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Schulbildung und kindliche Verhaltensauffälligkeiten

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Ein Plädoyer für ein Leben ohne Schule und für mehr Liebe, Vertrauen & Gelassenheit im Umgang mit unseren Kindern – Teil 3/3

zu Teil 1 – Was macht unsere Schulbildung mit unseren Kindern?
zu Teil 2 – Frust an der Schulbildung statt die Lust an der Bildung?
Den Begriff „Freilerner“ kannte ich noch gar nicht so lange, genauer gesagt erst 16 Monate, als ich mich entschloss, im Dezember 2016 Mutter eines freilernenden Sohnes im Alter von 13 Jahren zu werden. Im August 2015 hatte ich ein spirituelles Seminar in der Nähe von Berlin besucht, deren Leiterin, (selbst Mutter von 4 Kindern, damals im Alter zwischen 13 und 5 Jahren, die allesamt nicht in die Schule gingen), mich in Berührung mit diesem Thema brachte.
Ich kann mich daran erinnern, dass mich die Vorstellung, sein Kind nicht in die Schule zu schicken, damals doch sehr befremdete. Ich hatte gelernt und war darauf traininiert/konditioniert worden, Schule mit Bildung gleichzusetzen und die Notwendigkeit der Existenz unseres Schulsystems nicht in Frage zu stellen.
Von „Home schooling“ und frustfrei lernen hatte ich wohl schon gehört und wusste, dass es Eltern gab, die ihre Kinder zu Hause unterrichten und dass es auf der ganzen Welt Länder gibt, die dieses Konzept unterstützen (Deutschland zählt bedauerlicherweise nicht zu diesen Ländern).

Gerald Hüther hält seit einigen Jahren auch Vorträge über das aus der Sicht eines Hirnforschers vollkommen verkehrte Schulsystem und beleuchtet die Konsequenzen für die Kinder aus der Sicht des kindlichen/menschlichen Gehirns. Einige dieser Vorträge sind auf >>> youtube <<< zu sehen und ich kann ihnen nur empfehlen, sie sich einmal anzusehen. Hüther plädiert darin für ein völlig anderes, neues Schulsystem und erklärt sehr genau das warum seines Plädoyers.

Auch sehr berührend sind die Vorträge von André Stern (ebenso zu sehen auf >>> you tube <<<), einem zutiefst liebevollen Mann Anfang vierzig, Sohn des bekannten Malers Arno Stern, aufgewachsen in Frankreich, der nie eine Schule besucht hat.
So lautet auch der Titel seines ersten Buches: „Und ich war nie in der Schule“.

Aus meiner Sicht erlauben wir und sehen dabei zu, wie unseren Kindern in der Schule die Kreativität und die Freude am Lernen, die Freude an Bildung geraubt wird – und schweigen dazu.

Wir akzeptieren das als Kollateralschaden

Ich nehme mich an dieser Stelle nicht aus, denn bei meinem heute erwachsenen Sohn habe ich genau das getan: ich habe gesehen, was mit ihm in der Schule passiert, ich habe zugeschaut und habe doch nicht mit letzter Konsequenz eingegriffen, denn ich war von meinem Bewusstsein noch gar nicht so weit, um Freilernen als Alternative zu erkennen. Bei meinem heute 14-jährigen, Niklas, war das dann anders, weil ich da schon an einer anderen Stelle stand.

Aufgefallen war mir bei ihm, dass ich im Prinzip zwei Jungs hatte: 

Einen Niklas während der Schulzeit und einen anderen Niklas an den lernfreien Wochenenden (sofern es die überhaupt noch gab) und in den Schulferien. Unter der Woche war er oft angespannt, müde, maulig, pubertär und freudlos, saß zuweilen bis in die Abendstunden hinein an seinen Hausaufgaben, hatte wenig Zeit für seine Hobbys/wenig freie Zeit für sich und wollte in dieser wenigen freien Zeit am liebsten Playstation spielen, was bei uns immer zeitlich limitiert war.

An den Wochenenden hingegen, an denen es nicht zu lernen galt (was leider selten vorkam), wo keine Schulaufgabe, kein Referat oder sonstwas anstand, auf das es sich vorzubereiten galt, und vor allem während der Ferien war er ein unglaublich fröhlicher, ausgeglichener, kreativer, noch sehr kindlicher Junge, der seine freie Zeit nahezu komplett damit verbrachte, sich im Freien zu bewegen, zu spielen und zu basteln. Digitale Medien waren in diesen Phasen so gut wie völlig uninteressant.

