Die Energie von wahrem Mitgefühl

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finger-mitgefuehl-michelangeloDie Energie von wahrem Mitgefühl

Mehr als Mitleid oder Empathie: Bedingungsloses Mitgefühl kann unsere Welt revolutionieren!

Mitgefühl – haben wir, reichlich, denn wir sind ja gute Menschen. Wer ohnmächtig und unschuldig in eine üble Situation geraten ist, wird damit reichlich bedacht. Doch wenn jemand, wie wir meinen, selbstverschuldet in Leid gerät, hält es sich durchaus in Grenzen: Die sind doch selbst schuld, die müssen auch die Konsequenzen ihrer Fehler tragen!

Manchmal meinen wir es gut und schwächen Menschen, indem wir ihnen unser Mitleid überstülpen. Oder wir leiden so sehr mit ihnen, dass wir zu keiner konstruktiven Handlung mehr fähig sind. Der Buddha erkannte: dass alles Leben Leiden ist, dass wir alle miteinander verbunden sind und dass es darum geht, gemeinsam einen Weg zu finden, das Leid Aller – nicht nur einiger weniger – zu mildern.

Alle Wesen verdienen Freude, ganz frei von Leiden; niemand erfährt sie ständig, denn Alter, Krankheit und Tod sind ständige Begleiter; wir alle haben deshalb Mitgefühl verdient. Mitgefühl ist keine einfache Qualität – aber eine, die uns in der persönlichen und spirituellen Entwicklung enorm voranbringt.

Der Dalai Lama sieht es als sein höchstes Ziel an, dass „mehr und mehr Wesen die Wichtigkeit von Mitgefühl realisieren und dem Pfad von Altruismus folgen.“ Er weiß, dass wir alle das Potential für Mitgefühl in uns tragen. Entscheidend ist, ob und wie wir es nutzen und ob und wie es uns gelingt, diese Kraft in unser Leben integrieren.

Mitleid, Empathie und Mitgefühl

Mitgefühl sollte nicht mit Mitleid verwechselt werden, das immer einen negativen Beigeschmack hat. Mitleid haben wir gegenüber Bedürftigen; Menschen, die wir als schwächer als uns selbst, als uns unterlegen wahrnehmen. Diese Art des „Mitleidens“ hat immer etwas Gönnerhaftes, weil sie den einen Menschen über den anderen erhebt – und sich gerne in leerer Wohltätigkeit erschöpft, die darauf ausgerichtet ist, das eigene Gewissen zu beruhigen, statt den anderen dabei zu unterstützen, selbst stark zu werden. Das Mitleid muss zudem „verdient“ werden: Es kommt nicht allen zugute, nur jenen, die wir dazu als „würdig“ erachten. Mitleid ist eine vorübergehende Emotion, die durch die akute Konfrontation mit einer bestimmten Situation ausgelöst wird.

Biegen wir ums Eck, ist die bedauernswerte Situation nicht mehr Teil unserer Wahrnehmung, lässt auch das Mitleid nach. Mitgefühl dagegen ist eine Geisteshaltung, die es langfristig und anhaltend zu kultivieren gilt. Statt Weihnachten aus Mitleid für Schwellenländern zu spenden, könnten wir beispielsweise aus Mitgefühl mit den dortigen Arbeitern das ganze Jahr über zu Fair-Trade-Produkten greifen, die diesen ermöglichen, ein gerechtes Einkommen zu verdienen.

Statt mitleidig die Kollegin zu bedauern, die sich nicht gerade durch Kompetenz auszeichnet, könnten wir aus Mitgefühl ihren Selbstwert stärken, indem wir sie gut vor dem Chef dastehen lassen. Aus Mitleid werfen wir dem Bettler einen Euro in den Hut – aus Mitgefühl wechseln wir dazu noch ein paar Worte mit ihm, denn wir können uns in ihm erkennen und ihn in uns.

Der Duden definiert Empathie als

Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen.

