Was eine KI-Definition über gelebte Kontemplation verrät
Kontemplation und Künstliche Intelligenz begegnen sich in diesem persönlichen Selbstversuch aus dem Jahr 2024. Da ich seit vielen Jahren als Lehrer für Kontemplation tätig bin, habe ich mich dafür interessiert, wie ChatGPT den Begriff definiert. Die folgende Antwort stammt aus dem damaligen Versuch; sie ist kein Test des heutigen Leistungsstands von KI.
Die damalige KI-Antwort:
Kontemplation ist ein Begriff, der sich auf eine Form der tiefen, reflektiven Meditation oder des intensiven Nachdenkens bezieht. Es wird oft in religiösen und spirituellen Kontexten verwendet, kann aber auch säkular verstanden werden. Hier sind einige Aspekte, die Kontemplation charakterisieren:
- Tiefes Nachdenken: Kontemplation beinhaltet ein intensives, fokussiertes Nachdenken über ein bestimmtes Thema, eine Idee oder ein Konzept. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen, um über die tieferen Bedeutungen und Implikationen nachzudenken.
- Spirituelle Praxis: In vielen religiösen Traditionen ist Kontemplation eine Methode, um eine tiefere Verbindung zu einer höheren Macht oder zu den fundamentalen Wahrheiten des Lebens zu suchen. Beispiele hierfür sind die christliche Mystik, das buddhistische Zazen oder das hinduistische Dhyana.
- Ruhe und Stille: Kontemplation wird oft in einer ruhigen und stillen Umgebung praktiziert, um Ablenkungen zu minimieren und einen Zustand innerer Ruhe zu erreichen. Diese Stille hilft dem Geist, sich zu konzentrieren und tiefer zu gehen.
- Innere Einsicht: Durch Kontemplation können Menschen oft neue Einsichten oder ein tieferes Verständnis für sich selbst, ihre Umgebung oder die Welt als Ganzes gewinnen. Es geht darum, über die oberflächlichen Erscheinungen hinaus zu sehen und tiefere Wahrheiten zu erkennen.
- Unterschied zur Meditation: Während Meditation oft eine Technik zur Beruhigung des Geistes und zur Förderung der Achtsamkeit ist, ist Kontemplation spezifischer auf das Nachdenken und die Reflexion über bestimmte Inhalte ausgerichtet. Die Grenzen sind jedoch fließend, und die Begriffe werden manchmal synonym verwendet.
Insgesamt ist Kontemplation eine wertvolle Praxis, die dazu beitragen kann, inneren Frieden, Klarheit und ein tieferes Verständnis für komplexe Themen zu erreichen.
Kontemplation meint hier ein Schauen jenseits des Nachdenkens
Diese Antwort trifft mein Verständnis von Kontemplation nicht. Sie zeigt mir, wie wichtig es ist, den gemeinten Übungsweg zu benennen und eine allgemeine Definition nicht mit gelebter Erfahrung zu verwechseln.
Das lateinische contemplatio und das griechische theoria führen zum Bild des Schauens. In meinem kontemplativen Verständnis geht es um das Schauen und Erkennen der objektlosen Wirklichkeit, jenseits gedanklicher Reflexion. Ein langer Übungsweg ist erforderlich. Der Begriff hat allerdings mehrere Verwendungen: Der Duden erfasst auch eine bildungssprachliche Bedeutung mit Nachdenken. Das Kompendium des Katechismus unterscheidet dagegen betrachtendes Nachdenken und beschauliches Gebet. Mein Einwand richtet sich auf die Vermischung dieser Zugänge.
Eine Einordnung der unterschiedlichen Begriffsverwendungen bietet unser Beitrag Kontemplation: Bedeutung, innere Ruhe und wache Stille.
Wenn Technik nicht nur Werkzeuge verändert, sondern unser Bild vom Menschen selbst berührt, wird die Debatte grundsätzlicher. Mehr dazu im Beitrag Transhumanismus und Menschenbild.
Jeder Mensch ist ein templum spirituale, ein vom kosmischen Geist erfüllter Tempel.
