Atemform, eine persönliche Offenbarung

Die Atemform Eine persönliche Offenbarung

Die Atemform, eine persönliche Offenbarung

Die individuelle Gesundheit stellt die erste Vorgabe der Natur dar.
Der erste Atemzug ist unvergleichlich und einzigartig im Leben. Er löst das an die Mutter gebundene Leben und entlässt es in die individuelle Existenz. Der erste Atemzug schenkt dem Lebewesen seinen Lebensrhythmus, seine biologische Ganzheit und – die erste Erfahrung auf dieser Erde. Weitere Erlebnisse werden folgen – prägende, traumatische, visionäre, lustvolle und schmerzhafte, die das Wesen formen, beeinflussen und maßgeblich gestalten. Doch der Atem bleibt die Quelle all dieser Erfahrungen und die erste wahre individuelle Kraft. Der Atem ist: das Leben des Menschen!

Yin und Yang – Ein und Aus

Polaritäten sind das natürliche Gesetz, das Tag und Nacht, Sonne und Mond, Yin und Yang regiert. Sie bilden die Grundlage für Schwingung, Fluss und Leben. Männlich und Weiblich schaffen zusammen Neues, ihre Gegensätzlichkeit bringt Einzigartigkeit hervor. Ohne Aktivität gibt es keine Passivität, ohne Expansion keine Kontraktion, ohne Spannung keine Entspannung.

Der Atemrhythmus folgt dem Prinzip von Geben und Nehmen. Die aktive Erweiterung des Brustkorbs wird von einer passiven Lösung begleitet. Die passive Dehnung im Bauchbereich führt zu einer aktiven Verengung der Flankenmuskulatur beim Ausatmen. Diese Polarität sucht Ausgleich, ist jedoch nie vollkommen identisch. Denn die Individuen folgen jeweils ihrer Neigung: Sie sind entweder dominante Einatmer oder dominante Ausatmer. Sie sind nie beides zugleich, sondern nehmen eine Form ein, die bereits mit dem ersten Atemzug festgelegt wird.

Dieses Prinzip der Polarität zeigt sich auch in der Bewegung. Tierische Bewegungen sind darauf ausgerichtet, die Kräfte zu schonen. Störungen dieses natürlichen Rhythmus können zu unnötigem Aufwand führen, wie etwa der bewusste Einsatz von Muskelkraft beim Atmen. Ökonomie ist das Grundprinzip der funktionalen Biologie, doch moderne Eingriffe können diese Rhythmen stören. Achtsamkeit und biomechanische Klarheit dienen als Heilmittel, wobei der Atemfluss als regulierendes Element fungiert.

Wer dem eigenen Atem lauscht, erkennt das harmonische Zusammenspiel von Aktivität und Passivität. Er spürt entweder die aktive Einatmung und passive Ausatmung – oder die passive Einatmung und aktive Ausatmung. Diese Führung im Atemfluss ist seit dem ersten vollständigen Atemzug Teil des menschlichen Daseins. Der Schlaf zeigt uns deutlich, dass eine Atemphase dominiert. Die Art des Atmens, ob es durch Schlürfen oder Saugen bei der Einatmung oder durch Schnaufen oder Ausatmen beim Ausatmen geschieht, spiegelt die Polarität von Expansion und Kontraktion wider.

Menschliche Entwicklung

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KI unterstützt generiert

Dass der Atem eine zentrale Rolle bei der Erreichung meditativer Zustände spielt, ist einleuchtend. Spirituelle Fähigkeiten, Kontemplationen, transzendente Erfahrungen – wie auch immer man diese nennen mag – sind, auch wenn manche Wissenschaftler dies abstreiten, ein grundlegendes Bedürfnis des menschlichen Seins. Anthropologisch betrachtet, können sie wie andere Bedürfnisse auch in einer Hierarchie eingeordnet werden.

Ob man dabei an einen medizinischen oder psychologischen Ansatz wie den von Maslow denkt, an energetische und biologische Erkenntnisse wie sie in der Chakrenlehre vertreten sind, oder an seinen gesunden Menschenverstand appelliert: Offensichtlich gibt es fundamentale, primäre Bedürfnisse wie Trinken, Essen, Schlafen, Wärme sowie physische und psychische Sicherheit; darauf aufbauend folgen soziale und berufliche Aspekte. Ganz am Ende der Hierarchie befinden sich spirituelle Bedürfnisse. Diese werden jedoch erst dann relevant, wenn alle anderen grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind. Oder wie Bertolt Brecht es auf seine eigene Weise ausdrückte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

Es liegt in der Natur des Menschen, seine Bedürfnisse in dieser Reihenfolge zu befriedigen. Wenn sich Menschen höheren, spirituellen Zielen zuwenden, ohne die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt zu haben, reagiert die Natur und verweigert den Suchenden die Erfüllung, indem sie die grundlegenden Bedürfnisse als unerfüllt, krank oder schmerzhaft zurückwirft.

