Spirituelle Geschichte: Der Schlüssel

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schluessel-steine-spirituelle Geschichte-spirit-online-stonesDer Schlüssel

Spirituelle Geschichte von Heike Erbertz
Als der alte Mann den rostigen Schlüssel in der Hand hielt, konnte er kaum glauben, dass er es geschafft hatte. So viele Jahre hatte er nach ihm gesucht – selbst in den verborgensten Winkeln der Erde – aber immer ohne Erfolg.

Ein paar Mal hatte er geglaubt, ihm ganz nahe zu sein – und wer weiß, vielleicht war er es ja auch gewesen. Doch am Ende stand er immer wieder mit leeren Händen da und musste sich erneut auf den Weg machen.

Die Suche hatte ihm viel abverlangt. Sehr viel.

Aber aufgeben kam für ihn nie in Frage: Er hatte sich vorgenommen, diesen Schlüssel zu finden und das würde er auch tun! Koste es, was es wolle.

Und so war der alte Mann immer wieder losgezogen, hatte jeden Stein umgedreht und hinter jede Türe geschaut.

Manchmal war er durch und durch deprimiert, doch in ihm wuchs diese merkwürdige Gewissheit, dass er schon ganz nahe dran war. Dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er sein Ziel endlich erreicht haben würde.

Und nun stand er hier und hatte ihn endlich gefunden!

Er war tief bewegt und ein großer Kloß steckte in seinem Hals. Er umwickelte den Schlüssel mit einer Lage samtenen Stoffs und packte ihn in ein kleines hölzernes Kistchen. Dann steckte er alles in seinen grünen Rucksack und machte sich auf den Weg nach Hause.

Er war noch gar nicht lange gegangen, als ihm eine kleine Frau begegnete und ihn um Hilfe bat. Nach dieser unglaublich langen Suche, hatte der alte Mann es nun nicht mehr eilig. Jetzt, da er den Schlüssel sicher bei sich trug, erfüllte er die Bitte der kleinen Frau gerne. Er hörte sich an, was sie von ihm wollte, legte seinen grünen Rucksack beiseite und konzentrierte sich darauf, der kleinen Frau behilflich zu sein.

Kaum war er damit fertig, kam ein junger Soldat des Weges.

Auch er bat den alten Mann um Hilfe. Und da der alte Mann gerne half und der Soldat ihm leid tat, weil er doch schon so lange unterwegs war, hörte er sich auch von diesem an, was er von ihm wollte. Das Problem des Soldaten war schon ziemlich groß und als der alte Mann es schließlich gelöst hatte, spürte er, dass er furchtbar müde war. Doch ausruhen konnte er sich nicht, denn hinter ihm stand eine junge Mutter mit ihrem Baby und auch sie brauchte dringend seine Hilfe.

Der alte Mann atmete tief durch und kümmerte sich sehr lange und sehr gewissenhaft um die junge Mutter und ihr Kind. Als die beiden gegangen waren, setzte sich der alte Mann auf einen großen, runden Stein und schloss seine müden Augen. Er seufzte tief, griff nach seinem grünen Rucksack und machte sich wieder auf den Weg Richtung Heimat.

Doch es dauerte nicht lange, bis ihm der nächste Hilfesuchende begegnete.

Auch diesem half der alte Mann.
Das ging eine ganze Weile so. Immer mehr Menschen begegneten dem alten Mann und immer mehr Zeit verbrachte er damit, anderen zur Seite zu stehen und sie bei ihren Vorhaben zu unterstützen. Er tat es gerne, und wenn er die strahlenden Augen der anderen sah, fühlte er sich richtig und gut. Er hatte das Gefühl wichtig zu sein und gebraucht zu werden.

Seinen Rucksack hatte er irgendwo beiseite gelegt. Er wollte ihn sicher verwahrt wissen, solange er sich um all die anderen kümmerte. Das hölzerne Kästchen mit dem rostigen Schlüssel hatte er jedoch schon längst vergessen.

Mit der Zeit wurde der Mann immer älter und immer müder.

All die vielen Menschen, die ihm begegneten, erfreuten ihn sehr, doch gleichzeitig war ihm, als würde er jeden Tag etwas verlieren. Er konnte es nicht in Worte fassen und er wusste es auch nicht zu erklären. Es war eher etwas ganz Leises, Stilles. Etwas, das nur ganz kurz aufblitzte, um dann wieder in seinem Unterbewusstsein zu verschwinden.

Der alte Mann begann traurig zu werden und manchmal, wenn er sich ganz besonders stark auf jemanden konzentriert hatte, verspürte er anschließend eine ungeahnte Wut in sich aufsteigen. Dann versteckte er sich irgendwo und hoffte, dass es dunkel würde, damit er sich schlafen legen konnte. Sein Zuhause erschien ihm inzwischen unerreichbar weit entfernt, und so fügte er sich in sein Schicksal.

Wahrscheinlich wäre dies noch für sehr, sehr lange Zeit so weiter gegangen, wenn der alte Mann nicht eines Tages über etwas gestolpert wäre: Er war gerade dabei, einen Verband bei einem Verwundeten zu wechseln und wollte am Flussufer Wasser holen, als er der Länge nach auf die Nase fiel. Verwundert blickte er sich um und sah, dass sein linker Fuß in einer kleinen Schlinge steckte.

Beim näheren Betrachten erkannte der alte Mann seinen grünen Rucksack.

