Vertrauen

Dem Leben vertrauen

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Manchmal ist es nicht leicht. Wirklich nicht! Wir planen Dinge und fallen damit gehörig auf die Nase, wir setzen uns mit aller Kraft für etwas ein und scheitern, wir sind guter Dinge und erhalten einen gewaltigen Dämpfer …
Karrieren werden in den Sand gesetzt, Beziehungen zerbrechen, wertvolle Projekte zerfallen vor unseren Augen zu Staub.
Wer hat noch nicht in manchen Momenten den Glauben an das Gute in der Welt oder an die grundsätzlich positive Richtung des eigenen Lebens verloren? Wer hat noch nie gedacht, dass nun alles aus sei oder dass es keinen Ausweg mehr aus einer bestimmten Situation gäbe? Wer hat noch nicht an einem dunklen Ort gesessen und sich gefragt, ob es wohl jemals wieder hell werden wird?

Diese Momente gehören offenbar unweigerlich zur menschlichen Erfahrung dazu. Ein Leben, in dem alles glatt läuft und das ausschließlich aus Friede, Freude und dem obligatorischen Eierkuchen besteht, gibt es wahrscheinlich nicht. (Zumindest ist mir persönlich niemand bekannt, der in seinem Leben keinen ernsthaften Schwierigkeiten begegnet wäre.) Unsere Wege verlaufen selten einfach geradeaus, sondern gehen auch mal in die Irre.
Manchmal werden wir zu einer Pause oder einem Umweg gezwungen, manchmal müssen wir umkehren und eine bereits gelaufene Strecke wieder zurückgehen – und manchmal mag ein neuer Anfang uns Sorge bereiten oder scheinbar unsere Kräfte übersteigen. Aber wenn wir zurückblicken und uns daran erinnern, wie oft in unserem Leben wir schon ins Unbekannte aufgebrochen sind, neu begonnen oder aus dem Nichts etwas aufgebaut haben, dann wird uns klar werden, dass das Leben uns nichts zumutet, was wir nicht auch bewältigen könnten. Es mag anstrengend sein, aber in dieser Anstrengung können wir auch bislang unbekannte Kräfte in uns und vielleicht auch ganz neue Seiten an uns entdecken.

Vielleicht haben wir ja auch schon erfahren, dass sich eine angsteinflößende Veränderung im Leben, wie zum Beispiel der Verlust eines sicher geglaubten Jobs oder das Ende einer langjährigen, aber ungesunden Beziehung, letztlich als das Beste entpuppte, das hätte passieren können. Wenn wir in der Rückschau unsere damalige Panik mit unserem jetzigen Gefühl vergleichen und erkennen, dass alles genau so geschehen ist, wie es richtig war, dann können wir immer mehr Vertrauen ins Leben fassen und etwas entspannter sein, wenn wieder etwas Neues auf uns zukommt.
Scheinbar gibt es in dieser Welt einen energetischen Fluss, eine Strömung von Ereignissen, eine Eigenbewegung der Geschehnisse, auf die wir nur wenig Einfluss haben. Wie der Stoiker Epiktet schon vor fast 2000 Jahren sagte: „Von den Dingen stehen die einen in unserer Gewalt, die anderen nicht.“
Wer diese beiden Dinge unterscheiden kann und in seinem Leben erfasst, dass manches, was wir gerne festhalten wollen, losgelassen werden muss, während anderes, was uns zuerst unangenehm erscheint, in der Annahme und Akzeptanz eine große Lehre und Stärkung offenbart, kann Vertrauen in den Fluss der Ereignisse entwickeln. Wir können uns diesem Fluss hingeben, uns treiben lassen und dabei spüren, wie in uns etwas ganz leicht wird und wie wir getragen werden. Manchmal reißt uns die Strömung dieses Flusses zu Orten mit, die wir uns nicht einmal vorzustellen vermochten, manchmal spült sie uns in einen Seitenarm, in dem wir eine Weile herumdümpeln und uns über uns selbst klar werden können, bis die Reise dann weitergeht. Manchmal scheint uns alles zu schnell zu fließen, manchmal meinen wir, dass es langweiliger nicht werden kann … Worauf wir jedoch definitiv vertrauen können, ist, dass dieser Fluss letztlich ins Meer führen wird und dass wir unterwegs alle Möglichkeiten haben werden, zu lernen, was immer zu lernen für uns wichtig ist.
Mit jedem Tag, mit jedem neuen Einlassen auf das Leben, die Welt und die Wesen, die sie bevölkern, wird uns klar: Menschsein ist keine Übung in Perfektion, sondern eine lebenslange Lektion darin, das Unvollkommene – das, was wohl einen Großteil unserer Menschlichkeit definiert – mit ganzem Herzen zu lieben.
Auf eine Weise, die wir nicht gänzlich verstehen können, werden wir gehalten – und aus dieser bedingungslosen Umarmung der Welt können wir nicht herausfallen! Wir sind hier an unserem ganz eigenen Platz aufgehoben und so oder so führt unser Weg weiter.
Dann geht uns zum Beispiel auf, dass die Bergpredigt – die von den Chefzynikern unserer Gesellschaft stets als naiv betrachtet wird – nichts weiter ist, als Jesu Versuch, Einsteins berühmte Frage, ob das Universum ein freundlicher Ort sei oder nicht, mit einem klaren Ja zu beantworten. Selbst wenn wir dem christlichen Glauben nicht viel abgewinnen können, so können wir uns doch immerhin dieses Ja vor Augen halten, uns daran erinnern und zumindest versuchen, es von Zeit zu Zeit mitzusprechen. Wir können unser eigenes Ja immer wieder in unserem Leben aufscheinen lassen und langsam in dieses Vertrauen hineinwachsen.
Wir können es zulassen, von der Welt verändert zu werden: von Kindern, deren Fragen klüger sind als unsere Antworten; von dem Fluss, der uns an unbekannte Orte führt; von heiligen Narren, die mehr am Leben als an irgendeiner Lehre interessiert sind; von den großen Gestalten der Spiritualität, deren Worte zwar überliefert sind, doch deren Sinn wir uns selbst erschließen müssen; von den Vögeln und den Lilien und dem ganzen Wunder der Natur, deren Gegenwart uns stets zum Wesentlichen führt; von unseren eigenen Erfahrungen (den vermeintlich guten wie auch den vermeintlich schlechten), von jedem Moment, in dem wir mit offenen Sinnen einfach hier sind.
Wir atmen ein und atmen aus, wir setzen einen Fuß vor den anderen – und leben inmitten eines Segens …

Möge dein Herz gelassen in dem Wissen ruhen,
dass dein Weg sich stets seiner Natur entsprechend entwickelt,
verändert und wächst –
und dass die Welt dich stets umarmen wird,
ganz gleich, was du tust.

Mögen dir die vielen Stimmen der Natur davon erzählen, 
wie gern sich die Dinge ganz von selbst entfalten
und wie gern sie dabei deinen liebevollen Blick spüren.

Mögest du auf dieser Welt in Schönheit wandeln
und dich selbst als Teil dieser Schönheit erleben,
die war, ist, wird und täglich neu zur Blüte kommt.

Mögest du den Urgrund spüren,
in dir und in allem, was lebt –
und wissen, dass du dieses Ziel,
das auch dein Anfang ist,
niemals verfehlen kannst.

Mögest du Vertrauen in dich und deinen wunderbaren Weg haben.

© Dirk Grosser

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