Abgründe des Leidens aller Wesen

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Abgründe des Leidens aller Wesen

Sufi-Meister Pir Vilayat Inayat Khan 

 „Konfrontiert mit den Abgründen des Leidens aller Wesen kann ein Mensch, der wirklich erwacht ist, gar nicht anders, als sich von göttlicher Liebe motiviert zu fühlen, eine Art ‚Ritter des Erwachens‘ zu werden, dessen Motto die höchste Hingabe für den Dienst am Nächsten ist. Für den spirituell Suchenden, der bei dieser Erkenntnis angelangt ist, wäre ein Rückzug vom Leben zum Erlangen individueller Erleuchtung größter Egoismus.“

 

Pir Vilayat Inayat Khan war das Oberhaupt des von Hazrat Inayat Khan

(1882 – 1927) gegründeten Sufi-Ordens. Pir Vilayat zählte zu den bedeutenden spirituellen Meistern unserer Zeit. Wer diesem wunderbaren Weisen und Mystiker jemals begegnet ist, weiß von der strahlkräftigen Faszination dieser Persönlichkeit zu berichten. Für mich bleiben die persönlichen Begegnungen unvergesslich, zuletzt noch 2 Monate vor seinem Tod.

Er starb am Donnerstag, den 17. Juni 2004 in seinem Haus in Suresnes, etwas außerhalb von Paris, zwei Tage vor seinem 88. Geburtstag. Er hinterließ seine Frau Mary Walls, mit der er seit mehr als 50 Jahren verheiratet war, seinen jüngeren Bruder Hidayat und seine Schwester Claire Harper, seine Tochter Maria, seine beiden Söhne Zia, den er als spirituellen Nachfolger eingesetzt hat, und Mirza sowie drei Enkelkinder. Sein Körper wurde zur Beisetzung nach New Delhi, Indien, in den Grabkomplex, wo sein Vater beerdigt ist, gebracht.

Am Ostersonntag 2004 bin ich ihm zum letzten Mal persönlich begegnet. Wir haben viel über das Mysterium des Atems gesprochen.

In einer Welt, die von viel Lärm und peripheren Erscheinungen bestimmt ist, wandelt der Sufi-Meister unauffällig – es gibt keinen Presserummel um ihn – von Land zu Land, um unermüdlich Menschen in die göttliche Gegenwart zu führen.

Er bewegte auf leisen Sohlen viel mehr, als man sich vorstellen kann.

Pir Vilayat wurde am 19. Juni 1916

als zweites von 4 Kindern Hazrat Inayat Khans in London geboren und wuchs in Suresnes bei Paris auf. Dort wurde er als ältester Sohn in seinem 10. Lebensjahr von seinem Vater zum Nachfolger bestimmt. Der berühmte Hazrat Pir-o-Murshid Inayat Khan wurde am 5. Juli 1882 in der indischen Stadt Baroda geboren und war ein Meister der klassischen Musik Indiens.

Der Maharaja von Hyderabad war so tief von seinem inspirierenden Gesang und der mystischen Bedeutung der Liedtexte berührt, dass er den noch jungen Musiker hoch ehrte und beschenkte. 1910 verließ Hazrat Inayat Khan Indien und reiste zusammen mit seinen Brüdern durch viele Länder Europas und Amerikas. Mit der indischen Musik öffnete er die Herzen vieler Menschen für die Sufi-Botschaft von der alles umfassenden Harmonie und der alle konfessionellen Grenzen überschreitenden Einheit.

Seine Bücher und Gedanken über Musik (das meiste leider nur in der englischen Sprache erhältlich) zählen für mich zum Wertvollsten, was ich über die tiefste Bedeutung von Klang und Kosmos gelesen habe. Im Herbst 1926 reiste Hazrat Inayat zum ersten Mal wieder nach Indien, nachdem er in Suresnes den Grundstein für einen Tempel für alle Religionen gelegt und seinen Sohn Vilayat zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. Am 5. Februar 1927 erlag er in New Delhi einem Fieber. Er wurde nur 46 Jahre alt.

Bevor Pir Vilayat das Amt von seinem Vater übernahm,

studierte er an der Universität Sorbonne/Paris Philosophie und Psychologie; in Oxford führte er Forschungsarbeiten in seinem Studienfach Psychologie durch. Außerdem studierte er Musik bei der legendären Nadia Boulanger (1887 – 1979) an der École Normale de Musique, Paris. Nadia Boulanger war die erste Frau, die u.a. die New Yorker sowie die Londoner Philharmoniker dirigierte.