Für meine beiden Söhne, die alle beide kluge, intelligente & kreative Jungs sind, war das Lernen immer mit enormer Willensanstrengung, mit viel Mühsal und Verzicht verbunden und es war so  gut wie nie freudvoll. Jetzt können wir uns natürlich fragen, ob schulisches Lernen für Kinder und Jugendliche überhaupt freudvoll sein kann. Aber sollten wir uns denn nicht viel eher fragen, warum schulisches Lernen für Kinder nicht freudvoll ist, wo doch das Lernen an sich für uns Menschen mit das Bereicherndste und Freudvollste im Leben ist?

Mir ging es als Kind und als Heranwachsende nicht anders als meinen beiden Söhnen: ich wurde mit 5 Jahren bereits eingeschult, bin mit 9 ins Gymnasium gewechselt und habe Schule mein ganzes Schulleben lang als furchtbaren Druck und immer wieder auch als Albtraum erlebt. Dafür zeichneten auch Lehrer verantwortlich, die mich beispielsweise an die Tafel zitierten und mein mangelndes Wissen vor der gesamten Klasse zelebrierten, aber das war nicht der Hauptpunkt. Der Kern war das omnipräsente Gefühl von Druck, Überforderung und Freudlosigkeit.

Warum gehen die allermeisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland so ungern in die Schule, warum erleben sie Schule als Albtraum?

Und warum stellen sich die Verantwortlichen nicht dieser Frage: die Politiker, die Menschen, die die Lehrpläne schreiben bzw. sie freigeben, die Schulleiter und Lehrer, die den Lehrplänen folgen und: die Eltern, die ihnen zustimmen durch und mit ihrem Schweigen?

Ich höre schon die lauten Stimmen der Kritiker, die an dieser Stelle darauf hinweisen werden, dass Kinder eben lernen müssen und dass sie lernen müssen zu lernen, dass Anstrengung und Ausdauer eben dazugehörten und dass „das Leben ja auch kein Zuckerschlecken sei“ und „je eher die Kinder das erführen umso besser“ … – kennen Sie diese Sprüche?

Die Frage, die ich mir stelle, ist: Was steckt für eine kranke Lebenseinstellung hinter solchen vernichtenden Aussagen, hinter solchen groben Platitüden?

Und ich frage Sie: wie beseelt sind die Menschen, die so etwas vertreten, ihrer Einschätzung nach wohl noch? Wir können und sollten davon ausgehen, dass nicht mehr viel Beseelung in einem Menschen vorhanden ist, der nicht mehr in der Lage ist, sich in ein Kind hineinzuversetzen, der kindliches Leid nicht mehr fühlen kann.
Zu groß müssen die Verletzungen in der eigenen Kindheit gewesen sein, wenn ein Erwachsener so wenig in der Lage ist, Empathie zu fühlen.

Und wer nicht mehr mit dem Herzen fühlen kann, wer nicht mehr mitfühlen kann, hat die wichtigste Qualität des menschlichen Seins verloren.

Allein diese menschliche Fähigkeit unterscheidet uns von der viel gelobten, viel zitierten und aktuell so gehypten „Künstlichen Intelligenz“ (auf englisch abgekürzt „A.I.“ für „artificial intelligence“).

Ein Roboter kann alles, was wir Menschen auch können, ausser fühlen, spontan sein und kreativ sein – dazu ist künstliche Intelligenz nicht in der Lage. Wenn wir nun unsere Kinder einem Schulwesen anvertrauen, dass diese Qualitäten, nämlich die Gabe der Kreativität und die Fähigkeit zu fühlen, die Kinder typischerweise noch besitzen, nicht mehr repräsentiert, geschweige denn wertschätzt und fördert, sondern sie im Gegenzug immer mehr ausschaltet, dann leisten wir als Eltern – ohne dass es uns bewusst wäre und ohne dass wir das wollten – einen Beitrag dazu, dass auch unsere Kinder immer mehr entseelt werden. Denn künstliche Intelligenz ist vollkommen entseelt, genauso wie Menschen, die nicht mehr fühlen können, den Zugang zu ihrer Seele verloren haben.

Ich habe in der Schulzeit meiner beiden Söhne wunderbare, beseelte Lehrer und Lehrerinnen kennengelernt, aber sie waren in erschreckender Unterzahl.

Die Beseelung eines menschlichen Wesens geschieht bereits im Mutterleib. Nur bleibt meiner Auffassung & Erfahrung nach eine Seele nicht per se, sozusagen zwangsläufig ein Leben lang im Körper: sie kann sich auch „ausklinken“ und sie tut es, wenn der Mensch, der diese Seele in sich trägt, ihre Stimme nicht mehr hören kann, ihren Impulsen nicht mehr folgen kann und alles, was Beseelung bedeutet, nicht mehr leben kann – dann kann es sogar passieren, dass die Seele den Körper verlässt.

