alter einsam und traurig sein wie der alte Mann, der ganz hinten in der Ecke saß.

Irgendwie tat Nick dieser Mann leid, und ein Teil von ihm wäre gerne aufgestanden und hätte sich neben den Alten gesetzt, um mit ihm zu reden. Bestimmt hatte der Mann niemanden, mit dem er reden konnte, dachte Nick. Seine Kinder, wenn er überhaupt welche hatte, kamen sicherlich nie zu Besuch. Vielleicht war der Mann sogar Großvater, hatte seine Enkel aber nie gesehen. Seine Frau war vielleicht bereits gestorben oder hatte ihn verlassen. Nick neigte den Kopf zur Seite und stützte ihn auf seiner Hand ab.

Würde er denn so werden?

Vielleicht würde er das tatsächlich. Einsam fühlte er sich jetzt schon, und manchmal tat er nichts anderes, als vor genau dieser Einsamkeit zu flüchten und sich mit irgendetwas zu beschäftigen.

»Bist du fertig?« Er hatte Steve gar nicht kommen sehen.
»Ja, ja«, antworte Nick hastig und nahm seinen Rucksack in die Hand. »Gehen wir!«

Die Straßen waren leer, nur hier und da fuhr ein Auto. Menschen waren ebenfalls kaum unterwegs, nur eine junge Frau und ein älterer Mann mit einem Hund befanden sich in Nicks Sichtweite. Steve hatte direkt an der Straße vor dem Imbiss geparkt und stieg als Erster ein. Er konnte es kaum erwarten, auf die Party zu gehen. Nick stand noch für einen Moment vor dem Auto und blickte auf den Park, der gegenüber der Straße lag. Ein kleiner Hügel blockierte die Sicht auf die weißen Bänke am Brunnen.

Ob Jack, der verrückte Kerl, wieder auf der Bank saß und glücklich und im Einklang mit der Natur die Vögel betrachtete? So jemanden wie Jack hatte er wirklich noch nicht erlebt.

Entweder hatte er einen an der Klatsche oder er war tatsächlich ein zufriedener Mensch.

Wenn er wirklich so zufrieden war, wie es den Anschein machte, wollte das Nick auch sein: den ganzen Tag ohne Stress und erheitert sein Leben leben. Irgendwie hatte dieser Jack es Nick angetan. Diese umsorgende und friedliche Art hatte Nick sonst bisher bei niemandem wahrgenommen. Und zweifelsohne blickte Jack auch nicht auf Nick herab, so, wie es die meisten Erwachsenen taten.

»Jetzt komm schon! Was hast du denn heute?«, fragte Steve und winkte Nick ins Auto. Steve startete den Motor und blickte auf die kleine digitale Uhr am Armaturenbrett des alten Cadillacs.
»Genau die richtige Uhrzeit, um auf eine Party zu gehen.«

Auf der relativ kurzen Fahrt jubelte Steve immer wieder und erzählte Nick von seinen Eskapaden, doch Nick war wieder in seiner eigenen Gedankenwelt versunken. Immer wieder dachte er an Jack und an seinen Traum, um sich dann wieder den einsamen alten Mann ins Gedächtnis zu rufen, den er vorher gesehen hatte.

Die Menschen waren so vielfältig. Der eine hatte eine ruhige Ausstrahlung und diesen glücklichen Ausdruck in den Augen, einem anderen wiederum konnte man sein Leid deutlich ansehen. Doch was unterschied diese Menschen voneinander? Hatte es den einen nur härter getroffen, während der andere einfach Glück gehabt hatte?

»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Steve auf einmal so laut, dass Nick erschrocken seine Augen aufriss.
»Ja, ja.«
»Hm«, antwortete Steve. »Komm! Wir sind da!«

Er konnte es kaum erwarten, sein Auto zu verlassen und auf die Party zu gehen. Fünf Stunden, drei Bier und sechs Tequilas später öffnete Nick seine Haustür. Mit einem Plumps ließ er sich auf den Boden fallen und versuchte mit voller Konzentration, seine Schuhe auszuziehen.

»Oh«, stöhnte er und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür.

Obwohl er sich völlig entspannt fühlte und es durchaus mochte, betrunken zu sein, hatte er wohl einen Tequila zu viel gehabt. Sein Magen gab Geräusche von sich, die man wahrscheinlich bis auf die Straße hören konnte, und immer wieder hatte er diesen säuerlichen Geschmack in seinem Mund, der ihn an genau diesen einen Tequila zuviel erinnerte.

Nick fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, um erstaunt festzustellen, dass alle Nerven im Gesicht und in den Händen betäubt waren. Er stand schließlich wieder auf und torkelte in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Hastig trank er es aus und legte sich anschließend etwas unsanft auf die Couch.

Er hatte vorher schon gewusst, dass es eine doofe Idee war, auf die Party zu gehen. Anfangs hatte er sich ja noch wohlgefühlt. Steve hatte wie immer Witze gemacht und von irgendwelchen dämlichen Typen auf der Highschool erzählt. Doch nach zwei Stunden war Steve verschwunden, um sich an Angie ranzumachen, und ab dem Zeitpunkt hatte Nick meist alleine auf der Eckcouch seinen Alkohol getrunken.

Nur hier und da war irgendein Besoffener vorbeigekommen, um mit ihm über Football zu reden oder einfach nur seine Betrunkenheit zu demonstrieren.

Zwar hatte Steve sich noch ab und an neben Nick gesetzt und ihm irgendetwas ins Ohr gebrüllt, was dieser wegen der Lautstärke der Musik jedoch sowieso nicht verstanden hatte, doch richtig wohl hatte Nick sich dennoch nicht gefühlt. Schließlich hatte er Kopfschmerzen vorgetäuscht und war nach Hause gegangen. Und genau dort lag er auf der Couch und schlief ein.

Wenn sein Vater ihn so gesehen hätte, hätte es wieder ein großes Geschrei gegeben.

Welch ein Glück, dass seine Eltern nicht zu Hause waren und ihn sehen konnten. Alles, was sie über ihn dachten und was Nick auch manchmal über sich selbst dachte, hätte nur sofort Bestätigung gefunden.

Weiter geht es am  Sonntag den 7. April 2019


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Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
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