Der Unsinn der Kreuzschifffahrten

hageneder Kreuzfahrtschiff am Beginn des Canal Grande in Venedig, © Jaro68shutterstock.com1475014784

hageneder Kreuzfahrtschiff am Beginn des Canal Grande in Venedig, © Jaro68shutterstock.com1475014784Der Unsinn der Kreuzschifffahrten

Voll-“Dampf” voraus! Anderthalb Jahre lang mussten die größten Luftverschmutzer der internationalen Seefahrt zwangsweise vor Anker liegen. Doch diese Erleichterung, die die Corona-Krise dem Planeten verschaffte, geht ihrem Ende entgegen. Nun dürfen die Kreuzfahrtschiffe wieder ihr ökologisches Unwesen treiben.

Der Bereich der Kreuzfahrtschiffe wird von den meisten Menschen stark unterschätzt. Denn sein Luxus-Image verleitet zu der Annahme, dass eine Kreuzfahrt etwas für wenige, wohlhabende Menschen sei. Doch der Kreuzfahrtsektor ist riesig, ebenso wie sein Einfluss auf die Ökosphäre unseres Planeten.

Der kommerzielle Boom vor der Corona-Krise war bemerkenswert:

Die Passagierzahlen stiegen von 17,8 Mio. im Jahr 2009 auf über 29 Millionen im Jahr 2019. Die Deutschen sind dabei Kreuzfahrtweltmeister, nur übertroffen von US-Amerikanern und Chinesen.(1) Die Kanarischen Inseln etwa wurden vor Corona von ca. 1,3 Mio. Kreuzfahrern heimgesucht, in der nun beginnenden ersten Post-Corona-Saison erwartet man schon wieder knapp die Hälfte.(2)

Kreuzfahrtschiffe wie die Excellence of Ignorance (Name von der Redaktion geändert) sind im Grunde schwimmende Hotels mit Einkaufspassagen und Vergnügungsanlagen. Ein einziges Schiff mit 2500 Gästen kann durchaus fast eintausend mitreisende Arbeitskräfte benötigen. Die luxuriösesten Schiffe haben sogar mehr Besatzung und Personal als Passagiere.(3)

Das erste Problem: All diese Millionen Menschen – Passagiere, Besatzung und Personal – werden größtenteils mit Schweröl transportiert.

Schweröl ist der schmutzigste fossile Treibstoff, den es gibt. Es handelt sich um den Bodenrückstand aus den Raffineriekesseln, der sogar schwerer ist als Diesel und Heizöl und bis zu 3,5 Prozent Schwefel enthalten darf. (Zumindest auf den Binnenwasserstraßen und in Küstennähe müssen die Schiffe das weniger schwere Marinedieselöl verwenden.) Ein Auto, das 15.000 Kilometer in einem Jahr fährt, emittiert in dieser Zeit durchschnittlich 101 Gramm Schwefeloxidgase (SOx). Ein einziger der weltweit größten Schiffsmotoren erzeugt in einem Jahr ca. 5.200 Tonnen.

Schwefel ist eigentlich ein wertvoller Makronährstoff für Pflanzen, auch fungieren Schwefelverbindungen als Kondensationskerne für die Wolkenbildung. Aber wenn solch gigantische Mengen an Schwefeldioxid (SO2) freigesetzt werden, wird das natürliche Gleichgewicht schnell in den Wind geblasen. Solch erhöhte SO2-Belastungen können das Atmungssystem von Menschen und Tieren schädigen und das Atmen erschweren. Gefährlich ist das vor allem für Menschen mit Asthma, insbesondere Kinder.hageneder-cruises

