Mensch-Sein

Großzügigkeitsexperiment

DankeDas Großzügigkeitsexperiment

Ich habe einige Zeit auf einer Seite der Mariahilferstraße – Wien’s größter Einkaufsstraße gewohnt und auf der anderen gearbeitet. Täglich bin ich zweimal oder öfter über die Mariahilferstraße gegangen. Es war eine Art Spießrutenlauf zwischen Bettlern, Straßenmusikern und Spendensammlern – in meinem Kopf tausend gute Gründe, kein Geld auf der Straße herzugeben. Während ich immer schon ein Geld für Straßenmusiker parat hatte, war meine Antwort bei Bettlern und Spendensammlern prinzipiell ein Nein.

1000 Gründe NEIN zu sagen

Vielleicht weil es „nicht vernünftig ist, einem Drogensüchtigen Geld zu geben.“, oder weil „es bessere Wege gibt, Obdachlosen zu helfen“. Und bei den Spendensammlern wiederum gingen meine Gedanken mehr in die Richtung, dass ich „eh schon so viele Organisationen unterstütze“, ich „jetzt nicht genügend Geld habe, um noch einen Monatsvertrag zu unterschreiben“ oder ich empört war, wie viel Geld die Organisationen für ihre Bürokratie und für’s Spendensammeln ausgeben.

Und das sind bei weitem nicht alle „guten und plausiblen Gründe“ Nein zu sagen. Und so sagen wir Nein – Tag ein, Tag aus. Aber tut uns das gut? Was macht es mit uns, wenn wir immer Nein sagen, oder denken, um dann im rechten Moment sehr beschäftigt woanders hinzuschauen…

Ich will JA sagen

Ich jedenfalls habe in mich hinein gefühlt und gesehen, dass mich jedes Nein innerlich enger macht und ich der Welt dadurch distanzierter und misstrauischer gegenüber stehe. Ich verschließe mich so vor der Welt – und das möchte ich nicht.

Also habe ich beschlossen, Ja zu sagen und mich in Großzügigkeit zu üben.

Vor drei Jahren habe ich zu diesem Thema ein interessantes TED Video gesehen, das mich in meiner Entscheidung nochmals bestärkt hat. In The Generosity Experiment erzählt Sasha Dichter, dass er, nachdem er eine Divergenz seines Arbeitsethos (soziales Investment) und seiner privaten Handelsweise (Nein zu allen Bitten um Geld) sah, versucht hat 30 Tage zu allen Geldanfragen Ja zu sagen.

Ich habe mein eigenes Großzügigkeitsexperiment nun seit drei Jahren laufen und bin nicht wesentlich ärmer geworden. Für mich ist’s eigentlich kein Experiment mehr. Geld an Bedürftige zu geben ist mittlerweile ein wesentlicher Bestandteil meines Alltags.

Bettlern auf der Straße (ob alkoholisiert auf der Straße sitzend oder mit einem Magazin in der Hand) gebe ich immer etwas. Es muss nicht viel sein – 1 Euro oder 50 Cent reichen aus. (Ich habe passende Münzen dafür immer parat.) Es ist jedes Mal ein gutes, öffnendes Gefühl, wenn ich etwas geben kann. Und mein Gegenüber fühlt sich auch gut.

Spendensammler für Non-Profits versuche ich auch mit einem prinzipiellen Ja zu begegnen. Wenn es darum geht, etwas zu unterschreiben oder unmittelbar etwas zu geben, dann bin ich auch sofort dabei. Neue, regelmäßige Zahlungen starte ich hingegen nicht gerne auf der Straße, da ich immer Ende des Jahres an ausgewählten Non-Profits spende. Wobei jetzt, wo ich das schreibe, frage ich mich, ob diese Sonderregelung meinem kritischen Geist nicht zu viel Spielraum lässt, um mit seiner knausrigen Denkweise früher oder später wieder Einzug zu nehmen. Vielleicht sollte ich mal eine Phase 2 des Großzügigkeitsexperiments starten, in der ich für einen gewissen Zeitraum auch zu allen neuen regelmäßigen Spendenzahlungen Ja sage – mal sehen.

Für mich ist es jedenfalls gut, diese Entscheidung prinzipiell getroffen zu haben. Manchmal ertappe ich mich noch immer, wie ich an einem Bettler vorübergehe. Aber, sobald ich mir dessen bewusst werde, drehe ich wieder um.

Geld ausgeben macht glücklich!

In dem TED Video How to buy happiness erklärt Michael Norton, dass Geld auszugeben glücklich machen kann – wenn man es für andere ausgibt. Geld für sich selber auszugeben hat, laut seinen Studien, keinen dauerhaften positiven Effekt auf unser Glück.

Das sollten wir mal so richtig innerlich einsinken lassen. Mir scheint, dass wir sehr viel Geld für Luxusgüter, Entertainment und andere unnötige Einkäufe ausgeben, in der Erwartung, dass wir dadurch glücklicher werden. Ganz Unrecht haben wir ja nicht, denn für einen kurzen Moment nach dem Geld-Ausgeben fühlt man sich besser – etwas mehr „man selbst“. Aber dieses Gefühl verflüchtigt sich sehr schnell. Die „Investition“ hinterlässt keine langfristige Steigerung unseres Wohlbefindens – eine Beobachtung die Michael Norton eben auch gemacht hat.

Norton & Kollegen haben weiters herausgefunden, dass es keinen Unterschied macht, wie groß und wie „sinnvoll“ unsere Spende oder Geschenk sind. Für unser inneres Wohlbefinden, ist nur wichtig, dass wir uns öffnen und mit anderen in Kontakt treten.

Bettler sind Menschen – genau wie Du und ich.

Okay, diese Überschrift klingt etwas blöd – natürlich wissen wir, dass Bettler Menschen sind. Aber wenn wir in unserer Arroganz an Menschen, die auf der Strasse um Geld bitten, vorbeigehen, dann verschließen wir unsere Augen genau vor dieser Wahrheit. Wenn ich woanders geboren worden, oder mein Leben anders verlaufen wäre, könnte ich mich jetzt in genau der selben misslichen Lage befinden – und ich würde mich über eine Spende bestimmt freuen, egal ob ich das Geld nachher für ein Bier oder ein paar Schuhe ausgebe. Deshalb ist es mir ein Anliegen nie über andere Menschen zu urteilen.

Im tibetischen Buddhismus ist „sich selber mit anderen austauschen“ – sich also vorzustellen, wie es wäre, wenn man in den Schuhen der anderen Person wäre – übrigens eine sehr wichtige Übung, um Mitgefühl zu entwickeln, und ist unerlässlich auf dem Pfad zur Erleuchtung. Und Erleuchtung wäre doch ganz nett, oder? 😉

Dies waren meine bescheidenen 886 Worte zur Weltverbesserung.

Ich wünsche Dir eine prall gefüllte – und offene! – Geldbörse.

Sean

(c) Sean Grünböck

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