Sie ist Grundvoraussetzung jeder gesunden sozialen Interaktion, und ohne sie ist keinerlei Mitgefühl möglich. Doch Empathie allein impliziert noch nicht den Wunsch, das Leid im anderen, dass man fühlt, zu lindern, der ganz wesentlicher Bestandteil des Mitgefühls ist.

Der buddhistische Mönch und Molekularbiologe Matthieu Ricard hat festgestellt, dass Empathie – wenn also ein Mensch beispielsweise mit dem Schmerz eines anderen in Resonanz geht – das Areal im Gehirn aktiviert, das mit der negativen Erfahrung des Schmerzes verbunden ist. Meditiert der Mensch aber über bedingungsloses Mitgefühl, Liebe und Güte allen leidenden Menschen gegenüber, werden jene Areale des Gehirns aktiv, die mit positiven Gefühlen, wie etwa der Mutterliebe, verbunden sind. Mitleid und Empathie, die sich auf den negativen Aspekt der Wahrnehmung konzentrieren, schwächen deshalb – uns und andere.

Doch wenn echtes Mitgefühl mit seiner positiven Ausrichtung ins Spiel kommt, übertrifft seine kraftvolle Energie jedes Mitleid und jede Empathie und bringt echte Anteilnahme statt müder Sentimentalität. Es wird zur Kraft, die zu Verstehen, Toleranz und auch zum Handeln befähigt, und bleibt nicht im Schmerz stecken, der lähmt und niemandem etwas bringt. Diese Transformation geschieht in der Regel nicht von selbst, sondern ist eine bewusste Auseinandersetzung. Vor allem der Buddhismus lehrt, mit welchen Übungen wir unseren Geist schulen und Mitgefühl trainieren können.

Die vielleicht schönste Definition dieser Energie stammt von Jack Kornfield, Buddhist und Autor:

Mitgefühl ist die Antwort des Herzens auf den Schmerz. Wir haben Anteil an der Schönheit des Lebens und am Ozean der Tränen. Das Leiden am Leben ist Teil unseres Herzens sowie Teil dessen, was uns miteinander verbindet. Es trägt eine Zärtlichkeit in sich, ein Mitgefühl und ein Wohlwollen, das alle Dinge umfängt und jedes Wesen berühren kann.

Tatkräftiges Mitgefühl

Die Autoren Gilbert und Choden erläutern in ihrem praxisbezogenen Buch, dass sich Mitgefühl aus zwei sehr unterschiedlichen Qualitäten zusammensetzt: Zum einen eine Offenheit und bewusste Öffnung für das Leiden anderer und der Wunsch, dieses Leiden zu verstehen. Zum anderen der innige Wunsch, dieses Leiden zu lindern oder zu verhindern. Bloße Empathie, die keine Möglichkeit sieht, Elend zu verhindern, kann dagegen in Wut oder Hoffnungslosigkeit münden.

Achtsamkeit ist das Instrument, das hilft, mit dem Wesen des Leidens in Resonanz zu gehen, es zu verstehen und seinen Ursprung zu erfassen – als ein „mutiger Akt, der nach klugem Handeln verlangt“, statt an selbst zu verzweifeln.

Die Autoren stellen klar:
Mitgefühl hat also nichts damit zu tun, sich vom eigenen oder dem Schmerz anderer überwältigen zu lassen oder darin zu versinken.“ Sondern es bedeutet, „sich auf den Wunsch zu konzentrieren, andere Menschen mögen frei vom Leiden und seinen Ursachen und aufgrund dessen glücklich sein […]“.

Dabei sollten wir auch offen sein für das Mitgefühl, das uns andere entgegen bringen, und auch uns selbst gegenüber mitfühlend und verständnisvoll sein. Denn wer etwas in sich selbst ablehnt, kann sich diesbezüglich nicht in andere Menschen einfühlen.

Da wir Menschen widersprüchlich sind, besitzen wir ebenso wie die Anlage zum Mitgefühl auch die zur Schadenfreude – und nennen es Gerechtigkeitsempfinden, wenn einem „schlechten Menschen“ etwas Böses zustößt. Es ist unsere Verantwortung, den Geist zu schulen, damit er lernt, sich selbst zu verstehen. Es erfordert sehr viel Mut, dem Leiden zu begegnen, das steht außer Frage.