Der Wohnort Gottes oder auch Brahman, Tao, Nirvana liegt im Innersten jedes Menschen verborgen. Kontemplative Spiritualität zeigt die mannigfaltigen Möglichkeiten auf, wie man sich mit Vertrauen auf den Rückweg in das eigene Zuhause, den Urgrund, die Urquelle, begeben kann, ohne von dogmatischen, konfessionell gebundenen Lehrmeinungen gefesselt zu sein. Es geht um eine geistige Befreiung, bei der Immanenz und Transzendenz Hochzeit feiern.
Die Praxis der Kontemplation entfernt keineswegs von der Welt, im Gegenteil. In der Kontemplation erkennt man, dass das ganze Universum ein einziges Ganzes ist, dass alles vom Gesetz der gegenseitigen Abhängigkeit gelenkt wird und jeder ein Gefühl für das soziale Verflochtensein entwickeln, sein wahres Wesen erkennen und die Suche nach dem illusorischen Glück aufgeben sollte. Das echte Glück, die wahre Freiheit, liegt im Bewusstsein der Vergänglichkeit, dem Respekt und Verständnis für das Leben und für sich selbst.
Der Mensch muss aus dem Traum erwachen, um im Hier und Jetzt zu leben.
„Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein.“
(Epheser 5, 14)
Welche Grenzen des Menschseins überschreiten wir im Zeitalter der KI-gesteuerten digitalen Revolution?
Plutarch überliefert in seiner Lebensbeschreibung des Pompejus, Kapitel 50, einen Ausspruch des römischen Feldherrn: Als ein Sturm die Schiffsführer vor der Abfahrt zurückschrecken ließ, ging Pompejus selbst an Bord und befahl, die Anker zu lichten.
„Navigare necesse est. Vivere non est necesse“
(„Zur See fahren ist notwendig, leben nicht!“)
Aus einem Aufruhr der Natur und der Temperamente geboren, bekräftigt die Aussage, dass der Mensch dort, wo er Horizonte überschreitet, auch auf die Grenzlinie von Tod und Leben gerät.
Heute sind die hoch komplexen Navigationssysteme nicht mehr ausschließlich auf die Seefahrt beschränkt. Viele Menschen lassen sich im Alltag von der Navigation ihres Smartphones leiten.
Noch ist der Mensch in der Lage die diversen technischen Geräte aktiv zu bedienen, allerdings nimmt der Cyber-Wahnsinn, den ich mit Cyberismus bezeichne, gewaltig zu, wobei die Grenzen von Aktivität und Passivität bald ineinanderfließen werden. Mit den cyber-intelligenten Informationssystemen, wo Wissen kaum noch vermittelt wird, werden wir durch das Leben geführt. Anlehnend an das berühmte Zitat von René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich!“ formuliere ich für den im digitalen Zeitalter lebenden Menschen:
„Navigor ergo sum – Ich werde navigiert, also bin ich!“
Die Hexenküche der digitalen Cyber-World wird täglich bedrohlicher, weil die Unterscheidung zwischen Virtualität und Wirklichkeit immer schwieriger wird. Die Datenmengen („big data“) sind kaum zu bewältigen – vieles wird in einer „Cloud“, wo immer diese sich befinden mag, ausgelagert.
Im World-Wide-Web (WWW) lässt sich eine Profilseite oder ein Blog ohne eigene Programmierkenntnisse einrichten. In sozialen Netzwerken fließen die Beiträge vieler Menschen in einen fortlaufenden Strom. Dabei kommen auch die Grenzen zwischen privat und öffentlich in Fluss.
Fast täglich wird die Technik schneller, die „Kommunikationsgeräte“ werden vermeintlich immer intelligenter. Sie werden zunehmend mit „fühlenden“ Sensoren und Speicherbausteinen ausgestattet, die unsere Aktivitäten aufzeichnen und digitale Dossiers erstellen – um unser Gedächtnis zu verankern, die Informationsflut zu kanalisieren und uns bei Entscheidungen zu helfen.
