
Erleuchtung ohne Training in innerer Ruhe und Stille nicht erreichbar
Erleuchtung und Befreiung sind Dimensionen, die ohne Training in innerer Ruhe und Stille nicht erreicht werden können. Nachdem beim Üben in der Meditation wir in innerer Stille, Ruhe und geistiger Gelassenheit waren, müssen wir versuchen, diesen Zustand auch außerhalb der Meditation aufrechtzuerhalten. Wir müssen versuchen, etwas weniger zu reden, zu denken, zu tun, zu erwarten und zu erhoffen. Wenn wir tatsächlich nach Erleuchtung und Befreiung streben, ist der Rest nur noch Ablenkung davon.
Der Atman, unsere wahre Natur, das transzendente, alles durchdringen Bewusstsein, ist Stille. Also bleiben wir darin. Aber oft setzt sich unser Geist neue äußere Ziele und erzeugt irgendwelche Energien.
Kontrolle der Energien
Ein Yogi muss große Anstrengungen unternehmen, um ruhig, still und klar zu sein. Er kann nicht zulassen, dass die verwirrenden, aktiven und groben Energien des Verstandes ihm diesen inneren Frieden wegnehmen.
Gleichzeitig sollte man nicht zu schwach oder introvertiert sein. Hier gibt es manchmal noch ein anderes Extrem: Sobald ein Yogi beginnt, seinen Frieden zu schätzen, wird er hypersensibel und ist dadurch geschwächt. Er beginnt, einige Energien zu leugnen und zu unterdrücken, weil sie diesen Frieden stören. Man fängt an, alles zu meiden. Mitunter wird man dadurch infantil. Man weiß nicht, wie man mit den Energien umgehen soll. Ein Yogi wird abhängig, weil sein Frieden nur unter künstlichen Bedingungen erhalten bleibt und sonst schnell gestört wird. Beides sind keine wünschenswerten Zustände.
Der Frieden sollte kultiviert, dabei mit den Energien aber auch interagiert werden. Man braucht keine Angst vor ihnen zu haben, sollte jedoch mit Zurückhaltung, konsequent und mit innerer Disziplin mit ihnen umgehen. Es kommt oft vor, dass die Energie eines Yogis nach spirituellen Erfahrungen zunimmt. Dann möchte er seine Energie nach außen manifestieren, sie irgendwie auszudrücken und sie benutzen. Das wäre ein Fehler.
Sobald man die Erfahrung des inneren Friedens gemacht hat, soll man erst einmal darin bleiben und nicht versuchen, neugewonnenen Energien für Aktivitäten einzusetzen. Denn dafür ist der neue Zustand noch nicht stabil genug. Die Zeit für mehr als ein reines Annehmen ist noch nicht gekommen. „Der Yogi soll akzeptieren, was natürlich zu ihm kommt.“ (Yoga Vasishtha)
Natürliche Ziele
Man kann also machen, was für einen natürlich und selbstverständlich ist, aber man sollte sich keine unnötigen Ziele setzen. Man sollte nicht nach Selbstdarstellung streben und keine unnatürlichen Ambitionen entwickeln. Im Allgemeinen sollte man nichts tun, was den inneren Frieden ruiniert. Im Gegenteil müssen wir alle Ambitionen aufgeben und uns nur um die Aufrechterhaltung des Friedens kümmern. Tut man dies über einen längeren Zeitraum hinweg, stärkt dies den Frieden und vertieft das Bewusstsein.
Man sollte die Emotionen und den eigenen Willen nicht zeigen, wenn dies nicht unbedingt nötig ist. Es besteht kein Grund, zu viele Wertungen auszusprechen; sonst nimmt es kein Ende mit Beurteilungen und Wertungen. Umgekehrt schaut man auch nicht zu sehr auf andere, sondern konzentriert sich ganz auf den eigenen Frieden und bewahrt ihn. Kleinigkeiten sind dann nicht mehr wichtig. Manchmal sage ich einem Schüler: Das sind Kleinigkeiten. Die Tatsache, dass man den Frieden verloren hat, ist keine Kleinigkeit. Aber die Tatsache, dass man unbedeutenden Dingen Aufmerksamkeit schenkt, ist unnötig, denn das sind alles Kleinigkeiten.