Der größte Teil der Schwefel-Emissionen kommt aus der Industrie

(China und Indien sind die globalen Hotspots für SO2-Emissionen), aber die Schifffahrt trägt eben auch ihren Teil dazu bei: Es wird angenommen, dass die weltweiten Schiffsemissionen (Handelsflotten und Kreuzfahrtschiffe zusammen) 400.000 frühzeitige Todesfälle und 14 Millionen (!) Asthmafälle bei Kindern verursachen.(4) Allein das dänische Gesundheitswesen schätzt, dass es etwa 5,5 Mrd. Euro pro Jahr für die Behandlung von Gesundheitsproblemen aufgrund von Schiffsemissionen ausgibt.(5)

Im Mix mit anderen Giften aus fossilen Brennstoffen trägt SO2 auch zur vermehrten Bildung von Feinstaub bei. Luftverschmutzung, insbesondere durch Feinstaub, zählt auch zu den wesentlichen Vorbedingungen für Atemwegserkrankungen wie Covid-19.

Die Zielhäfen werden jedes Jahr mehrere Hundert Male von Megaschiffen angefahren, aus denen sich jeweils zwei bis fünf Tausend Touristen ergießen, hungrig danach, was ihre Opferstadt an Selfiemotiven und Plastiksouvenirs herzugeben vermag. Derweil laufen die mit fossilen Brennstoffen betriebenen Motoren in den Docks weiter, denn etwa 40 Prozent ihrer Leistung erzeugen Strom für den Hotelaspekt, die Restaurants und Freizeitangebote an Bord. Allein die Kreuzfahrtschiffe des größten Betreibers, der Carnival Corp., stießen 2017 an Europas Küsten fast zehnmal mehr Schwefeloxid aus als alle über 260 Mio. Pkw in Europa zusammen.(6)

Dazu kommen riesige Mengen von Farbe, damit die Schiffe auch immer schön weiß sind. Alle drei bis fünf Jahre geht’s aufs Dock zur Überholung. Die Unmengen an synthetischer Farbe (auf Erdölbasis), die weltweit von Schiffsrümpfen abblättern, tragen natürlich auch zur Plastikverseuchung der Meere bei.

So viel Gift und ökologische Belastung gehörten eigentlich verboten.

Aber im Gegenteil: Die Gesundheitsschäden sind kein öffentliches Thema, und der Klimaschaden durch die internationale Schiffahrt (Handelsflotten wie Kreuzschiffe) wird nicht einmal vom Weltklimarat berücksichtigt! Die Emissionen fossiler Brennstoffe aus Schiffsmotoren sind fast doppelt so hoch wie die des gesamten Flugverkehrs, (7) aber sie fließen nicht ein in die Klimamodelle und (ohnehin zu dünnen) Klimaschutzmaßnahmen.

Doch was der Homo sapiens nicht bewältigen kann, schaffte vorübergehend das Coronavirus. Als die japanischen Behörden im Februar 2020 die Diamond Princess von Carnival vor der Küste von Yokohama unter Quarantäne stellten, waren die 712 Infektionen unter den Passagieren die größte Ansammlung von COVID-19-Fällen außerhalb Chinas. Die Medien begannen, Kreuzfahrtschiffe als »schwimmende Petrischalen« zu bezeichnen. Bald darauf, im Frühjahr/Sommer 2020, lagen alle 338 derzeit existierenden Kreuzfahrtschiffe vor Anker. Die Regierungen hatten »No Sail«-Edikte erlassen, und die Mehrheit der erwarteten 32 Mio. Passagiere blieb zu Hause.(8) Allerdings wurden die Motoren und Systeme dieser Geisterschiffe während der Corona-Krise am Laufen gehalten, um sicherzugehen, dass sich kein Motor festfährt.

Und nun fahren sie wieder. Volldampf voraus! Nur wissen wir inzwischen, dass es sich um weit mehr als nur “Dampf” handelt.

