Spirituelle Erfahrung in der ärztlichen Praxis

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Zu den eindrucksvollsten Erlebnissen während meines Medizinstudiums gehörte es, beim Sterben eines Menschen dabei zu sein: mutterseelenallein auf einer grossen Krankenstation Nachtwache zu machen und das Röcheln zu hören, das ab und zu aussetzt, um dann nach bangem Warten wieder zu beginnen.

Da ich vom »Tibetischen Totenbuch« wusste und mich viele Jahre meines Lebens intensiv mit Buddhismus und Reinkarnation beschäftigt hatte, sprach ich manchen Toten mit leiser Flüsterstimme Vorschläge und Ermunterungen zu. Wie ein Souffleur im Theater, in der Hoffnung, dem Sterbenden den Schreck zu nehmen, wenn er dem »strahlenden weissen Licht« entgegengeht, wie es im »Tibetischen Totenbuch« heisst.

Das Zurückweichen vor diesem Licht soll der Beginn des Abstiegs in niedere Existenzformen sein, bis man schließlich wieder als Mensch reinkarniert.

Das »Tibetanische Totenbuch« drückt die Geisteshaltung des tantrischen Buddhismus aus,

dass es sich außerordentlich segensreich auswirkt, als Begleiter des Sterbens aktiv in den Prozess zwischen dem Sterbeprozess und der nächsten Reinkarnation einzugreifen. Denn die gerade verstorbene Seele ist fast immer sehr irritiert und geradezu hilflos, obwohl sie gerade kurz nach dem Tod besonders viel Zuspruch, Angstlösung und wegweisende Hilfen benötigt.

Da die Phase während und kurz nach dem Sterben den allergrössten Einfluß auf die nächste Reinkarnation hat, tut man dem Sterbenden nach dieser Sichtweise überhaupt keinen Gefallen, wenn man zu heftig und intensiv trauert – wie das in unserer Gesellschaft zum guten Ton gehört. Als junger Medizinstudent versuchte ich deshalb, dem Sterbenden Mut und Zuspruch zu geben.

Zwei Erfahrungen sind mir aus diesen Erlebnissen mit Sterbenden im Gedächtnis geblieben.

Die eine Erfahrung ist eine Mischung aus Jubilieren und Schwermut, wenn man in der sanften Stimmung der Morgendämmerung das Krankenhaus nach solchen Sterbebegleitungen verlässt. Man jubiliert, am Leben zu sein und ist schwermütig, weil man mit der Vergänglichkeit konfrontiert wird, die natürlich auch das eigene Leben einschliesst. Das »Memento mori« (»Denke stets an Dein Ende!«) des mittelalterlichen Menschen war von dieser Geisteshaltung geprägt – der Tod war damals eine allgegenwärtige Erfahrung.

Die zweite Erfahrung mit Sterbenden betrifft den merkwürdigen Umstand, dass Sterbende im Moment des Todes allein sein wollen. Irgendwann muss der Angehörige auf die Toilette und wenn er zurückkommt, ist derjenige tot, neben dem man vorher stundenlang gesessen hat. Angehörige machen sich dann oft schreckliche Vorwürfe, besonders bei Kindern, die nun die Reise in die »Unterwelt« ihrer Meinung nach ganz alleine antreten mussten. Ich empfehle in solchen Fällen die Bücher der Ärztin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross und versuche, den Patienten die Vorstellung eines »guten Endes« – eines Lebens nach dem Tod – nahezubringen, sei es nun in christlicher, islamischer oder buddhistischer Vorstellung.

Die Seelenkälte und Entfremdung in unserer modernen Zivilisation beruht meines Erachtens auch auf einer seelischen Verdrängung des eigenen Todes, der uns in der Tiefe unseres Herzens demütig, menschlich und auf paradoxe Weise erst richtig lebendig macht. Der Tod konfrontiert uns mit der Wahrheit unseres Lebens.

So verändern viele Krebskranke nach der Diagnose des Arztes radikal ihr Leben.

Man fragt sich, warum das nur Krebskranke tun? Im Grunde sollte doch jeder von uns wissen, dass er nur dieses Leben hat und genauso wie der Krebskranke irgendwann sterben muss.

Eine der wichtigen Aufgaben, auf die man als Arzt während des Studiums nicht vorbereitet wird, ist die Seelsorger-Funktion, deren Ausübung bei den Hinterbliebenen notwendig wird. Was sich zunächst schwülstig anhört, beruht auf ganz realen, handfesten Problemen und emotional extrem aufwühlenden Erfahrungen.