Welche Folgen technologische Beschleunigung für die mentale Belastbarkeit haben kann, zeigt der Beitrag über digitale Erschöpfung durch KI.
In Goethes „Faust“ halten die Osterklänge und die Erinnerung an seine Jugend den Gelehrten vom Selbstmord zurück. Später begegnet er Mephistopheles, der sich als „des Pudels Kern“ entpuppt. Nach dem Spektakel in Auerbachs Keller führt Mephisto ihn zur Verjüngung in die Hexenküche, wo er das rätselhafte Hexeneinmaleins vernimmt.
Du musst verstehn!
Aus eins mach Zehn,
Und Zwei lass gehn,
Und Drei mach gleich,
So bist du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex,
Mach Sieben und Acht,
So ist´s vollbracht;
Und neun ist Eins,
Und Zehn ist keins,
Das ist das Hexen-Einmaleins!
Digitale Geräte reagieren inzwischen auf unsere Stimmen und Gesten und können unsere Handschrift erkennen. Digitale Assistenten werden sich unsere jeweiligen Bedürfnisse anhören und dabei helfen, diese zu erfüllen, etwa bei der Suche nach einer Wohnung in einer neuen Stadt.
Immer mehr Gegenstände können mit digitalen Diensten vernetzt und über eine „Cloud“ erfasst werden.
Big Data verändert alles. Spätestens seit den Enthüllungen Edward Snowdens wissen wir: Eine nahezu unkontrollierbare Überwachungsmaschinerie hat uns im Griff. Gewaltige unstrukturierte Datenmengen, die unser Leben abbilden, werden systematisch ausgewertet. Alles wird zu digitaler Information.
Die Welt der Algorithmen beherrscht uns längst. Sie verändert unser Leben und unser Denken. Wir werden „algorithmisiert“.
Wohin geht der Mensch?
Die Welt im Umbruch
In Goethes Klassiker der Weltliteratur begegnen wir dem ewig Suchenden. Dieser glaubt, alle Einsichten durch das Studium der Wissenschaften zu gewinnen und scheitert kläglich daran. Da kommt der Teufel ins Spiel und zeigt dem Gelehrten, der sich sein ganzes Leben lang darauf verlassen hat, dass alles Weltliche durch Wissen erklärbar wird, die wahre Welt, wie er sie sieht. Er zeigt ihm die Gefühle von Lust und Macht. Eine Nebenhandlung ist der künstlich geschaffene Mensch, dem es nicht gelingt, ein echter Mensch zu werden.
Der Mensch, wie er sich selbst vorstellt, zu sein, nämlich vollkommen gut und frei von jeglicher Schuld, ist für Goethe kein wahrer Mensch. Vielmehr ist der Mensch schuldbelastet und lasterhaft, aber erst das macht ihn zum wahren Menschen. Wenn der Mensch sich Zeit seines Lebens bemüht, ein gutes Leben zu führen, dann war dieses Leben auch ein gutes und der Mensch darf sich frei fühlen, alles richtig gemacht zu haben. Die Auseinandersetzung mit Mephisto lässt sich für mich als Bild dieses widersprüchlichen menschlichen Strebens lesen.
Seine göttlichen Eigenschaften kann der Mensch nur in sich selbst finden.

In meiner Lesart von Goethes „Faust“ stehen Gut und Böse in einem spannungsvollen Zusammenhang. Weil die Polarität von Gut und Böse Hand in Hand geht, treffen gleich zu Anfang, im Prolog im Himmel, der Teufel und der Herr aufeinander.
Mephistopheles schreibt einem Schüler ins Stammbuch: „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“ („Faust I“, Studierzimmer). Sinngemäß übersetzt: Ihr werdet sein wie Gott und Gut und Böse erkennen.
Unter der glamourösen Oberfläche einer oft überdrehten und überreizten Alltagsexistenz im Bewusstseins-Gefängnis von „Konsum & Wachstum“ beginnt sich in vielen Bereichen des menschlichen Lebens eine angsterfüllte Haltung auszubreiten.