Viele Kreuzfahrtschiffe sind wie kleine Städte – und hinterlassen auch den zu erwartenden Müll in ihrem Kielwasser. Ein großes Kreuzfahrtschiff, das auf einer einwöchigen Reise über 7.000 Passagiere und Besatzungsmitglieder befördert, erzeugt knapp 800.000 Liter menschlicher Fäkalien und an die 3,8 Mio. Liter Grauwasser (Wasser aus Waschbecken, Bädern, Duschen, Wäscherei und Kombüsen). Moderne Schiffe haben zwar Kläranlagen im Bauch, aber der Abfluss ist immer noch beträchtlich (denken Sie auch an Mikroplastik, chemische Schadstoffe, Antibiotika und andere Pharmazeutika, die die Filter passieren). Plus: Reiseveranstalter kümmern sich nicht immer um die Vorschriften!

Die Carnival Corp. war nach einem 40-Millionen-Dollar-Vergleich (vor einem Gericht in Miami im Jahr 2017) wegen der Verletzung von Naturschutzgesetzen auf Bewährung (ihre dritte Verurteilung wegen desselben Vergehens seit 1998), aber eine Inspektion ergab über 800 (!) weitere Naturschutzverstöße in den zwölf Monaten nach dem Vergleich. Carnival hatte »illegal über 1,9 Mio. Liter Abwasser und über 41.000 Liter Lebensmittelabfälle in Gewässer in der Nähe von Häfen und Küsten auf der ganzen Welt eingeleitet«.(9) Und laut einem Bericht von Friends of the Earth(10) ist Carnival längst nicht die einzige Kreuzfahrtgesellschaft mit einem Strafregister, dazu gehören auch Seabourn, P&O, Costa, Princess, Holland America und Cunard.

hageneder Kreuzfahrtschiff am Beginn des Canal Grande in Venedig, © Jaro68shutterstock.com1475014784
Kreuzfahrtschiff am Beginn des Canal Grande in Venedig, ©Jaro68, shutterstock.com

Abb. 1: Kreuzfahrtschiff in Venedig. Das schöne am “sanften Tourismus” ist, dass man sich von den Einheimischen fast unbemerkt seinem Zielort nähern kann!

Hinzu kommt noch die soziale Komponente.

Die Registrierung der Schiffe in Steuerparadiesen trägt nicht nur dazu bei, dass die Branche sehr wenig Steuern auf ihre jährlichen Gewinne in Höhe von 6 Mrd. USD zahlt, sondern auch dazu, dass viele Umwelt- und Arbeitsnormen umgangen werden.

Lohnniveau und Arbeitsbedingungen für das Dienstpersonal sind kaum unterbietbar. Kabinenbesatzungen verdienen in Zehn-Stunden-Schichten vielleicht 2,81 US-Dollar pro Stunde, dürfen nicht an Deck gehen, ihre Familien neun Monate lang nicht sehen und müssen sogar für Online-Zeit bezahlen, um mit ihnen zu kommunizieren.(11) Die Bedingungen sind mehr als hart, die Selbstmordraten hoch.(12)

Aber für die Reisenden liegt ein großer Trost im Luxus. Psychologen sagen, dass die Sicherheit der Schiffskabine eine Illusion von “Zuhause” erschafft. Man muss sich nicht wirklich in die große gefährliche Welt begeben, sondern sie zieht in sicherer Distanz am Kabinenfenster vorbei. Wenn man noch dazu vorn und hinten von armen Hunden bedient wird, die ihre Familien kaum über Wasser halten können, sieht man, dass man es zu etwas gebracht hat und kann sich fühlen wie Gott in Frankreich.

Und dann sind da ja noch die schnuckeligen Meeresbewohner,

darunter vielleicht sogar seltene Tierarten oder bedrohte Populationen, die man dann und wann an die Meeresoberfläche kommen sieht. Eine Seefahrt, die ist lustig! Aufgescheucht von dem Lärm der Motoren und Schiffsschrauben, der unter Wasser für ihre feinen Sinne unerträglich ist, erspähen wir die Tiere bei bester Gesundheit – die freilich schon Minuten später beeinträchtigt wird, wenn sie im Fahrwasser unseres Schiffes unsere Mikroplastikteilchen, Chemikalien, Antibiotika und Pharmazeutika schlucken müssen.

