Abgründe des Leidens – Pir Vilayat Inayat Khan und der Ruf göttlicher Hingabe
Die spirituelle Wucht eines Satzes
„Konfrontiert mit den Abgründen des Leidens aller Wesen kann ein Mensch, der wirklich erwacht ist, gar nicht anders, als sich von göttlicher Liebe motiviert zu fühlen…“
Dieser eine Satz von Sufi-Meister Pir Vilayat Inayat Khan wirkt wie ein geistiger Stromstoß. Er ist Einladung und Zumutung zugleich: Wer die wahre Tiefe der Existenz berührt, wird aufgerufen, ein „Ritter des Erwachens“ zu werden — ein Mensch, der Verantwortung übernimmt und das eigene Erwachen nicht als Rückzug, sondern als gelebte Hingabe versteht.
Für Pir Vilayat war es nie spiritueller Luxus, sich dem Göttlichen zuzuwenden. Es war Pflicht. Eine innere Notwendigkeit. Eine Antwort auf das, was er im Leiden der Menschen erkannte.
Und genau das macht seine Botschaft heute so brennend aktuell.
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Ein Meister ohne Lärm – und mit großer Strahlkraft
Pir Vilayat Inayat Khan, Sohn des berühmten Hazrat Inayat Khan, trug die Sufi-Botschaft seines Vaters in die Welt – leise, würdevoll, unaufdringlich. Er reiste ohne mediale Inszenierung von Land zu Land und berührte Menschen mit einer Präsenz, die viele bis heute nicht vergessen haben.
Auch ich nicht.
Meine letzten Begegnungen mit ihm – zwei Monate vor seinem Tod – gehören zu den eindrücklichsten Momenten meines Lebens. Am Ostersonntag 2004 sprachen wir über das Mysterium des Atems. Über die feine Grenze zwischen innerer Weite und äußerer Welt. Über die Verantwortung des Erwachens.
Seine Art, da zu sein, war selbst Meditation: still, kraftvoll, wach.
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Sein Leben – ein Gewebe aus Mystik, Musik und Hingabe
Pir Vilayat wurde am 19. Juni 1916 in London geboren, wuchs jedoch in Suresnes bei Paris auf. Bereits im Alter von zehn Jahren bestimmte ihn sein Vater zu seinem spirituellen Nachfolger. Doch bevor er dieses Erbe antrat, studierte er Philosophie und Psychologie an der Sorbonne, forschte in Oxford und vertiefte sich in die Welt der Musik – unter anderem bei der legendären Nadia Boulanger.
Die Musik war für ihn nie Kunst im konventionellen Sinn. Sie war Ausdruck kosmischer Ordnung. Klang gewordene Mystik.
Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Offizier auf einem britischen Minensuchboot. Seine Schwester Noor kämpfte im Widerstand und wurde im Konzentrationslager Dachau ermordet. Dieses Trauma prägte seine Sicht auf das menschliche Leiden zutiefst – und machte seinen Dienst für den Frieden zu einer heiligen Verpflichtung.
Der Sufi, der Welten verband

Seine Seminare waren keine intellektuellen Vorträge — sie waren Erfahrungsräume.
Er sprach vom Aufgehen der Grenzen, wenn der Mensch die tiefe Einheit hinter allen Formen erkennt. Er sprach vom Zustand jenseits der Dualität, in dem Denken und Sein sich entgrenzen. Und er zeigte, dass Meditation kein Rückzug ist, sondern ein Ankommen in der Wahrheit.
Das Durchbruchserlebnis – eine Begegnung mit der grenzenlosen Weite
In seinem Buch Awakening beschreibt Pir Vilayat eine Erfahrung, die seine mystische Sicht noch weiter vertiefte. Während eines Meditationskurses in den Alpen durchlebte er einen inneren Durchbruch, der von dramatischen Naturereignissen begleitet wurde: Sturm, Donner, ziehende Wolken – als würde die äußere Welt die Auflösung der inneren nachzeichnen.
Mit dem Verschwinden der dunklen Wolken begann sich auch sein Bewusstsein zu weiten. Gewohnheitsgedanken, Bewertungen, Probleme, Rollen, Identifikationen – all das löste sich wie Nebel in der Sonne auf.
Was blieb, war Einheit.
Nicht als Idee. Nicht als Konzept. Sondern als Zustand jenseits des Lebens und dennoch voller Leben.
Ein Bewusstsein, das „wie das Universum denkt“.
Die mystische Kunst, den Komponisten zu hören
Pir Vilayat fragte oft: „Wir hören die Musik – aber kennen wir den Komponisten?“
Für ihn war der Kosmos eine göttliche Komposition. Jede Seele ein Ton. Jeder Gedanke eine Schwingung. Jeder Atemzug ein Ausdruck des großen Liedes, das uns alle trägt.
Wer im Zustand des Erwachens lauscht, hört diesen Ursprungston, der hinter allen Erscheinungen liegt. Es ist der Klang der Einheit. Der Klang jenseits der Formen.
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Ein Leben für Erwachen, Verantwortung und Liebe
Pir Vilayat widmete sein Leben einzig und allein der Erweckung des Menschen. Er wollte niemanden bekehren. Er wollte Herzen öffnen. Menschen erinnern. Bewusstseinsräume weiten. Mut machen, Verantwortung zu leben und den Schmerz der Welt nicht zu meiden.
Denn aus seiner Sicht ist genau das der Prüfstein wahrer Spiritualität:
Nicht der Rückzug in heilige Innerlichkeit.
Sondern die Rückkehr in die Welt mit einem Herz, das größer geworden ist.
Der Benediktinermönch David Steindl-Rast würdigte ihn einmal mit den Worten:
„Pir Vilayat Inayat Khan war ein leidenschaftlicher Lehrer, ein beweglicher Geist, eine Stimme, die das Herz erweckt wie Musik.“
Eine Stimme, die bis heute klingt.
Eine Erinnerung daran, dass Erwachen nicht die Flucht vor den Abgründen des Leidens ist — sondern der Mut, ihnen mit Liebe zu begegnen.
Artikel aktualisiert
15.01.2026
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist
Über Roland R. Ropers
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
>>> zum Autorenprofil
Buch Tipp:

Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle
von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu
Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.



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