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Suche nach der Welt der Stille – Interview mit Konstantin Wecker

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Konstantin-Wecker
Foto© Thomas Karsten

Suche nach der Welt der Stille
Authentische Autobiographie eines Künstlers

Roland R. Ropers im Gespräch mit Konstantin Wecker

Der Liedermacher Konstantin Wecker wurde am 1. Juni 1947 in München geboren, in der „Stadt der Mönche“.
Der Lebensweg des zu Recht viel bewunderten Künstlers ist durch gewaltige Höhen und Tiefen gegangen. Großartig, mit welchem Engagement er sich auf die Suche nach einer Welt begibt, die es noch nicht gibt.

Der Mönch ist nicht der Gefangene in seiner Klosterzelle, sondern der zur Erfahrung des Einsseins (Monostase) herausgeforderte Mensch. Um dorthin zu gelangen, benötigt man zuweilen auch die Dynamik von kriegerischer Aggressivität. „Zwischen Rausch und Askese, halb Heiligenschein, halb Auswurf der Hölle, ich schwebe und pendle mich meistens nicht mehr ein – und doch: ich lebe. Ich lebe!


Kurzbiografie Konstantin Weckers

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Konstantin-Wecker Foto: ©by Thomas Karsten

Als Liedermacher, Schriftsteller, Schauspieler und Komponist gehört Konstantin Wecker, 1947 in München geboren, zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten im deutschsprachigen Raum. Sein künstlerisches Fundament bilden eine klassische Musikausbildung und die – von der Mutter geförderte – Begeisterung für Lyrik. 1968 trat Konstantin Wecker erstmals als Liedermacher auf, der Durchbruch gelang 1977 mit der Ballade „Willy” und dem Album „Genug ist nicht genug“.
Insgesamt rund 40 LP- und CD-Produktionen, darunter „Liebesflug” (1981), „Ganz schön Wecker” (1988), „Vaterland” (2001), „Am Flussufer” (2005) und „Ohne Warum“ (2015), dokumentieren die breite Palette des künstlerischen Schaffens und spiegeln vor allem aber persönliche Höhenflüge und Krisen wider.
Besondere Beachtung fand die als Synthese der klassischen Wurzeln Konstantin Weckers mit seinem Lied- und Filmmusikschaffen angelegte Produktion „Classics” (1991) mit dem Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Peter Herbolzheimer (Kritikerpreis 1992). Konstantin Wecker veröffentlichte Lyrikbände (u. a. „Jeder Augenblick ist ewig“, 2012), die Romane „Uferlos” (1993) und „Der Klang der ungespielten Töne“ (2004) und schreibt Theater- und Bühnenmusiken sowie Filmmusik („Kir Royal” 1986, „Schtonk!” 1992) und Kindermusicals. 2013 bis 2015 lief das Tourneeprogramm „Liedestoll“ zusammen mit Angelika Kirchschlager.
Nach der Tournee „40 Jahre Wahnsinn“ (2014/15) und der CD und Tournee „Ohne Warum“ ist die Jubiläumstournee „Poesie und Widerstand“ rund um den 70. Geburtstag das aktuellste Projekt. Für sein politisches Engagement wurde Konstantin Wecker unter anderem 1995 mit dem Kurt Tucholsky-Preis, 2007 zusammen mit Eugen Drewermann mit dem Erich-Fromm-Preis und 2018 mit der Thomas-Nast-Gastprofessur der Universität Koblenz-Landau ausgezeichnet.


Die so aufrichtig-authentische Autobiographie Konstantin Weckers beleuchtet eine beim Lesen

manchmal schwindelerregende Achterbahn und Vielfalt von Lebenssituationen, denen der Normalbürger eher selten ausgesetzt ist. Zwei Monate vor der Fertigstellung des Buchmanuskripts hatte Konstantin Wecker einen Unfall und war längere Zeit bewusstlos. Danach gelangte er zu einer wunderbaren Gewissheit:

Erleuchtet zu sein heißt, nichts zu wissen und sich damit zufrieden zu geben und in dieser Erkenntnis des Nichtwissens, des Nichts, glücklich zu sein. Wie sinnlos zu sagen, man sei Atheist oder Christ, Fundamentalist oder Agnostiker. Alles, alles ist man und noch so unendlich viel mehr. Wir brauchen natürlich unseren Verstand, um damit durch die Welt der Materie zu navigieren, aber er sollte unser Gehilfe sein – der Wagen, aber nicht der Wagenlenker, wie die Buddhisten sagen“.

RRR: Sie sind als Einzelkind in großer Freiheit aufgewachsen und konnten bereits in frühester Jugend Ihre künstlerische Begabung ausleben. Sie genießen die Fülle des Lebens und gleichzeitig sind Sie vom Mönch sein fasziniert.

