Digitales & Psyche: Vom Homo Sapiens zum Homo Digitalis

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handy-meer-digital-psyche-phoneDigitales & Psyche: Vom Homo Sapiens zum Homo Digitalis…

…führt uns unser Weg nicht erst seit den Nullerjahren. Denn schon vor der Jahrtausendwende hielten sie schleichend bei uns Einzug. All jene „digitalen Helferchen“, die uns unseren Alltag scheinbar erleichtern. Angefangen von dem World Wide Web, dass uns bis heute in Echtzeit über alles informiert, was uns mehr oder weniger interessiert und dabei noch nie da gewesene Welten eröffnet, bis hin zu KI-basierten Sprachassistenten, die uns virtuelle Gesprächspartner nicht mehr von realen Personen unterscheiden lassen. Gar nicht zu sprechen von Smartphones als jenen Allzeitbegleiter, die uns als „Schweizer Taschenmesser des Informationszeitalters“ dienen. (Spitzer, 2020)

Und doch stellt sich die Frage: Dienen uns all diese „digitalen Helferchen“ tatsächlich? Ist die Entwicklung vom Homo Sapiens zum Homo Digitalis unserer Psyche zuträglich? Oder geht sie nicht eher zu Lasten unserer Konzentration? Verringert unsere Aufmerksamkeitsspanne? Vermindert unseren Schlaf und verschlechtert unser allgemeines Wohlbefinden? Sind wir Menschen nicht schon längst zu den Produkten digitaler Medien, mehr noch zu ihren Werkzeugen geworden? Weil wir beständig mit unseren Daten füttern, was immer mehr Nahrung verlangt. Zumeist börsennotierte, amerikanische Unternehmen, die sich an unseren Gewohnheiten, unseren Eigenheiten erfreuen, wie wir sie tagtäglich und von überall auf der Welt in ihre Systeme einspeisen. Weil wir uns zur Schau stellen. Protzen und Prahlen vor virtuellen Freunden, liken und sharen, was uns gefällt und wer uns empört. Weil wir als Homo Digitalis unser Innerstes nach außen kehren, um die besten Angebote für die wenigsten Klicks erhalten wollen. Möglichst schnell ans Ziel kommen möchten. Doch ist es nicht tatsächlich so, dass die Welt kleiner zu werden droht, je schneller sich die Zeit überwinden lässt? (Precht, 2018) 

Eine effiziente Gesellschaft: Wohin führt uns Höher-Schneller-Weiter mit dem Digitalen in unserer Psyche?

Effizienz wird dieser Tage großgeschrieben und beeinflusst unsere gesamte Psyche und unser Lebensgefühl nachhaltig. Und der Höher-Schneller-Weiter-Ansatz erlangt durch den Push digitaler Medien eine gänzlich neue Dimension. Unsere Daten überholen uns, während wir versuchen unseren zuletzt getrackten Lauf zu posten. Wieder 42 Kilometer geschafft und nicht nur deshalb fühlen wir uns mehr und mehr ausgelaugt. Durchschnittliche Bildschirmzeiten von täglich mehr als zwei Stunden ermüden uns nachweislich.

In einem noch nie dagewesenen Meer an Möglichkeiten drohen wir wahrlich zu ertrinken.

Und dass nicht nur, weil unseren Augen beim Surfen nach und nach ihr Sehvermögen (Spitzer, 2020), sondern unserer Lebenszeit der sinnvolle Gehalt geraubt wird. Schließlich bilden Social Media Kanäle häufige Ziele unserer virtuellen Suche nach Beschäftigung.

Womit wir dort konfrontiert werden, ist das Leben der anderen.

Jener anderen, denen es scheinbar besser geht. Jener anderen, die gesünder leben, sich fitter fühlen und überhaupt immer glücklich zu sein scheinen. Und weil wir uns sowohl als Homo Sapiens, als auch als Homo Digitalis gerne vergleichen (Festinger, 1954), achten wir darauf, wovon wir zu wenig in unserem Leben vermuten. Suchen den Vergleich zu vermeintlich glücklicheren Mitmenschen. Messen uns digital mit den vermeintlich Besten. Um uns danach analog schlechter zu fühlen (Chou & Edge,2012).

