Das Gelassenheits-Gebet

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Das Gelassenheits-Gebet

„Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern,  die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“.

In der derzeit krisenhaften Weltsituation, ist Gelassenheit zweifellos eine erstrebenswerte Haltung, die nicht mit Fatalismus verwechselt werden darf. Das Wort „Gelassenheit“ ist eine Erfindung des Dominikanermönchs & Mystikers Meister Eckhart (1260 – 1328), der die deutsche Sprache bereits 200 Jahre vor Martin Luther (1483 – 1546) wesentlich mitgeprägt hat. Das englische Wort heißt: „serenity“; besser noch die französische Übersetzung: „tranquilité d’esprit“ (die Ruhe des Geistes).

Die Urheberschaft des weltberühmten Gelassenheits-Gebets ist umstritten.

Vermutlich hatte der US-amerikanische Theologe und Philosoph  Karl Paul Reinhold Niebuhr (1882 – 1971)  das Gebet vor dem oder während des Zweiten Weltkriegs verfasst. In Briefen datiert Reinhold Niebuhrs Ehefrau es auf das Jahr 1941 oder 1942, Niebuhr selbst auf die Vorkriegszeit. Die Ungewissheit über die genaue Zeit der Verfassung des Gebetes ist möglicherweise durch den Verzicht Niebuhrs auf das Urheberrecht des Gebetes begründet. Vermutlich hat Niebuhr einen der zahlreichen älteren Vorläufer-texte mit ähnlichem Aufbau und Inhalt gekannt.

Das Gebet wird häufig auch dem württembergischen Theosophen Friedrich Christoph Oetinger (1702 – 1782) zugeschrieben, was jedoch auf einer Namensverwechslung beruht. Der Kieler Pädagogik-Professor Theodor Wilhelm (1906 – 2005)  veröffentlichte einige Schriften und Bücher unter dem Pseudonym Friedrich Oetinger, darunter auch eine deutsche Übersetzung des Gelassenheits-Gebets von Reinhold Niebuhr.

Niebuhrs Gebet bat ursprünglich zuerst um Mut, und zwar um Dinge zu ändern, die geändert werden müssen und nicht nur geändert werden können:

“Father, give us courage to change what must be altered, serenity to accept what cannot be helped, and the insight to know the one from the other”.

Heute findet sich das Gelassenheitsgebet häufig als Sinnspruch  auf Alltagsgegenständen und in Zitatesammlungen.

Die starke Verbreitung nach dem Zweiten Weltkrieg hängt vermutlich mit den Selbsthilfegruppen Anonyme Alkoholiker (AA) zusammen, die das Gelassenheitsgebet in ihrer Literatur verwenden und bei Zusammenkünften  gemeinsam sprechen. Die AA-Version unter-scheidet sich in einem theologisch wichtigen Detail von Niebuhrs bevorzugter Version: die AA bitten um Gelassenheit (engl. grant me the serenity”), Niebuhr um die Gnade der Gelassenheit (engl. „give us grace to accept with serenity).

Der geistesgeschichtliche Hintergrund des Gebets ist unverkennbar. Gleich im ersten Satz seines Handbüchleins der Moral unterscheidet der antike Philosoph Epiktet:

„Das eine steht in unserer Macht, das andere nicht. In unserer Macht stehen: Annehmen und Auffassen, Handeln-Wollen, Begehren und Ablehnen – alles, was wir selbst in Gang setzen und zu verantworten haben. Nicht in unserer Macht stehen: unser Körper, unser Besitz, unser gesellschaftliches Ansehen, unsere Stellung – kurz: alles, was wir selbst nicht in Gang setzen und zu verantworten haben.“

Und bei dem Geistesgiganten Friedrich Schiller (1759 – 1805) finden wir in seinem Essay „Über das Erhabene“ die Worte:

„Wohl dem Menschen, wenn er gelernt hat, zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann.“

01.12.2022
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.de


Über Roland R. Ropers

Gelassenheits Gebet Roland Ropers 2021

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.

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Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle

von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu

Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.

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