KW: Ich hätte Mönch sein können, ebenso wie ich die „Laufbahn“ eines gewalttätigen Verbrechers hätte einschlagen können. Das erscheint nicht nahe liegend bei jemandem, der in der Öffentlichkeit überwiegend als Genussmensch und Pazifist bekannt ist. Vielleicht ist es aber einfach so, dass ich das Mönchische in mir versteckt habe, so wie ich das Kriegerische verstecke. Unser Schatten ist ja immer das, was wir gerade nicht sehen wollen, zumindest nicht ausleben.
Wenn also der Lüstling der Schatten des sittenstrengen Asketen ist, so ist bei einem Genussmenschen wie mir vielleicht der Mönch in den Schatten getreten und wartet darauf, gesehen und erlöst zu werden.

Der Mönch ist eine Existenzform, die durch Subtraktion entsteht: indem man nach und nach alles wegnimmt, was ein Mensch zu brauchen und zu sein glaubt. Ist alles Überflüssige weggefallen, so sind wir endlich frei, zum Eigentlichen vorzudringen. Nach meiner Verhaftung wegen Drogenbesitzes im Jahr 1995 habe ich erfahren müssen, was es heißt, auf sehr Weniges reduziert zu werden.

Ich hatte alle Ehre, alles Geld und Ansehen verloren. Täglich konnte ich am Zeitungsständer die neuesten Gräuelnachrichten über meinen Drogenabsturz und den anhängigen Strafprozess lesen. Die Erfahrung, isoliert, ja ausgestoßen zu sein, erwies sich im Nachhinein als sehr wertvoll. Mir ist dadurch klar geworden, dass es in mir etwas Unzerstörbares gab, etwas, das unabhängig von der „Persona“, also von der Kunstfigur, die man gerne sein und nach außen hin darstellen will.
In diesem innersten Raum wohnt etwas, das unbeeinflussbar ist von fremden und eigenen Urteilen, jenseits von Kategorien wie Würde und Schande, Gelingen und Versagen. Es ist wunder-bar, diesen unveränderlichen Kern zu spüren.

RRR: Hat Ihr Mut, immer wieder neu anzufangen und sich weiterzuentwickeln, niemals verzweifelt stehen zu bleiben, auch ein wenig mit Demut zu tun?

KW: Ein Künstler ist demütig, wenn er weiß, dass er eine Begabung hat, nicht jedoch, woher sie kommt. Die Befähigung als Komponist und Poet ist sicher ein Geschenk. Man kann sich das nur bedingt erarbeiten. Durch Übung kann jemand wohl ein passabler Komponist werden, aber nicht Mozart.
Wenn ich mich ans Klavier setz und mir eine Melodie nach der anderen einfällt, werde ich unweigerlich demütig, weil ich weiß, das gerade dieses „Hineinfallen” von Musik in meinen Geist nicht mein Verdienst ist.

Ich bin und bleibe ein Rebell, aber ich meine, auch in dieser Funktion sollte man wissen, dass in vielen Bereichen des Lebens Demut am Platz ist. Man kann gegenüber dem Leben demütig sein, dabei aber keineswegs passiv und duldsam. Demut ist ein Begriff, den man sich selbst erarbeiten muss, um ihn dann eigenständig für sich zu verwenden.

RRR: Schon in Ihrer Jugend hatten Sie die Sehnsucht nach tiefen inneren Erfahrungen. Sie sprechen von der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt. In welchen Bereich der Wirklichkeit sind Sie vorgedrungen?

KW: Als 18-Jähriger hatte ich ein einschneidendes Erlebnis, von dem mir erst später klar wurde, wie spirituell es war. Es geschah beim Anhören von Gustav MahlersAuferstehungssinfonie“.
Es war auf einer Party, beim „Chillen“, wie man heute sagen würde. Spätabends, als die letzten Gäste komatös vor sich hin dämmerten, beschloss ich Mahlers „Zweite“ aufzulegen. Ich war bereit, mich diesem alles verschlingenden c-Moll zu ergeben. Da passierte es:
Schon nach wenigen Minuten war es mir, als stiege ich aus meinem Körper. In meinem Überschwang erzählte ich den Menschen, die um mich waren, dass es sie eigentlich gar nicht gebe. Alles sei in Wahrheit nur noch Eins. Auch Gott existiere eigentlich nicht, alles sei vielmehr göttlich und miteinander verschmolzen. Die haben mich angeschaut wie einen Wahnsinnigen. Mein Weg war von Anfang an wohl eher ein mystischer. Die mystische Erfahrung hat niemals mit Inhalten zu tun, von denen andere meinen, dass wir an sie glauben sollten.
Immer geht es darum, was wir selbst erlebt haben. Nur da, wo man sich selbst erfahren kann, beginnt ja das Leben überhaupt interessant zu werden. Wo man in eine Wirklichkeit eindringt, die aus mehr als Rationalität und Realität besteht.