Übertragen auf den Atem bedeutet dies: Wer nicht in seiner natürlichen, grundlegenden Form atmet und versucht, den Atem für höhere Zwecke zu nutzen, stört die natürliche Reihenfolge der Bedürfnisse. Mentale Blockaden sind hierbei meist die Hauptursache. „Du musst in den Bauch atmen, um dies oder jenes zu erreichen“, „Deine Ausatmung sollte länger sein als deine Einatmung“ oder „Tu dies und das beim Atmen“ sind solche Hindernisse. Denn der natürliche Atem darf nicht gestört, gezwungen oder mechanisiert werden. Er darf fließen, wie er ist – und das ist die wahre Kunst in einer manipulativen Gesellschaft.

Die erste medizinische Regel lautet demnach: Atme in deiner natürlichen Form, ohne sie zu stören; und wenn der Atem dir helfen kann – und das wird er –, beobachte ihn bewusst. Nimm den Atem wahr und lasse ihn in seinem Rhythmus kommen und gehen. Das ist Medizin mit Sinn, mit biologischer Realität und, ja, auch mit spirituellen Chancen – aber erst dann, wenn die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind. Vor allem die körperlichen, die dem Atem folgen. Denn der Atem verändert den Raum und die biomechanischen sowie physiologischen Bedingungen im Körper mit jedem Ein- und Ausatmen.

Welche Muskeln, Nerven und Kräfte werden durch den Atemfluss bei dem einen aktiviert und bei dem anderen nicht? Diese Fragen gilt es zu klären. Bis dahin ist eines klar: Was für den einen von Nutzen ist, kann für den anderen schädlich sein. Expansion und Kontraktion – Zug und Druck – sind Gegensätze. Die Weite im Brustkorb ist für den einen Segen, für den anderen Gift.

Physik des Körpers 

Wer sich mit dem Körper auf unvoreingenommene Weise beschäftigen möchte, wird die bei der Geburt festgelegte Atemdominanz anerkennen. Diese bestimmt sowohl die Haltungsmuster als auch die Bewegungsformen beider Atemtypen. Diese Impulse führen entweder zu aktiv dehnenden oder aktiv verengenden Bewegungen, die wiederum die Mechanik und Physiologie des Atmenden entscheidend beeinflussen. Leider passt sich die Atemdynamik den Anforderungen des modernen Lebens an: Bei einer unsachgemäßen Nutzung des Körpers werden unphysiologische Muster und Verhaltensweisen übernommen.

Diese können stark variieren, neigen jedoch stets dazu, den natürlichen Bewegungsoptionen zu widersprechen, die der individuellen Atemform förderlich wären. Solche Fehlentwicklungen sind meist mental geprägt und emotional beeinflusst, wie bestimmte „Weisheiten“ zeigen. Der militärische Befehl „Brust raus“ – wenn er ökonomisch ausgeführt würde – oder der bewegungspädagogische Hinweis „Nacken lang“ sind oft nur für die Hälfte der Atemtypen sinnvoll.

Trotz solcher fehlerhaft verstandener Einflüsse bleibt die ureigene Körperorganisation bestrebt, sich in die wohltuende und passende Richtung zu entwickeln. Entweder in die Aufrichtung, in den äußeren Raum, der Ausdehnung und Öffnung des Oberkörpers, oder in die Verdichtung im Zentrum, das Abgeben von Gewicht in den Boden, den Druck und die Verengung des Bauchraums. Diese beiden Wege sind die natürlichen Optionen, die man mit Achtsamkeit in jeder Situation im eigenen Körper wahrnehmen kann.

Sitzen ist eine Position, die Menschen stark beeinflussen kann und die sich bestens zur Beobachtung eignet. Die Schule wäre der ideale Ort, um Bewusstsein zu schaffen und Entwicklung zu fördern, da sie in überragendem Maße das Sitzen prägt. Jedoch nicht, um das Sitzen zu lernen, sondern um es als Werkzeug zu nutzen.

Die menschliche Bewusstheit strebt daher nicht nur auf das Sitzen selbst hin, sondern auf das, was im Sitzen erreicht werden soll. Je anspruchsvoller und herausfordernder die Aufgabe, desto mehr folgt der Körper – oft widerwillig – den mentalen Anforderungen. Er sitzt nicht mehr einfach, sondern lernt oder arbeitet. Viele Ratschläge konzentrieren sich auf die optimale Ausführung der Arbeit und weniger auf die ideale Sitzhaltung, die je nach Atemform unterschiedlich und gegensätzlich sein muss.

Wer sich vor einem Computer setzt oder sich vorstellen kann, vor einem zu sitzen, sollte sich fragen: Wo steht der Bildschirm und wie blickt man darauf? Der zentrale Wahrnehmungspunkt ist das Gelenk, das den obersten Halswirbel mit dem Schädel verbindet. Die Bewegungsmöglichkeiten dieses Gelenks sind eine Vorwärts- (Inklination) oder Rückwärtsbewegung (Reklination). An dieser Stelle kann man mit den beiden Optionen spielen und den Blickwinkel entsprechend den eigenen Vorlieben einstellen, sodass er auf den Bildschirm führt. Welchen Winkel man wählt – leicht nach vorne gebeugt oder leicht nach hinten gestreckt – hängt nicht vom Zufall ab, sondern von den Grundlagen der eigenen Anatomie, die der Atemform jederzeit folgen möchte.

