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Kairos: Bedeutung und die Freude der erfüllten Zeit

Symbolbild zu Kairos: lächelnder Mann mit den Händen auf der Brust in einem Park am Wasser

Wenn ein Augenblick mehr als Uhrzeit ist

Kairos bezeichnet den günstigen oder entscheidenden Augenblick. Während Chronos im geläufigen Vergleich für die messbare Abfolge der Zeit steht, richtet Kairos den Blick auf die Bedeutung eines Moments. In diesem religionsphilosophischen Essay deutet Roland R. Ropers Kairos als „erfüllte Zeit“: als Erfahrung von Gegenwart, innerer Gewissheit und Verbundenheit mit der göttlichen Quelle.

Die Wortbedeutung von Kairos ist von dieser mystischen Lesart zu unterscheiden. Eine erfüllte Zeit lässt sich nicht an einer Uhr ablesen und nicht für jeden Menschen gleichermaßen voraussetzen. Der Essay folgt einem inneren Weg; er stellt keine Prognose über eine weltweit bereits erreichte neue Bewusstseinsstufe auf.

Kairos und die Fülle der Zeit

Die Hoffnung auf ein neues Zeitgeschehen verbindet sich in dieser Betrachtung mit Freude und Vertrauen.
„Fürchtet euch nicht!“ sprach der Engel zu den Hirten als er ihnen die Geburt Jesu verkündete. Diese weihnachtliche Botschaft lesen wir im Lukas-Evangelium 2,10–11.
Und im traditionell Paulus zugeschriebenen Epheser-Brief wird im 1. Kapitel das Loblied auf den Heilsplan Gottes gesungen.
Vers 10 spricht sinngemäß davon, die Zeiten zur Erfüllung zu bringen und alles im Himmel und auf Erden in Christus zu vereinen.
Kairos steht hier für die erfüllte Zeit, die sich im gegenwärtigen Augenblick erschließen kann.

Vom Werden zum Sein

Spirituelles Leben ist zunächst ein Prozess der Entdeckung und Verwirklichung des wahren Wesens, das tief in uns verborgen ist.
Die mystische Lesart „Das Reich Gottes ist inwendig in Euch!“ knüpft an Lukas 17,21 an. Die heutigen Übersetzungen dieser Stelle sprechen vom Reich Gottes „mitten unter euch“. Die Wendung zum Inneren ist hier eine spirituelle Auslegung.

Der Weg zu dieser inneren ewig wirkenden kosmischen Ur-Quelle führt uns durch viele unangenehme Geröllschichten des Unterbewusstseins.

Der Prozess des Werdens verwandelt sich auf dem Weg des Vertrauens in das himmlische Geschenk des Seins, des ewigen Da-Seins im Hier und Jetzt. Die vorangegangene Aktivität des Glaubens gipfelt in der kairologischen Erfahrung von Gewissheit und tiefster Erkenntnis (griech.: gnosis), wo wir dann wie Jesus Christus sagen können:
„Ich bin!“ Das Sanskritwort „aham“ bedeutet „ich“; es ist für sich genommen keine vollständige Übersetzung von „ich bin“.

Wir sind in der Gegenwart angekommen

Symbolbild zu Kairos: lächelnder Mann mit den Händen auf der Brust in einem Park am Wasser
KI-generiertes Symbolbild zur erfüllten Gegenwart.

Auf dem inneren, geistigen Weg gehen wir durch verschiedene Bereiche, die wir als Phänomene von Dunkelheit, von Verlassenheit, von Trauer, von Schuld, von Sucht, von Neid, von Hass, von Gier, von Feindseligkeit u.a. erleben. Es ist keine Lösung, sie zu verdrängen, aber es ist auch nicht hilfreich, sich mit jeder Blockade analytisch auseinanderzusetzen. Psychologie und Psychotherapie können helfen, innerpsychische Vorgänge zu erkennen und psychische Erkrankungen zu behandeln. Das IQWiG beschreibt die Wirksamkeit von Psychotherapie bei Depressionen. Das hier gemeinte geistige Heil-Sein bezeichnet dagegen eine mystische Erfahrung von Ganzheit; es ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. In dieser spirituellen Deutung erschließt sich Heil-Sein aus der kosmischen Urquelle, die tiefer als der psychische Bereich in jedem von uns existent ist. Sich auf diese Quelle einzulassen, sie im Leben zuzulassen, in sie hineinzutauchen und ihrem Strom Raum zu geben – darin entfaltet sich die göttliche Heilkraft.