Durch Traumen kann eine Seele, oder zumindest Seelenanteile, dauerhaft den Körper verlassen. Psychotherapeuten kennen dieses Phänomen aus der Trauma-Arbeit und aus der Arbeit mit dem sogenannten „Inneren Kind“, den Seelenanteilen von uns, die wir in der Kindheit abgespalten und verloren haben. Bei der Inneren Kind Arbeit geht es darum, genau diese Seelenanteile, manchmal auch eine ganze Seele, wieder in den Körper zurückzuholen. Besonders betroffen von diesem Phänomen der Abspaltung sind Mädchen und Jungs, die als Kinder & Heranwachsende sexuell oder rituell missbraucht worden sind.

Ich habe in den bisher 10 Jahren, in denen ich psychotherapeutisch, heilerisch und als Coach arbeite, unendlich viele Menschen in meiner Praxis erlebt, die nicht mehr mit dem Herzen fühlen konnten. Die diese Fähigkeit, die uns Menschen gegeben ist, einfach verloren hatten. Mit großer Berührtheit und Erschrecken habe ich auch festgestellt, dass immer mehr Menschen davon betroffen sind.

Vielen Menschen, die sich in diesem „Zustand“ befinden, ist dies bewusst und sie leiden darunter, aber einer noch viel größeren Zahl an Menschen, ist – meiner Beobachtung und Erfahrung nach – nicht einmal bewusst, dass sie keine Verbindung mehr zu ihrem Herzen und damit zu ihrer Seele haben: sie wandeln dann im Prinzip wie ein Art Zombie durch die Gegend.

Sie sehen aus wie Menschen, sie bewegen sich wie Menschen, sie sprechen wie Menschen, aber sie können keine Liebe mehr in ihren Herzen fühlen und demfolgend auch nicht mehr von der Herzensebene aus anderen Menschen begegnen.
Das ist aber die alles entscheidende Qualität, über die wir als Menschen eigentlich (was für ein Unwort!) verfügen – das ist das, was uns auszeichnet, das ist unsere Essenz.

Deutschland wird gerne als „das Land der Dichter und Denker“ bezeichnet

Wir sind stolz auf das, was wir uns erarbeitet haben, was wir geleistet haben und immer noch leisten. Stolz auf unsere Errungenschaften. Und mit diesen 3 Verben – arbeiten, leisten, erringen – liegt die Crux im Prinzip schon offen: wir sind ein Volk, das sich über Leistung definiert. Wir sind stolz auf Leistung. Diesen Stolz übertragen wir auf die Kinder: wir sind stolz auf unsere Kinder, wenn sie etwas leisten.

Sie müssen quasi etwas leisten, damit wir überhaupt stolz auf sie sind. Das fühlt sich für mich vollkommen falsch an, einem Kind beizubringen: „Leiste etwas, damit ich stolz auf Dich sein kann!“ Denn Leisten ist Tun und nicht Sein. Wir vermitteln den Kindern, dass nicht ihr Sein den Ausschlag gibt – ihr Wesen, ihre Gaben und Fähigkeiten – sondern ihr Tun. Daran können Kinderseelen zerbrechen.

„Für was plädiert sie hier eigentlich?“ werden einige oder viele meiner Leser sich spästestens an dieser Stelle fragen. Ich plädiere für eine Kindheit und Jugend, in der Kinder & Jugendliche sich, ihre Gaben, Interessen und Talente frei entfalten können. Wo ihnen der Raum geöffnet wird, um sie selbst zu werden und nicht nur zu dem zu werden, was Elternhaus und Gesellschaft sich von ihnen wünschen, erwarten und fordern.

Wir sollten damit aufhören, Kinder in eine Norm zu pressen – das haben sie nicht verdient

Aber Schule ist Normierung pur. Und solange unsere Schulen in Deutschland – und ich nehme einmal an auch fast überall sonst auf der Welt – so ticken wie sie ticken, solange die Prioritäten in der Schulbildung so gesetzt werden, wie sie gesetzt werden, so lange sind die Kinder fremdgesteuert und werden vollständig von einem System überlagert und übernommen – und das mit dem Einverständnis von uns Eltern.

