Was steckt hinter Mitleid?

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gesicht traene mitleid traumaWas steckt hinter dem Mitleid?

„Ich habe solches Mitleid mit dir“, sagte mir meine Mutter neulich, „Du lebst ein sehr ungesundes Leben.“
Ich kriegte mich nicht mehr vor Lachen. „Das ist ja witzig“, kommentierte ich, „Denn dasselbe denke ich von deiner Lebensweise. Dennoch habe ich weder Mitleid mit dir noch brauche ich deins. Sucht sich nicht jeder seinen Lebensweg selbst aus?“

Wie kommt meine Mutter darauf, dass ich ungesund lebe? Ich rauche, trinke ab und an ein Glas Wein oder ein Bier und esse nicht nach irgendwelchen fremdbestimmten Vorschriften, sondern nur, wenn mein Körper mir ein Signal gibt, dass er Nahrung benötigt, nämlich wenn ich Hunger habe. Dann nehme ich gerade so viel Futter zu mir, bis ich satt bin und nicht darüber hinaus.

Wie komme ich darauf, dass meine Mutter ein ungesundes Leben führt? Sie reist hauptsächlich durch die Vergangenheit, übt Reue aus, gedenkt durchgehend der Verstorbenen, während sie in derselben Zeit genauso gut das Dasein der Lebendigen genießen könnte, warnt alle vor allem und erinnert uns täglich daran, wie „gefährlich“ alltägliche Dinge, wie z.B. Fahrradfahren, sind. Auch wenn Menschen um sie herum keine Angst vor etwas haben, ruft sie ihnen in die Erinnerung, dass sie besser Angst haben sollten. Die Hauptthemen ihrer Gespräche drehen sich um: Krankheiten, Kranken, Dinge, die uns krank machen könnten, Gefahren oder das negative Verhalten ihrer Mitmenschen. Um das Ganze kurz und bündig zu machen; Sie ist der Lauterbach unserer Familie.

Nun, wer von uns beiden behält Recht in ihrem Urteil über die andere?

Wir bewerten die Dinge um uns herum basiert auf unserem Werte- und Glaubenssystem. So glaubt meine Mutter z.B., dass die äußere Umstände für die Gesundheit des Körpers verantwortlich sind. Ich dagegen bin der Meinung, dass der Ursprung alles Materielle und in der Außenwelt spürbar und Sichtbares in uns selbst steckt. So ist die Gesundheit des Geistes, aus meiner Sicht, die Voraussetzung für einen heilen Körper. Und weil wir unsere Realitäten mit unserem Glauben kreieren, haben meine Mutter und ich beide Recht. Jede von uns in ihrer eigenen kleinen Welt.

Aber was steckt hinter dem Mitleid?

Der Begriff „Mitleid“ trägt den Anwendungsbereich der dazugehörigen Emotion in sich: Mitleid ist nützlich für diejenigen unter uns, die gerne (mit)leiden. Im alltäglichen Leben wird dieses Sentiment oft mit „Mitgefühl“ verwechselt.

Daher kommt es vor, dass Menschen, die kein Mitleid empfinden, missbräuchlicherweise als „herzlos“ oder „emotionskalt“ gelten. Mitgefühl ist ein Zeichen der Empathie und hat mit „Leiden“ nichts gemeinsam. Jemand, der mitfühlt, ist fähig, sich emotional in andere hineinzuversetzen und ihre positive und negative Stimmungen mitzufühlen. Er leidet nicht. Er fühlt.

Mitleid und der Bemitleidende:

Mitleid stammt aus dem Opferarchetypus. Die Opferrolle so wie die weiteren drei unbewussten Archetypen des Überlebens (das innere Kind, die Sabotage und der Prostituierte-Archetypus) sind ein Teil unserer tierischen Natur und haben ihre Wurzeln in den Urängsten. Wenn die Ziege im Wald auf den Bären trifft, stellt sie sich tot – sie wird zum Opfer. Der Bär zieht weiter und die Ziege überlebt. Sollte sie sich jedoch gegen ihre Instinkte stellen, übermütig werden und sich auf einen Kampf mit dem Bären einlassen, würde sie mit großer Wahrscheinlichkeit sterben. Würden alle Ziegen ihrem mutigen Beispiel folgen, wäre es eine Frage der Zeit, bis ihre Rasse gänzlich aussterben würde. So ähnlich funktionieren wir Menschen. Unsere Ängste halten uns – bis zu einem gewissen Grad – am Leben, zumindest so lange, bis wir zur Liebe finden, die uns neue Wege des Überlebens öffnet.

Ein Mensch in der Opferrolle ist passiv. Er fühlt sich machtlos über die Situation, die ihn zum Opfer macht. Für seine unglückliche Lage beschuldigt er äußere Umstände oder andere Menschen. Aus diesem Standpunkt heraus kann er keine Verantwortung für sein Leben tragen, um die notwendige Schritte zu einer Veränderung zu leiten. Dieser Zustand der Machtlosigkeit kann in den Außenstehenden Mitleid erwecken, das von dem Opfer wiederum als ein Zeichen der „Liebe“ interpretiert werden kann.

