Phänomen der Zeit und Dimension des Ich bin

zeit himmel

Das Phänomen der Zeit und die Dimension des „Ich bin“

Die Zeit als Illusion

„Die Vielfalt von Zeit, Raum, Materie, Energie und Erfahren existiert nur in der nicht-existierenden Unwissenheit.“
(Yoga Vasishtha, 6.2.190, „Die Geschichte von Kundadanta“)

Ein Weiser (ein Jnani) befindet sich dort, wo die Zeit ihren Gang noch nicht begonnen hat, denn sein Bewusstsein ist zum großen Teil unbeweglich und befindet sich im Zustand des Nichthandelns. Auch wenn er handelt, ist der große Teil des Bewusstseins im Zustand der Inaktivität. Im Raum des „Ich bin“.

Das Handeln existiert in diesem Teil des Bewusstseins lediglich als nicht manifestierte Möglichkeit, als Vibration. Als Potential einer Bewegung und nicht als objektive Tatsache. Dort hat sich die Vergangenheit noch nicht von der Zukunft getrennt und die Zukunft nicht von der Gegenwart. Die Zeit ist hier wie ein Same, der noch nicht zu sprießen begonnen hat.

Es ist eine Welt, in der Zeit und Raum wie in einem transzendentalen Punkt zusammengezogen sind. Ein Jnani ist eins mit diesem Punkt. Deswegen weiß er, dass die Zeit dorthin fließen wird, wohin die Bewegung der Vibration in seinem reinen Bewusstsein zeigen wird.

Ein Erleuchteter, der aus diesem Punkt heraus handelt, kann mit Hilfe seines Willens die Zeit beschleunigen, sie in eine andere Richtung fließen oder sie kreisen lassen. Oder er kann durch die Kraft seiner Absicht subtiler Ebene erreichen, in denen die Zeit anders fließt. In einer Sekunde kann der Jnani die Ereignisse vieler tausend Jahre durchleben. Und tausend Jahre können für ihn wie eine Sekunde vergehen.

Ein Jnani reist wie ein ewiger, unsterblicher Reisender durch die verworrenen, unendlichen Labyrinthe der Zeit. Er versteht, dass die Zeit und die Welten, in denen er sich bewegt, Illusionen sind, wie ein Trick eines Magiers.

Vergangenheit als Traum

„Wenn es niemanden gibt, der sich erinnert – wie könnte dann die Erinnerung existieren? Folglich erscheint diese Erinnerung, die im Bewusstsein auftaucht (ob aufgrund früheren Erfahrungen oder anderweitig) als die Welt.“
(Yoga Vasishtha, 4.3, „Über die Existenz“)

Der Moment, in dem der Jnani das Wissen erhält, ist wie eine zweite Geburt. Wie die Geburt eines vollkommen neuen Wesens in seinem Körper, die wenig mit der Person zu tun hat, welche die früheren Ereignisse erlebt hatte.

Deswegen hat ein Jnani keine Vergangenheit. Es gibt keine Geschichte, denn er steht nun an der Quelle, aus der die Geschichte entspringt. Alle Ereignisse und Erscheinungen sowie seine Vergangenheit können sich in Abhängigkeit von seiner Absicht verändern.

Vergangenheit als Spiel der Gedanken

Da die ganze Welt für einen Jnani irreal ist und einer Einbildung gleicht, so ist auch die Vergangenheit eines Menschen, der Realisation erlangt hat, illusorisch und wird als Spiel eigener Gedanken gesehen. Dieses enthält viele Varianten und ist untrennbar von Gegenwart und Zukunft. Es ist einfach ein Strom an gedanklichen Eindrücken, an Erinnerungen, die in den Archiven des Gedächtnisses aufbewahrt werden.

Die Vergangenheit bedrückt einen Jnani nicht, denn er hat keine Samskaras (mentale Abdrücke) mehr, zumindest keine Anhaftung an sie. Und das bedeutet, dass es auch kein Zurückdenken an die Vergangenheit gibt, wie dies bei gewöhnlichen Menschen der Fall ist.

Da er nicht durch das Gedächtnis gebunden ist, wird die Vergangenheit vom Jnani so gesehen, als wäre sie ein Witz und eine Illusion. Im Bewusstseinsstrom eines Jnanis existiert keine Historie.
Die Wichtigkeit aller Ereignisse der Vergangenheit verschwindet, sobald das Wissen des Absoluten erlangt ist, Jnana.

Jnana nimmt der Vergangenheit die Grundlage, raubt den Glauben an ihre Wirklichkeit. Denn die Vergangenheit ist auf der Unwissenheit aufgebaut, auf den illusorischen Ideen „ich bin der Körper“, „die Welt existiert“, „ich handle“, „das ist mein“, „das sind sie“ und so weiter.

