2 Formen des Aufgebens, lerne zu unterscheiden!
Das Thema „Aufgeben“ ist in unserer Kultur of negativ besetzt und ruft in vielen Menschen ambivalente Gefühle hervor. Unsere gesellschaftliche Prägung lehrt uns, niemals aufzugeben, für unsere Ziele zu kämpfen und Widerstände zu überwinden. Du darfst nicht aufgeben!“, lautet der Imperativ, der uns schon in jungen Jahren eingeimpft wird und doch gibt es Momente im Leben, in denen das bewusste Aufgeben nicht nur notwendig, sondern ein entscheidender Schritt in Richtung Heilung und Transformation sein kann. Dabei ist es entscheidend, zwischen zwei Formen des Aufgebens zu unterscheiden: dem resignativen und dem bewussten Aufgeben.
Resignation: Der Rückzug ins Alte
Resignation bedeutet, die Kontrolle an äußere Umstände abzugeben. Es ist das Gefühl, überwältigt zu sein – unfähig, zu handeln, und überzeugt davon, dass sich das Leben ohnehin gegen uns richtet. Resignation entsteht oft durch eine Kombination aus negativen Glaubenssätzen und wiederholten Verletzungen, die sich wie Narben in unser emotionales und energetisches System einprägen.
Ein berührendes Beispiel ist die Geschichte eines Menschen, der als ungeborenes Kind einen Abtreibungsversuch überlebt hat. Eine solche Erfahrung kann auf tiefster Ebene den Glauben erzeugen, „nicht willkommen“ zu sein.
Erfahrungen wie diese können dazu führen, dass eine tiefe innere Überzeugung entsteht: „Ich darf nicht fragen, was ich will, weil ich es ohnehin nicht verdient habe.“ Dieses Glaubensmuster hält den Betroffenen in einer Spirale von Selbstverleugnung und Unentschlossenheit gefangen, bis er resigniert und gar nicht mehr handelt, sondern nur noch reagiert.
Doch diese Resignation ist kein wahres Aufgeben – sie ist eine Abwehr gegen die tiefere Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Schmerz. Sie ist das Verharren in der vermeintlich sicheren Zone des Egos, das sich vor der Konfrontation mit seinem Schatten fürchtet.
Wenn sich solche Überzeugungen durch das Leben ziehen, kann das dazu führen, dass die betroffene Person immer wieder glaubt, keine Wahl zu haben – sei es in Beziehungen, beruflichen Entscheidungen oder persönlichen Wünschen. Statt mutig zu fragen oder klar zu handeln, reagiert sie oft aus einer inneren Ablehnung heraus: „Es bringt ja doch nichts.“
Bewusstes Aufgeben: Der Schlüssel zur Transformation
Im Gegensatz zur Resignation ist das bewusste Aufgeben ein Akt des Mutes und der Hingabe. Es bedeutet, die Illusion von Kontrolle und persönlichen Widerständen loszulassen, um sich einer größeren Wahrheit zu öffnen. Dieser Prozess kann schmerzhaft sein, denn er fordert uns auf, unser Ego in seinen Grundfesten zu hinterfragen.
Wahres Aufgeben jedoch hat vor allem mit einem Zulassen zu tun – das Zulassen jener schöpferischen Lebenskraft, die gleichsam altes zerstört und verwandelt um Neues zur Welt zu bringen. Was dabei zerstört wird, ist das Festhalten an begrenzenden Illusionen, Projektionen und Scheinwahrheiten – was dadurch frei wird ist ein größerer Raum an Freiheit und Selbsterkenntnis.
Die Illusion des Egos durchschauen
Das Ego (im Sinne eines getrennten Ich-Empfindens) klammert sich an den Widerstand. Es möchte die Kontrolle über das Sein behalten, Entscheidungen aus Angst treffen und uns glauben machen, dass unser Wert von äußeren Umständen abhängt. Doch diese Illusion hält uns in einem endlosen Kampf gefangen. Wie der Weisheitslehrer Shunyamurti es beschreibt: „Das Herz muss so lange an der Illusion der Welt zerbrechen, bis auch der letzte Widerstand und persönliche Wille in sich zusammenfällt.“
Dieses „Zerbrechen“ des Herzens klingt schmerzhaft, und das ist es auch. Doch es ist kein endgültiger Verlust, sondern ein Auflösen alter Strukturen, die uns nicht mehr dienen. Es ist ein Loslassen von falschen Identitäten und Mustern, die wir oft unbewusst mit uns tragen. Das Ego kämpft erbittert gegen diesen Prozess, weil genau das seine Existenz in Frage stellt. Doch genau in diesem Zusammenbruch liegt die Möglichkeit, immer mehr in unser wahres Selbst hineinzufallen.
Hingabe an das wahre Selbst
Das bewusste Aufgeben ist eine Form spiritueller Hingabe. Es ist die Erkenntnis, dass wir nicht alles kontrollieren müssen und noch weniger können, weil wir Teil einer größeren, universellen Ordnung sind. Diese Hingabe erfordert Vertrauen – Vertrauen, dass es eine immerwährende Kraft gibt, die uns durch unsere tiefsten Ängste und Schatten führt.
Das wahre Selbst und das wahre ICH BIN, ist dieser Kern, der jenseits von Ego und Konditionierungen liegt. Es ist der Raum, in dem wir nichts werden müssen, weil wir bereits vollständig sind. Doch um dorthin zu gelangen, müssen wir erkennen und loslassen, was wir nicht sind: die begrenzenden Rollen, die täuschenden Ängste und die falschen Wünsche, die nicht unsere wahren Wünsche sind.