Tun dies immer und immer wieder, weil wir schlichtweg nicht davon loskommen, uns aus diesen überdimensionierten Vergleichsportalen aus zu loggen.

The Magic of Maybe – Verstärkermechanismen als Suchtfaktor?

Schließlich bieten uns vor allem Soziale Medien allerhand Spannendes. Wie sollten wir sonst wissen, wer die neue Kollegin ist? Wen der Schulschwarm zuletzt gedatet und wie die schrulligen Nachbarn ihren Luxusurlaub verbracht haben? Unsere Neugierde wird täglich, stündlich, minütlich geweckt. Im Durchschnitt dauert es elf Minuten, bis wir unsere „Schweizer Taschenmesser“ auf ein Neues entsperren (Statista, 2020). Um uns einzuloggen, in jene virtuellen Scheinwelten. Dafür mit spannenden Inhalten belohnt werden. Nicht immer, aber immer öfter. Intermittierend, sozusagen. (Skinner, 1957)

Um die Sucht so wachsen zu lassen. Bei Mädchen wie bei Jungen, bei Kindern, Jugendlichen und – hingegen vieler Erwartungen – Erwachsenen.

Generation Y? Generation Z?

Die Jungen hängen doch nur mehr am Handy“, hört man die „Älteren“ schließlich allzu gerne vorwurfsvoll schimpfen. Und doch sind nicht nur jene suchtgefährdet, die sich der Generation Y oder Z zuordnen lassen. Damit jener Generation, die das Licht der Welt ab dem Jahr 1980 erblicken durfte. Denn auch die Generation X und damit alle Erdenbürger, die unsere technologisierte Welt seit dem Jahr 1966 beehren – die als „Digital Immigrants“ erst in moderne Technologien hineinwachsen mussten – machen sich „digitale Helferchen“ nun vermehrt zu Nutze. Spüren Risiken und Nebenwirkungen dabei zwar weniger, was die gefühlte Einsamkeit bedingt durch vermehrte Bildschirmzeit angeht (Primack et al, 2017), doch lassen sich von der Höher-Schneller-Weiter-Bewegung nur zu gerne bedrängen.

Digitale Medien bieten uns enorm viele Möglichkeiten – bergen jedoch auch allerhand Risiken und Nebenwirkungen, die es zu beachten gilt

Digitaler Stress – wenn Technologie uns anstrengt

Weil digitaler Stress – also der Stress, der durch digitale Geräte hervorgerufen wird – alle Generationen, gar alle Branchen betrifft (Hefner & Vorderer, 2017), verdient er mehr und mehr Beachtung. So fühlen sich bereits Jugendliche durch den Zwang, ständig erreichbar sein zu müssen und Erwachsene durch die wachsende Unsicherheit in Kürze von einem Roboter am Arbeitsplatz ersetzt werden zu können, gestresst.

Zugegeben, die Gründe für digitalen Stress sind verschieden, doch die Ergebnisse sind gleich.

Wir alle bekommen dafür das gleiche. Nämlich Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin. In übermäßigem Ausmaß. In Mengen, die sowohl Körper, als auch Psyche nachhaltig schädigen. So fördert chronischer, digitaler Stress Entzündungsprozesse und vermindert auch unser subjektives Wohlbefinden (Schubert, 2018). Physisch wie psychisch, versteht sich.