  • Wie tröste ich etwa eine geistig behinderte Frau, deren verstorbener Ehemann eine Mischung aus Vaterersatz, Geliebter und bester Freund war und die nun völlig allein dasteht?
  • Wie helfe ich einer Mutter über den Tod ihres Kindes hinweg?

Bei Menschen mit einer tiefen Gläubigkeit – modisch formuliert:

mit einer spirituellen Orientierung – gibt es solche Probleme weitaus seltener.

Die einzige Hilfe, die ich als Arzt in solch existentiellen Krisen anbieten kann, ist nun mal der Glaube. Rational orientierte Patienten sagen mir dann mit einem provokanten, aber neugierigen Unterton: »Glauben Sie wirklich an so einen Quatsch? An den Sinn im Leben? An eine höhere Macht, die es gut mit uns meint? An ein Weiterleben nach dem Tod?«
Mein »Ja« dazu kann oft erst nicht überzeugen und ich muss Beweise liefern, etwa indem ich auf die zahlreichen überzeugenden Reinkarnationserfahrungen hinweise, die es beispielsweise bei Kindern gibt, die sich leichter an frühere Leben erinnern können.

Auch in den Büchern der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross gibt es zahlreiche Berichte, die für ein Leben nach dem Tod sprechen. Folgende Geschichte erzähle ich gerne verzweifelten Eltern. Ein in New York sterbendes Indianerkind hatte der Ärztin Kübler-Ross gesagt, sie würde von ihrer Schwester abgeholt. Aus anderen Berichten wusste die Forscherin, dass ein sterbendes Kind oftmals von verstorbenen Verwandten »abgeholt« wird. »Komisch, die Schwester lebt doch«, dachte Frau Kübler-Ross, bis sie nach dem Tod des Indianerkindes erfuhr, dass die Schwester einige Tage zuvor im Reservat einen tödlichen Verkehrsunfall erlitten hatte. Die Nachricht dieses Unglücks war aber nicht bis nach New York gedrungen, so dass das sterbende Kind nichts davon gewusst haben konnte.

Ein anderer spiritueller Aspekt in der ärztlichen Praxis ist die unwahrscheinliche Häufung bestimmter Ereignisse, die an so etwas wie »geistige Führung« denken lässt.

Eine Zeitlang hatte ich grosse private Probleme und »wie zufällig« kamen Patienten mit genau den gleichen Problemen, denen ich genau die Ratschläge erteilte, die ich selber brauchte. Als mich das zu ärgern begann, kam als nächster Patient ein Rechtsanwalt, der diese blödsinnige Spiegelpädagogik beendete und direkte praktische Tipps gab, die mir – im Nachhinein betrachtet – viel geholfen haben.

Eine ganz andere spirituelle Dimension eröffnete sich mir durch Selbsterfahrungs-Seminare u.a. bei der Körpertherapeutin Gerda Boyesen und Rhea Powers. Hier war mir eine Ebene der Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit und Ehrlichkeit aufgefallen, die bei Teilnehmern mit sehr tiefgreifenden Erlebnissen sichtbar wurde. Diese Ebene schien besonders wirksam und kathartisch zu sein.

Hier scheint sich auch das abzuspielen, was wir bei Spontanheilungen und Gebeten erleben, nämlich dass unserer Psyche verborgene Heilkräfte innewohnen. Darüber hinaus entdecken wir auf dieser Ebene unser »authentisches Menschsein« wieder, ein schwer beschreibbares Gefühl von Wirklichkeit, Erdung und Ehrlichkeit. Für mich als Arzt verschwimmt auf dieser Ebene die Trennung von Therapeut und Patient. Mir kommt es so vor, dass ich häufig durch meine Patienten zum Schüler und Belehrten werde.

09.11.2020
Dr. med. Reimar Banis
Reimar Banis ist Facharzt für Allgemeinmedizin in der Schweiz.
Weitere Informationen: wwwigpse.ch und www.rubimed.com

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Literatur
Reimar Banis, Psychosomatische Energetik (Co’med Verlag Sulzbach, 1998)
Gerda Boyesen, Von der Lust am Heilen (Kösel Verlag München, 1995)
Candi Mohlberg, Radiästhetische Studien – Briefe an Tschü (Verlag RGS St.Gallen, 1982)
Larry Dossey, Heilende Worte – die Kraft der Gebete und die Macht der Medizin (Verlag Bruno Martin Südergellersen, 1995)
Elisabeth Kübler-Ross, Über den Tod und das Leben danach (Die Silberschnur Verlag Neuwied 1991)
Roger J. Woolger, Die vielen Leben der Seele (Hugendubel München 1992)

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