Hingabe an das wahre Selbst bedeutet, durch den inneren Lärm hindurchzuschauen, solange bis es innerlich still wird. Diese Stille dann auszuhalten und Impulse wahrzunehmen die von dort aus auftauchen heißt im Selbst zu ruhen und gleichzeitig aktiv zu sein. Dies ist kein einfacher und einmaliger Prozess – es ist eine radikale Entscheidung, uns dem Sein und dem Leben hinzugeben, anstatt uns ihm zu widersetzen.
Aufgeben als spiritueller Weg
Die meisten spirituellen Traditionen betonen die Bedeutung des Aufgebens – sei es im Buddhismus, wo das Loslassen von Anhaftungen ein zentraler Bestandteil des Pfades ist, oder im Christentum, wo Hingabe an den göttlichen Willen den Weg zur Erlösung weist. Doch im modernen Alltag erscheint uns diese Praxis oft fremd. Wir sind gewohnt, uns durchzukämpfen, Probleme zu lösen und alles unter Kontrolle zu halten.
Das bewusste Aufgeben lädt uns ein, diese Perspektive zu ändern. Es fordert uns auf, nicht aus Schwäche oder Überforderung zu kapitulieren, sondern aus innerer Klarheit heraus zu erkennen, ab wann unser Kampf unnötig ist und nur noch das Alte verlängert.
Beispiele aus dem Alltag
Eine Frau, die in einer destruktiven Beziehung feststeckt, könnte jahrelang versuchen, den Partner zu ändern oder die Dynamik ihrer Beziehung zu verbessern. Doch wahre Veränderung tritt oft erst ein, wenn sie den alten Kampf aufgibt – nicht in Resignation, sondern in Akzeptanz. Indem sie erkennt, dass sie nicht die Verantwortung für die Veränderung des anderen trägt, kann sie sich selbst befreien, wirkliche Eigenverantwortung übernehmen und eine neue, gesündere Realität erschaffen.
Oder stellen wir uns eine Person vor, die genau weiß, was sie will, aber immer wieder anders handelt. Sie möchte beispielsweise Klarheit und Selbstbestimmung in ihrem Leben, findet sich jedoch ständig in Situationen, in denen sie sich selbst verleugnet oder gegen ihre Überzeugungen handelt. Oft liegt der Grund dafür in den „Kräften des Egos“ oder „des Karmas“, die alte Muster wiederholen. Diese Person kämpft auf einer unbewussten Ebene einen sinnlosen Kampf – nicht gegen andere, sondern gegen sich selbst.
Der Schlüssel zur Befreiung liegt darin, die alten Kämpfe aufzugeben und sich dem Schmerz der Verletzungen zu stellen. Erst wenn sie bereit ist, ihre negative Erwartungshaltung aufzugeben, kann sie den Kreislauf durchbrechen und ein neues Kapitel beginnen.
Der Mut, den alten Kampf loszulassen
Das bewusste Aufgeben erfordert Mut, denn es bedeutet, dass wir unseren tiefsten Ängsten ins Auge schauen werden. Oft ist es die Angst vor dem Unbekannten, die uns zurückhält. Was passiert, wenn wir aufhören zu kämpfen? Wer sind wir, wenn wir uns nicht mehr über unseren Kampf und Überlebenstrieb definieren? Was bleibt wenn wir loslassen, was wir nie gewesen sind?
Hier zeigt sich die wahre Dimension des Aufgebens: Es ist kein Verlust, sondern ein Gewinn. Durch das Loslassen von Fehl-Identifikationen öffnet sich der Zugang zu einer tieferen Ebene unseres Seins, die jenseits von Gefühls-, Denk- und Glaubensmustern existiert.
Fazit: Die Kunst des bewussten Aufgebens
Aufgeben ist also nicht gleich Aufgeben. Resignation hält uns in alten Mustern gefangen, während bewusstes Aufgeben uns in die Freiheit führt. Der Weg des bewussten Aufgebens ist eine Entscheidung, die wir immer wieder treffen müssen: Loszulassen, dem Fluss des Lebens zu vertrauen und die Weisheit der inneren Stimme wahrzunehmen. Eine Weisheit, die uns in jedem Moment bedingungslos zur Verfügung steht und uns als innerer Kompass dienen kann.
In einer Welt, die uns lehrt, niemals aufzugeben, ist es ein revolutionärer Akt, bewusst zu sagen: „Ich gebe auf.“ Doch in dieser Aussage liegt kein Scheitern, sondern die Möglichkeit, ein neues Kapitel zu beginnen – eines, das nicht von Kampf und Widerstand geprägt ist, sondern von Hingabe an die tiefste eigene Wirklichkeit.
Die Wahl liegt bei uns. Wollen wir weiter um das Überleben strampeln und an alten Denkmustern und Illusionen festhalten? Oder finden wir den Mut, den mühsamen Kampf aufzugeben und uns mit der unendlichen Kraft des wahren Selbst zu verbinden?
In dieser Wahl liegt unser Wachstum – eine Wahl, die uns erlaubt, mit Klarheit, Authentizität und tiefem Vertrauen zu leben.
14.01.2025
© Ramon Pachernegg WEGE ZUM SELBST.
Ramon Pachernegg – Heilströmer, Seminarleiter und Gründer von WEGE ZUM SELBST Ramon begleitet Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit, innerer Balance und Selbsterkenntnis. Als Experte für die Technik des Heilströmens bietet er Live-Retreats, Online-Workshops sowie Einzelbehandlungen an, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringen. Lerne, wie du mit einfachen, aber kraftvollen Griffen deine Selbstheilungskräfte aktivierst, Blockaden löst und deinen Energiefluss ins Gleichgewicht bringst.
Alle Termine und Infos findest du unter: wegezumselbst.at
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