FOMO – the Fear of missing out – oder:  Weshalb wir weiterhin chatten, surfen, liken und sharen

Wir chatten, surfen, liken und sharen weiterhin, schlicht, weil wir dabei schon viel zu viele geworden sind. Weil wir nicht verpassen wollen, was im World Wide Web vor sich geht. Wer sich mit wem vernetzt und wer sich mit wem befreundet. Wenn auch noch nie zuvor gesehen. Schließlich waren auf Facebook bereits im Jahr 2011 ganze 92 Prozent der User über nur vier Verbindungen weltweit miteinander vernetzt. (Backstrom, 2011)

Der Freund des Freundes des Freundes ist also auch unser Freund? Wer würde da noch freiwillig auf diese Community verzichten wollen?

Viel zu groß ist die weitverbreitete Angst, etwas zu verpassen und aus diesem sozialen Gefüge gar ausgeschlossen zu werden.

Diese vielzitierten „neuen Medien“ – die schon lange nicht mehr neu sind – eben ein einzigartiges Resonanzsystem bieten. Sie sind ein Resonanzsystem, in dessen „Spiegel-, Echo- und Verstärkerwirkung sich die Menschen stärker aufeinander beziehen (Altmeyer, 2016).

Die digitale Echokammer hallt heute stärker nach, als jemals zuvor.

Digital Detox – die neue Achtsamkeit?

Obwohl wir uns so gerne in diesem System der unhaltbaren Vergleiche gefangen sehen, unsere Bildschirmzeiten bis ins Unermessliche steigen lassen und das Multi- dem Monotasking vorziehen, steigt in uns das Verlangen nach Ruhe und analoger Entspannung. Warum sonst finden Achtsamkeitsseminare heute mehr Anklang denn je? Weshalb wird der Detox Kur heute nur zu gerne das „digital“ vorangestellt, um das Smartphone dabei in den Tiefen der Hotelzimmer-Nachttischschublade verschwinden lassen zu können?

Weil das analoge Taschenmesser am Lagerfeuer dienlicher ist.

Weil wir übersättigt sind. Übersättigt von Informationen, die tagtäglich auf uns einprasseln. Von den Stunden vor den Bildschirmen, ob in der Schule, der Ausbildung, am Arbeitsplatz oder zuhause. Schließlich warten Netflix und Amazon Prime mit spannenden Serien auf. Und die sind abgestimmt auf unsere Bedürfnisse, den Daten sei Dank.

Intrinsische Motivation – wissen, was wir wirklich wollen

Nicht alles ist eben toll an dem Verhalten und Erleben als Homo Digitalis, zumindest, sobald wir uns selbst nicht mehr als selbstbestimmte Nutzer verstehen. Weil wir dazu neigen unsere Impulskontrolle abzugeben und uns selbst zum Produkt unserer Daten zu machen, um damit jene großen, börsennotierte Unternehmen zu füttern.

So sollten wir, bevor wir auch jene zu übersättigen drohen, unsere eigene Motivation hinterfragen. Wollen wir uns tatsächlich einloggen?

Den letzten Beitrag der mehr unbekannten als vertrauten Followerin ebenfalls liken? Wollen wir die eigentlich mehr private als für die Öffentlichkeit gedachte Aufnahme tatsächlich posten und den Post der entfernt Bekannten teilen, ohne viele Hintergründe dazu zu kennen?

Worin liegt unsere Motivation, das alles zu tun oder zu unterlassen? Worin liegt die Motivation unseres Handelns in virtuellen Welten? Ist es tatsächlich unsere Motivation, die uns handeln lässt? Oder wird sie uns vorgegeben? Von all den Handlungen, die wir täglich tätigen. Die uns so viel Lebenszeit kosten, die wir niemals mehr einholen können werden. So oft wir uns auch tracken und vergleichen.

Genau jene Fragen sollten wir uns stellen.

Analog vor digital

Genauso oft wie wir uns die Frage nach jenem Warum stellen und achtsam in der Handhabung unserer „digitalen Helferchen“ sein sollten. Sinnvoll ist auch das nachfragen, ob es tatsächlich noch sie sind, die uns helfen, oder ob sich jene Hilfestellung schon lange ins Gegenteil verkehrt hat. So wäre auch zu überlegen, was uns dazu verleitet, unsere so kostbare Lebenszeit digital verbringen zu wollen, anstatt analog sein zu können. Hilfreich ist auch, die vermeintliche Effizienz hintenanzustellen und unserem Tun mit allen Sinnen nachzuspüren.

