Raum – Atem der Ewigkeit

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Der Raum: Atem der Ewigkeit

Unser ganzes Leben spielt sich in Raum und Zeit ab, wobei wir der Zeit wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Element Raum. Dabei ist der Raum das subtilste Element, das dem Bewusstsein – das wir sind – am nächsten steht. Wir denken manchmal an die Zeit, wie sie vergeht und was sie für uns bedeutet. Aber an den Raum, an seine Bedeutung für uns und an seine Möglichkeiten eher nicht. Dabei weist dieses Element großes Potenzial auf, unser Bewusstsein zu reinigen und von vielem Unnötigen zu befreien.

Drei Arten 

Wenn wir über die Natur manifestierter phänomenaler Objekte sprechen, verwenden wir normalerweise den Begriff der Energie. In den Lehren des Shakta-Tantrismus wird die Energie durch die Urmutter aller Schöpfung symbolisiert. Die grundlegende Energie des Seins hat die Natur des Raumes. Der Raum weist keinerlei Unterschiede auf, er ist grenzenlos und alldurchdringend, er hat kein Zentrum und kein Ende, es gibt keine kardinalen Punkte, kein oben oder unten. Jedoch wird der Raum gemäß dieser Lehre gewöhnlich in drei Typen eingeteilt:

Raum des Universums
Der Raum außerhalb der manifestierten Objekte (Bhut-Akasha) ist der äußere Raum, der alle manifestierten Phänomene des Samsaras enthält. Bhut-Akasha ist der äußere, umgebende Raum, zum Beispiel der Raum des Kosmos oder der Raum des Universums.

Raum des Geistes
Der innere Raum (Chit-Akasha) ist der Raum der Wahrnehmung, einschließlich des Unterbewusstseins und des Bewusstseins des subtilen Körpers. Chit-Akasha ist der innere Bewusstseinsraum; alle Gedanken und Emotionen manifestieren sich aus diesem inneren Raum. Sie erscheinen, spielen im Raum des Geistes und verschwinden danach wieder. All dies geschieht untrennbar vom inneren Raum, dessen Natur die Leerheit ist.

Raum des Herzens
Hrid-Akasha ist das Herz, der subtilste und geheimste Raum, unsere ursprüngliche, leuchtende Klarheit. Hrid-Akasha ist der innere, leere Raum aller Objekte und des Bewusstseins. Es durchdringt sowohl das Bewusstsein aller Lebewesen als auch aller äußeren Objekte.

Den Krug zerbrechen: Das Vermischen zweier Räume

„Der Atman (das transzendente Bewusstsein) wird als etwas dem Raum ähnliches bezeichnet. So wie der Raum in irgendwelchen Krügen verborgen ist, so ist es der Atman im Körper, er ist verborgen wie der Raum im Krug des Körpers.“ (Gaudapada, Mandukya Karika, 3.3)

Es ist wichtig, über und auf den Raum zu meditieren. Der menschliche Geist sucht oft intuitiv in der Natur nach Weite. Wenn der Blick sich über den leeren freien Raum erstreckt, beruhigt sich der beschäftigte Verstand und empfindet seine eigene Größe und Zufriedenheit. Möchte man tiefer gehen, ist es ratsam, diesem Element bewusst mehr Aufmerksamkeit zu schenken und darüber nachzudenken, ob sich zum Beispiel der äußere Raum vom inneren unterscheidet. Und wenn nicht, warum wir uns nicht so fühlen als wären wird aus Raum gemacht. Warum fehlt unserem Geist die Weite und die Transparenz des Raumes?

Wie kann man das verändern?

Es ist schon lange bekannt, dass ein Bewusstsein, wenn es sich auf etwas konzentriert, die Qualität des Konzentrationsobjektes annimmt. Deswegen lohnt es, sich mit dem Element Raum zu befassen und über ihn nachzudenken.

Die Vermischung zweier Räume, die Integration von Subjekt und Objekt, ist der Moment des Erwachens und der vollen Erleuchtung.