Im Zustand der erlösenden Heils-Gegenwart hört jeder Prozess, jedes Werden auf;
dann können wir sagen:
ich bin / wir sind

Der Dominikaner und Mystiker Meister Eckhart bringt die Nähe Gottes und die innere Ferne des Menschen in seiner Predigt „Von der Erkenntnis Gottes“ zur Sprache:

„Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne“

Meister Eckhart, „Von der Erkenntnis Gottes“, Übertragung von Gustav Landauer. Der Gedanke lädt zur inneren Einkehr ein: Gottes Nähe muss in dieser mystischen Perspektive nicht erst durch äußere Leistung hergestellt werden.

Die verborgene göttliche Quelle öffnet sich in vielfältigen Formen und gießt sich in verschiedenen Heilsgestalten und Heilsmomenten der Menschheitsgeschichte aus. Wenn der Schleier unserer Verblendung und Unwissenheit (Sanskrit: „Avidya“) von uns genommen ist, erkennen wir die sich immer wieder ereignenden kairologischen Augenblicke, wenn gleichsam die Zeit erfüllt ist. Nicht zu verwechseln mit chronologischen, uhrzeitlichen Geschehnissen und Abläufen.

Der Geist ist die Dynamik, der die verborgene göttliche Quelle aktiviert, und die Kraft, welche die Quelle zu einem Leben spendenden Organ macht. Der Geist steht in dieser Betrachtung für die Durchdringung von Kosmos und Mensch, hier im übertragenen Sinn als Perichorese verstanden. Der Geist ist gleichzeitig die verbindende und die hinaustreibende Kraft, die Energie der göttlichen Fruchtbarkeit, die weibliche Dimension im Göttlichen, die gebärende, belebende, bewahrende Mütterlichkeit im Göttlichen.

Weg zum Urgrund

In dieser mystischen Betrachtung weisen Jesus und andere spirituelle Meister auf einen inneren Weg. Das chinesische Wort TAO, auch Dao geschrieben, bedeutet Weg. Die religiösen Traditionen bleiben dabei verschieden. Im Mittelpunkt steht hier das Vertrauen auf den Weg, nicht allein die Beschäftigung mit Lehre, Strukturen oder Vorschriften.

Weg und Leben sind in dieser etymosophischen Deutung eng miteinander verknüpft; lat.: via (Weg) und vita (Leben); frz.: la vie (Leben) und la voie (Weg). Es ist völlig gleichgültig, gleichermaßen werthaltig, ob ich mich auf einem christlichen, buddhistischen, hinduistischen Pfad u.a. fortbewege. Der Weg ist das Ziel – der Weg hat weder einen Anfang noch ein Ende; andernfalls wäre er von der Polarität Geburt & Tod begrenzt. Der Weg ist ewiges Leben, jenseits aller Dualität. Wenn jemand vom Zentrum des Lebens distanziert ist, spricht man oft von weg sein, meint aber abwegig sein.

Lao Tse: Kapitel 14 im Tao Te King

Man schaut nach ihm und sieht es nicht:
Sein Name ist Keim.
Man horcht nach ihm und hört es nicht:
Sein Name ist Fein.
Man faßt nach ihm und fühlt es nicht:
Sein Name ist Klein.
Diese drei kann man nicht trennen,
darum bilden sie vermischt Eines.

Laotse, Tao Te King, Kapitel 14, Übertragung von Richard Wilhelm (Auszug).

Das 14. Kapitel des Tao Te King beschreibt auf geradezu geniale Weise das Geheimnis des Weges. Lao Tse umreißt, was TAO nicht ist. Kenntnis vom TAO kann man nicht mit Hilfe der Sinne erlangen: man kann es nicht sehen, hören oder anfassen. In dieser Lesart erschließt es sich dem intuitiven Bewusstsein. Weltliche Ereignisse treten immer wieder in sich stets wiederholenden Zyklen auf, und Anhänger des TAO lernen, diesen Kreislauf zu durchschauen und zu transzendieren.

Auf diesem Weg kann der Ursprung der eigenen Existenz spürbar werden.

Die Beziehung zwischen Zeit und Ewigkeit vertieft diese Frage nach dem gegenwärtigen Augenblick. Einen anderen Zugang eröffnet die christliche Kontemplation; die etymosophische Betrachtung von Ur-Wissen und Weisheit erläutert den Umgang mit Sprache und innerer Erkenntnis.

28.11.2024 · Redaktionell aktualisiert am 12.10.2026
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

Kardiosophie-Netzwerk von Roland R. Ropers


Über den Autor Roland R. Ropers

Porträt von Roland R. Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.

>>> zum Autorenprofil

Alle Beiträge des Autors auf Spirit Online

Buch Tipp:

cover kardiosophie Roland RopersKardiosophie
Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle

von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu

Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und seine Mitautorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.

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