Die Quelle allen Seins

Moderne Menschen verstehen, wie der Atem funktioniert, welche chemischen Bedingungen notwendig sind und wie viel Luft pro Minute in den Lungen aufgenommen wird. Sie wissen fast alles über das Leben, aber immer weniger über das Erleben des Lebens. Lebendigkeit ist die Essenz eines ursprünglichen, ganzheitlichen Selbst, wie es heute noch kleine Kinder ausdrücken. Dieses ursprüngliche Selbst ruht auf intuitiver Kraft und der unberechenbaren Seele des Universums. Sie wird nicht von der Vernunft gelenkt oder kontrolliert, sondern unterstützt, damit man die grundlegenden Elemente des Lebens wahrnimmt, ohne sie zu trennen.

Das Besondere dieses Lebensrhythmus – egal ob emotional, spirituell oder wissenschaftlich betrachtet – ist seine Einfachheit. Dieser Rhythmus kennt nur zwei Pole: das Einatmen und das Ausatmen, das Geben und Nehmen, das einfache und dennoch wesentliche Hin und Her der Atemwelle.

Wenn wir genauer hinsehen, stellt sich heraus, dass dieses Hin und Her, das Ein- und Ausatmen, nie gleichmäßig ist, sondern immer individuell. Dabei wird bevorzugt in die eine oder andere Richtung tendiert – entweder in die Zugwirkung der Einatmung oder in die Druckkraft der Ausatmung.

Lebensbedingte Qualitäten wie sanftes, anschwellendes, stürmisches, ruckartiges oder hechelndes Atmen kommen und gehen, und passen sich den jeweiligen Umständen an. Der Lebensatem jedoch bleibt jederzeit eindeutig und pulsiert. Diese Intelligenz spricht die Sprache des Atems, der Bewegung und der Instinkte. Sie zeigt sich im unerklärlichen Wohlgefühl beim Anblick eines atemberaubenden Sonnenuntergangs, im inneren Glühen bei einem tiefen Gespräch mit einem geliebten Menschen oder im wohltuenden Schauer, der den Körper durchläuft, wenn man Musik hört, die das Herz berührt.

Diese Erfahrungen entziehen sich einer rationalen Erklärung, sind jedoch real, kraftvoll und erfüllend. Sie sind die Essenz des Lebens, die uns daran erinnert, dass wir mehr sind als nur Denker. Wir sind auch fühlende und empfindende Wesen. Die moderne Welt hat uns beigebracht, den Verstand über alles zu stellen, doch die Wahrheit ist, dass wir als Menschen mehr sind als rationale Wesen. Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen. Unsere Verbindung mit der Natur, mit anderen Menschen und mit unserem innersten Selbst ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.

Der Atemfluss ist ein Ausdruck dieser Verbundenheit. Er ist der Fluss des Lebens, der uns mit der Quelle allen Seins verbindet. Wenn wir uns bewusst werden und den Atem in unserem Körper spüren, können wir die tiefere Weisheit und Intelligenz erkennen, die in uns lebt. Wir können lernen, uns dem natürlichen Fluss des Lebens hinzugeben und uns von ihm tragen zu lassen. Wir können lernen, im Einklang mit der Natur zu leben und unsere wahre Bestimmung zu erkennen. Der Atemfluss ist eine persönliche Offenbarung. Er ist der Schlüssel zu unserer Gesundheit, unserem Wohlbefinden und unserer spirituellen Entwicklung. Wenn wir uns mit unserem Atem verbinden, können wir die tiefsten Geheimnisse des Lebens entdecken und uns mit der unendlichen Weisheit des Universums verbinden.

26.02.2024
Marco Gerhards
www.body-reading.de


Marco Gerhards Marco Gerhards

Marco Gerhards ist staatlich anerkannter Sport- und Gymnastiklehrer mit zahlreichen Zusatzausbildungen – u.a. in Kommunikationsmethoden, Mentaltraining, Tanzpädagogik, Bewegungstherapie – und hat ein abgeschlossenes Magisterstudium in biologischer Anthropologie, neuerer Geschichte und Medizingeschichte. Er arbeitet als wissenschaftlicher Autor, Dozent in der Aus- und Fortbildung sowie als selbstständiger Körpertherapeut. Er lebt im Freiburger Raum und bietet Seminare und Einzelsitzungen an. Die Vereinigung von Wissenschaft und Spiritualität ist sein Kerngebiet.
Weitere Informationen finden Sie auf den Seiten www.body-reading.de und www.gerhardscoaching.de.
Wenn Sie den Autor direkt kontaktieren wollen: marco@gerhardscoaching.de

Buchtipps:

Die Atemformen beim Menschen – Autor: Marco Gerhards – Verlag: Neue Erde ISBN: 978-3-89060-698-9

Die Atemformen – Praxisbuch – Autor: Marco Gerhards – Verlag: Neue Erde ISBN: 978-3-89060-791-7

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