Was Flucht bedeuten kann – wie wichtig es ist Wurzeln zu haben

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takeo-christa-kandelFlucht Trauma Angst – Was Flucht bedeuten kann 

Meine Familie wurde am 20. Januar 1945 in Breslau zerrissen.
An diesem Tag musste mein Großvater Takeo sich von der hochschwangeren Charlotte trennen.
Zwei Tage später gebar sie – den Donner der Bomben die immer näher rückten in den Ohren – ihr gemeinsames Kind, meine Mutter. Sie haben sich nie wieder gesehen.

Das Kind bekam den Namen Aiko Gabriele Mariko – Aiko heißt „Liebe“ schreibt meine Omi in ihrem Tagebuch.
Die Kleine war ein Kind der Liebe, das sollte sie im Namen tragen. Und doch klingt in dem Namen auch die Zerrissenheit zwischen den Welten, zwischen zwei Familien die sich nie kennenlernten, zwischen zwei Kulturen, der japanischen und der deutschen.

Kaum war das Baby da, musste Charlotte fliehen.

Die Russen kamen, Bomben zertrümmerten die Stadt. Was diese Flucht bedeutet hat, beginne ich erst jetzt zu ahnen. Ich habe das im Geschichtsunterricht nicht gelernt.
Was in den Geschichtsbüchern steht ist tot. So tot wie die Gedanken derer, die Kriege an ihren Schreibtischen planen.
Das Leben ist anders. Menschen sind anders. Menschen fühlen ihr Leben.

Ich merke jetzt, mit Mitte vierzig, dass Traumen aus dieser Zeit mir in den  Knochen stecken.

Ich spürte es vor drei Jahren, als die ersten Bilder von wandernden Familien und Kindern die im Straßengraben schliefen durch die Medien gingen. Das aktivierte etwas in mir. Das kannte ich. Und eine überwältigende Welle des Mitgefühls übermannte mich.

Ich habe mich entschlossen nach meinen Wuzeln zu suchen, denn ich merke jetzt wie wichtig es ist Wurzeln zu haben, Heimat zu haben.

Heimat, was ist das eigentlich, Heimat?

„Das Land der Väter“ . Ich habe das nicht. Es gibt mir einen Stich ins Herz wenn ich das höre.
Meine Großeltern kommen fast alle aus Schlesien, bis auf Takeo der aus Japan kam. Takeo kehrte 1945 nach Japan zurück, Charlotte, Gretl und Karl-Heinz machten sich auf den Weg in den Westen und dort begegneten sich Jahre später ihre Kinder, meine Eltern.

Heimat – das hatte für mich früher sogar einen negativen Touch.
Heimatfilme waren kitschig und diese Menschen die Heimat pflegten standen im Verdacht „braun“ zu sein.

„Heimat ist doch da wo ich mich zu Hause fühle, wo die Menschen sind die mir wichtig sind“,

habe ich mir immer gesagt.
Ich dachte Heimat muss nicht an einen Ort gebunden sein, an ein Land.
Vielleicht sogar unabhängig von Familie?
Einfach da wo die Leute sind mit denen man sich verbunden fühlt.

Inzwischen glaube ich, dass das nicht stimmt.

Das sind Gedanken die sich aus der Not heraus entwickelt haben.
Was sollte meine Familie anderes tun als sich mit der neune Heimat zu arrangieren und dort zu versuchen wieder Fuß zu fassen, Wurzeln zu schlagen. Doch es bleiben Wunden.
Die Zeit heilt Wunden sagt man – ja vielleicht.

Manche vernarben. Aber manche eitern auch heimlich still und leise weiter vor sich hin. Wie eine versteckte Entzündung im Körper. Hier und da bricht die Wunde mal auf, Eiter quillt heraus und Wundflüssigkeit, man pflegt die Wunde, es heilt wieder zu, aber der Herd ist nicht bereinigt.
Die Entzündung arbeitet weiter im Körper und richtet mehr und mehr Zerstörung an.

Ich meine, dass dieser Prozess auf vielen Ebenen in vielen Familien in unserem Land stattfindet.
Unbemerkt, weil keiner mehr an die eigentliche Ursache denkt. Es ist ja alles schon so lange her…

Was bedeutet es seine Heimat zu verlieren weil man fliehen muss, weil man vertrieben wird?

Fühl dich kurz hinein.

Du musst alles zurücklassen was dir wichtig ist. Dein Land, dein Elternhaus, Dinge die du liebst und mit denen du Erinnerungen verbunden hast, Fotos, Schallplatten, dein Lieblingssessel, die Vorratskammer in der immer etwas zu Essen zu finden war, deine Bücher, dein warmes Bett mit den weichen Decken, der Baum vor der Tür in dem die Eichhörnchen tollen, die eigenen vier Wände in denen du dich sicher gefühlt hast.