Wir dürfen uns als Eltern hier nicht aus der Verantwortung ziehen, denn wir sind diejenigen, die unsere Kinder diesem System überantworten! Kennen Sie den Spruch: „Stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin?“ Schreiben Sie das einmal geistig um in:

„Stell Dir vor es ist Schule und keiner geht hin!“

Wenn wir als Eltern aufstünden und dem herrschenden Schulsystem die Zustimmung entzögen bzw. uns weigerten, unsere Kindern in die Hände dieses Systems zu geben, dann blieben die Schulen leer…. Die Gerichte in Deutschland haben nicht die personelle Kapazität, um Haftbefehle für Millionen von Eltern auszustellen bzw. sie zu Geldstrafen zu verdonnern, weil sie sich weigern, ihre Kinder in die Schule zu schicken und die Gefängnisse in Deutschland sind nicht dafür ausgelegt, diese Millionen von Eltern zu inhaftieren.

Mir geht es nicht im Entferntesten darum, Eltern „anzuklagen“ geschweige denn bloß zustellen. Ich habe meine Kinder genauso in die Schule geschickt, gleichwohl mir klar war und ich für mich erkannt hatte, was es für meine Kinder bedeutet hat, was es mit ihnen gemacht hat. Ich plädiere einfach für mehr elterliche Bewusstheit, für mehr Mut, für mehr Vertrauen in und mehr Unterstützung für die Kinder.

Ich will nicht missionieren, das liegt mir völlig fern. Ich würde meinen Weg – einen 13-jährigen aus der Schule zu nehmen, ihn aus Deutschland abzumelden und mit ihm im Wohnmobil auf Reisen zu gehen – auch nie als Blaupause für andere Eltern ansetzen oder definieren, das wäre völliger Unsinn. Ich möchte einfach, dass Eltern sich wieder der Verantwortung bewusst werden, die sie für ihre Kinder tragen, nämlich die Kinder wirklich da abzuholen wo sie stehen, sie bestmöglich und vor allem mit dem Herzen zu begleiten. 

Mein Freilerner-Sohn liest derzeit ein Buch von Grace Llewelyn, einer amerikanischen Autorin, die selbst Lehrerin war (sowohl an öffentlichen als auch an privaten Schulen) und dann irgendwann erkannt hat, was Schule mit Kindern macht: „Das Teenager Befreiungsbuch“. Ein wunderschönes Buch, schon um 1990 herum geschrieben, von einer sehr mutigen und liebevollen Frau, die ganz klar für sich erkannt hat, dass sie dem Schulsystem nicht mehr dienen kann und will und sich dann aufgemacht hat, die Kinder und Jugendlichen, die den Wunsch haben, sich aus diesem System zu befreien, zu unterstützen.

Und vielleicht haben Sie auch schon einmal etwas von Manfred Lütz gelesen, einem Psychiater, Psychotherapeuten & Theologen, der auch als Autor tätig ist. Im Jahr 2009 hat er in der „Welt am Sonntag“ einen berührenden Essay geschrieben mit dem Titel: „Nicht die Verrückten, die Normalen sind das Problem“

Dort schrieb er unter anderem:

„Wenn man als Psychiater tagsüber mit psychisch kranken Menschen zu tun hat, rührenden Dementen, feinfühligen Süchtigen, dünnhäutigen Schizophrenen, empfindsamen Depressiven, hinreißenden Manikern, all den anderen farbigen Gestalten der Psychowelt, und man sieht dann abends die Nachrichten über blutrünstige Kriegshetzer, gewissenlose Wirtschaftskriminelle, rücksichtslose Egomanen, dann kann man nur auf die Idee kommen: Nicht die Verrückten, sondern die Normalen sind unser Problem!“

Und er schlussfolgert gegen Ende seines Essays:

„Die Tyrannei der Normalität lebt von der großen Illusion der ewigen Weiterexistenz des Normalen und der Flüchtigkeit des Außergewöhnlichen. Dabei wird es wohl eher umgekehrt sein. … Im Grunde existiert das Normale nicht, denn es hat keine Substanz … und wer genauer hinsieht, kann die Außergewöhnlichkeit eines jeden Menschen wahrnehmen. … (Welt am Sonntag Nr. 47/22. November 2009)

Diese Zeilen fühlen sich für mich sehr liebevoll an – hier hält ein Philantrop eine flammende Rede für das Recht auf Einzigartigkeit eines jeden Menschen und für die Notwendigkeit der Anerkennung. Ich frage mich, warum solche flammenden Plädoyers nicht auch Tag für Tag für die Anerkennung der Einzigartigkeit unserer Kinder gehalten werden, deren Einzigartigkeit wir feiern sollten, statt sie durch den Schulbesuch gnadenlos zu normieren und die Kinder im schlechtesten aller Fälle durch die Gabe von Psychopharmaka schwer zu beschädigen.

04.12.2018
(c) Isabel Segarra-Hallmeyer
www.bewusstsein-und-heilung.de

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