Wir wissen aus vielen Untersuchungen und auch aus dem täglichen Erleben, dass Monotasken der Weg ist, um am Ende schneller und dabei nachweislich erholter an unser Ziel zu kommen. Es geht ja darum, jenes Ziel unseretwegen erreichen zu wollen und uns auch alleine darüber freuen zu können. Ohne Likes und Shares. Also fragen wir uns Wann haben ich zuletzt in aller Ruhe den Moment genossen, Pausen eingehalten, sogar auf die Gefahr hin etwas zu verpassen? Was immer das sein mag. Wann haben wir der langen Weile gefrönt und dabei eigene Erfahrungen gemacht und diese sogar niedergeschrieben? Nur für uns selbst, für den engsten Kreis, für das soziale Gefüge, das uns auch tatsächlich auffangen würde.

Wann waren wir das letzte Mal so ganz bei uns selbst? Trotz der Vielzahl an digitalen Möglichkeiten? Wann haben wir unserer Psyche das letzte Mal eine digitale Auszeit gegönnt – Jetzt jedenfalls wäre ein sehr guter Moment dazu …

Literatur, die im Betrag verwendet wird

Altmeyer, M. 2016. Auf der Suche nach Resonanz. Wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert. Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen.

Backstrom, L., Boldi, P., Rosa, M., Ugander, J., & Vigna, S. (2011). Four degrees of separation. Retrieved from http://arxiv.org/ abs/1111.4570      

Chou, H.-T. G., & Edge, N. (2012). “They are happier and having better lives than I am”: The impact of using Facebook on perceptions of others’ lives. CyberPsy- chology, Behavior & Social Networking, 15, 117–121

Festinger, L. 1954. A Theory of Social Comparison Processes. Human Relations: Volume: 7 issue: 2, page(s): 117-140

Hefner, Dorothée und Vorderer, Peter (2017) : Digital Stress. Permanent Connectedness and Multitasking. In: The Routledge Handbook of Media Use and Well-Being: International Perspectives on Theory and Research on Positive Media Effects. Hg. v. Mary Beth Oliver und Leonard Reinecke. New York und Abingdon 2017

Precht, R. 2018. Hirten, Jäger, Kritiker. Eine Utopie der digitalen Gesellschaft. Goldmann Verlag; Auflage: Originalausgabe

Schubert, C. 2018. Was uns krank macht, was uns heilt. Das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele besser verstehen. Korrektur Verlag: Mattighofen

Skinner, B.F. 1957. Verbal Behavior. Copley Publishing Group, Acton 1957

Spitzer, M. 2020. Die Smartphone-Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft. Stuttgart: Klett Cotta

Stamoulis, K. (2011). The digital lives of babies. The Amplifier. Spring/Summer 2011, 4-5; https://de.statista.com/statistik/daten/studie/309656/umfrage/prognose-zur-anzahl-der-smartphone-nutzer-weltweit/

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23.01.2021
Johanna Constantini, MSc.
Psychologie Constantini 
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Zur Autorin:Portrait-Johanna-Constantini

Selbstständige Psychologin in eigener Praxis für Klinische-, Sport- und Arbeitspsychologie in Innsbruck, Tirol. Konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die psychologischen Auswirkungen des digitalen Wandels, vor allem in Hinblick auf psychische Erkrankungen, sowie auf Resilienz und individuelle Strategien zum Erhalt der psychischen Widerstandsfähigkeit. Methoden im persönlichen und gesellschaftlichen Umgang mit Demenzerkrankungen widmet sie sich zudem in ihrem Buch Abseits, das im Oktober 2020 im Seifertverlag erschienen ist.

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