Sobald die Illusionshaftigkeit von Subjekt und Objekt festgestellt ist, erscheint ihm die ganze Vergangenheit als Spiel, als Theaterstück, das er für Realität gehalten hatte.

Obwohl ein Jnani seine Verbindung mit der Vergangenheit nicht fühlt, negiert er seine Vergangenheit nicht. Er versteht nur, dass alles, was geschehen ist, nicht mit ihm geschah. Sondern mit jemandem anderen, mit seiner Person. Denn eine reine Negierung wäre eine Form der Anerkennung als Realität.
Er kennt seine Vergangenheit nur als ein vollkommenes Spiel des Absoluten, denn in Wirklichkeit gab es ihn nie als jemanden, der die Ereignisse der Vergangenheit erlebte. Und er weiß, dass alles Vergangene nur ein reines Spiel der Emanationen des Absoluten war.

Die Flexibilität der Vergangenheit

Er kann sich seine Vergangenheit daher nach Belieben aussuchen.
Ein Mensch der gewöhnlichen Welt ist durch seine Vergangenheit fixiert und begrenzt. Denn in seinem Bewusstsein werden Abdrücke aufbewahrt, denen er große Bedeutung beimisst und die daher einen starken Einfluss auf sein Leben besitzen.

Diese Prägungen enthalten Verbindungen mit verschiedenen Welten und Ereignissen, stehen in einer linearen zeitlichen Ursachenlogik und werden im Gedächtnis als Erinnerungen aufbewahrt. Während sie sich im Gedächtnis befinden, werden sie Teil der Person, des Egos. Als Faktor einer Persönlichkeit bestimmen sie Selbstidentifikation, Status und Selbsteinschätzung eines Menschen. Sie bestimmen seine Inhalte und Werte in der aktuellen Welt und beeinflussen seine Handlungen und sein Denken, formen seine Zukunft.

Auf einen Jnani wirkt dieser Prozess nicht, da seine Prägungen oder Identifikationen mit im Licht der meditativen Präsenz aufgelöst wurden und sein Gedächtnis keine Macht mehr über ihn hat. Ein Jnani ist Herr seines Gedächtnisses. Er sucht selbst aus, an was er sich erinnert und an was nicht. Was seine Vergangenheit ist und was nicht. Er versteht, dass alle Erinnerungen und Ereignisse ein Spiel sind, Bewegungen auf dem Wasser des Ozeans des Bewusstseins.

Die Zukunft aus dem „Ich bin“ Bewusstsein

„Das unendliche Bewusstsein wird sich seiner eigenen Macht bewusst, so wie jemand der Glieder seines Körpers bewusst wird. Dieses Gewahrsein wird Niyati (die Macht des Absoluten, die der Natur gebietet) genannt. Es wird auch als Daiva bzw. göttliche Fügung bezeichnet. … Niyati kann nicht einmal von Göttern wie Rudra übergangen werden. Weise Menschen jedoch sollten deswegen nie die Eigenbemühung aufgeben, weil Niyati nur als und durch die Eigenebemühung funktioniert. … Wenn jemand untätig bleibt und sich darauf verlässt, dass Niyati alles für ihn erledigt, dann wird er bald feststellen, dass das Leben schwindet, denn Leben ist Aktivität. Er kann durch Eintritt in den höchsten überbewussten Zustand den Atem anhalten und die Befreiung erlangen – aber eben das ist in der Tat eine allergrößte Eigenbemühung.“
(Yoga Vasishtha, 3.63, „Die Geschichte von Lila“)


Ein Jnani lebt in einer Dimension, in der die Zeit noch nicht in ihre drei Zustände aufgeteilt ist. Deswegen versteht er, dass alle Ereignisse im Absoluten gleichzeitig existieren. Genau jetzt, ohne jede Trennung. In der Form subtiler, noch nicht zum Ausdruck gebrachten Potenziale, Ursachen und Wahrscheinlichkeiten.
Diese Wahrscheinlichkeiten sind nicht konkretisiert, sondern gewissermaßen verwaschen. Und sie widerspiegeln die allgemeinen Tendenzen der Seele, die sich hier ebenfalls in einem noch ungeborenen Zustand befinden.

Der Ajnani, der Mensch dieser Welt, lebt in der Dimension, die durch die Gesetze der Physik der materiellen Welt verwaltet wird. In der diese Geburt schon erfolgt ist, und in der die Realität aus ihrer wahrscheinlichen Formierung in eine Konkretheit übergegangen ist. Er befindet sich in Unwissenheit bezüglich der wirklichen Natur der Realität, des Bewusstseins, der Zeit und des Karmas. Und er glaubt deswegen, dass Zukunft und Vergangenheit klar getrennt sind und das eine nie zum anderen werden kann.