„So wie der Raum innerhalb eines Gefäßes kein selbständiges Teil des Gesamtraumes ist, so ist die individuelle Seele kein selbständiges Teil des Atmans.“ (Gaudapada, Mandukya Karika, 3.7)

Beide Räume, der innere und der äußere, existieren in der gleichen Weise, wie es aufgrund der Trennwände nur einen Raum innerhalb und außerhalb eines Gefäßes gibt. Auf die gleiche Weise existieren aufgrund der Mauern unseres dualistischen Geistes zwei Räume, ein innerer und ein äußerer.

„Wenn die Gefäße zerbrechen, kommt der darin enthaltene Raum zusammen, so wie auch alle individuellen Seelen im reinen Bewusstsein des Atman verschmelzen.“ (Gaudapada, Mandukya Karika, 3.4)

Es ist wichtig, seinen Geist in Konzentration und Meditation zu stärken und zu verfeinern. Das Ziel dabei ist, die subtile, klare Bewusstheit jenseits von Namen und Formen als lichtvolle und leere Klarheit im Alltagsleben zu bewahren oder zumindest immer wieder zu empfinden.

Ist diese subtile leere Bewusstheit da, ohne auszuwählen und zu reflektieren,

und tritt man in eine kontemplative Präsenz ein – kann dies mit dem Zerbrechen des metaphorischen Gefäßes verglichen werden. Außen- und Innenraum beginnen sich zu vermischen. Die Vermischung beider Räume ist die nächste Phase nach der Wahrnehmung des Impulses des Erwachens. Tatsächlich folgen sie untrennbar aufeinander.

Im Laya Yoga wird die Vermischung zweier Räume durch spezielle subtile Techniken erreicht, wie z. B. der Shambhavi Mudra, kombiniert mit den Methoden des Nada- und Jyoti Yoga. Diese Praktiken sind das Geheimnis der Geheimnisse, die den Yogi in einem Leben zur höchsten Stufe der Verwirklichung führen können. Bevor sich der innere und äußere Raum vermischt, gibt es für uns Subjekt und Objekt. Und wir weisen wie ein Ring eine Außenseite und eine Innenseite auf, die sich niemals überschneiden.

Nachdem wir aber die beiden Räume vermischt und die Erleuchtung erreicht haben, verbindet sich das Subjekt paradoxerweise mit dem Objekt. Und unser Zustand beginnt, ein wenig einem Möbiusband zu ähneln: Wenn wir anfangen, mit einem Bleistift entlang der Innenseite zu gehen, werden wir nach einer Weile definitiv nach außen gelangen. Wenn wir auf die gleiche Weise mit einem Bleistift entlang der Außenseite zeichnen, befinden wir uns nach einer Weile definitiv auf der Innenseite des Möbiusbandes. Wir leben in einem derartigen paradoxen Zustand, in dem das Subjekt untrennbar mit dem Objekt verbunden ist. Deswegen wird gesagt, dass Erwachte die Welt als Teil ihrer selbst sehen.

Ins Paradoxe eintreten und die Allgegenwart des Bewusstseins erkennen

Dies ist der transzendenteste und unbegreiflichste Zustand überhaupt. Er ist vom Standpunkt der Dualität unbeschreiblich, unvorstellbar und unfassbar; nur wer selbst in diesen paradoxen Zustand eingetreten ist, kann verstehen, von was die Rede ist. Selbst wenn jemand hunderte heiliger Texten kennt und einen höheren Abschluss in Philosophie hat, kann er wie ein gewöhnlicher Mensch blind bleiben, wenn er nicht in diesen paradoxen Zustand eingetreten ist. In den Zustand, in dem es kein Subjekt und kein Objekt gibt.

Im Gegenteil: Ein Yogi, der den Zustand von zwei in einem verwirklicht hat, mag Analphabet sein und die Schriften nicht kennen. Aber er ist der höchste Weise. Er ist untrennbar mit dem Absoluten verbundene Realität.

