spirituelle Geschichten

Spirituelle Geschichten – Eine friedliche, heilende Reise

gemuese-greengrocers-handcartDer Gemüsehändler

„ Zu schlafen, zu sterben – Zu sterben, vielleicht zu träumen“
Hamlet, William Shakespeare

Sobald ich das vornehme Gebäude mit seinen hohen Räumen betrat, wusste ich, dass ich mich in einem Traum befand, obwohl der Mann erschreckend echt aussah.
Er wartete vor einer der vielen Türen, die in die Wand des großen Foyers eingelassen waren.
Sein Gesicht war dünn und grau, er hatte eingefallene Wangen.
Seine Augen wirkten wie ängstlich angespannte Marmorkugeln und sie hefteten sich in wahrer Verzweiflung an mich.

Es gab genügend andere Leute in diesem luftigen Durchgangs-Paradies für Bürohengste, die ihm hätten helfen können. Aber trotz seines ungesunden Aussehens und dem langen, braunen Arbeitsmantel, der hier völlig fehl am Platz war, ignorierte ihn das Büropersonal völlig (eingeschlossen die Rezeptionistin an ihrem Schreibtisch).
Das lag keineswegs an der kalten Gleichgültigkeit der Büro-Mitarbeiter. Es war eher umgekehrt. Er war es, der sie völlig ignorierte.
Der qualitative Unterschied von Farbe und Form zwischen dem Gemüsehändler und den anderen, lieferte einen Hinweis für den Grund weshalb.
Seine panischen Augen, die klamme Haut und sein abgetragener Arbeitskittel waren für meine Sinne fast tastbar.
Den anderen, die eifrig um uns herum wuselten, fehlte es an Kontur und Substanz und sie wirkten etwas blass.

Der Gemüsehändler war eine echte Person, daran zweifelte ich kein bisschen, während die anderen einfach nur Statisten waren, die zur Traumkulisse gehörten.

Meine Füße trugen mich unaufgefordert zu der hölzernen Insel, auf der sich die Rezeptionistin befand, aber der Gemüsehändler stellte sich mir in den Weg.
Er platzte beinah vor Unruhe. Im normalen Wachzustand wäre ich etwas zurückhaltend gewesen, wenn auch so hilfsbereit wie möglich.
Im Traum jedoch, war es mir völlig klar, dass er von mir gleich eine Richtungsanweisung verlangen würde, etwas wovor mir graute. Ich gebe keine Richtungsanweisungen!
Selbst wenn ich mich in dem riesigen Glas und Stahl Komplex ausgekannt hätte, den er oder vielleicht wir beide konstruiert hatten, hätte ich ihm auf keinen Fall helfen können.
Ich versuche natürlich schon zu helfen, aber es endet meistens damit, dass ich nur Unsinn rede, während ich mit den Armen wie eine Vogelscheuche im Sturm herum wedele.

Ich überlegte mir ernsthaft ihn einfach zu umgehen (schließlich taten das alle anderen auch), aber natürlich waren die anderen nicht echt und außerdem hätte das einen ausgesprochen unhöflichen Umweg erfordert.
Deshalb hielt ich kurz vor dem nervösen Gemüsehändler an. Er lehnte sich, in einem unbewussten Versuch die Lücke zwischen uns zu schließen, nach vorn und als er sprach, war seine Stimme hoch und zittrig.

„Sie sind vor mir dran. Gehen Sie zuerst rein!“ Er zeigte auf ein Büro, das aussah wie alle anderen.

Meine Erleichterung darüber, dass er mich nicht aufgefordert hatte ihm eine Anweisung zu geben, wurde etwas gedämpft, durch sein übereifriges Angebot, mich an die Spitze seiner Einmann-Schlange zu stellen.
Das ganze erinnerte mich an den alten Buchtitel-Witz „Über die Klippe“ von Hugo First.
ast hätte ich ihm beinahe eine Darstellung meiner Interpretation davon gegeben, selbst wenn das einen langen, grauen Bart und einen Gehstock beinhaltet hätte, doch mein schwarzer Humor und mein Misstrauen lichteten sich kurzerhand und wurden durch eine unbeschreiblich starke und unerschütterliche Gewissheit ersetzt.

Ohne auch nur im Geringsten zu zögern, teilte ich meine unvorhergesehene Einsicht mit ihm indem ich sagte:

„Diese Tür ist für dich, nicht für mich.“

Ich war von dem untypisch ruhigen und sicheren Ton meiner Stimme überrascht.
Der panische Mann schien vorübergehend auch beeindruckt und warf unwillkürlich einen ängstlichen Blick auf die Tür; dann schaute er wieder zu mir.
Er hätte das ganze vielleicht erörtern wollen aber ich war schon dabei mich umzudrehen und steuerte auf den dekadent überdimensionierten Ausgang aus Glas und poliertem Chrom zu.

Dann wachte ich auf und bedauerte sofort meine schroffe Haltung dem Mann im Arbeitskittel gegenüber. Ich schimpfte mit mir. Wäre ich im Traum nur etwas luzider gewesen, hätte ich vielleicht mehr Mitgefühl zeigen und dem bedauernswerten Kerl besser helfen können.

Einige Tage später sah ich ihn in einer Meditation wieder. Dieses Mal stand er in einem tiefen Einschluss aus kaltem, dunklem Schatten Mutterseelen allein.
Er sah schrecklich verloren aus, aber erkannte mich wenigstens und das machte mir Mut. Doch dieses Mal versuchte er erst gar nicht mich um Hilfe zu bitten. Er ließ den Kopf wieder sinken und fuhr fort auf seine Füße zu starren.

„Bitte deine Engel um Hilfe“ schlug ich vor.

Es hätte tausend Möglichkeiten gegeben es anders auszudrücken. Jeder macht das auf seine Art. Ich hoffte einfach, dass er etwas damit anfangen konnte.
Ich glaube es rief etwas in ihm wach, denn er hob noch einmal den Kopf um mich anzuschauen. Aber er würde niemals wieder die Lippen  auseinander bringen um irgendjemand um irgendetwas zu bitten.
Er hatte die Hoffnung verloren.

Ich rief die Engel und hoffte er würde meinem Beispiel folgen. Ich wurde enttäuscht, denn er blieb eisern stumm. Doch etwas änderte sich. Die erstickenden Schatten fingen an sich zu entblätterten und fielen von ihm ab wie weggeworfenes Packpapier während von oben Licht herunter sickerte.

Lange, durchsichtige, weiße Säulen erhellten das Dunkel und schmiegten sich zärtlich an seinen Körper. Durch das Licht hindurch sah ich, mit feinem Silberstift gezeichnet, große, blendend helle Federn, die den einsamen Gemüsehändler unsäglich sanft umhüllten. In diesem Augenblick verschwand das Bild und so kann ich das Ende nur erraten.

Ich wünsche dir eine friedliche, heilende Reise mein lieber Gemüsehändler.

29.04.2018
© Carl Franz
Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Wider
www.themindofmishka.weebly.com

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