Zeit als Beleuchtung der Ereignisse und kollektiver und individueller mentaler Abdrücke

Wenn das Bewusstsein sich auf irgendeine Wahrscheinlichkeit konzentriert, geschieht dies als eine Abfolge in der Beleuchtung der Ereignisse. Und die Zeit geht in einen manifestierten Zustand über. Die Ereignisse werden in der Reihenfolge erlebt, in der sie das Bewusstsein beleuchtet. Ereignisse, die vom Bewusstsein schon beleuchtet – und in Folge bereits konkretisiert und materialisiert sind – und danach wieder verlassen wurden, gelten als Vergangenheit. Ereignisse, die gerade beleuchtet werden und sich in diesem Moment zum Ausdruck bringen, werden Gegenwart genannt. Und solche, die noch nicht von der Kraft des Bewusstseins der subtilen Körper beleuchtet sind, gelten als Zukunft.

Der Fluss der Zeit ist eine einfache Abfolge der Beleuchtung verschiedener individueller und kollektiver mentaler Abdrücke durch das Bewusstsein.

Der Mensch der gewöhnlichen Welt erschafft seine Zukunft, indem er unbewusst Taten begeht, Gedanken produziert und neue Abdrücke im Bewusstseinsstrom generiert. Sie werden zur Ursache der Zukunft werden, um später als neue Tendenzen und Ereignisse zum Ausdruck zu kommen, als Folgen der Gegenwart. Nur ein Jnani modelliert seine relative Zukunft und versteht, dass sie so sein wird, wie er sie sich vorstellt.

Subtile Bewusstheit der Illusionshaftigkeit als Kraft für die schöpferische Gestaltung der Zukunft

Zukunft existiert für einen Jnani an sich nicht, weil sie prinzipiell illusorisch ist. Sie geht aus dem erweckten subtilen Bewusstsein des Jnani hervor, als ein Spiel seiner schöpferischen Vorstellung.

Im Wissen um die Einheit von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart im Absoluten, erlaubt ein Jnani der Zukunft ganz natürlich zu fließen. So wie sie ist. Aber manchmal steuert er sie mit der Kraft der Absicht, erschafft ein Modell der Realität, das er für die Manifestation seiner Spiele benötigt.

Die Kraft der Absicht ruft eine andere Kraft an, die Energie des unendlichen Bewusstseins (Cit-Shakti).
Der Jnani schickt die Kraft aus dem Raum der Wahrscheinlichkeit in verschiedene Welten und schafft auf diese Art Reihenfolgen von Ereignissen. Er schafft Ketten von Geschehnissen, die untereinander als Ursachen und Wirkungen verbunden erscheinen. Aber in der Wirklichkeit sind diese Ursachen und diese Wirkungen nicht linear miteinander verbunden. Sie wurden durch den Bewusstseinsstrom des Jnanis gleichzeitig generiert.

Ein Jnani erbaut nicht eine Zukunft, sondern er geht zur Quantenebene der Wahrscheinlichkeiten und wählt dort seine Zukunft aus der unendlichen Zahl der bereits gleichzeitig existierenden variativen Szenarien aus.

So wird der Jnani zum Weber der Realität, zum talentierten Bühnenbildner und zum Regisseur der Zukunft.

Einige Teile des Artikels wurden dem Buch „Ich bin. Spirituelle Alchemie des inneren Universums“ von Swami Vishnudevananda Giri entnommen.
Mehr dazu finden Sie auf https://de.advayta.org und in den Büchern von Swami Vishnudevanda Giri „Laya Yoga. Das Leuchten der kostbaren Geheimnisse“, „Nada und Jyoti Yoga“, „Leben in Gott. Autobiographie eines Jnanis“, „Kodex eines Meisters“, „Spirituelle Achemie. Der Weg der inneren Askese“.

16.01.2024
Ramanatha Giri
www.de.advayta.org

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Ramanatha Giri Das Phänomen der Zeit und die Dimension des „Ich bin“ Ramanatha Giri

Ramanatha Giri ist Yogi, Philosoph, Lektor, seit 20 Jahren Mönch in der Advaita-Tradition der Siddhas in der Linie des Meisters Swami Vishnudevananda Giri und ist in der Ukraine geboren.

Seit 2010 führt er Seminare und Retreats im Jnana-, Raja- und Kundaliniyoga sowie Pranavidya in Westeuropa, den USA und der Ukraine durch und bietet persönliche spirituelle Beratungen an.

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