Er war im Laufe der vielen Jahre sehr schmutzig geworden, so dass man das Grün nur noch erahnen konnte. Der alte Mann öffnete seinen alten Rucksack und fand in ihm ein hölzernes Kistchen. Neugierig öffnete er es und wickelte aus einem samtenen Stoff einen alten, rostigen Schlüssel heraus. Er erinnerte sich nicht mehr, in welches Schloss der Schlüssel gehörte, und so packte er alles wieder zusammen und stellte den Rucksack beiseite.

In der Nacht darauf schlief er sehr unruhig und träumte immer wieder von Schlüsseln und Türen und Wegen. Am nächsten Morgen ging er zu seinem Rucksack, entnahm das Kistchen und den Schlüssel und begann nachzudenken.

Es dauerte eine Weile, doch dann fing er an, sich zu erinnern:

Er wusste plötzlich wieder, dass er als junger Mann aufgebrochen war, den Schlüssel zu seinem inneren Haus zu suchen, und dass ihn diese Suche durch sein gesamtes Leben geführt hatte.

Vorsichtig hielt er den rostigen Schlüssel in seinen Händen. Das, wonach er sich sein ganzes Leben lang gesehnt hatte, lag nun vor ihm. Da wusste er mit einem Male, was er zu tun hatte.

Man weiß nicht genau, was aus dem alten Mann geworden ist. Die einen sagen, sie hätten ihn an einem kleinen See beim Fischen gesehen. Andere wollen ihn beim Bergsteigen getroffen haben und wieder andere beim Träumen auf einer grünen Wiese.

Wo auch immer der alte Mann nun ist, was auch immer er gerade tut: Den rostigen Schlüssel hat er nie wieder vergessen. Ihn trägt er nun um seinen Hals, in der Nähe seines Herzens. Und jeden Tag, bei Sonnenaufgang, steckt er ihn in das goldene Schloss seines inneren Hauses. Dann öffnet sich die Türe zu seiner inneren Welt.
Und dort, in der Mitte seines Selbst, lebt er in Ruhe und Frieden.

Die Bedeutung der Geschichte:

Wenn wir geboren werden, so sagt man, kommen wir mit wundervollen Ideen auf diese Erde. Wir wissen genau, was wir erleben und erreichen möchten. Doch im Laufe der Jahre gerät dies immer mehr und mehr in Vergessenheit.
Wir beginnen uns anzupassen und auszurichten, zu kämpfen oder uns zu verstecken. Irgendwann beginnen wir dann zu suchen. So, wie der alte Mann.

Wir spüren, dass es da noch mehr geben muss, und wenn wir es gefunden haben, verlieren wir es leider oft wieder aus den Augen, weil der Alltag, das Leben, etwas anderes von uns fordert. Oft füllen wir diese innere Leere, die dann entsteht, damit, dass wir uns auf andere konzentrieren. Auf unseren Job, unsere Familie oder Freunde.

Wir selbst scheinen kaum noch Luft und Raum zu haben, obwohl wir in ruhigen Minuten spüren, dass etwas nicht stimmt. Wir stellen uns selbst immer wieder an die hinterste Stelle, vergessen uns und unsere Bedürfnisse.
Und oft wird dann das Helfen, das Für-andere-da-sein-Wollen (oder müssen) zu unserem Lebensmittelpunkt.

Und auch, wenn wir Energie daraus erhalten, sind wir nicht wirklich mit uns selbst in Verbundenheit.

Und viel zu oft beginnen wir, das was uns wichtig ist, das was uns selbst ausmacht, zu vergessen. Liebe zu anderen ist ein wertvolles Gut. Liebe zu uns selbst, eine wertvolle Notwendigkeit.

Dem Mann in der Geschichte kam das Schicksal zur Hilfe und ließ ihn über seinen Rucksack stolpern. Doch selbst wenn unser Schlüssel vor uns liegt, den wir alle mit in dieses Leben gebracht haben, wissen wir oft nicht, was wir mit ihm tun sollen und vergessen oder verlieren ihn sogar wieder.

Wir können es so machen, wie der alte Mann, und darauf vertrauen, dass wir uns irgendwann wieder an das erinnern, wofür der innere Schlüssel steht: für unsere Selbstliebe, für unsere Achtsamkeit mit uns selbst, für den Frieden in unserem Herzen und für unsere gesamte innere Welt, die uns Kraft und Sicherheit gibt, wenn sie im Gleichgewicht ist.

Wir können es aber auch anders machen und uns immer wieder daran erinnern, dass wir selbst und unsere eigenen Bedürfnisse wichtig sind. Das dürfen wir niemals vergessen.

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Fragen Sie sich doch einmal, ob es irgendetwas in Ihnen gibt, das nicht wirklich zufrieden ist. Schauen Sie, ob Ihnen etwas fehlt. Oder ob Ihnen etwas zu viel ist. Fragen Sie sich, ob Sie genug Zeit für sich selbst, für Ihre Hobbys und für das haben, was Ihnen gut tut:

Wo vernachlässige ich mich selbst?
Was habe ich alles schon beiseite geschoben, das mir einmal wichtig und wertvoll gewesen ist?
Wo gehe ich unachtsam mit mir um?
Wo stelle ich mich in die zweite Reihe?
Warum sind mir andere Menschen oder Dinge wichtiger, als meine eigenen Bedürfnisse/ Träume/Wünsche? Wir müssen nicht immer gleich unser ganzes Leben auf den Kopf stellen, wenn wir bemerken, dass etwas im Ungleichgewicht ist. Manchmal reichen schon kleine Veränderungen, um uns wieder wohler zu fühlen, zufriedener oder uns selbst wieder näher zu sein.

23.05.2019
Heike Erbertz

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Meditative Geschichten zur Entspannung und Selbstreflexion“
von Heike Erbertz

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