spirituelle Geschichten

Der Fährmann – es ist der Tod

faehrmann-tod-spirituelle-geschichte-caveDer Fährmann

Ein Platz, samtschwarz und doch vollkommen von Licht durchdrungen, hier stehe ich. Lautlos kommt ein Auto angefahren, leise und behutsam.
Ihm entsteigt ein junger Mann, ebenfalls samtschwarz und in Licht gehüllt.

Es ist ein wunderschöner Mann, mit edlen Gesichtszügen.

Er stellt sich vor – es ist der Tod.
Unerwartete Glücksgefühle machen sich in mir breit, besonders als er zu mir tritt und mich auffordert, mit ihm zu tanzen. Sphärische Musik erklingt. Wir bewegen uns, ganz einander zugewandt, in einem Raum aus Zeitlosigkeit und Schönheit. Es ist ein schwereloses Schweben, sinnlich, unendlich lange und unendlich tief. Dann endet die Musik.

Ich würde gerne noch einmal tanzen und mit ihm gehen, doch er befiehlt mir zu bleiben. Ich hätte noch Aufgaben auf dieser Erde zu erledigen, so seine Begründung. Doch er verspricht mir, mich am Ende meiner Tage mit einer roten Rose abzuholen und dann kann der folgende Tanz unendlich sein.

Ruth wachte auf, immer noch von einer liebevollen Energie umhüllt

War dies ein Traum oder ist es Wirklichkeit? Nun, es ist Beides.
Es ist eines jener seltenen Momente, in denen die Seele etwas von ihren Geheimnissen preisgibt.
 
Noch umfangen von dieser Weichheit wird es Zeit für Ruth zum Bus zu gehen. Sie will zu ihrer schwerkranken Mutter fahren, um ihr in den dunklen Stunden beizustehen. Im Bus ist heute alles so anders als sonst. Ruth empfindet die Farben viel strahlender, als es ihr bisher möglich war. Der Himmel leuchtet in einem fast unwirklichen Blau und die Sonne schickt wärmende Strahlen auf die Erde.

Ergriffen von ihrem nächtlichen Erleben, beobachtet sie ihre Mitfahrer. Ihr fällt auf, dass viele der Menschen wie leblos wirken, kein Funkeln und Strahlen in ihren Augen zu sehen ist. Es ist, als wollten sie das Leben aussperren, in der Hoffnung, dadurch verschont zu bleiben, von den Unwägbarkeiten des Schicksals. 

Während Ruth noch ganz versonnen eine Haarsträhne um ihre Finger wickelt, wird es Zeit auszusteigen

Ihr Weg führt sie durch ein kleines Wäldchen und dann steht sie vor dem Haus ihrer Mutter. Lange schon dauert deren Krankheit und es ist zu sehen, dass ihre Tage sich dem Ende zuneigen. Ganz klein und zart, fast wie ein Püppchen, liegt sie im Bett und wartet auf ihre Tochter. Sie freut sich, sie bei sich zu haben, um die letzen Stunden nicht alleine zu sein.

Auch wenn ihr Bewusstsein meist schon in einer anderen Sphäre weilt und einzig ihr Körper noch atmet und ihr Herz noch schlägt, fühlt sie die liebevolle Zuwendung. Noch ist es Zeit, ihrer Tochter zu sagen, dass sie sie liebt. Dass sie stolz auf sie ist und dass sie vollkommen darauf vertraut, dass Ruth ihren Weg in der Nussschale des Lebens finden wird.

Still ist es im Zimmer, Ruth hat die Hände zum Gebet gefaltet

Hin und wieder reicht sie der sterbenden Mutter einen kleinen Schluck Tee und benetzt ihre Lippen, damit diese nicht austrocknen.
Die Atemzüge werden seltener, immer größer die Pausen. Die Augen schauen bereits die nächste Welt.
Der Fährmann hat sich aufgemacht, um die Seele aus ihrer Umhüllung zu befreien. Er ist Schutz und Führer, wenn sich die Nebelschwaden der Erde lüften und sich silbern und funkelnd die nächste Ebene des Daseins zeigt.

Inzwischen hat die Nacht den Tag verdrängt und Millionen von Sternen erhellen das Firmament. Die Milchstraße, welch ein prächtiger Anblick. Ruth stellt sich vor, dass ihre Mutter auf diesem Teppich des Lichts in ihr neues Leben gehen wird.

Nun ist es Zeit, nichts gibt es mehr zu tun, nur geschehen lassen, lieben

Die Seele verlässt behutsam ihren Tempel, der ihr so viele Jahre gedient hat. Sicher geleitet, gelangt sie an das andere Ufer des Seins. Entspannt wirken die Gesichtszüge, jetzt, da der Kampf und der Schmerz vorüber sind.Geburt-und-Tod-Mata-Fischer

Ruth weiß um diesen heiligen Moment.
Sie öffnet das Fenster, um der Seele zu ermöglichen, ihren Weg zu gehen. Eine Kerze, Symbol für das ewige Licht, brennt ruhig neben dem Bett.

Ruth nimmt Abschied. Sie ist traurig, aber zugleich auch erleichtert. Ihr Traum fällt ihr wieder ein. Wird dieser wunderschöne junge Mann ihre Mutter abholen und mit ihr tanzen? Ruth ist sich sicher.
Eine rote Rose steht in einer Vase am Fenster, Ruth nimmt sie und legt sie behutsam auf das Bett ihrer Mutter. 
Enthoben der Erdenschwere beginnt nun ein neuer Abschnitt des Lebens, so lange, bis alle Kapitel gelesen sind und das Buch geschlossen werden kann.

10.02.2019
Om shanti – Frieden
Mata

PS. Die kleinen Geschichten entstanden in der dunklen Zeit. Einige meiner Mitbetroffenen in der Klinik gaben mir immer wieder einmal 10 willkürlich ausgewählte Worte, die ich zu einer Geschichte zusammen fügte und nun gerne zur Verfügung stelle.

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