Doch es ist jeden Einsatz wert, denn das Erwecken des Mitgefühls verändert unsere Beziehung zu uns selbst und zu unserer Umwelt. Wir lernen zu erkennen, wie wir Leiden im eigenen Geist erschaffen und so auch in der Gesellschaft. So bereiten wir den Weg für ein umfassendes Verstehen, dem mitfühlendes Handeln entspringen kann, denn „ein mitfühlend motivierter Geist [kann] eine Quelle großer Weisheit und universeller Veränderung sein“ – den Weg zur Entwicklung eines mitfühlenden Selbst.

Mitgefühl ist nicht eigennützig

Oder etwa doch auch? „Das Paradoxe am Mitgefühl ist nämlich, dass wir selbst zu seinen größten Nutznießern zählen“, schreibt Thupten Jinpa in seinem jüngsten Werk. Der Mediziner hat am „Center for Compassion and Altruism“ (Zentrum für Mitgefühl und Altruismus) der Universität Standfort an der Entwicklung eines achtwöchigen Mitgefühlstrainings mitgewirkt – und festgestellt, dass gelebtes Mitgefühl nicht nur unser Gehirn verwandeln kann, sondern auch insgesamt glücklicher macht.

Die Fähigkeit dafür ist in uns allen angelegt. So zeigen bereits Kleinkinder im Alter von 14 Monaten den Impuls, anderen zu helfen. Es ist nicht unwesentlich, das Mitgefühl, das man anderen entgegenbringt, auch sich selbst zugute kommen lassen. Dies hat nichts mit Narzissmus oder Selbstmitleid zu tun. Denn wer mit sich selbst nicht mitfühlend und sorgend umgeht, wird sich selbst gegenüber irgendwann abwertend, kritisch und fordernd – Eigenschaften, die wir dann auch auf andere projizieren.

Jinpa schreibt einfühlsam davon, dass wir uns oft nicht für das Mitgefühl öffnen, weil wir befürchten, nicht stark genug zu sein, fremdes Leid zu ertragen. Dabei müssen wir aber lernen, anzuerkennen, dass es nicht für jedes Leid Linderung gibt, dass wir nicht allen und immer helfen und dennoch Verständnis und Solidarität bekunden können: „Es liegt nicht in unserer Hand, ob wir leiden oder nicht, wohl aber, wie wir mit dem Leiden umgehen. Wehren wir uns gegen die Realität des Leidens?

Beim Mitgefühlstraining geht um die Entwicklung von drei Fähigkeiten:

Lernen, den Geist zu beruhigen, die Konzentration schulen und die Übung des Gewahrseins, einer offenen und entspannten Geisteshaltung. Ziel ist es, dass das Mitgefühl, wo möglich, auch in einer Handlung Ausdruck findet – und irgendwann alle Menschen, sogar alle Wesen umfasst. Wer mitfühlt, wird mutiger, leichter und freier leben und seine Umwelt in einem größeren Zusammenhang erfassen.

Gerade in Zeiten wie unserer, so der Buddhist, mit einer rasant wachsenden Weltbevölkerung, Globalisierung und Ressourcenknappheit, sind wir „dringend aufgerufen, den Geist des Miteinanders und der Zusammenarbeit zu fördern. Wir sitzen alle im selben Boot, und es ist diese Wirklichkeit der Einheit der Menschheit, um die es beim Mitgefühl geht.“ In diesem „globalen Mitgefühl“ liegt die Chance auf eine humanere Welt.

Verbundenheit mit allen Wesen

Bedingungsloses Mitgefühl, wie schon der Name verrät, bleibt nicht nur jenen vorbehalten, die wir lieben, sondern fordert uns gerade dann heraus, wenn wir die Menschen, denen es zugute kommen soll, nicht besonders mögen. Das Ausweiten des Mitgefühls auf alle und jeden fällt uns in der Regel unendlich schwer, denn etwas in uns will oft glauben, dass jemand, der anderen Schmerz zufügt, selbst noch größeren Schmerz verdient hat.