Nachdem der äußere und der innere Raum in Geist und Körper eines Yogis vermischt sind, lebt ein solcher Yogi in jedem Lebewesen und fühlt das Bewusstsein jedes Lebewesens als sein eigenes.

„Das ursprüngliche Ich, das in allen Körpern wohnt, unterscheidet sich nicht vom Raum.“ (Gaudapada, Mandukya Karika, 3.9)

„Ich bin unten, ich bin oben, ich bin hinten, ich bin vorne, ich bin rechts, ich bin links, ich bin die ganze Welt. Wahrlich, wer so sieht, so denkt, so erkennt, der wird selbst zum Herrn aller Welten, er kann handeln, wie er will.“ (Chandogya Upanishad, 25)

Es gibt keinen Unterschied zwischen innen und außen,

alles wird als Manifestation eines einzigen Bewusstseins wahrgenommen, daher wird dieser Zustand als „einziger Geschmack“ bezeichnet.

„Obwohl sich verschiedene Namen, Formen und Handlungen aufgrund ihrer Gefäße unterscheiden, gibt es für den Raum selbst keinen Unterschied und keine Vielfalt von Seelen.“ (Gaudapada, Mandukya Karika, 3.6)

Das Bewusstsein ohne Stütze ist der Zustand, der in tiefer kontemplativer Präsenz verwirklicht wird. Dieser Zustand kann auch in tiefster Versenkung erlebt werden; er ist jenseits von Verstand und Energie, aber er beinhaltet sowohl Verstand als auch Energie. Der Geist ohne Stütze wird verwirklicht, wenn innerer und äußerer Raum vermischt werden.

„So wie der Raum innerhalb des Gefäßes vollständig mit dem Raum darum verschmilzt, wenn das Gefäß zerbrochen ist, so verschmilzt das getrennte Bewusstsein mit der absoluten Realität.“ (Sri Adi Shankaracharya, Kommentar zur Mandukya Upanishad)

Der Raum des höheren Seins als einzige Wirklichkeit

Aufgrund der Tatsache, dass das Bewusstsein an den Körper als sein Gefäß gebunden ist, wird der Raum der absoluten Realität in ihm anders wahrgenommen als der Raum der Realität außerhalb. Wenn klar wird, dass der Raum des grenzenlosen Bewusstseins im Inneren derselbe ist wie der Raum außerhalb und dass das Gefäß aus Geist und Körper keine Unterschiede zwischen ihnen schaffen kann, verbleibt der einheitliche Raum des höheren Seins als Wirklichkeit. Dies ist die Zerstörung des Gefäßes, welche die Illusion beseitigt, die mit der Vorstellung von Geist und Körper verbunden ist.

Ein Teil dieses Artikels wurde dem Buch „Laya Yoga – das Leuchten der kostbaren Geheimnisse“ von Swami Vishnudevananda Giri entnommen. Mehr über die Praktiken mit dem Raum im Kapitel „Der Atem der Ewigkeit. Die Lehre über den Raum“

Mehr über den Weg, den Meister und über die Lehre erfahren Sie unter https://de.advayta.org
Und in den Büchern von Swami Vishnudevananda Giri:
„Spirituelle Alchemie – der Weg der inneren Askese“
„Laya Yoga – das Leuchten der kostbaren Geheimnisse“
„Kodex eines Meisters. Der Weg der Vollkommenheit“
„ICH BIN. Spirituelle Alchemie des inneren Universums“

28.05.2023
Ramanatha Giri
www.de.advayta.org

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Ramanatha Giri Raum - Atem der Ewigkeit Ramanatha Giri

Ramanatha Giri ist Yogi, Philosoph, Lektor, seit 20 Jahren Mönch in der Advaita-Tradition der Siddhas in der Linie des Meisters Swami Vishnudevananda Giri und ist in der Ukraine geboren.

Seit 2010 führt er Seminare und Retreats im Jnana-, Raja- und Kundaliniyoga sowie Pranavidya in Westeuropa, den USA und der Ukraine durch und bietet persönliche spirituelle Beratungen an.

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