Während des 2. Weltkriegs engagierten sich Pir Vilayat als Offizier auf einem Minensuchboot der britischen Marine und seine ältere Schwester Noor als Funkerin in der französischen Résistance im Kampf gegen das national-sozialistische Deutschland. Noor wurde im Konzentrationslager Dachau umgebracht.

Umfangreiche Studien der vergleichenden Religionswissenschaft und intensives spirituelles Training bei geistigen Lehrern verschiedener Traditionen, insbesondere des indischen Sufismus, führten ihn in zahlreiche Länder der Welt, bevor er die Leitung des Sufi-Ordens übernahm.

In seinem Anliegen, die Sufi-Botschaft seines Vaters den Menschen unserer Zeit nahezubringen, verbindet Pir Vilayat die Erfahrungen der Mystiker einerseits mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften. Möglichst vielen Menschen zur Erweckung und zu einem kreativen und verantwortungsvollen Engagement im Leben zu verhelfen, ist die zentrale Aufgabe, der Pir Vilayat sein Leben gewidmet hat. Seine große Liebe gehört der Musik.

Pir Vilayat, weltbekannt durch sein Buch Der Ruf des Derwisch“ (1981), legt in seinem Buch  „Awakening“ („Erwachen“), New York 1999, die Summe seiner reichhaltigen Erfahrungen vor.

Er schreibt u.a.:

„Während eines Meditations-Kurses in den Alpen hatte ich einmal ein besonderes Durchbruchs-Erlebnis, das überdies vom Wetter und der umgebenden Landschaft auf dramatische Weise reflektiert wurde. Nach einer stürmischen Nacht in den Bergen, nur notwendig geschützt unter dem Dach einer Schäferhütte, beobachtete ich, wie die dunklen Wolken von einem starken Wind vertrieben wurden, und hörte zu, wie sich die Donnerschläge allmählich in die Ferne verzogen.

Gleichsam in mitfühlender Resonanz begann sich mein Bewusstsein aufzulösen und in ein unendliches, grenzenloses Universum zu verteilen. Zusammen mit dem Sturm verzogen sich meine Vorstellungen über die Welt, den Kosmos, meine persönlichen Umstände, ungelöste Probleme, Werte, geeignete oder unpassende Handlungen – ja sogar meine Unterweisungen über die göttlichen Qualitäten, den Sinn des Lebens, über das Ich, die Körperlichkeit, die Psyche. Plötzlich schienen alle diese Gedanken so nichtig, wertlos und irreführend.

Doch anstatt in einer dunklen Nacht der Negativität umherzutappen, die der Zusammenbruch meiner mentalen Strukturen nach sich zog, klammerte ich mich an den Sinn gerade dessen, was soeben mein gewöhnliches Denken erschüttert hatte. Es war der vollendete Quantensprung. Ich war eingetaucht in den nicht mit Worten zu beschreibenden Zustand der Einheit jenseits des Lebens – der als Ewigkeit entschleierten Existenz.

Wie ist die unaussprechliche Schönheit dieses Mysteriums zu erklären? Wir streben zum Beispiel nach Wissen und Verständnis – aber kennen wir den Wissenden? Wir lauschen einer Musik – aber kennen wir den Komponisten? Musik spiegelt das Wesen des Komponisten wider, so wie der Kosmos das Universum wider-spiegelt. Können Sie sich vorstellen, wie es wäre, einem Musikstück zu lauschen, wie es sich im Geist des Komponisten ursprünglich geformt hat, Note um Note, die in sein Bewusstsein aufsteigt und sich zu einer Sinfonie oder einem Lied ordnet?

Ein solches Erlebnis würde uns einen völlig anderen Einblick in das Wesen des Komponisten vermitteln. Statt ihn als Körper, Verstand, Persönlichkeit oder Psyche zu sehen, würden wir ihn aus der erleuchteten Perspektive als die Quelle einer ursprünglichen Intention wahrnehmen. Das ist genau die Bewusstseinsveränderung während der Meditation, durch die wir erleben, was es heißt, wie das Universum zu denken. In unserem gewöhnlichen Erleben denken wir in Begriffen der Dualität: wir erkennen etwas und halten das Erkannte für anders als uns selbst. Doch hier, auf dem Gipfel, ist alles eins….“

Der Benediktinermönch und Mystiker David Steindl-Rast, der am 12. Juli 2023 seinen 97. Geburtstag feiert,  schreibt: „Pir Vilayat Inayat Khan war ein leidenschaftlicher Lehrer, ein beweglicher Geist, eine Stimme, die das Herz erweckt wie Musik.“

22.06.2023
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.de


Über Roland R. Ropers

Abgründe des Leidens aller Wesen Roland Ropers 2021

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.

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Buch Tipp:

cover kardiosophie Roland RopersKardiosophie
Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle

von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu

Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.

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