Unsere Befreiung und Erleuchtung hängt von der Fähigkeit ab, in tiefem Seelenfrieden zu sein.
Kontrolle der Denkprozesse
Seelenfrieden bedeutet nicht, dass unser Geist in einem gedankenlosen Zustand feststeckt oder dass wir nichts tun oder sagen können. Vor dem Hintergrund des Seelenfriedens können sich Gedanken bewegen, aber eben anders als üblich: rein, in einem selbstbefreiten Zustand, harmonisch, unter Kontrolle. Dies nennt man kreatives Denken (Drishti-kalpana). Das hat nichts mehr mit der unkontrollierten Erzeugung von Gedankenströmen (Vikalpas) zu tun. Im Zustand des Seelenfriedens können Handlungen zwar ausgeführt werden, aber nur bewusst, sorgfältig und achtsam.
Daher gibt es im spirituellen Leben Ethik, Regeln und Gelübde, um die wilde, ungezügelte karmische Energie dauerhaft zu beruhigen. Mit ihrer Hilfe werden wir immer wieder an die Notwendigkeit des inneren Friedens erinnert. Aber es kommt vor, dass wir das nicht verstehen und sagen: „Regeln sind Einschränkungen. Ich brauche Freiheit.“
Ich sage meinen Schülern dann: „Regeln sind euer Schutz vor euch selbst, damit ihr durch diesen Frieden Kraft gewinnt.“ Denn Regeln sind eine spirituelle Praxis an sich, eine Art von Askese. Sie sind nötig, um den inneren Frieden vor eurem eigenen Verstand und euren eigenen Energien zu schützen. Handelt man nachlässig, verliert man ihn schnell. Hält man sich im Zaum, nimmt der Frieden zu. Und mit dem inneren Frieden wachsen Weisheit (Jnana) genauso wie Stärke.
Es ist manchmal nicht einfach, alle Prinzipien zu befolgen. Wenn man ihnen aber folgt, wird man die Kraft, die sie bringen, spüren. Lässt man die Emotionen gewähren, ist man ihnen ausgeliefert. Hält man Emotionen zurück, stärkt dies den inneren Frieden und man bekommt immer mehr Kraft. Das ist der Kampf eines Yogis: stetigen inneren Frieden zu erreichen. Es lohnt sich, dafür kämpfen und zu gewinnen.
13.02.2025
Swami Vishnudevananda Giri
https://de.advayta.org
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Leben in der Multirealität – „Ich denke, also bin ich.“ – Dieses Lebensgefühl ist den meisten Menschen eigen. Die alten vedischen Schriften sagen jedoch, dass Denken eine Art künstliches Leben darstellt. Die wirkliche Existenz und die Präsenz des Bewusstseins sind keine Denkprozesse, sondern jenseits des Verstandes in der Natur des Geistes verankert.
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Swami Vishnudevananda Giri (Swami Vishnudev) ist ein spiritueller Lehrer in den Traditionen des Advaita Vedanta und des Yogas, ein Sadhu, ein realisierter Meister und Jnani in der Linie des Advaita Vedanta, Philosoph, Theologe und Schriftsteller. Er stammt aus der yogischen Tradition des Sahajayana, des natürlichen Weges der Siddhas, er ist Linienhalter einiger Übertragungslinien des Yogas der Siddhas und spiritueller Meister für viele Schüler in Ost- und Westeuropa, den USA und Indien. Er wurde 1967 in der Ukraine geboren.
Seine spirituelle Praxis und Meditation begannen im Alter von 6 Jahren von selbst, indem er sich intuitiv auf Erinnerungen aus der Vergangenheit stützte. Er hat den Sanatana Dharma als seinen religiösen Weg im Alter von 19 Jahren angenommen. Er absolvierte einige intensive Retreats, deren längstes fast 3 Jahre andauerte. Als Resultat dieses letzten Retreats in den Jahren 1993-1995 erreichte er Samadhi und Realisation.
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