Der „homo sapiens“, der wissende und weise Mensch steht zur Disposition und mutiert zu einem „homo demens“ anstatt die Transformation zu einem „homo oriens“ ins Auge zu fassen.
Noch bevor es der industriellen Revolution gelang, den überlegenen praktischen Nutzen der Naturwissenschaft unter Beweis zu stellen, hatten diese kulturellen Entwicklungen auf die Vorzüge einer wissenschaftlichen Sicht der Dinge verwiesen. Die Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft vollzog sich auch in einer Epoche religiöser Konflikte und Kriege. Ihre Entstehung lässt sich jedoch nicht auf diese Konflikte reduzieren. Solche Umstände waren dazu angetan, nicht nur die Glaubwürdigkeit des christlichen Verständnisses in Zweifel zu ziehen, sondern auch seine Fähigkeit, Sicherheit und relativen Frieden zu schaffen – von universeller Nächstenliebe ganz zu schweigen.
Das Selbstbild des modernen Menschen wurde im Verlauf des wissenschaftlichen Fortschritts nicht nur radikal in seine räumlichen und zeitlichen Schranken verwiesen, es erfuhr auch eine qualitative Entwertung seines wesentlichen Charakters. Eine rein materialistische Sicht, gegen die sich meine Kritik richtet, reduziert das menschliche Bewusstsein auf ein bloßes Epiphänomen der Materie oder eine Funktion des Gehirns. Sie beschreibt nicht die gesamte Vielfalt philosophischer und wissenschaftlicher Auffassungen.
Descartes unterschied „res cogitans“ und „res extensa“, das denkende Subjekt und die ausgedehnte materielle Welt. Meine Kritik gilt einer späteren materialistischen Zuspitzung, die diese Unterscheidung zugunsten einer rein mechanischen Erklärung aufgibt.
Die Erkenntnis leitende Hypothese, dass die Komplexität der Welt und der menschlichen Erfahrung im weiteren Verlauf des Fortschritts eine abschließende Erklärung allein aufgrund naturwissenschaftlicher Prinzipien finden werde, nahm zunehmend – wenngleich oft unbewusst – den Status eines wohlbegründeten, wissenschaftlichen Prinzips an, obwohl es sich genau genommen nur um eine Hypothese handelte.

Die Wurzeln unserer Existenz sind tief verankert.
In diesem Bild von Tiefe und Verwurzelung erschließt sich mir die geistige Bedeutung unserer Worte.
Die eigentliche Aufgabe der Kontemplation besteht darin, uns dorthin zu führen, wo das Wort spricht und nicht gesprochen wird. Die Worte „contemplatio“ und „theoria“ verbinden sich für mich mit dieser Wesensschau ohne Objekt, ohne ein Gegenüber – dem reinen Schauen in die Wirklichkeit.
Es ist ein Aufsteigen zu dem Shabda-Brahman (Sanskrit: die Welt des Klanges), dem Absoluten Wort. Der innerste Sinn des Klanges ist der eigentliche Shabda, der sich mit erleuchtender Kraft (Sanskrit: Shakti) aus dem Unbewegten, Ewigen erhebt. Wenn sein Gefährt, das gesprochene Wort, in innerlich und äußerlich vollkommener Weise erklingt, versetzt es die innere Kraft in Schwingung, die dann in der Lage ist, Einsicht bis hin zur Erleuchtung zu vermitteln.
Der Befreiungsweg in der Gegenwart verleiht uns die Perspektive einer fast vergessenen kosmologischen Weltsicht, die uns Dimensionen der Wirklichkeit offenbart, die unter den erdrückenden Schichten der Geschichte, der Politik, der Wirtschaft, der Technologie und den unheilvollen pseudo-religiösen Angeboten fast vergraben wurden.
08.08.2024
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist
https://kardiosophie.network
Über den Autor Roland R. Ropers
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
>>> zum Autorenprofil
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Buch Tipp:

Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle
von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu
Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die Mitautorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.
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