„Ja ist denn das so schlimm? Sind das nicht alles nur Äußerlichkeiten, materielle Dinge an denen das Herz nicht hängen sollte?“ So oder ähnlich könnten Esoteriker argumentieren. „Besser wir besinnen uns nur auf geistige Werte.“

Ich meine das ist falsch.

Ja, das ist schlimm. Das ist ein totaler Verlust an Sicherheit. Man darf nicht aus den Augen verlieren wo wir uns befinden. Man darf nicht ständig die Ebenen verwechseln. Wir sind zwar geistig spirituelle Wesen, aber als geistig spirituelles Wesen leben wir jetzt gerade auf der Ebene der Materie.

Jetzt gerade wo du das liest, bist du in einem materiellen Körper, nehme ich mal an. Und dieser materielle Körper unterliegt den Gesetzmäßigkeiten dieser materiellen Ebene. Er benötigt materielle Unterstützung und materielle Sicherheit zum Überleben. Essen, etwas Warmes zum Anziehen wenn der Winter kommt, ein geschützter Raum in den du dich zurückziehen kannst, um  dich zum Beispiel beim Schlafen sicher zu fühlen.

All das wird Menschen genommen die fliehen müssen.

Und da ist Angst. Viel Angst. Angst vor dem Feind der näher kommt. Was tut er mit dir wenn du nicht rechtzeitig weg kommst. Wirst du Schmerzen erleiden müssen? Vergewaltigung? Folter? Tod?

Angst vor der ungewissen Zukunft. Wo sollst du hingehen? Was kannst du da tun? Wovon leben? Wo wohnen? Geld hast du keines mehr. Alles was dir  gehörte musstest du zurücklassen. Es gibt kein Sparkonto auf das du zurückgreifen kannst.

Wo schläfst du heute Nacht? Musst du wieder draußen liegen? Wie kannst du dein Kind schützen? Wird dir noch die kleine Mappe, mit den wenigen letzten Erinnerungsfotos die du unter deiner Jacke versteckt hast geklaut, weil ein Dieb hofft das Geld darin ist?

Es ist kalt. Hoffentlich überlebt das Kind die Nacht.

Das Kind weint. Es hat Hunger. Du hast auch Hunger. Nagenden Hunger. Aber schlimmer noch ist das weinende Kind. Wo sollst du etwas zu essen hernehmen?

Und wo sind deine Lieben? Deine Eltern und Geschwister? Freunde? Sind sie in Sicherheit? Leben sie noch? Werdet ihr euch je wieder sehen?

Flucht und Vertreibung bedeuten maximalen Verlust an Sicherheit für einen Menschen.

Und dieses Trauma steckt tief, tief verankert und wird auch an die Kinder und Kindeskinder weitergegeben.

Mach dir nichts vor. Dieses Trauma muss geheilt werden. Sicherheit beginnt bei der Wurzel. Bei der Verbindung zum Materiellen, zur Erde. Und jede weitere spirituelle Entwicklung kommt erst danach.

Um zu Heilen muss diese Wunde erstmal wahrgenommen werden. Das Leid das deine Vorfahren erlebt haben muss gesehen und benannt werden. Es ist wunderbar, dass das deutsche Volk mit seinen Erfahrungen sehr viel Empathie entwickelt hat und dass sehr viele Menschen in sich den Impuls haben helfen zu wollen. Doch die eigenen Leiden und Wunden dürfen nicht verschwiegen werden. Wer sich nicht selbst heilt kann auf Dauer auch keinem anderen helfen.

Weltweit sind Menschen auf der Flucht.

Überall werden Kriege geführt. Es gibt Kräfte auf dieser Welt, die haben ein Interesse daran die gesamte Menschheit zu entwurzeln.
Warum?
Weil ein entwurzelter Mensch zum Beispiel keine nährende Energie durch seine Wurzeln empfangen kann. Stattdessen fließt diese Energie wunderbar in andere Kanäle, die sich dadurch bereichern. Und so bleiben am Ende einige Wenige die vom Krieg profitieren und eine große Menge die darunter leidet.

Ich sehe mir das jetzt an in meiner Familie.

Und zwar nicht nur auf der Ebene der Energien, sondern auch ganz konkret im Materiellen. Ich sehe und höre mir an was den Menschen meiner Familie, in meinem Land widerfahren ist. Welche Gefühle sie durchlebt und durchlitten haben.

Ich versuche die Fäden die gerissen sind wieder zusammen zu führen.
Ich konfrontiere mich mit den Wunden der Vergangenheit.
Manchmal ist das schmerzhaft, keine Frage.
Aber eine eiternde Wunde muss gesäubert werden, was sehr unangenehm sein kann, doch nur dann kann sie heilen.

17.09.2018
Christa Kandel

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