Doch all diese Skandale scheinen den ungewöhnlich treuen Kundenstamm nicht zu verstören; die Leute glauben der Werbung, dass Kreuzfahrten eine »bewusste, achtsame Art des Reisens« (Eigenwerbung) seien.(13) In der letzten Saison vor dem Corona-Lockdown (2019/2020) war es der neueste Schrei, dem Schmelzen der Polarkappen bei einem Glas Champagner auf dem Kabinenbalkon zuzusehen. Weltuntergang à la Carte.

Prost!


Buchtipp:

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Globaler Zusammenbruch oder globale Heilung – unsere Wahl
von Fred Hageneder

Die globale Lage auf der Kippe
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Quellen:

Foto: Kreuzfahrtschiff am Beginn des Canal Grande in Venedig, ©Jaro68 shutterstock.com1475014784

1. Cruise Lines International Association (CLIA). 2019. Cruise Trends & Industry Outlook. https://cruising.org/news-and-research/-/media/CLIA/Research/CLIA-2019-State-of-the-Industry.pdf

2. https://www.teneriffa-news.com/news/gran-canaria/provinz-gran-canaria-bereitet-sich-auf-starke-kreuzfahrt-saison-vor_14867.html

3. B. Wolber, A. Papathanassis, M. Vogel 2012. The Business and Management of Ocean Cruises. CABI.

4. BBC World Service 2017. Big Polluters: Ships v Cars. 2 October. https://www.bbc.co.uk/programmes/w3cstyfd

5. John Vidal 2009. Health risks of shipping pollution have been ‘underestimated’. theguardian.com, 9 April. https://www.theguardian.com/environment/2009/apr/09/shipping-pollution

6. Faig Abbasov 2019. One corporation to pollute them all. transportenvironment.org, June 4. https://www.transportenvironment.org/publications/one-corporation-pollute-them-all

7. https://www.theguardian.com/environment/2008/feb/13/climatechange.pollution

8. Cruise Lines International Association (CLIA). 2019. Cruise Trends & Industry Outlook. https://cruising.org/news-and-research/-/media/CLIA/Research/CLIA-2019-State-of-the-Industry.pdf

9. Mark Matousek 2019. Carnival reportedly dumped over 500,000 gallons of sewage and 11,000 gallons of food waste improperly in the year after it admitted to illegally releasing oil into the ocean. businessinsider.com, April 17. https://www.businessinsider.com/carnival-cruise-ships-dumped-sewage-waste-into-ocean-report-2019-4?r=US&IR=T

10. Friends of the Earth 2019. Cruise Ships. https://foe.org/projects/cruise-ships/

11. D Deckstein, U Fichtner, F Hutt, MU Mueller, M Polonyi 2019. Balkonien auf hoher See. Der Spiegel 33, 10 August 2019. 44–53. https://www.spiegel.de/politik/balkonien-auf-hoher-see-a-c935c85e-0002-0001-0000-000165338206

12. Alice Hancock 2020. Coronavirus: is this the end of the line for cruise ships? ft.com, June 7 2020. https://www.ft.com/content/d8ff5129-6817-4a19-af02-1316f8defe52

13. 90. Cruise Lines International Association (CLIA). 2019. Cruise Trends & Industry Outlook. https://cruising.org/news-and-research/-/media/CLIA/Research/CLIA-2019-State-of-the-Industry.pdf

28.09.2021
Fred Hageneder
https://nur-die-eine-erde.de

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Hageneder-Fred-2019Fred Hageneder
ist ein führender Autor auf dem Gebiet der Ethnobotanik und der kulturellen und spirituellen Bedeutung der Bäume. Er ist Gründungsmitglied der AYG (Ancient Yew Group, Uralte Eiben-Gruppe), die in seiner Wahlheimat Großbritannien für den Schutz der uralten Eiben arbeitet. Er ist Mitglied von SANASI, einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, die indigene Hüter…
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