Dass er vielleicht selbst ursprünglich aus Schmerz heraus agierte und vor dem „Täter“, als den wir ihn verurteilen“, selbst ein „Opfer“ war, blenden wir in unserer Wahrnehmung von „Übeltätern“ gern aus. Doch Mitgefühl ist nur dann eine transformierende, alles verändernde Energie, wenn sie niemanden ausschließt – übrigens auch nicht uns selbst. Wer sich selbst gegenüber mit Mitgefühl und Verständnis begegnet, tut sich auch wesentlich leichter, es ohne Verurteilung und Diskriminierung anderen entgegenzubringen.

„Sogar der Feind ist uns nütze, denn um Mitgefühl empfinden zu können, müssen wir uns in Toleranz, Vergebung und Geduld üben – und das lässt die Wut verfliegen“, sagt der Dalai Lama.

Liedermacher Konstantin Wecker wählt einen anderen Ansatz:

Er schlägt vor, diese Wut, diesen Zorn über Ungerechtigkeiten in eine tätige Kraft zu kanalisieren, mit der sich die Welt verbessern lässt. Wecker schreibt:

Ich bin […] davon überzeugt, dass wir eine liebevollere und gerechtere Gesellschaft einzig durch die Verbindung von politischem Engagement und spiritueller Weisheit erreichen können.

Für ihn ist das „tätige Mitgefühl“ des Theologen Albert Schweizer „gelebte Spiritualität“ – und das Gebot der Stunde. Sein Co-Autor, Zen-Meister Bernard Glassmann, stellt dar, wie die Illusion der Trennung voneinander, die wir Menschen oftmals empfinden, mit einer spirituellen Praxis überwunden werden kann – einer Praxis, die auf Mitgefühl beruht und mit der jeder willig seinen Mitmenschen dient. Er gibt den wertvollen Rat, wie wir Mitgefühl in die Welt tragen können:

„Nutze das, was du hast, und tue, was du in diesem Augenblick tun kannst.“


INFO
Paul Gilbert & Choden: „Achtsames Mitgefühl“, arbor Verlag
Thupten Jinpa: „Mitgefühl“, O.W.Barth Verlag
Leslie Jamison: „Die Empathie-Tests: Über Einfühlung und das Leiden anderer“, Suhrkamp Taschenbuch
Konstantin Wecker, Bernard Glassman: „Die revolutionäre Kraft des Mitgefühls“, Goldmann Taschenbuch

ZITATE:

Gehen wir voller Mitgefühl auf andere zu,
setzen wir der Einsamkeit ein Ende.
Dalai Lama

♦ ♦ ♦

Arbeitet mit Mitgefühl,
Sterbt mit Mitgefühl,
Meditiert mit Mitgefühl,
Genießt mit Mitgefühl,
Wenn Probleme auftauchen,
Erfahrt und erlebt diese mit Mitgefühl.
Lama Zopa Rinpoche

♦ ♦ ♦

„Mögen alle fühlenden Wesen Glück und die Ursache des Glücks besitzen,
Mögen alle fühlenden Wesen von Leiden und der Ursache des Leides getrennt sein,
Mögen alle fühlenden Wesen niemals von der Freude, die frei ist von Leiden, getrennt sein,
Mögen alle fühlenden Wesen in Gleichmut verweilen, der frei ist von Anhaftung und Ablehnung.“
Die vier Unermesslichen (auch bekannt als Brahma Viharas)


16.10.2020
Martina Pahr
Autorin, Bloggerin und PR – Expertin

cover-martina-pahr-sorge-fuer-dichBuchtipp:

Martina Pahr: „Sorg für dich selbst, sonst sorgt sich keiner! Wie du dir selbst höchste Priorität im Leben einräumst.“
mvg Verlag
Softcover, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7474-0069-2

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