Folgenden Fall kennt wahrscheinlich der eine oder andere:

Ein Kind rennt gegen eine Tür, fällt beim Laufen zum Boden, schlägt sich den Kopf gegen einen Gegenstand, wird von einem anderen Kind geschlagen etc. und fängt an zu weinen. Ein Erwachsener nimmt es in den Arm, streichelt es und versucht, es zu beruhigen. „Du blöde Tür (blöder Boden/Tisch/blödes Kind)! Hast du meinem Kleinen wehgetan?!“, oder Ähnliches wird gesagt. Was lernt das Kind aus diesem Vorfall? „Die Tür ist für meinen Schmerz verantwortlich UND ich bekomme Aufmerksamkeit, Zuneigung und Zärtlichkeit, wenn ich mir wehtue und weine.“ Wird dieses Ursache-Wirkung-Schema oft genug wiederholt, wird es zu einem unbewussten Muster; dem Liebesmuster, in dem die Liebe direkt mit dem Schmerz verknüpft ist: Ich muss leiden, um geliebt zu werden, oder ich leide, weil ich liebe oder ich liebe, wenn ich leide. So werden wir unbewusst konditioniert.

Uns tun in der Regel Menschen leid, die aus unserer Sicht dem Leben und seinen Umständen „ausgeliefert“ sind. Wir können auch uns selbst bemitleiden, wenn wir uns in einer Lebenssituation ohnmächtig fühlen. Während kurzzeitiges Mitleiden unter Umständen aufbauend wirken kann, könnte das andauernde Mitleid destruktive Folgen haben, z.B. dann, wenn die zu bemitleidende Person aufgrund der für das Bedauern verantwortlichen Umstände Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommt. So wird die für das Leiden zuständige Ursache zu einer Komfortzone, aus der sie nicht mehr herauskommen will, weil sie (nur) dort „geliebt“ wird.

Unabhängig davon, wie lange wir bemitleidet werden oder uns selbst bemitleiden, ändern werden sich die Umstände nur dann, wenn wir aktiv werden, die Opferrolle verlassen, Verantwortung für unser Leben übernehmen und anfangen, Dinge um uns herum zu verändern. Dann brauchen wir kein Mitleid mehr, da wir kein Opfer mehr sind.

Mitleid und der Mitleidende:

In diesem Fall kann es leicht passieren, dass er Mitleid spürt, und zwar mit denjenigen, die aus seiner Sicht unglücklich leben, weil sie ihre Lebensbahn nicht nach seinen Vorstellungen und Werten aufbauen.

Was dabei gerne außer acht gelassen wird, ist, dass Glück subjektiv ist. Unser Lebenspfad ist der „Fingerabdruck“ unserer Seele. Es gibt keine zwei Menschen mit demselben Fingerprint. Wir bewerten das Leben der anderen mit unseren eigenen Wertvorstellungen, die nicht absolut, sondern sehr individuell sind. Tatsache ist, dass jeder Mensch in der Lage ist, sich aus einer leidenvollen Situation zu befreien, wenn die Unzufriedenheit große genug ist. Das heißt, diejenigen, die sich in einer aus unserer Sicht unglücklichen Lage befinden, sind basiert auf ihren eigenen Wertvorstellungen zufrieden oder zumindest noch nicht unzufrieden genug.

Ist Mitleid echt oder eine (Selbst)Täuschung?

Kehren wir zurück zu dem anfänglichen Gespräch zwischen meiner Mutter und mir. Spürt meine Mutter tatsächlich Mitleid mit mir? Sie könnte nur dann mit mir leiden, wenn ich selbst leiden würde, was nicht der Fall ist. Litt ich unter meinem eigenen Verhalten (Rauchen, Trinken, Wenig-Essen, etc), würde ich etwas daran ändern. Ich bin durchaus gesund, glücklich und unbekümmert, unabhängig von der Wahrnehmung meiner Mutter über mich und mein Leben. Sollte ich morgen sterben, weil ich gelegentlich ein Glas Wein oder zwei Biere getrunken habe, dann habe ich wenigstens ein fröhliches und angstfreies Leben geführt, bevor ich starb.

Anschließend komme ich zu dem Fazit, dass das Mitleid (meiner Mutter) eine Täuschung basiert auf eigenen Werten und Glaubenssätzen ist, die nichts mit der Realität anderer Menschen zu tun haben. Das ungültige Liebesmuster des kollektiven Unterbewusstseins „schreibt vor“: „Wenn du (mit)leidest, liebst du“, und aus diesem Muster heraus handeln, reden und fühlen wir, ohne uns dessen bewusst zu sein.

10.11.2021
Sara Sadeghi
https://www.peacestartsinyourheart.com

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Sara Sadeghi sara-sadeghi

Die 37-jährige Freiheitsliebhaberin arbeitet heute als zertifizierter Coach für psychische Gesundheit, Bewusstsein und Spiritualität und Energietherapeutin und hat bereits hunderte von Menschen mit ihrer Geschichte inspiriert und geholfen. In ihrem Buch „Das kleine, schwarze Fischlein – a diary“ berichtet sie über ihren Verwandlungsprozess von der Raupe in einen Schmetterling und über ihren Selbstfindungsprozess und die Herausforderungen, die ihr auf diesem Weg gestellt wurden.
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