Mein Gedicht: Spirituelle Erfahrung im Gefängnis

Manchen Nächten kann man nicht entfliehn, und manche Räume zwingen dich zu bleiben.
Du bist allein mit deinen Fantasien und fürchtest dich und kannst sie nicht vertreiben.
Das sind die großen Nächte. Halte fest die Stunden, die dich so gefährden,
wo dir die Seele sagen lässt:
Du musst ein andrer werden.
Jetzt über Hügel wandern, und es könnte regnen,
ein trüber Himmel hinderte mich nicht.
Jetzt Rosen oder einem Feigenbaum begegnen und einem freundlichen Gesicht.
Nur keine Dunkelheit. Nur nicht allein sein.
Wer geht mit sich schon gerne ins Gericht?
Da muss doch irgendwo noch etwas Wein sein?
Warum kann dieses Ich nie mein sein?
Ach, gäb’s nur Licht.

RRR: Sie haben sich sehr intensiv mit den großen Lebensfragen, Freude, Schmerz, Leiden, Sterben und Tod beschäftigt. Gottfried Benn hat so treffend gesagt: „Auch ein gesundes Leben führt zu einem kranken Tod“.
Wie gehen Sie mit den Gedanken über die Vergänglichkeit um?

KW: Der Tod wird ausgeklammert aus unserem Leben. Wer sich mit dem Tod auseinandersetzt und sich der Vergänglichkeit allen Seins bewusst ist, der ist nicht mehr so leicht manipulierbar in dieser ausschließlich auf Gewinnmaximierung fixierten Gesellschaft. Ich selbst bin dem Tod sehr nahe gekommen, ich hätte mich mit meinem Drogenkonsum ja fast selbst umgebracht.

Es gab im Drogenrausch Momente, in denen ich gesagt habe: Komm, süßer Tod, umfange mich! Das änderte sich aber sofort, als die Droge zu wirken aufhörte und ich keine neue mehr auftreiben konnte. In diesem Zustand durchlebt man ziemliche Härten, auch körperliche Attacken, Schmerzen und Gefühle von Verzweiflung.

Ich bin viele kleine Tode gestorben. Mein Vater starb im Jahr 2001, fünf Jahre später meine Mutter, die ich fast 18 Monate bis zu ihrem Tod begleitet habe, habe ihren Schmerz miterlebt, das unsägliche Leiden ihrer schweren Krankheit. Diese Erfahrung hat viel verändert in meiner Weltsicht.

Jetzt bin ich in einer Phase, in der ich mich, so hoffe ich, noch bewusster dem Sterben und der Sterblichkeit überhaupt annähern möchte. Das geht nur mit Hilfe der Ars Morendi, der Kunst des Sterbens. Das Loslassen muss man mühsam erlernen. Es wird einem nicht geschenkt. Am Buddhismus gefällt mir unter anderem sehr gut, dass er sich aller Spekulationen über ein Leben nach dem Tod enthält.

RRR: Der am 17. Mai 2014 verstorbene Quantenphysiker und Friedensnobel-preisträger Hans-Peter Dürr war ein sehr enger Freund von Ihnen, dessen weisen Ratschläge Ihnen, wie Sie auf der Trauerfeier am 7. Juni 2014 in München sagten, unendlich fehlen würde. Ihr Gedicht „Gefrorenes Licht“ hatten Sie ihm gewidmet und erstmalig vorgetragen.

Gefrorenes Licht

Wenn durch den Dom von sommergrünen Bäumen
die Lichter wie ein Segen niedergehen
und als Kristalle in den Zwischenräumen
von Laub und Ast und Himmel stehen,
da ahnst du, dass, was scheinbar fest gefügt
und uns sich als die Wirklichkeit erschließt,
nichts als ein Bild ist, das sich selbst genügt,
durch das verträumt ein großer Atem fließt.
Du magst es greifen, du begreifst es nicht –
was du auch siehst ist nur gefrorenes Licht.
Wenn sich in solchen seltnen Stunden
des Daseins Schönheit leise offenbart,
weil sich – sonst nie so leicht verbunden,
das Ahnen mit Erleben paart,
dann zögre nicht, dich zu verwandeln.
Nimm diese Stunde tief in dich hinein.
So aus der Zeit erübrigt sich das Handeln
und in der Leere offenbart sich erst dein Sein.
Du magst es greifen, du begreifst es nicht-
was du auch siehst ist nur gefrorenes Licht.

RRR: Wir bedanken uns für das wunderbare Gespräch mit Ihnen.

Roland-Ropers-Grafik-watchful-wisdom-walking01.11.2019
Roland R. Ropers
www.watchful-wisdom-walking.de

 


Über Roland R. RopersRoland-Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist,
autorisierter Kontemplationslehrer,
weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit
www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.org

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