Verlust und Tod

Die Kraft meines Vaters verlässt die Erde

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Gedanken von Susane Hühn zum Tod ihres Vaters

Gestern ging es mir ziemlich schlecht, was ja auch ganz selbstverständlich ist.
Trotzdem fühlte es sich nicht an wie reine Trauer, sondern da passierten ganz viele Dinge gleichzeitig. Ich fühlte mich, als würde ich krank werden, gleichzeitig war mir schwindlig, ich hatte einen Druck und Schmerz im Herzen und eine Identitätskrise. Alles gleichzeitig. Ich legte mich ins Bett, zum Glück hatte Mike Zeit und er hielt mich den ganzen Morgen im Arm. Er gab mir genau den männlichen Halt, den mir mein Vater jetzt nicht mehr geben kann. Ich spürte, wie sich die Kraft, die mein Vater mir durch seine reine Anwesenheit im Leben gegeben hat, ohne etwas zu tun, einfach, weil er da war, Stück für Stück aus mir heraus zog. So, wie seine Seele weitergeht, wie er sich selbst einsammelt, so zieht er auch seine Kraft aus allem heraus, was er hier auf der Erde energetisch versorgt hatte. Er hört auf, Vater zu sein, im irdischen, energetischen Sinne. Da ich seine Tochter bin, habe ich natürlich noch keinen einzigen Tag auf die Erde ohne seine Kraft verbracht. Es war ein ganz merkwürdiges Gefühl und ich spürte, ich habe gelernt, mich selbst zu halten.

Meine Seele, die Erde tragen mich, ich bin stabil.

Die emotionale Arbeit in mir hat sehr viel festen Boden unter meine Füße gebracht. Es zieht mir nicht wirklich den Boden unter den Füßen weg, aber ich weiß jetzt genau, was damit gemeint ist. Ich habe das Gefühl in meinem Leben schon oft erlebt, meistens in Bezug auf Männer, jetzt weiß ich, was dabei passiert. Es zieht mir also nicht den Boden unter den Füßen weg, sondern seine Kraft wird nach und nach ersetzt durch andere Kräfte, zum Teil meine eigenen, zum Teil Kräfte von Mutter Erde, die Kräfte des Lebens selbst. Ich weiß nicht, was mir eine Richtung vorgibt, wenn mein Vater nicht mehr anzeigt, wo Norden ist.

Er war wie der innere Kompass,

das heißt nicht, dass alles nach Norden strebte, aber man wusste immer, wo er steht. Selbst wenn man ausdrücklich nach Süden ging. Jetzt bin ich gespannt, was mein eigener Norden ist. Ich will mir damit Zeit lassen, nicht künstlich etwas suchen. Ich habe immer alles dran gesetzt, um das zu verwirklichen, was meine Seele, meine Bestimmung, meine Berufung von mir verlangten und wollten. Und gleichzeitig gab es da immer diesen Wegweiser, ich wusste immer, ob etwas, dass ich mache, meinem Vater gefällt oder nicht. Ich habe die Dinge immer dennoch getan, auch wenn ich wusste, sie gefallen ihm nicht, gleichzeitig war da aber eben immer im Hintergrund, ich weiß, sie gefallen ihm nicht. Das kostet sehr viel Kraft. Ich bin genau daran gewachsen, habe genau daran gelernt, meinem eigenen Weg zu folgen. Und jetzt fällt dieser Kompass weg und das ist gut so. Ich bin sehr gespannt, was passiert, wenn Freiheit entsteht.

Was richtet mich aus, wenn es nicht mehr die Werte meines Vaters sind?

Wer bin ich, wenn ich mich nicht mehr an meinem Vater orientiere? Ich kann wirklich sagen, ich freue mich auf die Antwort und ich erlaube, dass sie in mir reift und entsteht. Dass sie sich zeigt. Ich schreibe diese Artikel über den Tod meines Vaters, weil es meine Art ist, mit Trauer umzugehen, es ist meine Art, mich an ihn zu erinnern. Ich spüre die Dinge über das, was sie in mir bewegen und mit mir machen. Indem ich hier dokumentiere, was der Tod meines Vaters in mir bewirkt, setze ich ihm ein Denkmal. Das ist mir heute Morgen klar geworden, selbstverständlich möchte ich euch berühren und euch anzurufen: macht Frieden in euch mit euren Eltern, wie auch immer ihr das tut, auch eine radikale Trennung bedeutet Frieden zu schaffen.

Es geht nicht um Vergebung, sondern es geht um Frieden in euch.

Das ist mein Anliegen. Mein wichtigstes Anliegen aber ist, eine emotionale Bildergalerie zu schaffen, denn in ein paar Wochen habe ich vergessen, wie ich mich in den ersten Tagen fühlte. Das hier ist also meine Art, die Erinnerung an die ersten Tage nach seinem Tod zu bewahren. Wenn sie euch dienen, umso besser, das würde mich von Herzen freuen, doch ich spüre, ich muss mich ausdrücken, muss mich zeigen, nicht nur in einem Tagebuch, sondern hier. Es ist so: schaut her, das ist, was der Tod meines Vaters mit mir macht, er ist real, er ist da, es gibt ihn, er hat einen machtvollen Einfluss, ich zeige euch sein Vermächtnis, indem ich mich hier ausdrücke. Das, was er mir hinterlassen hat. Emotionale und spirituelle Kraft, mit seinem Tod umzugehen. Er hat mich selbst dafür fit gemacht.

Natürlich weine ich, natürlich ist da ein Loch.

Aber kein so großes, wie ich immer befürchtet habe, weil ich alles von ihm angenommen habe, was er mir an Guten gegeben hat. Wirklich alles. Und ihm das auch oft gesagt habe. Ich glaube, ich werde zum Herbst hin eine Art Begleiter schreiben, wie man mit den Eltern in Frieden kommt, für das Innere Kind, ich weiß es aber noch nicht. Ich habe Angst vor der Trauerfeier am Montag, sie spielen natürlich genau die Musik, die mein Vater immer so liebte und natürlich berührt sie mich genau deshalb auch unglaublich. Ich habe bis jetzt noch keine Musik gehört, Musik ist für mich ein emotionaler Türöffner, den ich mir noch nicht leisten kann. Könnte sein, dass ich mir Ohrenstöpsel mitnehmen. Die Morgenstimmung von Grieg am Sarg meines Vaters zu hören, ich glaube, das geht ein bisschen zu weit. Danke fürs Teilen.

01.02.2019
Susanne Hühn
Weitere Gedanken von Susanne Hühn zum Tod ihres Vater: 
– Der Tod meines Vater
– Abschied – Gestern Abend, am offenen Sarg

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